Wir Feuerwehrleute? Wir sind Menschen, keine Götter!

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Matthias im Einsatz.

Über den Alltag als Berufsfeuerwehrmann und Notfallsanitäter haben wir mit Matthias Greth, 32, einem zweifachen Vater und Brandmeister aus Plettenberg, gesprochen. Matthias gibt uns einen Einblick, womit er im Alltag zu kämpfen hat und was der Job für ihn bedeutet:

Wie die meisten kleinen Jungs wollte ich schon als Kind Feuerwehrmann sein. Kurzzeitig sah es so aus, als sollte aus mir ein Informatiker werden, über Umwege bin ich dann aber schließlich doch zum Job als Brandmeister gekommen: Nach dem Zivildienst im Rettungsdienst bei der Feuerwehr, der Ausbildung zum Rettungsassistenten und harter Arbeit an meiner körperlichen Fitness wurde ich schließlich Feuerwehrmann.

Der Beruf fordert einen sehr. Was man beachten muss, wenn man zur Feuerwehr will, könnt ihr hier nachlesen. Man sollte einen gefestigten Charakter mitbringen, ehrlich, loyal und pflichtbewusst sein, denn die Kameraden müssen sich zu 100% auf einen verlassen können. Es geht um Leben – das der Mitmenschen und das eigene.

Einen festen Magen sollte man auch haben – auch wenn wir es nicht an jedem Tag mit zerfledderten Leichen zu tun haben. Das Erlebte mit der Uniform abstreifen gelingt jedoch nicht immer. Brände, Unfälle, Herzinfarkte und Schlaganfälle sind für uns Alltagsroutine. Es sind die Familienschicksale, die wirklich berühren, schließlich sind wir alle Väter, Brüder oder Söhne.

Wir sind auch nur Menschen

Ich bin sehr selbstkritisch und muss das auch sein, meine Fehler können schließlich Leben kosten! Wir Feuerwehrleute sind keine Götter, wissen auch nicht alles und wir können nicht jeden retten. Manchmal sind wir genauso ratlos, wie alle anderen, dann ist es wichtig, trotzdem Zuversicht und Ruhe auszustrahlen – kompetentes Auftreten bei völliger Ahnungslosigkeit gibt es auch bei uns, Gott sei Dank aber sehr selten!

Ganz besonders schlimm sind „Kindernotrufe“ oder Einsätze mit sehr jungen Erwachsenen. Man ist noch angespannter, als beim normalen Einsatz, fährt oder rennt noch schneller, als man es eh schon tut. In meiner Zeit als Rettungsassistent gab es einen solchen Kindernotfall, an den ich noch immer denken muss: Ein Kleinkind, gerade mal drei Jahre, musste wiederbelebt werden. Trotz erfahrener Notärztin und hinzugerufenem Kinderarzt haben wir das Kind verloren. Das war hart.

Die Unterstützung, die wir als Rettungskräfte erfahren ist aber sehr gut. Bei der Einsatznachbesprechung werden alle Fälle nochmal aufgearbeitet, man spricht mit den Kameraden und manchmal ist auch der Einsatz von Seelsorgern notwendig, aber wir werden nicht allein gelassen.

Die Feuerwehr Plettenberg bei einer Übung.

Schwäne, Enten, alte Damen

Es gibt aber auch schöne oder lustige Einsätze, die im Gedächtnis bleiben. Hier in der Nähe gibt es einen See, der im Winter oft zugefroren ist. Aufgeregte Passanten riefen uns an, weil ein Schwan festgefroren war – sie hätten das Tier schon angeschrien und Stöcke in seine Richtung geworfen, es bewege sich aber nicht. Wir rückten aus, pirschten uns ran. Und das Tier? Stand einfach auf – völlig cool – und ging weg. Er hatte wohl einfach nur keinen Bock auf Menschen gehabt!

Am selben See waren einmal ein paar Küken die Staumauer heruntergepurzelt und kamen nicht mehr weg – sie riefen mitleiderregend nach ihrer Mutter. Nach der Rettung hörten wir von der anderen Seite des Sees ein verzweifeltes Quaken – Mama Ente suchte ihre Kinder und wir leiteten die große Familienzusammenführung ein. Auch solche kleinen Einsätze bleiben im Gedächtnis!

Auch der Einsatz bei einer alten Dame, der sich zum Glück als Fehlalarm herausstellte, wird mir positiv in Erinnerung bleiben. Die Frau trug einen Notfallknopf um den Hals und hatte die versammelte Mannschaft alarmiert. Mit acht Mann liefen wir in ihrem Wohnzimmer auf – und am Ende hatte sie sich nur Sorgen um ihren Blutdruck gemacht.

Mit der Zeit lernt man, zu unterscheiden, wer sich wirklich in Not wähnt, wenn er den Notruf wählt und wer nur den lästigen Gang zum Arzt vermeiden will. In diesem Fall konnten wir nicht böse sein und blieben noch ein Weilchen, um mit der kleinen, alten Lady zu quatschen.

Sinkende Hemmungen und steigende Aggression

Die Hemmungen, den Notruf zu wählen, sind ansonsten stark gesunken. Natürlich gilt immer: Lieber einmal zu oft, als einmal zu wenig. Aber manchmal müssen wir schon aufklären, was ein Notfall ist und wenn man den Leuten sagt, sie seien nicht krank genug für einen Rettungswagen, dann kommt es zu Aggressionen.

Verbale Ausfälle gab es schon immer. Das passiert oft, wenn Erwartung und Realität auseinanderklaffen. Wenn also Patienten oder Angehörige eine andere Vorstellung von unserem Tun haben und wir ihrer Meinung nach das Falsche machen, kann es passieren, dass sich auch ein Herr Professor im Ton vergreift – man kann das nicht an bestimmten sozialen Schichten festmachen.

Und während die Retter öfter gerufen werden, nehmen die Angriffe zu, selbst in einer Kleinstadt wie der unseren. Ich musste vor einiger Zeit eine Kollegin nach einem Einsatz ins Krankenhaus bringen: Sie war von einem Betrunkenen geschlagen worden. Das Erschreckendste: Der Mann war ein Bekannter von ihr! Alkohol ist vielleicht eine Erklärung, aber definitiv keine Entschuldigung.

Diese Entwicklungen tragen natürlich zu den Nachwuchssorgen der Freiwilligen Feuerwehren bei. Nicht nur hier, sondern in ganz Deutschland. Ein weiteres Problem offenbart sich im Arbeitsleben: Obwohl der Arbeitgeber die Freiwilligen für einen Einsatz freistellen muss, haben immer mehr Leute Angst, den Job zu verlieren und kommen nicht wenn’s brennt. Das darf eigentlich nicht sein, aber bei der heutigen Hire & Fire-Mentalität ist es leider Realität.

Gesetz über Feuerschutz und Hilfeleistung (FSHG) NRW, § 12 Abs. 2:

„Den ehrenamtlichen Angehörigen der Feuerwehr dürfen aus dem Dienst keine Nachteile im Arbeits- oder Dienstverhältnis erwachsen. Während der Dauer der Teilnahme an Einsätzen, Übungen und Lehrgängen sowie der Teilnahme an sonstigen Veranstaltungen auf Anforderung der Gemeinde entfällt für die ehrenamtlichen Angehörigen der Feuerwehr die Pflicht zur Arbeits- oder Dienstleistung. Die Arbeitgeber oder Dienstherren sind verpflichtet, für diesen Zeitraum Arbeitsentgelte oder Dienstbezüge einschließlich aller Nebenleistungen und Zulagen fortzuzahlen, die ohne die Ausfallzeiten üblicherweise erzielt worden wären; den privaten Arbeitgebern werden die Beträge auf Antrag durch die Gemeinde ersetzt. Die Teilnahme an Übungen, Lehrgängen und sonstigen Veranstaltungen auf Anforderung der Gemeinde ist den Arbeitgebern oder Dienstherren nach Möglichkeit rechtzeitig mitzuteilen.“

 

Noch schlimmer sind nur die Gaffer

Noch schlimmer als die Gewalt gegenüber Rettungskräften finde ich persönlich nur die Gaffer! Für größere Unfälle auf Autobahnen wurden vom Land extra Trennwände für die Mittelleitplanken angeschafft, um Gaffer vom Filmen abzuhalten! Dass so etwas notwendig ist, wirft ein trauriges Bild auf die Gesellschaft.

In dem Moment, in dem ich mich um einen Menschen kümmere, wird er mein Schutzbefohlener. Dann muss ich ihn nicht nur medizinisch bestmöglich versorgen, ich muss auch seine Persönlichkeitsrechte wahren. Ich erlaube nicht, dass irgendwer die Notsituation filmt und danach Bilder oder Videos verbreitet, sei es „nur“ an Bekannte oder im Internet.

Wenn Youtube wichtiger ist, als der Notruf

Besonders hat mich ein Fall schockiert, bei dem auf einem Bauernhof eine Scheune lichterloh brannte. Bereits zehn Minuten, bevor der erste Notruf einging, waren erste Videos dieses Brandes bei Youtube hochgeladen worden. Da hält einer das Telefon schon in der Hand und anstatt die 112 zu wählen, wird ein Video gemacht!

Beunruhigend ist, dass die Leute da gar kein Verständnis zeigen – als gäbe es ein gottgegebenes Recht auf selbstgedrehte Videos von Unfällen! Dabei ist das alles völlig unnötig. Gerade wir in Plettenberg sind medial super aufgestellt. Wir arbeiten eng mit der Lokalpresse zusammen und informieren sehr zeitnah – auch auf unserer Facebook-Seite. So wollen wir das öffentliche Interesse, das ja völlig zu Recht besteht, bedienen und gleichzeitig Spekulationen verhindern.

Der Job des Feuerwehrmannes? Meine Berufung! Trotz all der negativen Entwicklungen konzentriere ich mich auf das Positive und möchte keinen anderen Job haben! Meine Vierjährige möchte zur Zeit auch Feuerwehrfrau werden – und warum nicht? Wenn es dabei bleibt, werde ich sie dabei stolz unterstützen.

Ihr interessiert euch auch dafür, Feuerwehrmann oder –frau zu werden? Dann los: Besonders die Freiwilligen Feuerwehren brauchen Verstärkung!

 

Wir danken Matthias für das Interview und die zur Verfügung gestellten Fotos!