In eigener Sache: Warum wir Ross und Reiter nennen

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Wir verschweigen keine Fakten.

Immer wieder wird der Rundblick Unna angegriffen, weil wir uns nicht scheuen, die Nationalitäten von Straftätern zu nennen. „Das hat mit dem Verbrechen nichts zu tun!“, „Das ist völlig unerheblich für die Tat!“ oder „Ihr müsst euch an den Pressekodex halten!“ bekommen wir zu lesen.

Zuerst einmal ist ein Kodex kein Gesetz. Er ist eine Richtlinie, die Einhaltung freiwillig. Wir entscheiden uns nicht einmal dagegen, denn den Sinn und Zweck eines solchen Kodex können wir durchaus nachvollziehen.

Die besagte Stelle des Pressekodex 12.1 ist erst im März 2017 geändert worden. Hieß es zuvor die Nationalität oder Religion eines Täters solle nur genannt werden, wenn ein “begründbarer Sachbezug” zu der Straftat bestehe, ist die Richtlinie nun weiter gefasst: Liegt ein „begründetes öffentliches Interesse“ vor, werden ethnische oder religiöse Details genannt.

Richtlinie 12.1 – Berichterstattung über Straftaten (gültig seit 22.03.2017)

In der Berichterstattung über Straftaten ist darauf zu achten, dass die Erwähnung der Zugehörigkeit der Verdächtigen oder Täter zu ethnischen, religiösen oder anderen Minderheiten nicht zu einer diskriminierenden Verallgemeinerung individuellen Fehlverhaltens führt. Die Zugehörigkeit soll in der Regel nicht erwähnt werden, es sei denn, es besteht ein begründetes öffentliches Interesse. Besonders ist zu beachten, dass die Erwähnung Vorurteile gegenüber Minderheiten schüren könnte.

Wir entscheiden in jedem Fall, ob es wichtig ist, die Nationalität zu nennen, oder nicht. Und wir entscheiden nicht allein: Unsere Leser bekunden ein deutliches Interesse daran, wer die Tat begangen hat. Wird die Nationalität nicht genannt, schießen oft die Spekulationen ins Kraut. Ein Wort gibt das andere und die Diskussionen sind nicht mehr lebhaft, sondern nehmen an Aggressivität und Unsachlichkeit zu. Ab einem gewissen Punkt hat A übersehen, das B nur spekuliert hat und das Gerücht verselbständigt sich. So werden Unwahrheiten gesät, die am Ende mit dem Rundblick in Verbindung gebracht werden. Das möchten wir verhindern.

Wir nennen Ross und Reiter. Wir erfinden keine Fakten und denken uns nichts aus: Wenn wir berichten, dass ein Marokkaner jemanden mit einem Messer angegriffen hat, berichten wir genauso, dass ein Deutscher eine alte Dame überfallen oder ein Ire einen Betrug begangen oder ein Schwede eine Bank überfallen hat. Dies bedeutet für uns in den meisten Fällen Recherchearbeit und manchmal beißen wir uns die Zähne an den Informationsgebern aus – dann ist das halt so. Die Polizei des Märkischen Kreises hält sich sehr eng an den Pressekodex, die Bundespolizei wiederum ist sehr offen in ihren Meldungen.

Ein Fall aus Hamm, in dem Kinder und Jugendliche im Alter von 9 bis 16 Jahren ein Vereinsheim in Hamm in Schutt und Asche legten, ist ein gutes Beispiel. Wir hielten hier die Nationalität für unwichtig – denn auch wenn der Schaden in die Tausende ging: Kinder sind Kinder, sie bauen nun einmal Mist. Manchmal auch so richtig heftig. Aber die Spekulationen sprossen wie Unkraut und wir fragten bei der Polizei in Hamm nach: Es handelte sich in allen fünf Fällen um Deutsche. „Mit typisch deutschen Namen!“, fügte der Polizeibeamte extra hinzu.

Meist versiegen die Spekulationen daraufhin. Immer öfter jedoch ist unseren Lesern auch das nicht genug und wir werden gefragt, ob ein “Migrationshintergrund” vorliegt oder uns wird schlichtweg nicht geglaubt – hier ist für uns Schluss. Mehr als die Nationalität erfragen können und wollen wir nicht.

Die Ereignisse der berüchtigten Silvesternacht in Köln haben gezeigt, was passiert, wenn man Fakten unter den Teppich kehrt. Die Folgen waren fatal: Das Vertrauen in Politik und Sicherheitsbehörden hat enorm starken Schaden genommen. Dies bereitet nicht nur den Nährboden für rechte Parteien und Verschwörungstheoretiker, es nimmt auch zunehmend den Respekt gegenüber Polizei und Behörden – diese Entwicklung werden viele Polizisten bestätigen können. Aber mal ehrlich (wir sprechen nicht für uns!) warum Respekt haben, wenn man belogen wird? Belogen? Ja, denn das bewusste Weglassen Informationen – von Fakten – ist eine Form der Lüge. Das klingt harsch und wir könnten darüber stundenlang streiten. Aber von den meisten wird es so gesehen.

Wir beim Rundblick bleiben dabei: Wir nennen Ross und Reiter. Wir machen uns die Welt nicht, wie sie uns gefällt – wir berichten die Fakten.

Wir achten weiter darauf, dass dies nicht zur Hetze auf unserer Plattform führt, auch wenn die Differenzierung zwischen starker Meinung, Polemik und Hetze nicht immer einfach ist. Im Zweifelsfall löschen wir Kommentare oder verbergen diese – niemals leichtfertig aus einer Laune heraus, in den meisten Fällen geht dem eine Diskussion zwischen den Redakteuren voraus.

Wir bitten weiterhin um euer Verständnis, dass wir bei der Flut an Kommentaren nicht immer sofort jeden Kommentar entdecken und bitten euch, es uns zu melden, wenn ihr eine Äußerung anstößig oder hetzerisch findet.

Abschließend noch ein Wort um die politische Ausrichtung des Rundblicks, die auch schon oft Gegenstand der Diskussion – zuletzt sogar eines Gutachtens – war: Wir sind neutral. Wir akzeptieren, sofern sie nicht justiziabel ist, linke Meinung wie rechte, mittige oder auch mal echt seltsame. Uns wird beinahe täglich vorgeworfen, wie seien „rechte Hetzer“ und in der nächsten Nachricht sind wir dann wieder „die linke Gutmenschenpresse“. In den meisten Fällen nehmen wir diese Vorwürfe amüsiert zur Kenntnis, doch auch wir machen uns Gedanken über die politische Entwicklung und schauen besorgt auf die sich verschärfende Situation – in alle Richtungen.

Wir veröffentlichen nichts leichtfertig sondern sind uns unserer Verantwortung als kleines, aber beliebtes Nachrichtenmedium sehr wohl bewusst. Das „begründete öffentliche Interesse“ – EUER Interesse – nehmen wir sehr ernst.

5 KOMMENTARE

  1. Ich kann nur gratulieren!
    Es handelt sich hier um einen unfassbar guten Artikel.
    Das beste, was ich beim Rundblick Unna jemals gelesen habe…ohne andere Berichte abwerten zu wollen. Danke für diese offene und direkte Klarstellung.
    Sie hilft mir bei der weiteren Betrachtung von Meldungen enorm weiter.

  2. Folgenden Kommentar bekamen wir von Herrn Harald Henn per Mail – der Verfasser ist damit einverstanden, dass wir ihn hier veröffentlichen: Sehr geehrte Damen und Herren,

    Habe Ihre Ausführungen zum Thema journalistischer Ethik auf der Website PI-news gelesen und muss Sie loben. Ihre Begründung für das Nennen von Ross und Reiter, nämlich über die Welt zu berichten, so, wie sie ist, überzeugt in ihrer Klarheit und nüchternen Sachlichkeit. Habe vor Renteneintritt genau 30 Jahre lang als festfreier Fernsehjournalist für den Hessischen Rundfunk gearbeitet und gehörte 41 Jahre lang dem DJV an. Ihre Position in Sachen Ross und Reiter halte ich für vorbildlich. Das wollte ich Ihnen nur sagen.
    Freundliche Grüsse, Harald Henn