Unnas grüner Buchhändler kämpft mit verkaufsoffenem Sonntag gegen das Internet

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Der Grüne an sich ist gegen verkaufsoffene Sonntage in Unna. Nicht aber, wenn er gleichzeitig auch  Einzelhändler ist. Dann ist auch einem Grünen schnell die Jacke näher als die Hose.

Ergo hielt der grüne Ratsherr und Buchhändler Michael Sacher in der Ratssitzung am Donnerstag einen erstaunlich flammenden Appell FÜR hemmungslose Kauflust am Tag des Herrn – der Citywerbering will auch dieses Jahr wieder am 1. Advent öffnen, der fällt dieses Mal auf den 3. Dezember. Vorab: darf er, mit 36 zu 11 Stimmen entschieden.

Und dazu meldete sich vor der Abstimmung eben Buchhändler Sacher von den Grünen – nicht FÜR die Grünen, wie er betonte, denn er vertrete n puncto verkaufsoffene Sonntage einen anderen Standpunkt als seine Partei/Fraktion.

Also: Auch er selbst wäre EIGENTLICH vehement FÜR geschlossene Ladentüren am Sonntag; eigentlich. „Wenn dann auch das Internet geschlossen hätte!“

Etwas sparsam dreinschauend wussten die übrigen Ratsvertreter diese Einlassung spontan nicht zu deuten, Sacher klärte auf: Er sehe es nicht ein, am Sonntag auf Einnahmen zu verzichten, wenn bei der Onlinekonkurrenz zugleich an 7 Tagen die Woche rund um die Ohr fröhlich die Kasse klingele.

Ergo sei er bei der Abstimmung zu diesem Tagesordnungspunkt erst in zweiter Linie Grüner und in erster Einzelhändler. Punktum.

Während Fraktionsvorsitzende Charlotte Kunert ihrem widerspenstigen Mitgrünen milde versicherte, es stehe ihm selbstverständlich frei, auch FÜR verkaufsoffene Sonntage zu stimmen, giftete ihn CDU-Ratsherr Erich Kress von der Seite an: „Sie dürfen hier gar nicht mitstimmen, Sie sind befangen!“

Herr Sacher war nämlich aus Kress-Sicht zumindest bei diesem Tagesordnungspunkt erst in zweiter Linie Grüner, in erster  Einzelhändler und damit befangen weil persönlich nutznießend von einem Shoppingsonntag.

Die Attacke verwirrte etwas, weil die Unnaer CDU ja selbst vehement dem Shoppingsonntag huldigt und mit Sacher nur einen willkommenen weiteren Fürsprecher bekommen sollte. Die CDU führt zwar das C im Namen und zeigte sich mit ihrem Ja zur Sonntagsöffnung unartig gegenüber der eigenen Kirche (der Sonntag ist der Tag des Herrn, welcher am siebten Tag bekanntlich ruhte), doch für klingende Kassen kann man seine christlichen Grundsätze auch mal über Bord werfen.

Umso lupenreiner hielt die SPD an den ehernen Grundsätzen ihrer Gewerkschaft fest, weiß sie doch mit Bernd Dreisbusch obendrein einen aktiven Gewerkschafter in ihren Reihen. Dieser fühlte sich denn zu einer erstaunten Bemerkung mit hochgezogener Augenbraue zum grünen Buchhändler hin bemüßigt, sprach gedehnt das Folgende aus:

Aaalso…. wenn ich das Internet mit einem verkaufsoffenen Sonntag bekämpfen will…!“

Kunstpause. Dann:  „… dann hätte ich schon in den 50er Jahren den Quelle-Katalog bekämpfen müssen. Das war schließlich auch schon Versandhandel!“

Wie wahr, den wie war das denn gleich noch mal: „Erst mal sehen, was Quelle hat.“ Richtig. Und erst im zweiten Schritt nachsehen, was Herr Sacher möglicherweise in seinem Buchladen in Unna hat.

  • Landesregierung will mehr Shoppingtage

Im Rahmen des „Entfesselungspakets I“ will die schwarz-gelbe Landesregierung die Zahl der verkaufsoffenen Sonntage im Jahr 2018 von vier auf acht verdoppeln. Sie will auch die Bedingung kippen, dass  Sonntagsshoppingtage an einen publikumsträchtigen Anlass gekoppelt sein müssen, wie eine Kirmes oder (am 3. 12. in Unna) der Weihnachtsmarkt.

1 KOMMENTAR

  1. Manchmal ist es besser zu schweigen. Entweder ich bin Grüner oder Geschäftsmann. Beides zusammen kann schon mal schwierig zusammen zu bringen sein. Speziell in so einer Befangenheitssituation war es bis dato gute Sitte in der deutschen Demokratie, sich zu enthalten. Nun will aber Don Quichotte Sacher mit seinem Sancho Antiquariatus gegen das Internet bestehen, muss er auch, da seine Bundestagskandidatur ja nun weniger wie nichts geworden ist, nämlich gar nichts (er blieb ja sogar noch deutlich unter dem ohnehin schon ohnehin dürftigen Grünen-Ergebnis). Also muss er weiter „in Büchern machen“. Wie er das mit EINEM verkaufsoffenen Sonntag schaffen will, bleibt wohl sein Geheimnis. Befremdlich indes, wie sich ausgerechnet ein Grüner gegen Arbeitnehmerinteressen stellt und für ein besonders übles Beispiel des sinnentleerten Konsumterrrors, nämlich die Unsitte verkaufsoffener Sonntage eintritt. Aber die Grünen sind ja eh mittlerweile recht flexibel, wenn es um Geld und Macht geht. Schlussendlich sollte Herr Sacher vielleicht a) einsehen, dass das Internet genau wie die Atomenergie nicht mehr aus der Welt zu schaffen ist und b) sich vielleicht für seinen Laden ein Konzept für die pi mal Daumen 240 verkaufsoffenen, normalen Tage des Jahres ausdenken. Ich persönlich liebe Bücher. Meine Beschaffungsprioritäten liegen aber z.B. 1. bei Gebrauchtbüchern (sehr umweltfreundlich, also im eigentlichen Sinne „Grün“!), 2.Internet dann 3. Buchläden in denen man stundenlang stöbern kann wie z.B. „Mayersche“ und dann erst 4. kleine Buchläden am Ort. Und da dürfte ich nicht allein mit sein. Vielleicht haben sich die Zeiten gewandelt, alte Dinge sterben aus, Neues entsteht.