Stinkbombe, Buttersäure, Salz und Co. – ABC-Einsätze für das ATF-Team

0
271
Das Bild zeigt ein Mitglied des ATF-Teams bei einem Einsatz in Menden. (Foto: Freiwillige Feuerwehr Menden)

„Vor 30 Jahren noch hätte für eine Stinkbombe niemand die Feuerwehr angerufen.“

Was hat sich verändert? Warum häufen sich die sogenannten ABC-Einsätze im Umkreis in der letzten Zeit? Oder kommt es uns nur so vor? Wie arbeiten die Feuerwehren und wann kommt die Analytische Task Force (ATF) zum Einsatz? Ist das nicht alles übertrieben?

Wir sprachen darüber mit André Lüddecke von der Pressestelle der Feuerwehr Dortmund.

Was ist ein ABC-Einsatz?

ABC ist die Abkürzung für atomare, biologische und chemische Gefahr. Das umfasst ein großes Gebiet, es geht quasi um alle Stoffe, die gefährlich sind. Die Feuerwehren haben sich verstärkt darauf vorbereitet, in solchen Einsätzen tätig zu werden. Das liegt natürlich einmal an der latenten Terrorgefahr, aber auch daran, dass die Zahl der Brände mehr und mehr zurückgeht. Das Aufgabengebiet der Feuerwehr wandelt sich also.

Ein ABC-Einsatz muss nicht gleich mit Anschlägen in Verbindung gebracht werden, es kann beispielsweise auch der Einsatz bei einem verunfallten Gefahrstofftransport sein. Selbst wenn dieser nur Benzin an Bord hat, wird ein ABC-Team tätig.

Es brennt seltener

Die Zahl der Brände ist landesweit zurückgegangen, die Feuerwehren haben dadurch aber kein leichteres Leben, denn sie leisten natürlich auch technische Hilfe bei Unfällen oder Unwettern. Allein in Berlin hatte die Feuerwehr während des letzten Sturmes mehr als 3500 Einsätze.

Aufgrund der Terroranschläge der Vergangenheit ist das Bewusstsein der Bevölkerung jedoch geschärft worden. Wurde, wie auf der Sim-Jü in Werne, vor 30 Jahren eine Stinkbombe geworfen, hatte noch niemand wirklich Böses im Sinn. Es stank, man ärgerte sich – fertig.

Heutzutage ist dies jedoch anders. Die Veranstalter, gerade bei Großveranstaltungen, haben verschärfte Auflagen und sind hochsensibel, was Gefahrensituationen angeht. Da geht man schonmal auf Nummer sicher.

Wer möchte in der Haut eines Veranstalters stecken, der die vermeintliche Stinkbombe mal eben wegfeudelt und am Ende – wenn sich herausstellt, dass es etwas ganz anderes war – dadurch Menschen in Gefahr gebracht oder sogar verletzt hat? Diese Verantwortung übernimmt heute kaum noch jemand.

Die Sache mit dem Geruch…

Bei Geruch ist es schwierig einzuschätzen, worum es sich handelt.

„Oft wird bei extremem Gestank Buttersäure vermutet – für Laien ist es aber fast unmöglich, einen Stoff anhand des Geruchs zu erkennen“, so Lüddecke. „Zum Beispiel bei Erdgas: Damit der Verbraucher merkt, dass etwas nicht stimmt, wird dem Gas ein Geruchsstoff beigemischt. Ein Feuerwehrmann erkennt sofort, ob es sich um Gas handelt, der Otto-Normalverbraucher nicht immer. Gestank ist relativ – was für den einen unzumutbar riecht, Gülle zum Beispiel, ist für den anderen völlig harmlos, weil er es vom Landleben kennt.“

Für die Geschädigten ist das keineswegs lustig

Auch der Fall des ABC-Einsatzes im Unnaer Jobcenter, bei dem eine weiße Substanz verstreut worden war, die sich am Ende als Salz herausstellte, war nur im Nachhinein harmlos. Salz! Was für ein Aufstand, wurden Stimmen laut.

„Man muss sich mal in die Lage der Geschädigten, die dieser unbekannten Substanz ausgesetzt waren, versetzen. Die sterben tausend Tode, haben furchtbare Angst“, erklärt André Lüddecke.

Was soll man auch tun? Mal eben den Finger reinstippen und dran lecken? Kann man machen, ist es aber wirklich ein Gefahrstoff, hat man das Nachsehen.

ABC-Einsätze sind gewaltig. „Es gibt eine Alarm- und Ausrückungsordnung. Bei einem ABC-Alarm kommen immer um die 60 Einsatzkräfte. Wir können nicht einen Trupp rausschicken und im Ernstfall Leute nachordern – das würde viel zu viel wertvolle Zeit kosten. Wir gehen immer vom Schlimmsten aus. Wegschicken geht immer, nachordern ist schlecht“, erklärt Lüddecke. Je nach Ereignis werden die Rettungskräfte pauschal alarmiert und rücken mit einer bestimmten Personalzusammensetzung aus.

Wird so ein Einsatz mut- und böswillig verursacht, können schonmal mehrere tausend Euro an Kosten auf den Übeltäter zukommen. Die Personal- und Materialkosten sind hoch.

Was hat die ATF, was andere Feuerwehren nicht haben?

Die Analytische Task Force (ATF) ist eine Einheit des Bundes. An sieben Standorten, die auf das Bundesgebiet verteilt sind, richtete man im Jahr 2002 Analytische ATF-Teams ein, die die Bevölkerung im Falle von radioaktiven, biologischen oder chemischen Gefahren schützen können. Diese haben einen Einsatzradius von 200 Kilometern.

Die ATF-Einheiten haben einen großen Vorteil gegenüber den Feuerwehren, die natürlich auch über gute Messgeräte verfügen: Es gibt ein mobiles Labor, in dem es u.a. ein Massenspektrometer gibt. Der vermeintliche Gefahrstoff kann deutlich schneller und vor Ort analysiert werden.

Es ist allerdings nicht so, wie man es aus dem Fernsehen kennt, dass man die Substanz einfüllt und das Gerät nach ein paar Minuten preisgibt, worum es sich handelt. Ist das Ergebnis da, muss es interpretiert werden, denn es gibt kaum eine Substanz, die aus einem reinen Stoff besteht. Es sind chemische Gemische, die sich ein Spezialist – ein Chemiker – ansieht und anhand von Datenbank-Abgleichen identifiziert.

„Das kann schonmal bis zu zwei Stunden dauern. Es ist leider nicht wie beim CSI“, sagt André Lüddecke.

Alarmierung der Analytischen Task Force (ATF)

Wie beim Transport-Unfall-Informations- und Hilfeleistungssystem der chemischen Industrie (TUIS) gibt es für die ATF einen Stufen-Alarm-Plan.

In der Regel haben die Feuerwehren vor Ort Leute, die sich mit ABC-Maßnahmen auskennen. Ist man sich unsicher, folgt zunächst eine telefonische Beratung mit der ATF (Stufe 1). Stufe 2 ist die Unterstützung der Kräfte vor Ort, mit geringer Personalstärke, beispielsweise zur Analyse von Proben. In Stufe 3 wird die gesamte Einheit zur Probenentnahme geschickt.

Am Jobcenter Unna war es z.B. ein Einsatz der Stufe 3. „Wir müssen da einem ganz speziellen Prozedere folgen. Es kann sein, dass Menschen oder Ausrüstung desinfiziert oder dekontaminiert werden müssen. Proben, die genommen werden, müssen gerichtsverwertbar sein, damit sie in einem Prozess bei der Beweisführung standhalten“, erläutert Lüddecke.

Mal eben auf die leichte Schulter nehmen, gibt es nicht mehr. Und das ist auch ganz gut so.

ABC-Einsätze gab es in der letzten Zeit in Unna-Köngsborn, am Jobcenter, in den Nachbarstädten Menden und Iserlohn, in letzterem Fall war tatsächlich Buttersäure ausgebracht worden.