Am letzten Kirmesabend ein spontaner Foto-Shoot am Autoscooter

0
2348

Eigentlich will ich an diesem letzten Katharinenkirmesabend nur schnell ein paar aktuelle Fotos vom Busbahnhofgelände am Autoscooter schießen, wo am Samstag- und Sonntagabend so die Post abging mit Massenschlägereien. Aus dem geplanten Blitzbesuch wird ein spontaner Foto-Shoot – vorab, er hat mir großen Spaß gemacht.

Ich bin mit meiner Kamera noch nicht ganz an der Flatterbandabsperrung zum Kirmesgelände angekommen, als ein Junge auf mich zugerannt kommt, augenscheinlich Migationshintergrund. Er schwenkt eine rote Kappe, ruft mir irgendwas zu. Reflexartig umklammere ich meine Canon ein bisschen fester und schäme mich im nächsten Augenblick, denn dieser Junge, ich schätze ihn auf 13, 14, möchte nur eine kleine Handlangung von mir.

“Gibst du die Kappe bitte meinem Freund? Da hinten? Biitte!” Ich drehe mich um, der Freund steht zwei Schritte hinter mir. Ein schüchtern wirkender 14- bis 15 Jähriger, der die Kappe mit einem sehr höflichen “Vielen Dank!” entgegen nimmt und sich kurz verneigt.

Urplötzlich bin ich von einer Traube von Jugendlichen umringt. Sie  kommen von allen Seiten angerannt, drängeln sich um micht herum, da sie meine Kamera gesehen haben. “Machen Sie Fotos? Kommen die in die Zeitung? Können Sie uns bitte auch fotografieren? Ach, bitte-bitte! Das wäre so toll!!! Kommt das dann auch auf Facebook??”

Fotos gern, entgegne ich etwas verdattert, erkläre ihnen, dass ich vom Rundblick bin und dass sie ihre Bilder dort und auf Facebook finden können. Die Jugendlichen sind völlig aufgedreht. Sie werfen sich mit erstaunlicher Professionalität in coole Posen – Rapper-Pose, Küsschen-Pose  – und schreien jubelnd, als sie das Ergebnis sehen.

Ein drahtiger, dunkel gelockter 14 Jähriger (er sagt mir jedenfalls, dass er 14 ist) bestürmt mich besonders wild. Dabei lässt er jegliche Distanz fahren. “Foto, bitte mach Fotos von mir! Bitteeee!!!” Er macht den Gangsta-Rappa,  legt mir spontan einen wirklich lupenreinen Rap hin, dann läuft er zu einem weißen Audi, bedrängt mich noch ungestümer: “Mach Foto von mir und meinem Auto!” – “DEIN Auto…”, ich muss grinsen, während er empört den Audischlüssel schwenkt. “Klar! Glaubst du, ich lüge?!” Dann lacht er sofort wieder laut auf, ich weiß nicht, worüber, rennt eine Runde um “seinen” Audi.

Ich frage die Jugendlichen, ob sie aus Unna kommen und welche Herkunft sie haben, ob auch Flüchtlinge unter ihnen sind…  bei diesem Wort gehen einige sichtlich auf Abwehr. Der junge Gangsta-Rappa fährt mich wütend an: “Flüchtling? Ich bin kein Flüchtling! Was sagst du da! Ich bin aus dem Kosovo, wir wohnen hier in Unna”, er deutet mit dem Kopf hinten zum AOK-Gebäude. Er kriegt sich gar nicht wieder ein. Es sei doch nur eine Frage gewesen, und generell, was wäre dabei?, versuche ich ihn zu beruhigen. Er regt sich noch weiter auf. Die anderen, etwas älteren Jugendlichen zucken gelassen mit den Schultern.

Sie erzählen mir, dass einige von ihnen in Unna wohnen, andere sind aus Kamen hergekommen, um auf der Kirmes ein bisschen Spaß zu haben. “Wart ihr auch am Samstag oder am Sonntag da? Habt ihr die Schlägereien mitbekommen?”, frage ich sie. Einige sagen Nein, andere nicken, ja, sie waren dabei. Eins der Mädchen, glänzende schwarze Haaren,  sorgfältig geschminkt und zurechtgemacht wie die anderen auch, sagt ganz  sachlich: “Ich war dabei. Ich hab mitgemacht.”

Mitgemacht…? Ja, sagt sie, als sei es das Normalste von der Welt, bei einer Massenschlägerei mitzumischen, vor allem als Mädchen. Sie verdeutlicht mir, was sie meint:  Sie sei zusammen mit anderen dazwischengegangen, “als die hier plötzlich angriffen”.

Wen sie mit “die” meint? – “Die Asylbewerber”, antwortetet sie, einge andere nicken dazu. “Die kamen mit Gürteln und Stangen. Und Baseballschläger waren auch dabei.” Völlig gelassen berichten das diese Jugendlichen, als ob es das Normalste von der Welt wäre, am Kirmeswochende in Unna Massenschlägereien zwischen unterschiedlichen Landsmannschaften mitzuerleben.

Sie selbst sind türkischer und zum Teil kosovarischer Herkunft, erzählen sie mir, alle sprechen  akzentfrei Deutsch. Sie möchten dann noch mal fotografiert werden. “Wann kommt das auf Facebook? Wo genau finden wir die Fotos?” Ich sage es ihnen. Sie bedanken sich mehrmals,  wünschen mir freundlich auf Wiedersehen. Der junge Gangsta Rappa ruft mir ein “Yalla Habibi” nach – wie ich mich später schlau gemacht habe, ist das ein Song von ApoRed.

Als ich gehe, hat sich die Szenerie am Autoscooter verändert. Überall stehen jetzt größere und kleinere Gruppen junger Männer mit Migrationshintergrund, nur vereinzelt sieht man Paare und Familien gar nicht, obgleich es erst 18.30 Uhr und morgen Feiertag ist. Auf der Ausfahrt auf den Ring fällt mir dann eine junge afrikanische Frau fast der Länge nach auf die Motorhaube, sie dreht ab, tänzelt mit ausladend wedelnden Armen über die gesamte Fahrbahnbreite zum Kirmesgelände und schreit und singt dabei lauthals irgendwas in die Gegend.

Surreal.

Ich bin insgeheim ganz froh, jetzt wegzufahren.