Priester als Ungläubiger beschimpft: „Mediale Instrumentalisierung“ – Polizei: Es gab keinen Anruf

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Priester ins Gebet vertieft. (Symbolfoto: Pixabay)

Als Priester von einem muslimischen Mann an der Lidl-Kasse als „Ungläubiger“, als „Schwein“ beschimpft: Die Schilderung eines katholischen Gemeindepfarrers aus Werl schlug bundesweit mediale Wogen.

Neuerliche Brisanz bekommt der am 22. 10.  in den Pfarrnachrichten der Propstei Werl veröffentliche Vorfall durch unterschiedliche Darstellungen der Werler Propstei und der Polizei:

Während der übel beschimpfte Geistliche schilderte, er hätte noch im Laden die Polizei angerufen – um zu hören, man sei „nicht zuständig“ –  behauptet die zuständige Kreispolizeibehörde Soest, dass es überhaupt keinen derartigen Anruf gegeben hätte.

Weder über den Notruf 110 noch über eine andere in Frage kommende Nummer sei an dem fraglichen Samstag zur fraglichen Zeit ein solcher Anruf bei der Polizei eingegangen. Zudem hätte sich bis zum Montag (30. 10. 17) kein Medium außer dem Hellweg-Radio und nun unserer Redaktion bei der Polizei über diesen behaupteten Anruf rückversichert.

  1. Die Darstellung des Gemeindepfarrers (lt. Pfarrbrief der Propstei Werl, 22. 10. 2017)

 Ich stelle mich Samstag am frühen Nachmittag nach erfolgtem Einkauf an die Kasse im Lidl/Werl, um zu bezahlen. Bekleidet war ich mit der üblichen priesterlichen Alltagsdienstkleidung, also als Priester erkennbar.

Der Supermarkt war recht gut gefüllt und wenn ich richtig gesehen habe, waren alle Kassen geöffnet.  Vor mir waren noch 3 Kunden und hinter mir noch ein weiterer Kunde italienischer Herkunft. Direkt vor mir war eine Dame, vermutlich türkischer Herkunft, mit einem langen beige-braunen Mantel bekleidet und einem dunkelbraunen Kopftuch.

Sie legte gerade die Ware auf das Kassenband. Plötzlich kam (offensichtlich) der Ehemann dieser Frau dazu. Als er mich sah, begann er mich in seiner Muttersprache zu beschimpfen. Dass es eine Beschimpfung war, war eindeutig!

Ich habe darauf in keiner Weise reagiert. Dann aber fasste der besagte Mann an meinen Einkaufswagen und schüttelte/schob selbigen hin und her, während er weiter schimpfte. Daraufhin fühlte ich mich aufgefordert zu reagieren und sagt dem Herrn mit normal höflichen Ton, dass er ruhig in deutscher Sprache mit mir sprechen könne, da ich die durchaus verstünde. Er schaltete direkt um und schimpfte wie folgt: „Du Ungläubiger!“, „Du Schwein!“ 

Sofort wählte ich ohne Kommentar mit dem Handy die Nummer der Polizei, die sich nicht zuständig sah. Von den Umstehenden hat  niemand etwas dazu gesagt.

2. Das sagt die Kreispolizeibehörde Soest:

Kriminalhauptkommissar Frank Meiske. (Foto: Kreispolizeibehörde Soest)

Diesen von dem Pfarrer behaupteten Anruf hätte es nicht gegeben,  unterstrich am Montag (30. 10. 17) auf unsere Nachfrage hin der Pressesprecher der Kreispolizeibörde Soest,  Kriminalhauptkommissar Frank Meiske.

Ebenso wenig hätte es bis heute eine Anzeige wegen Beleidigung gegeben.

Die Polizeibehörde sei unmittelbar, nachdem dieser explosive Pfarrbriefeintrag medial aufgegriffen wurde – darunter von der Tageszeitung Werler Anzeiger – den dort geäußerten Vorwürfen gegen die Polizei umfassend nachgegangen.

„Wir haben alle Anrufe in dem fraglichen Zeitraum nachgeprüft“, betonte Meiske. Weder über den Notruf 110 sei ein solcher Anruf verzeichnet noch bei der Leitstelle oder einer der örtlichen Polizeiwachen.

„Wir haben darüber hinaus die Anrufe bei der Feuerwehr nachgehalten“, fügt der Polizeisprecher hinzu, da es ja hätte sein können, dass der Priester in der Aufregung versehentlich die 112 gewählt hätte. Auch hie dort: nichts.

„Bei der Polizei ist weder ein Anruf eingegangen noch Anzeige erstattet worden“, fasst Frank Meiske das Statement seiner Behörde zusammen.

„Verwundert“ (konkret: äußest verärgert) zeigte sich der Polizeisprecher darüber, dass es bis auf zwei Ausnahmen kein Medium für nötig befunden hätte, die Darstellung im Pfarrbrief, die schließlich einen massiven Vorwurf gegen die Polizei beiinhalteten, bei der Polizei zu hinterzufragen.

„Die einzigen, die Nachfrage gestellt haben, sind Sie – und es war das Hellweg-Radio“, unterstrich Meiske unserer Redaktion gegenüber am Montagmorgen. Dies war uns der erste mögliche Zeitpunkt, nachdem wir den Bericht am Samstag online gestellt hatten.

Das Lokalradio hätte in Konsequenz dann ganz auf eine Berichterstattung verzichtet, sagt Frank Meiske.

Jedoch hätte der Werler Anzeiger (die einzige Werler Tageszeitung) diese hochbrisante Geschichte bis heute ohne Nachfrage bei der Polizei „laufen lassen“, selbst als massive Kritik gegen die Polizei in Form von Leserbriefen kam. Und überörtliche Medien hätten ebenfalls auf Rücksprache mit der Polizei verzichtet.

3. Das sagt die Propstei Werl:

Dompropst Michael Feldmann. (Foto: Propstei Werl)

Dompropst Michael Feldmann erreichte unsere schriftliche Anfrage vom Freitag, 28. 10., erst am heutigen Donnerstag, schrieb er uns uns stellt in seiner Antwortmail Folgendes fest:

  • „Der betroffene Geistliche hatte seinerzeit Tel. 91000 gewählt, das ist die Werler Nummer der Polizei.

 

  • Im nächsten Pfarrbrief, am 5.11. 2017, wird stehen:

Kommentare zum Supermarkt-Erlebnis:  Zunächst einmal danken wir für die vielen Solidaritätsbekundungen von unterschiedlichster Seite, auch von unserem Bürgermeister als oberstem Repräsentanten der Wallfahrtsstadt Werl. Dabei fällt uns erfreulicherweise auf, dass unser Pfarrbrief nicht nur von Gemeindemitgliedern gelesen wird.

Aber ebenso erstaunlich ist, zu welchen medialen und juristischen Zwecken unser Pfarrbrief auch überregional instrumentalisiert wurde. Davon distanzieren wir uns ausdrücklich!

Wir bedauern, dass dadurch die örtliche Polizei juristisch belangt werden soll. Das ist unsererseits zu keinem Zeitpunkt beabsichtigt gewesen. 

Gestern hat der stellvertretende Vorsitzende der Türkisch Islamischen Gemeinde zu Werl e.V. sein Bedauern und seine Solidarität bekundet. Leider war da der neue Pfarrbrief schon im Druck.

Für uns ist damit diese Angelegenheit erledigt.“

 

4. Das sagt das Erzbistum Paderborn:

Das Erzbischöfliche Generalvikariat baten wir am vergangenen Wochenende ebenfalls per Mail um eine Stellungnahme zu diesen heftigen verbalen Attacken gegen einen Gemeindepfarrer.  Heute (2. 11.) schrieb uns Pressesprecherin Dr. Claudia Nieser:

„Aus der Propsteigemeinde Werl haben wir erfahren, dass die Angelegenheit dort  als erledigt betrachtet wird. Sie wird daher unsererseits nicht verfolgt.

Ähnliche Vorfälle dieser Art sind uns nicht bekannt.

Das Erzbistum Paderborn verurteilt alle Äußerungen, die das Ziel haben, Menschen aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit zu beleidigen.“

4 KOMMENTARE

    • Benno, eine weitere Stellungnahme zu dem Fall gab es von der Propstei nicht. Man betrachtet die Sache als „erledigt!“ (mit Rufzeichen). Mit diesem höchst unbefriedigenden Sachstand müssen wir es hier zunächst bewenden lassen. Was wir noch vorhaben, ist eine Anfrage bei der Soester Landrätin als Chefin der Polizei.