Michael Hoffmanns (SPD) Visionen und was daraus wurde

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Vor etwas mehr als drei Jahren, am 29. Oktober 2014, starb völlig unerwartet der jahrzehntelange Fraktionsvorsitzende der Unnaer SPD, Michael Hoffmann. Er war einer der populärsten und zupackendsten Lokalpolitiker, den Unna je gehabt hat.

Unsere Redaktion führte mit Michael Hoffmann in den Monaten vor seinem Tod noch zwei längere Interviews, in denen er seine Visionen für Unna und seine Erwartungen an die Politik formulierte. Anlässlich seines dritten Todestages am vergangenen Samstag veröffentlichen wir an diesem Samstag beide Interviews noch einmal im Wortlaut.

Interview vom 26. September 2013: „Bürgermeister? Nicht mit diesem Aussehen!“

Er ist das Gesicht, die Stimme und einer der erfahrensten Köpfe der Unnaer SPD: Michael Hoffmann, fast 20 Jahre Fraktionsvorsitzender, davor sieben Jahre Vizebürgermeister fast seit einem Vierteljahrhundert Vorsitzender des Kulturausschusses. Im Interview mit Rundblick Unna.de spricht Michael Hoffmann, 60, über Unnas Innenstadt, die Lichtkunst, die Zukunft der Lindenbrauerei sowie seine eigenen politischen Ambitionen.

Herr Hoffmann, was geht Ihnen spontan durch den Sinn, wenn Sie durch Unnas Innenstadt schlendern?

Michael Hoffmann: Dass die Innenstadt nicht nur Fußgängerzone ist. Innerhalb des Verkehrsrings leben 3500 Menschen; der Innenstadtbewohner erlebt alles mit, kann alles mitmachen, ist immer dabei. Verglichen mit anderen Städten ist die Unnaer City sehr lebendig. Zur Fußgängerzone: Wir haben derzeit einige Leerstände. Die Ursache ist aber nicht die, dass wir zu wenig Kaufkraft und Nachfrage hätten, sondern dass die Geschäftsflächen einfach zu klein und oft unmodern sind. Reden wir Bücherzentrum: Wir haben alle dort Bücher gekauft, aber räumlich waren das eigentlich nicht mehr zeitgemäße Verhältnisse. Jemand in meiner Größe musste sich in einigen Verkaufsräumen sogar bücken. Nein: Neu bauen – und architektonisch in die Altstadt integrieren. Das ist unsere Aufgabe. Bei der City-Residenz ist es uns auch gelungen.

Die Seniorenresidenz an der Massener Straße, für die vor fünf Jahren ein Viertel des Innenstadtquartiers abgerissen wurde (…) ?

Hoffmann: Für mich nach vor eine Bereicherung, jawohl. Wir haben dort jetzt neun Gebäude – früher waren es sieben, teilweise verfallen und nicht mehr bewohnt. Man vergisst schnell, was da vorher war.

Immer wieder hört man Kritik an der Parksituation. Finden Sie auch, dass in Unna Parkplätze fehlen?

Hoffmann: Unna hat unheimlich viele Parkplätze in der City. Über 4000! Sinnvoll sind vor allem die in den Parkhäusern und Tiefgaragen. Jeder überirdische Parkplatz ist für mich verschenkte Fläche, die viel besser für schöne, altstadtgerechte Wohnbebauung genutzt werden sollte. Hier könnte vor allem Wohnraum für Familien entstehen mit kleinen Plätzen und Ruhezonen. In der Innenstadt leben unterdurchschnittlich viele Kinder.

In der Innenstadt gibt es auch weniger Arztpraxen, da sich immer mehr Ärztehäuser an die Krankenhäuser andocken. Sehen Sie eine Gefahr für die Kaufkraft – auf dem Weg zum Arzt oder in der Wartezeit erledige ich gleichzeitig meine Besorgungen in der Innenstadt, fällt das jetzt zunehmend weg?

Hoffmann: Ich beobachte diesen Wegzug schon mit Sorge: Am Evangelischen Krankenhaus wird jetzt das zweite große Ärztehaus gebaut. Was gut ist und den Krankenhausstandort stärkt; gleichzeitig verliert die Innenstadt jedoch Arztpraxen. Ein kleiner Trost ist, dass das EK noch voll durch das Busnetz erschlossen ist.

Hat Unna langfristig Potenzial für zwei Krankenhäuser?

Hoffmann: Ja. Es gibt für beide Häuser Bedarf, da das EK und das KK ihre Schwerpunkte unterschiedlich setzen. Unna muss ein medizinisches Angebot für seine Bürger sowie für die Region vorhalten; schließlich sind wir Kreisstadt! Die Arbeitsteilung funktioniert auch, und die wirtschaftliche Situation ist absolut vergleichbar.

 

Für die Lindenbrauerei sind per Eil-Sondersitzung 200 000 € Soforthilfe beschlosssen worden, doch unter welchen Bedingungen kann das Kulturzentrum über den Jahreswechsel hinaus bestehen?

Hoffmann: Unna braucht das Kulturzentrum, es gehört seit 23 Jahren zu unserer lebendigen Stadt und ist auch als Teil der freien Kulturszene unverzichtbar. (…)  Das neue Konzept, das wir extern in Auftrag geben, werden wir nach eingehender Beratung in der Politik gemeinsam mit dem Trägerverein in der Ratssitzung am 16. Dezember 2013 beschließen.

Dürfen wir uns nach dem 16. Dezember fragen, ob wir bei der Summertime 2014 jeweils zwei Euro Eintritt zahlen?

Hoffmann: Man muss sich immer fragen, ob der Aufwand für eine solche Absperrung nicht die Einnahmen übersteigt. Und man muss nicht alles mit Eintritt versehen. Man grenzt auch schnell jemanden aus. Kultur in Unna soll auch Kultur für alle sein.

Beim Stadtfestsonntag 2014 mit einem Glas Rotwein – ausnahmsweise, weil es keinen Weißen mehr gab: Für Michael Hoffmann war es „das beste Stadtfest aller Zeiten“.

Schätzen Sie die Unnaer denn so ein, dass sie einen Solidarbeitrag für solche Kulturveranstaltungen zahlen würden?

Hoffmann: Diese Diskussion – ein Solidar-Button fürs Stadtfest – hatten wir ja immer mal wieder… ich kann mir durchaus vorstellen, dass die Unnaer in dieser Hinsicht solidarisch sind, fürs Kulturzentrum und auch für das Stadtfest.

Stichwort Discos und jüngere Zielgruppe: Kann Unna in dieser Hinsicht überhaupt gegen Dortmund an – und sollten wir das überhaupt versuchen?

Hoffmann: Ja! Das neue Gastro-Gutachten stellt fest, dass Jugendliche Unna an den Wochenenden verlassen. Unna ist aber Teil des Ruhrgebiets, der Metropole Ruhr. Unna hat es geschafft, sich ein eigenes Profil zu entwickeln, insbesondere bei der Kultur. Bei der Kulturhauptstadt 2010 hat uns das breites Lob und viel Anerkennung eingebracht. Nochmals: Wir müssen für Unnas Jugendliche hier in Unna attraktive Angebote machen.

Die Lichtkunst hat in der Außenwahrnehmung deutlich an Attraktivität verloren, seit das Ausmaß der Schulden offenbar wurde: 95 000 Euro wird jetzt die Stadt schultern. War das Lichtkunstwerk von Turrell, die „Camera Obscura“ für 600 000 Euro, aus Ihrer heutigen Sicht ein Fehler?

Hoffmann: Nein! Ich bin heute noch stärker denn je der Meinung, dass die Entscheidung richtig war. Wir haben gut 5000 zusätzliche Besucher im Jahr, und unser Renommee ist überregional deutlich gestiegen.

Braucht man für den Betontrichter aber nicht ein bisschen mehr Werbung? Man steht davor, kein Hinweisschild, man fragt sich, ist da ein Luftschutzbunker aus dem 2. Weltkrieg übrig geblieben…?

Hoffmann: Er sieht deswegen so aus, weil er so aussehen soll: an die historischen Gebäude an der Lindenbrauerei angepasst. Natürlich ist das auch ein bisschen Provokation. Die Besucher finden den Trichter vielleicht nicht schön. Aber sie gucken hin!

Und rufen dabei: „Ihh – was für ein hässlicher Betonklotz!“

Hoffmann (lachend): Soll Kunst nicht auch immer ein bisschen provozieren? über Kunst, Kultur und Architektur kann man sich bekanntlich immer schön streiten.

Am 25. Mai 2014 ist Kommunalwahl; Ihre Ambitionen?

Hoffmann: Ich werde wieder für den Stadtrat kandidieren, ich will Ratsmitglied bleiben, und ich möchte gern die Fraktion und den Kulturausschuss weiter führen.

Würden Sie gern Bürgermeister werden?

Hoffmann (laut lachend): Nicht mit dem Aussehen!

Die Frage ist ernst gemeint.

Hoffmann: Ernst gemeinte Antwort: Wir haben einen Amtsinhaber, der bis 2015 gewählt ist. Und ich werde mich ganz stark dafür einsetzen, dass Werner Kolter wieder kandidiert.

Und Ihr Plan B, falls Kolter ablehnt?

Hoffmann: Wozu einen Plan B, wenn Plan A funktioniert?

 


 

Sommer-Interview, Juni 2014: „Der Niedergang der Fußgängerzone dokumentiert den Niedergang einer Stadt“

Kultur, Innenstadtsanierung, Schuldebatte – direkt nach der Sommerpause wird der neue Rat von geballten Problemen wieder eingeholt. Frage an den Vorsitzenden der größten Ratsfraktion: Wo sieht die SPD zunächst ihre wichtigsten Schwerpunkte?

Michael Hoffmann: Ganz abgesehen von den angesprochenen großen Themen, die wir anpacken müssen und anpacken werden: Ich sehen unseren wichtigsten Schwerpunkt als Sozialdemokraten ganz klar darin, Langzeitarbeitslose aus der Arbeitslosigkeit zu holen. Konkrete Ideen dazu liefert seit Jahren und Jahrzehnten die Werkstatt im Kreis Unna – ich kann nicht oft genug unterstreichen, wie wichtig sie für den gesamten Kreis Unna ist, wobei sich leider nur wenige Kommunen des Kreises an der Finanzierung beteiligen.

Konkret beteiligt sich nicht einmal die Hälfte der zehn Kommunen.

Michael Hoffmann: Ja, das ist bedauerlicherweise so. Die jährlich 10 Millionen Euro Fördermittel kommen zum größten Teil aus Landes-, Bundes- und EU-Arbeitsmarkttöpfen, die mit Hilfe des Jobcenters und der Arbeitsagentur aktiviert werden. Fröndenberg, Holzwickede und Bönen schießen zusammen 150 000 Euro jährlich zu; gut, dass sie sich solidarisch erklären. Der Nordkreis hat sich leider vollständig zurückgezogen. Umso bemerkenswerter – das muss immer wieder hervorgehoben werden – sind die 500 000 Euro, die jedes Jahr von der Staddt Unna kommen, freiwillig! Man muss bedenken, dass die Werkstatt heute 1100 Ausbildungs- und Weiterbildungsplätze bietet und jährlich 3000 Menschen erreicht. Darüber hinaus arbeitet sie mit 25 Schulen zusammen. Über 2000 Schüler können sich jedes Jahr beruflich orientieren. Die berufspraktische Qualifizierung läuft in 20 Berufsfeldern statt, mit 1500 Betrieben arbeitet die Werkstatt dabei eng zusammen. Und nicht zu vergessen – die Arbeitsplätze, 190 Beschäftigte sind bei der Werkstatt aktiv

Die halbe Million jährlich von der Stadt Unna – ist das das Ende der Fahnenstange?

Michael Hoffmann: Unsere Möglichkeiten sehe ich erschöpft. Zum Glück haben wir in Arbeitsagentur und dem Kreis Unna tolle Bündnispartner, die das Thema als oberste Priorität erkannt haben. Wir geben jedes Jahr kreisweit 96 Millionen Euro für Langzeitarbeitslose aus, das kann doch nicht wahr sein. Wir dürfen nicht Arbeitslosigkeit, vor allem nicht Langzeitarbeitslosigkeit subventionieren, sondern Arbeit und sinnvolle Perspektiven gerade für junge Menschen!

Junge Menschen, alte Menschen – Stichwort Demografie: Welche Antworten will die SPD auf die Herausforderung der Überalterung geben?

Michael Hoffmann: Demografie darf aus meiner Sicht nicht darauf eingeschränkt werden, dass wir uns über immer noch mehr Seniorenwohnungen und Seniorenangebote unterhalten. Wir reden statt dessen darüber, dass alles älter, bunter und vielfältiger wird. Wir müssen Wohnraum schaffen – speziell für junge Familien mit Kindern, die uns die Zukunft unserer Stadt sichern! Unglaubliche private Werte werden vernichtet, indem Häuser, aus denen ältere Menschen ausziehen, einfach leer stehen.

Nächster Punkt – Kultur: Steckenpferd des Kulturausschussvorsitzenden.

Michael Hoffmann: Diese Region und diese Stadt müssen attraktiv bleiben, ein hoher Kultur- und Freizeitwert schafft höhere Lebensqualitäten. Wer meint, er kann an Kultur sparen, hat den Schuss nicht gehört.

Also keine Debatte über den Sinn der Subventionen für die Lindenbrauerei?

Michael Hoffmann: Unna ist ohne das Kulturzentrum Lindenbrauerei nicht vorstellbar. Über konzeptionelle Änderungen muss man sicher reden, das geschieht ja bereits. Ich wünsche mir schnellere Ergebnisse. Aber die Zuschussfrage grundsätzlich stellt sich nicht. Nein.

Zum Thema Schulen stellen sich immerhin gleich mehrere Grundsatzfragen. Hat die SPD ihre Zielsetzungen für die Grundschulen schon hinreichend geklärt?

Michael Hoffmann: Die Dorfschulen sollten möglichst erhalten bleiben – bis 2020 zunächst, so lange erstrecken sich die Prognosen des Schulentwicklungsplans. Wenn keine Kinder da sind, erledigt sich das. Für die Innenstadt wäre das Beste ein zentral gelegener Standort – am Hertingertor beispielsweise – der mit modernen Mitteln so ausgestattet werden kann, dass wir unseren Kindern in Unna zeitgemäßes Lernen ermöglichen.

Wie sieht die SPD die Zukunft der weiterführenden Schulen?

Michael Hoffmann: Die drei Gymnasien und zwei Gesamtschulen stehen solide da, darüber müssen wir uns keine Sorgen machen. Die Anne-Frank-Realschule wird nicht zu halten sein. Hier hat sich die Prognose von Schulentwicklungsplaner Dr. Ernst Rösler leider schon bewahrheitet. Die AFR kann zum kommenden Schuljahr keinen neuen fünften Jahrgang mehr bilden – die Anmeldezahlen waren zu gering für drei Klassen, das ist ja bekannt. Wenn man einmal in so einer Spirale drinsteckt, kommt man kaum wieder heraus. Schade, äußerst bedauerlich, auf jeden Fall!

Also künftig nur noch eine Realschule – die Hellweg-Realschule in Massen?

Michael Hoffmann: Nur noch ein Realschulstandort. Der muss nicht in Massen sein. Die Standortfrage sollten wir offen lassen. Es gibt in der Elternbefragung zu den weiterführenden Schulen eine Aussage, die sehr ernst zu nehmen ist: Die Unnaer fahren nicht nach Massen. Dass ein Teil der HRS-Schüler aus Holzwickede kommen, darf nicht ausschlaggebend für die Standortfrage einer Realschule Unna sein.

Was überhaupt zum Thema einpendelnde Schüler führt…

Michael Hoffmann: 40 Prozent der in Unna beschulten Kinder kommen aus umliegenden Kommunen. Wir begrüßen das natürlich als tolle Bestätigung für die Schulstadt Unna. Aber wir wollen von den anderen Kommunen Geld sehen. Das muss nach der Sommerpause offen diskutiert werden.

Kommt nach der Sommerpause auch die Fußgängerzone noch aufs Tapet?

Michael Hoffmann: Wir werden so bald wie möglich die Sanierung der Fußgängerzone einstielen. Die anfängliche Idee, nur den Mittelteil mit den lockeren und schadhaften Steinen zu sanieren, ist technisch kaum machbar, es würde ja auch wiederum nur Flickwerk bedeuten. Damit hätten wir die alte Diskussion. Wenn man eine Komplettsanierung mal alle 15 bis 20 Jahre macht, ist das aus meiner Sicht vollkommen gerechtfertigt. Der Niedergang einer Fußgängerzone dokumentiert den Niedergang einer Stadt.

 

 

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