Kamener Biker wollen Bürger schützen: Das sagt die Polizei

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Sie wollen sich um den Schutz der Bürger zusätzlich zur Polizei selbst kümmern – nicht als Bürgerwehr, die Verbrecher durch die Straßen jagt. Dies gerade nicht.

Aber: die Kamener „Diablos“ wollen als Motorradclub aufpassen, die Augen aufhalten, auffällige Stadtbereiche im Blick behalten und bei Übergriffen sofort schützend eingreifen. Sie wollen zudem jetzt ihr Clubhaus an der Bahnhofstraße 27 regelmäßig in den Abendstunden als Anlaufstelle geöffnet halten, damit jeder Bürger, der Sicherheit sucht, weiß, wo er sie findet.

Die Ankündigung des Diablos MC Kamen, die wir auf Rundblick aufgriffen, sorgte bei unseren Lesern für überbordende Zustimmung. Zu nahezu 90 Prozent äußerten sie sich positiv, lobten den Einsatz des Biker und zeigten sich äußerst dankbar für das Engagement des Clubs.

Es gab aber auch einige skeptische Stimmen: So befürchteten einzelne Kritiker, dass es von dem angebotenen Selbstschutz bis zur Bürgerwehr nicht weit sei und dass Verbrechensbekämpfung und -verfolgung ausschließlich der Polizei überlassen bleiben müsse.

Und das sagt die Kreispolizeibehörde Unna selbst zu der Bürgerschutz-Offensive des Kamener Motorradclubs:

Thomas Röwekamp, Leiter der Pressestelle der Kreispolizei Unna.

„Die Kreispolizeibehörde Unna ist für jeden Hinweis dankbar, der ihre Aufgabenwahrnehmmung unterstützt“, unterstreicht der Leiter der Polizeispressestelle,  Thomas Röwekamp.

„Grundsätzlich finden wir es sehr positiv, wenn Menschen Zivilcourage zeigen, ohne sich dabei selbst in Gefahr zu bringen.

Dabei ist uns wichtig, möglichst schnell die Hinweise auf verdächtige Wahrnehmungen zu erhalten, um dann rechtzeitig unsere Maßnahmen treffen zu können.

Personen, die Verdächtiges feststellen, sollen sich nicht scheuen, den Notruf der Polizei 110 anzurufen und uns dieses mitteilen. Sprechen Sie auch unsere Beamten vor Ort an, die auch gerade zu dieser Zeit verstärkt im Bereich der Innenstadt unterwegs sind.“

Symbolbild.

Zum Thema Notwehr:

Wer in Notwehr handelt, verstößt generell nicht gegen das Recht. Unter Notwehr versteht man konkret „die Verteidigung, die notwendig ist, um einen „gegenwärtigen rechtwidrigen Angriff von sich oder einem anderen abzuwenden“. Doch muss die „Erforderlichkeit des Mittels“ gewahrt werden.

Zwei Beispiele:

Ein Hausbesitzer in Werne erwischte im Januar vorigen Jahres zwei Einbrecher auf frischer Tat und schlug sie mit einer Mistgabel in die Flucht. Das war im Rahmen der Notwehr statthaft.

„Nicht erforderliches Mittel“ wäre bei diesem Beispiel gewesen, wenn sich das erzürnte Einbruchsopfer mit geschwungener Mistforke an die Fersen der Ganoven geheftet und sie mit der spitzen Waffe verletzt hätte. Dann, sagte uns Polizeisprecherin Howanietz damals, könne es dem Einbruchsopfer je nach Richter passieren, dass er selbst wegen Körperverletzung (oder gar Ärgerem) drangekriegt wird.

Zweites Beispiel: In Hamm wehrte in einer Oktobernacht 2016 ein Passant ein aufdringliches Trio mit Fausthieben und Unterstützung seines Rottweilers ab.  Nicht erforderliches Mittel in diesem Fall wäre es gewesen, den Rottweiler von der Leine zu lassen und hinter dem flüchtenden Trio herzuhetzen. In einem solchen Fall kann es dem Hundehalter passieren, dass ein durch Hundebisse verletzter Tatverdächtiger – auch ein in flagranti ertappter Krimineller gilt bis zu seiner Verurteilung als „Verdächtiger“ – den Besitzer des Hundes wegen Körperverletzung anzeigt. Dann hängt wiederum vieles vom Richter ab.

Zum Thema Bürgerwehr und Waffen:

Die hohen Einbruchszahlen und zunehmenden Übergriffe auf offener Straße zeitigten schon im vorigen Jahr Auswirkungen. Und die machen der Polizei Kopfschmerzen.

So warnte im Januar 2016  Kreispolizeisprecherin Vera Howanietz in einem Gespräch mit unserer Redaktion eindringlich vor Selbstjustiz. „Die Diskussion über private Bürgerwehren sehen wir mit Sorge. Das geht nicht. Strafverfolgung obliegt der Polizei. Punkt!“

Ihre Kollegen der Dortmunder Polizei sehen auch eine andere Entwicklung sehr besorgt und kritisch: Die Nachfrage nach dem sogenannten kleinen Waffenschein ist im östlichen Ruhrgebiet messbar gestiegen. Nach einer Recherche des WRD besaß bereits Mitte Januar 2016 jeder 200. Einwohner von Dortmund die Berechtigung für eine Gaspistole.

Waffen, auch Schreckschusswaffen, erhöhten aber nicht die Sicherheit, argumentiert die Dortmunder Polizei dagegen. Das Gegenteil sei der Fall: Wer eine Waffe trage, setze sich der Gefahr aus, vermehrt von Polizisten verdächtigt und kontrolliert zu werden. Ende 2015 besaßen rund 3000 Dortmunder und Lüner die Genehmigung für Schreckschusswaffen.

Gefragt wie nie sind Pfeffersprays und andere „frei verkäufliche“ Abwehrmittel. Der heimische Waffenhandel berichtet von stark gestiegener Nachfrage, und auch im Internet schnellen die Verkaufszahlen in die Höhe. Sowohl Reizgas-Sprays wie auch Schreckschuss- und Gaspistolen dürfen ohne besondere Auflagen frei verkauft werden.

Waffenhändler aus Südwestfalen, die zu ihren Erfahrungen seit Herbst befragt wurden, berichten übereinstimmend von einer allgemeinen Angst und Unsicherheit in der Bevölkerung“. Ein Sauerländer Waffenhändler, also noch nicht einmal „Brennpunkt Großstadt“, sagte Reportern in der WDR-Lokalzeit Südwestfalen:  „Das Denken bei einem Großteil der Bevölkerung ist ganz anders als in den vergangenen Monaten in den Medien dargestellt.“