Spendenflut für Obdachlose: „Dafür kommt ihr (Biker) in den Himmel!“

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Säckeweise warme Kleidung, Lebensmittel, Shampoo, Duschgel, Deo… Tüte um Tüte schleppen die kräftigen Biker die Treppe zum Altbau an der Zechenstraße hinauf, und da platzt es aus dem hageren Mittvierziger, der oben an der Haustür steht, einfach so heraus: „Dafür kommt ihr in den Himmel!!!“

Ehrenamtseinsatz am kalten Dezembersamstagmittag in Unna-Königsborn. Zusammen mit eisigem Wind und wirbelnden Schneeflocken kommen gegen 13 Uhr gut zwei Dutzend gute Geister überraschend in der Übernachtungssätte an der Zechenstraße hereingeschneit. Mit einem vollgepackten Bulli und mehreren Pkw fahren sie vor und parken Stoßstange an Stoßstange vor dem Haus Nr. 17.

Der schlichte rote Backstein-Altbau beherbergt Männer ohne Herberge. Es sind Männer unterschiedlichen Alters, von Mitte 20 bis deutlich über 60,  die alle ziemlich viel verloren haben. Ihren Job, die Familie, soziale Bindungen, nicht wenige haben auch ihre Gesundheit verloren; viele hängen, schnörkellos ausgedrückt, an der Flasche, sind alkohohlkrank.

10 der 14 Übernachtungsplätze sind an diesem Samstag bis zur Mittagszeit belegt. Ladislaus Schreiber, Hausmeister in der Caritas-Einrichtung, erzählt uns das, als wir für unseren Spontanbesuch vor der Tür stehen. Seit über 25 Jahren wacht der kleine bärtige Mann hier im Haus über die Einhaltung der Regeln. Er wohnt unterm Dach und hat so alles und jeden jederzeit im Blick und im Griff. Wer sich nicht an die Hausordnung hält, darf gehen,  unerzüglich. „Ohne klare Regeln funktioniert es nicht“, sagt er klipp und klar.

Zu allen Tages- und Nachtzeiten nimmt Ladislaus Schreiber in dem unauffälligen Wohnhaus Wohnungslose auf, sofern noch eines der einfachen Etagenbetten frei ist. Viele Übernachtungsgäste werden von der Polizei aufgelesen und hergebracht, nicht selten mitten in der Nacht.  Ja, die Polizei ist regelmäßig hier, bestätigt Ladislaus Schreiber, „aber eben nur, um Leute zu bringen.“ Was Straftaten angeht, ist das Umfeld der Unterkunft unauffällig. „Hier passiert nie was“, meint Schreiber.

Heute passiert an der Zechenstraße 17 Überraschendes: Denn unangemeldet treffen gegen 13 Uhr die Abordnungen von zwei Motorradclubs vor der Übernachtungsstätte ein und sind schwer bepackt mit Spenden. Die Steel Fighter Germany (Clubhaus in Massen) und Chaosfighter Lünen haben, wie von Rundblick berichtet, eine Spendenaktion für Obdachlose gestartet:  „Biker mit viel Herz wollen Hilfsbedürftige über den Winter bringen“ .

Die Resonanz auf den Aufruf, der ausschließlich auf Facebook und in Internetmedien verbreitet wurde, war erschlagend. Die Clubs wurden von hilfsbereiten Spendern buchstäblich überrannt.

In der Schlafstelle an der Zechenstraße wissen sie davon noch gar nichts, entsprechend groß ist erst die Überraschung und dann die Freude. Zunächst aber mal fallen wir für unsere Vorort-Reportage zur Mittagessenszeit buchstäblich mit der Tür ins Haus, werden jedoch sehr freundlich empfangen. Hausmeister Schreiber, nachdem er sich vergewissert hat, dass wir nichts Unredliches im Schilde führen, bietet uns bereitwillig an, uns im Haus umzusehen.

Er möchte nur nicht, dass drinnen fotografiert wird. „Nein, bitte keine Bilder.“ Aber umsehen könen wir uns hier gerne und gerne auch mit den Bewohnern sprechen.

Was wir sehen, ist eine dringend sanierungsbedürftige Bleibe auf einfachstem Niveau. In dem Mehrbettzimmer, in dem wir gerade stehen, blättert an einigen Stellen Farbe und Putz von der Wand. Ausgestattet ist es mit Etagenbetten, ein paar einfachen Stühlen, einem Tisch. Ein Fernseher läuft, die Heizung bullert an diesem kalten Dezembermittag auf höchster Stufe. 

Auf einer Kochplatte im Voraum wärmt sich ein Bewohner gerade sein Mittagessen auf. Die Dose mit billigem Discounter-Eintopf steht direkt auf der eingeschalteten Kochplatte mit dem Löffel drin, ab und zu wird umgerührt.

Hier im Haus darf ausschließlich samstags und sonntags gekocht werden, erklärt uns Ladislaus Schreiber die strenge Hausordnung. Denn an den anderen Tagen gibt es bei der Caritas an der Hansastraße Mittagessen und freitags auch Frühstück.

In der Übernachtungsstelle stehen den Männern 14 Plätze in Mehrbettzimmern und eine Gemeinschaftsdusche zur Verfügung. Es herrscht hier Kommen und Gehen, erzählt Ladislaus Schreiber. „Manche schlafen nur hier und ziehen am nächsten Morgen direkt weiter. Wohin – „, Schulterzucken, „wer weiß es.“ 

Andere bleiben länger.

Einige erheblich länger:  Denn die als Übernachtungsstelle firmierende Unterkunft wird für Obddachlose nicht selten gezwungenermaßen zur festen Adresse. „Einer wohnt seit 10 Jahren hier“, erzählt Ladislaus Schreiber. Er ist quasi Dauergast.

Ein anderer, vollbärtiger, kräftiger Anfangsechziger, ist hier vor über einem Jahr hier mit seinen Habseligkeiten eingezogen und würde nur zu gern wieder ausziehen. „Aber wohin? Finden Sie in Unna oder im Umkreis mal eine Wohnung.“

Er sucht jetzt seit über einem Jahr. „Es gibt nichts.“ Nichts, das klein und preiswert genug wäre, dass das Jobcenter die Kosten übernähme. Also hat er sich in der Übernachtungsstelle an der Zechenstraße einquartiert. „Das Amt zahlt.“ Besser, als in Eiseskälte im Freien zu hausen.

Wie viele andere Männer bezieht Klaus, wie wir ihn nennen, Hartz IV. Er möchte seinen Namen nicht preisgeben und auch nicht fotografiert werden. Sein Problem, eine angemessene Wohnung zum Alg II-Satz zu finden, kennen auch andere Bewohner hier. Einer, Mitte 40,  weiß schon gar nicht mehr, wie lange er schon auf Wohnungssuche ist. „Gibt nichts.“ Er zuckt die Schultern.

Ob er auch auf Arbeitsuche ist? Erst muss er sein Alkohohlproblem in den Griff kriegen,  erwidert der hagere Dunkelhaarige ausweichend. Das Thema ist ihm unangenehm.

Im Weggehen bemerkt er leicht entschuldigend-verschämt:

„Wenn du alles verloren hat, passiert das schnell, dass du im Alkohol landest.“

Klaus, der bärtige Anfangsechziger, ist auf Umwegen hier gestrandet, über die er nicht  ins Detail gehen will. „Das würde Tage dauern.“ Er hat jedenfalls viele Jahre „gedient“, war beim Militär in Frankreich. Er kam zurück, musste Hartz IV beantragen. „Ich bin beruflich kaputt geschrieben.“

Einen Steinwurf von der Zechenstraße entfernt, an der Kamener Straße,  will die Stadt Unna für rund 2,5 Mio. Euro Baukosten ein modernes Wohngebäude für Flüchtlinge errrichten, das als „städtische Immobilie“ firmiert und später auch für Obdachlose und andere Bedürftige genutzt werden soll – wenn es für Asylbewerber nicht mehr benötigt wird. Auf meine ganz direkte Frage, ob sie sich Flüchtlingen gegenüber benachteiligt fühlen, antworten Klaus und der hagere Dunkelhaarige ebenso direkt: „Ja.“

„Die kriegen Wohnung, Fernseher, Geld vom Staat“,  Klaus gerät in Rage, „was gibt es für uns? Das hier!“, er deutet um sich, „das ist nicht in Ordnung!“

Man sollte über dieses Thema nicht reden, fällt Ladislaus Schreiber dem aufgebrachten Gast ins Wort. „Es ist, wie es ist. Die Gesetze macht der Staat! Du hast großen Fehler gemacht!“, sagt er mit erhobener Stimme an Klaus gewandt, „du bist zurückgekommen!“ Da bebt Klaus auf seinem Stuhl vor Zorn.  „Ich bin Deutscher! Ich habe ja wohl das Recht, hier zu leben!“ Die Gesetze sind nun mal, wie sie sind, schneidet ihm Ladislaus Schreiber energisch das Wort ab. Das Thema, sagt er leise kopfschüttelnd zu uns, sei ein „ganz Schwieriges.“

Jetzt kommen die Biker. Plötzlich stehen sie mit Spenden beladen in der Tür und stürzen den pflichtbewussten Hausmeister kurzzeitig in Verlegenheit, denn offiziell annehmen darf er hier nichts. „Fahrt zur Caritas an der Hansastraße. Gleich am Montagmorgen.“

Die Spendendelegation überzeugt ihn,  dass sie nur den Bewohnern anbieten möchte, sich aus dem überquellenden Spendenfundus zu bedienen. Das sei okay, willigt Schreiber ein.

Aufatmen bei den Bikern. Bei der Lüsa vorhin an der Friedrich-Ebert-Straße haben sie sich eine ziemlich unfreundliche Abfuhr abgeholt und wurden auf den offiziellen Weg verwiesen.

Das wollen sie aber gerade nicht – ihre Spenden „offiziell“ an Stellen abliefern, von wo aus sie nicht wissen, was danach mit den Sachen passiert. Lieber fahren sie Kilometer um Kilometer durch den Kreis und suchen sich selbst ihre bedürftigen Abnehmer.

Draußen vor dem vollgepackten Bulli schwärmen die Biker über die unfassbar große Hilfsbereitschaft nach ihrem Spendenaufruf.

„Die Leute haben die tollsten Sachen abgegeben. Markenkleidung, vieles noch nie getragen. Sündteure Goretexjacken, an denen noch das Etikett hing. Neuwertige oder nagelneue Pullover, Hosen, Schlafsäcke.“

Dutzende Tüten mit Hygieneartikeln wurden an den letzten Wochenenden im Clubhaus an der Nordstraße in Massen abgegeben. Auch hier vielfach Markenware, dazu Lebensmittel schier endlos. Und eine Unnaerin, erzählt ein Bärtiger in Jeansjacke, hat 40 (!) Portionen Kartoffelsalat mit Würstchen zubereitet und sie den Bikern gebracht, damit sie sie an Obdachlose verteilen.

„Die Hilfsbereitschaft der Leute war einfach Wahnsinn.“ Doch nicht wenige hätten zuerst gefragt: „Ist das auch wirklich für Obdachlose? Und sorgt ihr selbst für die Verteilung?“ Und erst dann hätten sie ihre Autos ausgepackt.

Die beiden Clubs verteilen die Spenden jetzt an diesem Wochenende und den kommenden Tagen im gesamten Kreisgebiet. Sie freuen sich über Hinweise auf „Hot Spots“ : Einrichtungen oder Stadtviertel, in denen Wohnungslose bevorzugt zusammenkommen.

 

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4 KOMMENTARE

  1. „Bei der Lüsa vorhin an der Friedrich-Ebert-Straße haben sie sich eine ziemlich unfreundliche Abfuhr abgeholt und wurden auf den offiziellen Weg verwiesen.“

    Daran leidet das deutsche „Volk“: Überbordende Bürokratie.
    Es ist doch fast gar nicht mehr möglich, bedürftigen Menschen direkt zu helfen.
    Es muss der Irrweg/Umweg über die Institutionen, wir DRK, Brot für die Welt usw. eingehalten werden. Am liebsten sehen die Geldspenden, um erst einmal den geschäftsführenden Vorstand „Wasserkopf“ finanzieren zu können. Von daher ist die Aktion der Biker absolut positiv zu bewerten. Die Jungs wissen genau, wo „der Schuh drückt“! Wenn alle Spenden, so direkt an den Mann/Frau kommen würden, tja, dann wären wir in Deutschland einen ganzen Schritt weiter. Und nicht nur in Deutschland. DANKE!

  2. Ein Update vom Montagnachmittag, 11. 12. 17. Die Leserreaktionen auf unseren Bericht waren – und sind – auf unserer Facebookseite überwältigend. Wir haben außerdem gerade einen Anruf von einem der Obdachlosen von der Zechenstraße bekommen. Sie haben sich alle riesig gefreut – über die Spendenaktion, über die Berichterstattung – und möchten allen Unterstützern und Spendern nochmal ganz herzlich Danke sagen. Wir werden die Reaktionen nochmal in einem Folgebericht bündeln und dafür auch auf fb-Leserkommentare zurückgreifen. Natürlich mit vorheriger Absprache. Die Verteilaktin der Biker läuft auch am kommenden Wochenende weiter.