Dasein im Abseits – Bei Obdachlosen-Spendenaktion mischt sich Freude mit Schock

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Obdachloser vor der Übernachtungsstelle an der Zechenstraße. (Archivbild Rundblick)
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Überwältigende Resonanz auf die Obdachlosen-Spendenaktion zweier Motorradclubs aus Massen und Lünen – und nachhaltiger Schock über das erlebte Elend. Das liegt buchstäblich direkt vor der Haustür. Zum Beispiel an der Zechenstraße.
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Morgens um 8 müssen sie raus auf die Straße, erst am frühen Abend öffnet ihr Quartier im Norden Königsborns wieder für sie; denn die Obdachlosenunterkunft der Caritas in dem schlichten Backsteinaltbau an der Zechenstraße firmiert als „Übernachtungsstelle“ und ist nicht dafür vorgesehen, dass sich Übernachtungsgäste auch tagsüber hier aufhalten.

 

Also müssen die Männer jeden Morgen raus und können erst wieder am späten Nachmittag rein. Viele steuern die Tagesstätte der Caritas an der Hansastraße 6 an, direkt am Kreishauskreisel. Dort können sich die Obdachlosen tagsüber aufhalten, duschen, Kaffee trinken. Und bis frühabends warten, um wieder zum Schlafen zur Zechenstraße zurückzupilgern. Oder um weiterzuziehen, irgendwohin, auf der jetzt winterlichen kalten Straße.

Die Übernachtungsstelle an der Zechenstraße in Unna-Königsborn. Ebenso wie andere Obdachlosenquartiere ist sie trist und karg ausgestattet, auf einfachstem Niveau, und ebenso wie an anderen „Hot Spots“ bekommt man traurige Geschichten zu hören. (Archivbild RBU)
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In der spärlich und karg ausgestatteten Übernachtungsstelle gibt es warmes Wasser für Tee unter der Woche nur aus dem Hahn. Kochen – auch Wasser – dürfen die Männer dort nur am Wochenende. Dafür steht ihnen dann eine elektrische Kochplatte mit zwei Platten zur Verfügung. Die teilen sich bis zu 14 Männer, ebenso wie das einzige Klo.

 

Von dem Elend sehr erschüttert waren die Biker, die am vorigen Samstag überraschend an der Zechenstraße und in anderen Obdachlosenunterkünften im Umkreis aufkreuzten, um Berge gesammelter Spenden zu verteilen.

„Dafür kommt ihr in den Himmel!“, rief ein Wohnungsloser vor der Königsborner Übernachtungsstelle zu Tränen gerührt aus, als die Delegation der beiden Motorradclubs am Mittag überraschend vor der Tür standen. Die Biker ihrerseits waren bestürzt von dem, was sie vor Ort sahen und welche traurigen Geschichten sie zu hören bekamen.

An diesem Samstag wollen sie wieder los, die Steelfighter Germany und die Chaosfighter, die zusammen mit überbordendem Erfolg eine Spendenaktion für Obdachlose im Kreis organisierten.

Buchstäblich Berge von oft nagelneuer Kleidung, Lebensmittel und Hygienartikel stapeln sich immer noch bei den Clubs, so dass sie an diesem Samstag erneut zu den „Hot Spots“ in der Umgebung ausschwärmen wollen. Diesmal in den Nordkreis, gen Lünen.

Denn all diese tollen Spenden sollen auf direktem Wege die erreichen, für die sie gedacht sind: Menschen ohne Obdach, die oft so ziemlich alles verloren haben, was sie besaßen.

Benjamin Heinrichs, Clubmitglied und bei der Spendenverteilung am Samstag dabei, schilderte seine Eindrücke und seine Gedanken in einem Facebookpost zu unserem Bericht.

„Ich muss sagen, was wir in den Unterkünften vorgefunden haben, hat mich persönlich sehr geschockt. Und ich habe entgegen meinem Vorsatz doch sehr viel mit nach Hause genommen – Gedanken und Sorge um die Jungs in der Unterkunft.“

Zugleich habe er „noch niemals Menschen getroffen, die so bescheiden und dankbar sind“, schreibt der Biker merklich berührt. „Für uns war es eine Selbstverständlichkeit zu helfen.“
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Biker mit Spenden. (Archivbild RBU)

Melli Gretzinger, eine mitfühlende Leserin aus Königsborn, ist ähnlich aufgewühlt nach einer Zufallsbegegnung am vergangenen Sonntag.

„Ich habe vor unserer Haustür einen Mann kennen gelernt, der auch in der Obdachlosenunterkunft wohnt und sich nichts mehr als eine Wohnung wünscht…“ Sie habe ihm leider nicht mit einer Wohnung helfen können, „aber zumindest mit einem warmen Kaffee und einer Kiste Spritzgebäck…“

Die Erzählung dieses noch jungen Mannes beschäftigt die Königsbornerin unablässig. „Traurig finde ich, dass, so wie er sagt, 350 Euro im Monat bezahlt werden müssen und man sich in der Unterkunft zwischen 8 und 17 Uhr aber nicht aufhalten darf…“ Mellis Familie suchte noch bei sich aus dem Kleiderschrank einige gut erhaltene Kleidungsstücke heraus. „Diese werden wir ihm schenken. Denn frieren muss niemand bei dem Wetter!“

Archivbild RBU
Melli hat am heutigen Freitagnachmittag Plätzchen für die bedürftigen Männer gebacken, blecheweise weihnachtliches Spritgebäck. Gleich will es Carsten, einer der Biker, abholen für die Verteilaktion am Samstag.
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Dass die Biker an einigen Anlaufstellen wie der LÜSA am Samstag wieder fortgeschickt wurden und das nicht gerade freundlich, war eine weitere missliche Erfahrung. Daniela Biermann, ebenfalls eine Leserin aus Königsborn, kennt die Hilfseinrichtungen im Stadtteil aus eigener Anschauung.

„Ich bin mir sicher, die Bewohner der LÜSA hätten sich gefreut“, meint sie. „Aber vielleicht einfach in den Park ans Denkmal gehen oder in den Kontaktladen der Drogenberatung an der Rembrandtstraße – dort trifft man viele der Bewohner.“ Und der Kontaktladen organisiere jedes Jahr eine Weihnachtsfeier, mit tollem Essen und einer Tüte. „Die würden sich riesig freuen, in die Tüten mal etwas mehr als Süßes packen zu können.“ Bei dieser Feier treffe man immer auch Bewohner der Lüsa und etliche Obdachlose.“

Der Spendenaktion der Biker zollt Daniela Hochachtung, ebenso wie Hunderte unserer Leserinnen und Leser, die die beiden Berichte mit Likes versehen und in ganz Deutschland geteilt haben.

„Ich würde da kein Auge zukriegen“

Da ein Bekannter von Daniela vor langer Zeit in der Zechenstraße „,wohnen´ musste“, wie sie es kritisch formuliert, weiß sie sehr gut, wie es darin aussieht. – Beim Besuch unserer Redaktion am vorigen Samstag bat uns der Hausmeister darum, nicht zu fotografieren.

Doch die triste Umgebung lässt sich auch ohne Fotos beschreiben, weiß Daniela. Sie berichtet aus ihrer Erinnerung:

„Zwei Räume, direkt am Eingang das erste Bett, gegenüber der Kochnische. Im „großen“Raum reiht sich Bett an Bett mit ein wenig Platz in der Mitte. Wie in dem Rundblick-Bericht erwähnt ist alles in sehr desolaten Zustand und in die Jahre gekommen.

Ich fühlte mich direkt beengt und unwohl. Von Privatsphäre kann keine Rede sein. Nicht zu wissen, mit wem man nachts da schlafen muss… ich würde kein Auge zukriegen. Wahrscheinlich trägt auch das mit zum Alkoholkonsum der Bewohner bei. Ich kann es fast verstehen, dass es nüchtern kaum zu ertragen ist. Man kommt sich vor wie im Gefängnis darin. Wie verzweifelt die Männer da sind, kann ich nicht einmal erahnen.“

Bedürftige zweiter Klasse – weniger wert?
Die Flüchtlingsunterkunft an der Kamener Straße 120 soll laut Ratsbeschluss vom 31. Oktober 2018 abgerissen werden und einem Neubau mit 13 Kleinwohnungen für rund 3 Mio. Euro Baukosten weichen. (Archivbild: Rundblick Unna)
„Und dann… wird ein paar Meter weiter ein neues Flüchtlingsheim gebaut. In dem Obdachlose nur Obdach finden, wenn es nicht für Flüchtlinge gebraucht wird. Dadurch zeigt man diesen Menschen doch direkt: Ihr seid weniger wert. Ein Gefühl, mit dem sie eh schon täglich konfrontiert werden…

Benötigen diese Männer nicht auch die Unterstützung der Regierung? Sind sie Menschen zweiter Klasse?“ Fragt sich Daniela und ist damit nicht allein.

Die Wut, die einer der Obdachlosen, „Klaus“ genannt, beim Besuch unserer Redaktion äußerte, kann Daniela sehr gut nachvollziehen. „Solche, für alle sichtbaren, Ungerechtigkeiten schüren den Hass auf die „Fremden „. So entsteht von Anfang an ein Misstrauen und man bekommt gezeigt: Ich bin weniger wert.“

Auch diese Männer hätten gewiss mal gearbeitet und Steuern gezahlt. „Auch sie haben alles verloren und besitzen nicht mehr als ein paar Tüten voll.“ Und nun dürften sie sich nicht einmal etwas kochen, was und wann sie es möchten. „Sie können ja in der Caritas essen. Und wenn man das Essen dort einmal nicht mag – tja – Pech!?“

Kluft aus Wut und Misstrauen

Über die Kluft aus Wut und Misstrauen durch solche soziale Ungerechtigkeiten müsse man sich da wirklich nicht wundern. „Steht im Grundgesetz nicht: Jeder Mensch ist gleich und die Würde des Menschen unantastbar? Von Gleichheit und würdiger Unterbringung kann in dem Fall nicht die Rede sein.“

Deshalb sei die Aktion der Motorradclubs umso mehr bewundernswert und gebühre jedem, der gespendet hätte, großer Dank. „Diesmal wurden die wirklich Hilfebedürftigen bedacht, die man sonst leider zu oft vergisst.“

Bleibe zu hoffen, dass eines Tages auch neuer Wohnraum für Menschen wie „Klaus“ geschaffen werde – den Obdachlosen in der Übernachtungsstätte mit der tiefen Wut im Bauch.

„Bleibt zu hoffen, dass diese Menschen nicht weiter im Abseits ihr Dasein fristen müssen.“

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