„Härtefall“: Erstmals wieder ein Fall von Kirchenasyl

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Asylbewerber auf dem Weg in ihre Unterkunft. (Archivbild/RBU)
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Kirchliches Asyl ist besonderen Härtefällen vorbehalten. Der Dortmunder Superintendent sieht einen solchen Härtefall aktuell gegeben.
Nach mehr als 2 Jahren gewährt eine evangelische Gemeinde aus dem Kirchenkreis Dortmund erstmals wieder Kirchenasyl. Sie schützt eine Familie aus dem Irak vor ihrer Abschiebung und hält ihren Unterbringungsort entsprechend natürlich geheim.
Wie der Lokalsender 91,2 den Superintendenten Ulf Schlüter zitiert, gebe es triftige Gründe für die Entscheidung. Denn die betroffene Familie sei zum Christentum übergetreten, vor mehreren Jahren schon. Deshalb sei sie in ihrem (muslimisch geprägten) Heimatland der Verfolgung ausgesetzt.
Die Dortmunder Ausländerbehörde sei vor dem Schritt der Gemeinde darüber informiert worden, dass sich die Kirche „vorübergehend zwischen Behörde und Betroffene“ stelle. Das Ausländeramt will den Fall jetzt neu bewerten.
Zum Schutz der irakischen Familie wie auch der Helfer werden weder der Name der Familie noch die der Schutz gewährenden Kirchengemeinde genannt.
Kirchenasyl hat es auch im Kreis Unna schon gegeben. 
Im Sommer 2015 nahm die Ev. Kirchengemeinde Fröndenberg eine junge Afrikanerin bei sich auf, um sie vor Abschiebung zu schützen. Eine solche Entscheidung stelle „immer das geltende Asylrecht in Frage“, erklärte in jener Woche der ehemalige Landesstellenpfarrer Massen, Helge Hohmann, bei einem Vortrag vor der Ev. Gemeinde Menden. Auch sie gewährte im Frühsommer 2015 einem geflüchteten jungen Syrer Schutz, den sie sogar mit (Vor-)Namen sowie Foto in ihrem Gemeindebrief vorstelle und sein Schicksal öffentlich machte.
So weit wollte der Kirchenkreis Unna mit dem Kirchenasyl für die junge Afrikanerin in Fröndenberg nicht gehen. Er machte freilich deutlich: Diese junge Frau genießt kirchlichen Schutz, so lange ihr Asylverfahren in der Schwebe hängt.

 

Die Mendener Gemeinde schützte einen jungen Syrer, der über den Landweg nach Europa anreiste und zuerst in Ungarn registriert wurde. Die Abschiebung dorthin (Stichwort Dublin) wollte die Gemeinde verhindern. Denn dies sei ein EU-Staat, der Flüchtlinge ins Gefängnis stecke – einfach, weil keine Unterbringungsmöglichkeiten vorhanden und auch keine vorgesehen seien, argumentierte die Gemeinde.

Der ehemalige Landesstellenpfarrer von Massen, Helge Hohmann, stellte im Juli 2015 bei einem Vortrag in der Ev. Gemeinde Menden die Hintergründe von Kirchenasyl dar. Die Gemeinde Menden gewährte in jenen Wochen einem jungen Syrer Schutz, die Kirchengemeinde Fröndenberg gab einer jungen Afrikanerin kirchliches Asyl. (Archivfoto RBU)

„In Polen, Bulgarien, der Türkei vor allem sieht es nicht besser aus“, unterstrich der frühere Landesstellenpfarrer und bestärkte die Gemeinde in ihrem Schritt. Als landeskirchlicher Beauftragter für Zuwanderungsarbeit hat sich Helge Hohmann intensiv in die komplexe Flüchtlingsthematik vertieft. Seine Quintessenz:

„Kirchenasyl bewegt sich nicht im rechtsfreien Raum. Es ist den Kirchen in der Verfassung zugebilligt. Aber gleichzeitig stellt Kirchenasyl eine kritische Anfrage ans geltende Asylrecht.“

22 Kirchenasyle gab es im Sommer 2015 zum Beginn der Flüchtlingskrise im Bereich der Evangelischen Kirche von Westfalen. „Sie alle fußen auf der Verfassung sowie auf dem Selbstverständnis der Kirche, Hilfebedürftigen Hilfe und Schutzbedürftigen Schutz zu gewähren“, betonte der ehemalige Landesstellenpfarrer.

Er prognostizierte schon vor zweieinhalb Jahren „Ressentiments, die proportional zu den Flüchtlingsströmen unaufhaltsam auch in der Mitte der Bevölkerung wachsen“. Und er sagte an jenem Sommerabend vor der Asyl gewährenden Kirchengemeinde in der Nachbarstadt: Wer sich wie Sie für Flüchtlinge einsetzt, muss mit Gegenwind rechnen.“

Für die Kirche, machte der Pfarrer klar, sei Flüchtlingshilfe nicht verhandelbar.

„Barmherzigkeit gegenüber Fremden ist ein Wesensmerkmal christlicher Existenz: Ich war hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben.“ So steht es im Markus-Evangelium.

Konkrete Forderungen der Evangelischen Kirche Deutschland (EKD):
– Effektive Seenotrettung
– Faire Asylverfahren aller (!) EU-Staaten
– Legale Wege in die EU (Aufhebung des Visumszwangs)
– Ursachen in den Ursprungsländern beseitgen – freilich ein langer Weg, mit dem man aber einfach mal beginnen müsse, insistierte der engagierte Pfarrer. „Zum Beispiel, indem man Waffenlieferungen in Krisenregionen stoppt.“

 

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