Die Glocken schweigen. Interview zur Zukunft der Stadtkirche

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Die Ev. Stadtkirche wird noch viele Monate lang eine Baustelle bleiben. (Archivbild RBU)
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Nicht einmal der Stundenschlag ist noch zu hören, jede Erschütterung kann für die schwer sturmgeschädigte Ev. Stadtkirche gefährlich werden. Ein Interview mit Kirchenkreis-Sprecher Dietrich Schneider.

Herr Schneider, wenn die verwundete Stadtkirche eine Patientin wäre – welche Diagnose würden Sie ihr stellen?

Dietrich Schneider: Das wären dann wohl ein Schleudertrauma und ein Rippenbruch. Und beim darauf folgenden Gesundheitscheck am Turm nennt man das wohl ein mulitples geriatrisches Erkrankungsbild.

Wie erleben Sie die Reaktionen der Unnaer Bürger?

D. Schneider: Wenn man mal kurz vor der Kirche steht, kann man sehen, wie viele Menschen stehen bleiben und sich unterhalten. Es beschäftigt die Menschen. Das ist ja nicht nur eine Kirche, es ist auch ein Wahrzeichen und Aushängeschild der Stadt. Das erste Entsetzen ist wohl vorüber, nun ist es die Sorge um das Gebäude und ein gutes Stück Stadt.

Von unseren Onlinelesern hörten wir häufig die verständnislose Frage: „Aber das zahlt doch die Versicherung!“ Könnten Sie diesen Komplex bitte mal aufschlüsseln?

D. Schneider: Ja, auch so eine Kirche ist versichert, so auch gegen den Sturmschaden. Und wir hoffen, dass auch alle Kosten der Sturmfolgen getragen werden. Wer selbst mal einen Schaden abwickeln musste, weiß, dass meist noch ein Betrag beim Geschädigten bleibt. Doch wirklich Sorgen machen ja die Erkenntnisse durch die auf den Sturm folgende genauere Untersuchung des Turmes. Die dort entdeckten Schäden sind eben nicht durch den Sturm verursacht, sondern einem alten Gebäude geschuldet. Die muss die Gemeinde selbst tragen. Man kann aber auch sagen: zum Glück sind sie entdeckt worden, bevor Teile sich lösten und runterfielen.

Trotz dieser einsehbaren Fakten kommt immer wieder die – oft empörte – Behauptung: „Die Kirche schwimmt doch in Geld! Sie soll das von den Kirchensteuern bezahlen!“ Was antworten Sie?


D. Schneider:
„Die Kirche“ hilft da wenig – die Stadtkirche gehört der Ev. Kirchengemeinde Unna. Und die schwimmt nicht in Geld. Wir sind nicht zentral organisiert, sondern verteilen Kirchensteuer auf die verschiedenen Ebene, von Landeskirche bis Gemeinde. Und das nach vereinbarten Schlüsseln. Wenn sich bewahrheitet, was vermutet wird, nämlich, dass hier 1,7 Mio. Euro für die Turmsanierung benötigt werden, dann ist das in etwa der Betrag, den die Gemeinde für sechs Jahre Gemeindearbeit zur Verfügung hat, von Jugendarbeit bis Heizkosten.

Bürgermeister Kolter, der selbst in der Stadtkirche getauft, konfirmiert wurde und auch dort heiratete, warb nach seiner Besichtigung für eine „eine Anstrengung aller in der Stadt“. Gemeint waren natürlich Spenden. Kann die Kirchengemeinde – ich weiß, das ist superschwierig – können Sie zumindest ungefähr beziffern, wie viel Geld Sie aus freiwilligen Spenden benötigen werden, damit die Kirche wieder vollkommen gefahrlos nutzbar ist?

D. Schneider: Die Kirchengemeinde hat natürlich Anträge an Stiftungen, das Land und andere Förderstellen gestellt. Auch der Kirchenkreis beteiligt sich. Dann hoffen wir, dass der Betrag bei vielleicht noch 500.000 Euro liegt. Weil aber die Kosten noch so schwer zu beziffern sind, ist es der Gemeinde wichtig, ständig die Bevölkerung zu informieren – direkt am Bauzaun und auf Ihrer Homepage und in Berichten wie diesem hier.

Kann sich die Gemeinde besondere Spendenaktionen wie damals für den neuen Kirchplatz vorstellen – Steinpatenschaften oder Ähnliches?

D. Schneider: Ja, natürlich startet die Gemeinde mit Aktionen, mit Spendenaufrufen, mit Verkaufserlösen und Festen. Gehen Sie davon aus, dass Sie das mitbekommen!

Bei unserem Treffen an der Kirche für dieses Interview haben Sie einen nachdenkenswerten Satz gesagt: Man müsse sich fragen, ob eine normal große Kirchengemeinde wie die Unna nicht mit der Instandhaltung eines so großen Baudenkmals völlig überfordert sei. Können Sie das näher erläutern?


D. Schneider:
Wie kann es gelingen, dass solch ein wichtiges Gebäude erhalten bleibt, stets gut gepflegt und gewartet und das nötige Geld für den worst case auf der hohen Kante ist? Wir haben in unseren Gemeinden sehr engagierte Menschen, die sich um Geld und Gebäude kümmern. Und das ehrenamtlich. Aber solche Ereignisse wie dieses überfordern sowohl ehrenamtliche Strukturen wie auch die Finanzen einer Gemeinde. Und andererseits brauchen wir gerade die emotionale Nähe von Menschen zu ihrer Kirche. Für die Zukunft ist das eine große Herausforderung.

Kommen wir zur Zeitschiene Sie haben bereits explizit ausgeschlossen, dass der Kirchplatz bis zum Stadtfest Anfang September wieder freigegeben werden kann. Muss damit das Weindorf der Enkircher Winzer in diesem Jahr ausfallen?

D. Schneider: Wir gehen davon aus, dass der Bauzaun dann noch steht. Was das für das Weindorf heißt, müssen die Planer des Stadtfestes entscheiden. Vielleicht ist das ja auch eine Chance, dort etwas anderes und besonderes zu machen. An vielen Stellen ist jetzt Kreativität gefordert!

Ganz vorsichtig bis zum Jahresende vorgetastet: Werden an Weihnachten wieder die Glocken der Stadtkirche zur Christmette läuten?

D. Schneider: Die Glocken schweigen, um weiteren Erschütterungen zu vermeiden. Voraussetzung für das Glockengeläut ist, dass das beschädigte Gewölbe wieder heil ist. Dann könnte auch innen Gottesdienst gefeiert werden. Das hoffen wir. Auch, wenn man vermutlich den Seiteneingang benutzen muss, weil der Turm noch nicht fertig ist.

Der Worst Case – schlimmstes denkbares Szenario?

D. Schneider: Wir haben den worst case, Gott lob, nicht erlebt: denn niemand ist beim Sturz der Fiale in der Nähe gewesen und zu Schaden gekommen. Alles andere sind dann auch nur Steine, so schlimm dort der Schaden auch ist. Aber wir hoffen natürlich, dass das Gewölbe hält, bis es gänzlich gesichert ist, nichts einstürzt und weiterhin niemand verletzt wird.

Best Case?

D. Schneider: Das Gewölbe bleibt stabil bis zur Renovierung, es entstehen keine Schäden an der Orgel und am sonstigen Gebäude, es wird niemand verletzt und für den Turm finden sich viele Menschen, die die Sanierung unterstützen.

Wie wird die Passions- und Osterzeit ohne die Stadtkirche gestaltet? Muss das Konzert zur Sterbestunde am Karfreitag z. B. ausfallen?

D. Schneider: Wir sind sehr dankbar für die tolle Unterstützung über Gemeinde- oder Konfessionsgrenzen hinweg hier in der Stadt. Das Konzert „Orgel plus Sprecher“ am 4.3. findet in der Katharinenkirche statt, das „Konzert zur Sterbestunde“ am 30.3. in der Paul-Gerhardt-Kirche. Das ist ja auch eine schöne Erfahrung: wir finden uns zusammen, wenn auch nicht am vertrauten Ort. Und: Ostern findet statt, auch ohne Stadtkirche.

Zum Schluss: Welcher Bibelspruch würde aus Ihrer Sicht zu der Situation passen?

D. Schneider: Der Vers steht über dem Portal der Stadtkirche und ist aus dem ersten Petrusbrief: „Des Herrn Wort bleibt in Ewigkeit.“ Er erinnert uns daran, dass nicht wir der Grund dafür sind, dass es Kirchen gibt. Sondern es ist das Hören auf das, was Gottes sagt und das Handeln danach. Kirche ist eben mehr als ein Gebäude.

Eine Printfassung des Interviews finden Sie in unserem Monatsmagazin Rundblick Unna, Ausgabe März 2018.

Eine aktuelle Information von Freitag, 16. März: Der Förderverein Stadtkirche möchte eine Spendenaktion mittels Sammeldosen in Unnaer Geschäften starten. Der City-Werbering ruft seine Mitglieder dazu auf, die Spendenaktion „wohlwollend zu begleiten“.

 

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5 KOMMENTARE

  1. Meine erste Assoziation zur evangelische Kirche war „Kirchenasyl“:
    https://www.rundblick-unna.de/2018/02/24/haertefall-erstmals-wieder-ein-fall-von-kirchenasyl/
    Die zweite war: „Kampf gegen Rechts“
    http://archiv.rundblick-unna.de/begegnungsfest-stoesst-auf-kritik-afd-gegendemo-unterm-deckmantel-der-kirche-kirche-hat-sich-aus-politik-rauszuhalten/
    Meine Oma hätte zu diesem Sturmschaden vermutlich gesagt: „Kleine Sünden bestraft der Herrgott sofort“.
    Sorry, evangelische Kirche: Von mir gibt es keinen Cent.
    Wer gerne mehr „Kirchenasyl“ und mehr „Kampf gegen Rechts“ möchte, darf natürlich gerne spenden. Mit etwas Glück bleibt vielleicht sogar Kohle fürs Kirchendach übrig.