Kommt jetzt das Ende der Eissporthalle? Interview: „Die Eishalle ist Unnas einziges Jugendzentrum“

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Silvia und Uwe Kuchnia beim Rundblick-Interview in der Eissporthalle im Oktober 2014. (Archivbilder RBU)
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Seit vielen Jahren ist die Finanzierung der Unnaer Eissporthalle ein wiederkehrendes Thema; jetzt aber will es die Stadt buchstäblich für sich „vom Eis“ kriegen und den Pachtvertrag mit der Pächterfamilie Kuchnia (Ice & Fun GmbH) auslaufen lassen. Die Haushaltssparkommission ist dem Vorschlag zugeneigt (Bericht HIER).

Damit steht die Existenz der Eissporthalle Unna nun final in Frage.

UPDATE 26. 4. 2018 – der Ratsbeschluss ist gefallen

Während die Diskussion noch schwelt, möchten wir aus aktuellem Anlass hier noch einmal ein Interview wiedergeben, das wir Ende Oktober 2014 mit dem Pächterehepaar vor Ort in der Eishalle führten. Im Kern geht es um die Frage: Welche Funktionen erfüllt die Halle für die Jugendarbeit in Unna?

Aus Rundblick Unna Archiv – Interview vom 29. 10. 2014

Unnas Eissporthalle ist auf Schlingerkurs geraten. Über 2 Mio. Euro Sanierungskosten müssten nach den frisch vorliegenden Ergebnissen der Bausubstanz-Untersuchung mittel- und längerfristig in die Halle gesteckt werden – schwindelerregende Summen. Nun bangen Eissportvereine, Jugendliche, die Pächterfamilie und durchschnittlich 100 000 Besucher im Jahr um den Fortbestand der beliebten Freizeitstätte, die für Unnas Jugend weit größere Bedeutung hat als bloß eine Eissporthalle zu sein.

„Wir sind Unnas einziges Jugend- und Familienzentrum“, betont das Pächter-Ehepaar Silvia und Uwe Kuchnia.

Frau Kuchnia, Ihre Eissporthalle ist laut dieser frisch vorliegenden Bausubstanz-Untersuchung offenbar vom Keller bis zum Dach ein Sanierungsfall. Dach, Fenster, Lüftung, Elektro, Sanitäreinrichtungen – es gilt die Devise: Alles muss raus. Alles muss neu. Sitzen Sie hier in einem Fass ohne Boden?

Silvia Kuchnia: Das Ergebnis dieser Untersuchung hat uns wirklich umgehauen. Unsere Eishalle ein Totalsanierungsfall?! Schwachsinn! Es ist klar, dass an einem 40 Jahre alten Gebäude immer wieder Reparturen anstehen. Man wird nie fertig, muss immer dranbleiben. Das weiß jeder, der ein älteres Haus besitzt. Man ist irgendwo fertig und fängt gleich wieder irgendwo anders an. Aber mir ist völlig schleierhaft, wie diese Gutachter – wir haben übrigens nie einen Gutachter in den letzten Monaten hier in der Halle zu Gesicht bekommen – zu derartigen Summen kommen. Das besagte Gutachten ist von 2004 und völlig überholt.

Sanierungen für 223 000 Euro während der fünf Jahre, in denen Ihr Pachtvertrag noch läuft; ab 2020 dann „mittel- und längerfristig“ – das ist zugegeben schwammig ausgedrückt – weitere Sanierungen für 1,8 Millionen. Eine rhetorische Frage, ob Sie die Halle mit einer derartigen Hypothek über 2020 hinaus weiterführen könnten…?

Silvia Kuchnia: Das wäre unser Aus, ich sage es ganz deutlich. Aber wie kommt man zu solchen Summen? Dies ist eine Eissporthalle, sie ist 40 Jahre alt. Sie ist zweckmäßig, sie ist funktional, aber sie erfüllt eben ihren Zweck. Hier fällt weder Putz von den Wänden, noch ist das Dach undicht. Wir brauchen keine Villa, uns reicht ein Einfamilienhaus.

Mit „wir“ meinen Sie Ihre Familie…?

Uwe Kuchnia: … und die Jugendlichen, die hierher kommen. Für die bedeutet diese Halle weit mehr als nur Eislaufen zu können.

Eisshallenspaß des Falken-Kinderclubs Königsborn. (Archivbild RBU)

Haben Sie denn als Pächter die Halle so vernachlässigt, dass es jetzt plötzlich zu einem derartigen Sanierungsstau kommt? Hat die Stadt bzw. haben die Wirtschaftsbetriebe Unna notwendige Instandsetzungen – ich drücke es mal flapsig aus – verpennt?

Silvia und Uwe Kuchnia: Genau diese Frage gibt uns ja jetzt Rätsel auf. Seit wir die Halle im Jahr 2002 übernommen haben, sind rund 2 Mio. Euro von uns in Reparaturen geflossen. Allein für 200 000 Euro wurde das Dach gemacht. Wir selbst haben laufend eigenes Geld und unseren eigenen Arbeitseinsatz in die Halle gesteckt. Und wie schon erwähnt, das besagte Gutachten der Stadt ist aus dem Jahre 2004 und scheinbar ohne die bisherigen Investitionen mit einzuberechnen.

Silvia Kuchnia: Mein Mann hat mit Hilfe unserer beiden erwachsenen Söhne vor zwei Jahren den kompletten Toilettenbereich neu gefliest. Er legte die Fliesen, ich habe alles gesäubert. Wir haben Alu-Urinalbecken angeschafft. Alles ist zweckmäßig. Der Gummiboden – der beim Brand 2009 komplett zerstört wurde – ist komplett neu, er ist total robust und hält was aus. Klar, er wird grau. Aber glauben Sie, das interessiert die Jugendlichen? Die kommen hierher, um Spaß zu haben, sich zu treffen, um Eis zu laufen.

Uwe Kuchnia: Die Eisaufbereitungsanlage wurde 2003 ebenfalls für 120 000 Euro von uns erneuert. Alle 5 Jahre wird das Herzstück der Kälteanlage, die Verdichter, für 50.000 € generalüberholt. Regelmäßiger TÜV, Wartung etc. wird alles von uns gemacht.

Machen Sie sich die Taschen voll? Ich frage mal gezielt provokativ.

Uwe Kuchnia: Ich fahre ein amerikanisches Auto, einen Chevrolet Camaro. Dafür muss ich mich nicht rechtfertigen. Wir werden manchmal belächelt dafür, dass wir derart reinhängen, 17 Stunden an sieben Tage in der Woche. Ich zahle mir als Geschäftsführer dafür nicht mehr, als ein Fachangestellter für eine 35-Stunden Woche erhält. An Miete zahlt die Ice and Fun 40 000 Euro an die Wirtschaftsbetriebe und bekommt 25 000 Euro an Entschädigung dafür, dass sie die eisfreie Zeit nicht wirtschaftlich nutzen darf. Reich wird man von alldem nicht!

Silvia Kuchnia: Die Stadt kann und sollte doch froh sein, solche Pächter zu haben, die ihr ein Stück Sozial- und Öffentlichkeitsarbeit abnimmt.

Fühlen Sie sich von der Stadt und von der Kommunalpolitik unterstützt? Oder glauben Sie, man lässt Sie im Regen stehen?

Silvia Kuchnia: Wenn man Dinge, die einen ganz persönlich betreffen, aus den Medien erfährt, ist das nicht schön. Wir haben zwei offene Gespräche mit Bürgermeister Werner Kolter geführt; er versprach, das zu ändern. Die Parteien unterstützen uns, glaube ich, alle. Michael Hoffmann hat für die SPD ja erst gestern versichert, dass er diese horrenden Sanierungskosten nachprüfen lassen wird. 2007 hat das ja auch schon mal so funktioniert. Außer der FDP waren alle Parteien, die im Rat vertreten sind, hier. Wir haben allen die Halle gezeigt. Alle kamen zum gleichen Schluss: Die Halle ist gepflegt. Klar, 40 Jahre alt! Vergleichbar mit einem Haus von 1920.

Uwe Kuchnia: Ins Hallenbad am Bergenkamp ist auch ordentlich Geld geflossen. Darüber spricht niemand. Für 10 Mio. hat sich Unna Kunstrasenplätze geleistet.Jugendliche sonst noch hin?“

Silvia Kuchnia: Man kann als Stadt nicht eine einzelne Sportart wie den Fußball derart bevorzugen. Ich finde das nicht in Ordnung. Das Millionen teuere Sportstadion, das gerade im Unnaer Süden gebaut wird, steht den Jugendlichen später ja auch nicht öffentlich zur Verfügung. Es gibt für die Jugendlichen praktisch keine Möglichkeit mehr, sich zu treffen. In Königsborn gibt es das evangelische Jugendheim – aber dort treffen sich doch keine Jugendlichen aus Massen oder aus Unna-Mitte. Hier bei uns in der Eishalle trifft sich alles. Sämtliche Nationalitäten, und es funktioniert. Muslimische Jugendliche haben die Möglichkeit, in einem Raum zu beten. Wir hatten noch nie Prügeleien. Es gibt strikt keinen Alkohol für Minderjährige – auch Bier grundsätzlich erst ab 18. Und wer mal nicht zahlen kann – was vorkommt – bringt sich eben anderweitig ein und fegt die Halle. Die Jugendlichen akzeptieren unsere Regeln. Wir leisten eine ganz wichtige integrative Arbeit.

Uwe Kuchnia: Wenn hier auch noch geschlossen ist, gibt es für Jugendliche gar nichts mehr. Was hat die Stadt Unna Ihren Bürgern und insbesondere ihren jugendlichen Bürgern noch zu bieten?

Bei all diesem Stress und all der vielen Arbeit: Wieso haben Sie nicht schon hingeschmissen?

Uwe Kuchnia: Weil unsere Existenz an der Halle hängt und wir ein Stück weit Idealisten sind.

Silvia Kuchnia: Für die Jugendlichen machen wir das. Die Jugendlichen danken es uns. Wir bekommen jeden Tag so viel zurück. Mit keinem Geld der Welt kann man das bezahlen.

Uwe Kuchnia: Silvia ist die Seelsorgerin für die Kiddis. Die Eishallen-Mama.


Eckpunkte zur  Eissporthalle (aus dem Grundsatzpapier zum „Eisgipfel“ vom 24. 6. 2015)

Zeitvorgaben: Der Pachtvertrag mit Kuchnias „Ice & Fun“-GmbH läuft noch bis zum 31. 1. 2020. Abgeschrieben ist die Halle am 31. 12. 2018.

Vertraglich fixierte Zuschüsse der Stadt Unna von 2015 bis 31. 1. 2020: 1,3 Millionen Euro.  (Kämmerer K.-G. Mölle: „1,3 Mio. ist ein Happen! Der weckt Begehrlichkeiten auch bei anderen…)

Nutzung durch Vereine: Königsborner Eishockeyverein KJEC (231 Mitglieder), KSV Eislaufen (78 Mitglieder), Curling (16 Mitglieder). Für diese Vereine schießt die Stadt 85 000 Euro Nutzungsentgelt zu, die die Pächter kassieren.

Sanierungskosten bis Pachtende: 230 000 Euro. Mölle kommentiert diese Summe: „Jeder zuckt hier im Raum zusammen. Das ist ja schon ´ne kleine Eigentumswohnung!“ ABER, schränkt der Kämmerer  ein – und nimmt selbst eine Relativierung dieser Sanierungskosten vor, was er bisher noch nie getan hat, jedenfalls nicht in der Öffentlichkeit: „Die Summe ist technisch gerechnet. Der Pächter kann sagen: Kein Problem, ich krieg´ das auch einfacher hin. Ich hol mir Freiwillige ran, und im Übrigen fahr´ ich zum Baumarkt.“

Nirgendwo stehe in Stein gemeißelt, dass man vor dem Neufliesen erst die alten Fliesen mühsam abkloppen muss. „Wieso nicht Fliese auf Fliese kleben. Und den Kleber im Baumarkt kaufen. Hält auch!“ Wichtig ist, schärft Mölle seinen Do it Yourself-erprobten Pächtern ein: „Der grüne Stempel von Bauaufsicht und TÜV, dass nix anbrennt. Fakt ist: ES MUSS LAUFEN.“

ABER: „Wir sehen nichts, was in irgend einer Weise betriebsgefährend wäre.“

Langfristige Sanierungskosten ab 2020 ff (Zeitraum gänzlich ungewiss): ca. 1,8 Mio. €.

Handlungsalternativen 1-4: 1. Weiterführung ab 2020 wie bisher, 2. Verkauf der Halle unter Option „Eissport“, 3. Übertragung der Halle in Erbbaurecht, 4. Abriss.

Die einzigartigen Vorzüge der Unnaer Eissporthalle im Vergleich mit anderen aus Sicht von Pächterin Silvia Kuchnia:

– Nicht nur Eissport, sondern sozialer Treffpunkt und Jugendzentrum – Unnas einziges.

–  Sehr gut nachgefragt, täglich bis 23 Uhr ausgelastet, jährlich um die 100 000 Besucher.

– Perfekter Standort: 4 km bis zur Autobahn, direkt gegenüber den Schulen.

– „Schönste Eishalle in NRW mit gemütlichem, großen Gastronomiebetrieb“, 100 Sitzplätze. Die Halle in Dortmund hat ein offenes Dach, dadurch sei es zugig auf der Eisfläche; Bergkamen ist „ein kleines Ding“, Soest „liegt mitten im Wald, wie sollen die Jugendlichen dort hinkommen.“ Bundesligaspieler trainieren auf Unnaer Eis, Jugendmannschaften international. Kuchnia: „Wir bringen Unna auch in die anderen Welten.“

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