Wohin mit UNserer Stadt… Unnas Bürgervertreter, vom Bürger sehr fern. Ein Kommentar

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„Was bleibt Kindern und Jugendlichen noch – außer verschlissenen Spielplätzen, ein paar Bolzplätzen und dem Hallenbad, in dem die öffentlichen Badezeiten stark eingeschränkt sind?“

Diese Frage stellten verzweifelt die Unterzeichner eines offenen Protestbriefs, die sich vor einer Woche – am 16. Juni – mit der flehentlichen Bitte an ihren Bürgermeister wandten, die Eissporthalle für die Unnaer Jugend und Eissporttreibenden zu erhalten. Seither überschlagen sich die Ereignisse. Ungläubigkeit, Wut, lautstarker Protest, eine tränenreiche Pressekonferenz, erneuter Protest.

Es droht zu spät zu sein. Nach zwei nahezu einstimmigen politischen Beschlüssen (Dienstag im Sportausschuss,  Donnerstag im Hauptausschuss) ist abschließende Zustimmung im Rat normalerweise nur noch Formsache. Ob der akut vier Tage zuvor noch gegründete Initiativkreis „UNNA.braucht.EIS“  das Aus mit der Drohung eines Bürgerbegehrens noch abwenden kann, bleibt offen.

Ungeachtet aller Argumente pro und contra Schließung reiht sich diese „Causa Eishalle“ (manche sprechen süffisant auch von der „Causa Eismaschine“) in ein unseliges Szenario ein, in dem sich Verwaltung und Politik mit ihren Beschlüssen immer weiter von der Mehrheitsmeinung ihrer Bürger und Steuerzahler zu entfernen scheinen.

Die Treppe vom Bahnhofsvorplatz zum Rathaus- und Katharinenkirchplatz hinauf. (Archivbild RBU)

Eine Treppe, die „noch vollkommen gut ist“, für über 300.000 Euro zu erneuern (Nebensache, dass 80 Prozent davon aus Fördertöpfen fließen  – es bleibt Steuergeld). Zwei neue Schulgebäude in zweistelliger Millionenhöhe – der Neubauvorschlag für die Realschule kam von der Verwaltung ziemlich plötzlich und überraschte alle, auch die Politik.

Ein neues Parkhaus plus Büroturm am Bahnhof für 15 Millionen.

Sinnfreie Poller und Absperrpfosten. Groteske Tempo 30-Diskussionen. Jetzt, wieder ganz was Neues, ein schicker Kneipenviertelplatz am Morgentor für weitere 762.000 Euro, eben mal so. Unna hat´s ja! Dem Bürger wird schwindlig bei den Summen, mit denen seine Bürgervertreter da fröhlich herumjonglieren.

Im selben Atemzug (oft in einer und derselben politischen Sitzung) wird wegradiert, gekürzt, gestrichen: bei der Bummelzonensanierung (aufgeschoben sei nicht aufgehoben, so die Versicherung), vor allem aber bei Vereinen, Sport und Jugend – ausgerechnet. Angefangen beim Waldstadion bis zur Eisssporthalle und was sonst noch alles kommen mag.

Bei „Jugend“ denkt man in Unna zum Beispiel an den Skaterpark, für den die Jugendlichen selbst mit Spendendosen auf Bittstellertour gingen und der ohne die Hartnäckigkeit einer einzelnen SPD-Jugendpolitikerin, Margarethe Strathoff, bis heute nicht realisiert worden wäre. Bei „Vereine“ denkt man zum Beispiel ans Bornekampbad, Unnas letztes verbliebenes Freibad, das ohne einen hochengagierten Kreis von Ehrenamtlichen ebenso eingestampft worden wäre wie sein großes Pendant in Massen. Neidvoll blickt manch Unnaer dieser Tage ins kleinere Bergkamen hinüber, wo das zweite von zwei Freibädern einem modernen Neubau weichen soll – aber das wird eben erneut ein Freibad. Die Eissporthalle rettete in Bergkamen ein privater Investor, der auf eine gesprächsbereite Verwaltung und einen entschlossenen Stadtrat stieß mit dem Willen, den Eissport vor Ort zu bewahren. Die Frage „wie schaffen andere Städte das?“ beantwortet sich simpel: Es hat mit Wollen zu tun.

Hingegen in Unna, Kreisstadt, Stadt des Lichts,  der Stadt ohnehin schon hoher Abgaben un Gebühren, gehen die Lichter in den Sportlerheimen aus. Für die betroffenen Bürger, Vereinssportler, Jugendlichen nicht mehr nachvollziehbar werden schmerzlichste Einsparungen achselzuckend durchgewunken, wenngleich sich die SPD (offenbar erschrocken über den – doch erwartbaren! – Proteststurm) jetzt nachträglich darauf besonnen hat, dass man vielleicht doch ERST mit den Betroffenen spricht und danach Entscheidungen fällt, die endgültig sind und dauerhaft vor allem in die Stadtteile nachwirken. Für diese Erkenntnis durften sich die Genossen von der politischen Mitbewerberschaft kräftig als „Umfaller“ abbürsten lassen. Man stehe da „wie die Blöden“, schimpfte Klaus Göldner von der Freien Liste Unna (FLU).

Ganz akut wachsen Wut und Widerstand in einem Ausmaß, das Unna bisher noch nie erlebt hat, ersichtlich an gleichzeitigen Protestbewegungen und Petitionen quer durch Unna, von Billmerich über Massen und Königsborn bis hinüber nach Alte Heide.

Zur Eishalle ist festzuhalten: Das jetzige Szenario zeichnete sich über Jahre, nein Jahrzehnte, ab. Die Halle hängt den Wirtschaftsbetrieben, der städtischen Tochter WBU, als Klotz am Bein und muss weg, zumal sich das Grundstück gewinnbringend für Wohngrundstücke vermarkten lässt. Ein Geheimnis hat WBU-Chef Karl-Gustav Mölle, „KGM“, daraus nie gemacht. Beim „Eisgipfel“ am 24. Juni 2015 deutete sich spätestens an,  wohin die Reise gehen würde: An  jenem Junitag unterm gläserenen Dach der Volksbank unterstrich der wortgewandte WBU-Geschäftsführer, seines Zeichens in Personalunion gleichzeitig 1. Beigeordneter, Bürgermeistervertreter und damals noch Stadtkämmerer, mit jovialem Gestus: Unnas Eissport befinde sich „auf tragfähigem Eis“. Doch die Option „Abriss und Grundstücksvermarktung“ war bereits als vierte von vier Zukunftsszenarien für die Eissporthalle ins Beschlusspapier gedruckt, wurde zwar von allen Beteiligten als „entschieden nicht gewollt“ beteuert – aber sie stand dort, Schwarz auf Weiß.

Jetzt kommt das Aus noch früher. Die Eismaschine soll irreparabel kaputt sein. Was sich schlussendlich nicht beweisen lässt, was sich die Politik aber auch gar nicht beweisen lassen möchte – und das ist der Punkt.  Sie war sich in zwei Fachausschüssen einig: Schließung, Abriss und Vermarktung. Über den ersten dieser Aussschüsse, den Sportausschuss, deckt man dabei besser das Mäntelchen des Schweigens, mit Bemerkungen wie „Meine Kinder sind dick geworden, weil sie zuviel gegessen haben“ oder „Sie reparieren Ihren Kühlschrank ja auch erst, wenn er kaputt ist“ hat der Ausschussvorsitzende und Fraktionsvorsitzende Volker König (SPD) Zitate für die Ewigkeit geschaffen.

Das Fatale an dieser Eishallen-Causa ist nicht nur, dass damit die faktisch letzte verbliebene – größere – öffentliche Jugendeinrichtung von Unnas Landkarte verschwinden wird. Das eigentlich Unglückselige ist der Eindruck, dass das alles gerade frappant ans Freizeitbad Massen erinnert, dessen Schließung viele Bürger nicht nur aus Massen ihren Stadt“vätern“ und -müttern bis heute nicht verziehen haben. Nur halbherzig wurde damals aus Bürgersicht versucht, das Bad zu erhalten, schnellere und „lukrativere“ Lösung war Abriss mit Ziel einer Vermarktung.

Abbrucharbeiten auf dem ehemaligen Freizeitbadgelände Massen. (Archivbild RBU)

Nun dient das Freizeitbadgelände  künftig (so ist es zumindest geplant – man weiß in Unna momentan ja nie, was morgen noch gilt) zumindest ebenfalls wieder jungen Unnaern als Heimstatt, dort soll für 27 Mio. Euro eine neue Realschule emporwachsen.  Eine schwindelerregende Summe,  ähnlich wie die  315.000 Euro für eine neue Rathaustreppe, 400.000 Euro für eine Brückensanierung (Eselsbrücke), fast 6 Millionen für die Stadthallensanierung, nicht zu vergessen 2,4 Millionen für ein neues Flüchtlingsheim – ein politisch hochbrisantes Projekt, das mit einer Instinktlosigkeit, die den Atem verschlägt, zur denkbarsten Unzeit ausgerechnet noch in Königborn realisiert werden soll, einem Stadtteil, in dem mehr als jeder Vierte in Bedürftigkeit lebt. Wohlweislich nahm Bürgermeister Kolter zumindest dieses Projekt kurzfristig wieder von der Investitionsliste herunter, die Politik im Hauptausschuss schien heilfroh darüber. Beratung in  puncto „Asylheim“ vertagt – sie hätte den brodelnden Topf wohl zum Überkochen gebracht.

Symbolbild (Pixabay)

Man könnte angesichts dieser Summen, die hier im Raum umherschwirren, den Eindruck bekommen, Unna schwimme im Geld. Kurioserweise stimmt das sogar – irgendwie: Die Gemeindeprüfungsanstalt bescheinigte der Stadt schon vor Monaten ganz klar kein Einnahmeproblem, sondern ein Ausgabenproblem: Unna „gönnt sich zu viel“. Und setzt  nun ausgerechnet – und dies ist das schlimme Signal an die Bürger – zuallererst den Rotstift  bei Sportplätzen auf den Dörfern an, bei Bürgerämtern und eben bei der Eisssporthalle.

Das Wort „Kultur“ hingegen, ebenfalls  hochsubventioniert in Unna, hat im Zusammenhang mit Sparbeschlüssen interessanterweise bisher noch niemand auch nur in den Mund genommen. Im Gegenteil rügte SPD-Chef Volker König bei der Diskussion um die Eishalle, es sei unstatthaft, Einrichtungen, die „aus unterschiedlichen Schatullen finanziert werdwn, gegeneinander auszuspielen“ (er sprach Lichtkunst und Lindenbrauerei an). Allein aus einer Bemerkung des Grünen-Ratsherrn Michael Sacher konnte man im April ahnungsweise herauslesen, dass auch die Kultur mit Blick auf den Haushaltsausgleich nicht ungeschoren davonkommen wird: Da kämen „noch Dinge auf uns zu, da wird mir persönlich schlecht“, kündigte der Buchhändler dumpf beim ersten großen Spar-Streit im Stadtrat an.

Derweil prasseln die Sparbeschlüsse unvorbeitet auf die Bürger nieder, während zeitgleich ihre gewählten Vertreter und Stadtväter sinnfrei erscheinende üppige Ausgaben wie für die Sanierung einer intakten Treppe beschließen. Und wenn dann die ersten Sparbeschlüsse, nach wochenlangem Ringen im stillen Kämmerlein der „Haushaltssicherungskommission“ einstimmig gefasst, gleich beim ersten (logischen) Bürgerprotest wieder über den Haufen geworfen werden, erweckt das obendrein den durchaus beängstigenden Eindruck, hier würden kopflos nicht zu Ende gedachte Sparbeschlüsse zu Lasten der Bürger gefällt ohne Sinn und Verstand, nichts scheint zu Ende gedacht. Und mit ähnlicher Planlosigkeit fliegen uns aus dem Rathaus täglich neue millionenschwere Prestigeobjekte um die Ohren.

Unna im Jahr 2018. Der Bürger und neutrale Beobachter, wir schließen uns ein, steht davor und reibt sich ungläubig die Augen.

Silvia Rinke.

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5 KOMMENTARE

  1. Unna ist nicht das einzige, aber sicher derzeit eines der exquisiteren Beispiele dafür, wie eine machtversessene, abgehobene und der Realität entrückte Clique ihre Geschäftchen macht und dabei nebenbei ihre Hobbies pflegt zulasten der arbeitenden und steuerzahlenden Gesellschaftsteile

  2. Bei ruhiger See scheint jeder Kapitän ein guter zu sein. Erst bei Sturm zeigt sich ob er wirklich qualifiziert ist oder Passagiere und Mannschaft untergehen. Offensichtlich trifft letzteres auf Unna zu. 28% Zustimmung bei der letzten Bürgermeisterwahl heißt auch 72% keine Akzeptanz und Ablehnung. Aber was soll man als Wähler machen wenn es keine Alternative gibt da sich ja alle Fraktionen untereinander so lieb haben und gegenseitig für sich sorgen. Aber neben dem Kapitän macht auch die Mannschaft eklatante Fehler. Sie kennen und können es in ihrer inkpompetenz halt nicht besser. In diesem Sinne, wer kann sollte Unna schnellstens verlassen.

  3. […] „Ich will hier heute nicht um Verständnis bitten für diesen Beschluss. Das wird mir nicht gelingen.“ Es sei ein äußerst schwerer, schmerzhafter Entscheidungsprozess gewesen, und es sei auch NICHT so, dass die Unnaer Politik abgehoben der Bürgerschaft fernab in den Wolken schwebe. (Siehe dazu unser Kommentar: „Vom Bürger sehr fern“). […]

  4. […] „Ich will hier heute nicht um Verständnis bitten für diesen Beschluss. Das wird mir nicht gelingen.“ Es sei ein äußerst schwerer, schmerzhafter Entscheidungsprozess gewesen, und es sei auch NICHT so, dass die Unnaer Politik abgehoben der Bürgerschaft fernab in den Wolken schwebe. (Siehe dazu unser Kommentar: „Vom Bürger sehr fern“). […]