David (20) aus Unna vermisst: Wieso sich die Polizei zurückhält – und unsere Redaktion auch

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Symbolbild (Rundblick)
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Fotos des jungen Mannes werden zusammen mit einem verzweifelten Suchaufruf seit Tagen in den sozialen Netzwerken verbreitet. Seit dem 31. August ist der 20-jährige David aus Unna verschwunden. Verschwunden in dem Sinne, dass seine Angehörigen nicht wissen, wo er sich aufhält.

Mehrmals wurde die Bitte an unsere Redaktion herangetragen, den Suchaufruf ebenfalls zu verbreiten. Derartiges tun wir grundsätzlich nicht und haben unsere Gründe vor zwei Jahren anlässlich einer vermissten jungen Frau aus Unna-Mühlhausen dezidiert erläutert.

Unsere Erklärung gilt unverändert auch für den aktuellen Vermisstenfall:

„IN EIGENER SACHE: VERMISSTENFAHNDUNGEN
Liebe Community, wir sind … gebeten worden, eine private Vermisstensuche aus Unna weiterzuverbreiten. Wir machen das ohne eine entsprechende Fahndung der Polizei auf gar keinen Fall. Hier unsere Gründe:
Solche Fahndungen bedeuten tiefe Eingriffe in das Persönlichkeitsrecht des betreffenden Menschen und sind rechtlich mehr als heikel. Sie verletzen insbesondere das Recht am eigenen Bild. Dieses Bild kursiert auf Ewigkeiten im Internet, ist inzwischen dutzend-, gar hundertfach geteilt worden.
Es geht hier zudem um eine erwachsene, mündige Person, die das Recht hat zu gehen, wohin auch immer sie will. Es handelt sich weder um einen hilflosen dementen alten Menschen noch um ein Kind.
Die Polizei überlegt sich aus guten Gründen sehr gut, wann sie Vermisstenfahndungen mit Bildern öffentlich macht. Wir werden uns an der Suche beteiligen, sobald die Polizei entsprechend aktiv wird.
Bis dahin hoffen wir, dass es dem vermissten Menschen wohl ergeht und sich alles schnell aufklärt.“

Wieso fahndet die Kreispolizeibehörde nicht nach dem aktuell von seinen Angehörigen vermissten jungen Mann?

Dazu teilte uns Polizeisprecherin Ute Hellmann heute folgenden Sachstand mit:

Die Polizei hat Kenntnis davon, dass der 20-Jährige verschwunden ist. „Die Mutter hat am Nachmittag des 31.08.2018 mitgeteilt, dass sich ihr Sohn aus der gemeinsamen Wohnung entfernt und sie keinerlei Hinweise auf seinen aktuellen Aufenthaltsort hätte.“

Daraufhin begann die Polizei zu ermitteln.

Das Ergebnis lässt momentan keine Verdachtsmomente zu, die eine Öffentlichkeitsfahndung durch die Polizei rechtfertigen.

„Er hat Geld abgehoben, bevor verschwand. Sein Handy ist ausgeschaltet“, erklärt Ute Hellmann. „Wir können natürlich verstehen, dass sich die Mutter Sorgen macht.“

Doch einer Öffentlichkeitsfahndung mit Fotos des Betroffenen sind aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes hohe Hürden vorangestellt.

Thomas Röwekamp von der Polizei Unna.

Ute Hellmanns Polizeisprecherkollege Thomas Röwekamp schilderte uns die komplexe Sachlage am 14. September 2016 – also fast auf den Tag vor zwei Jahren – anlässlich der verschwundenen jungen Frau aus Unna-Mühlhausen.

  • Danach ist jede Fahndung und damit auch die Veröffentlichung privater Daten an ganz enge gesetzliche Voraussetzungen gebunden. 
  • Bei volljährigen Personen wird genau geprüft, ob die Person im gesetzlichen Sinne als vermisst anzusehen ist und Fahndungsmaßnahmen eingeleitet werden müssen.
  • Wenn – wie auch im Fall des jungen David – nach Prüfung aller Fakten die Voraussetzungen des polizeilichen Vermisstenerlasses nicht vorliegen, bedeutet das NICHT, dass die Polizei untätigt ist. Im Gegenteil werden zur sicheren Einschätzung des Sachverhaltes gerade dann besonders intensive Ermittlungsmaßnahmen durchgeführt.
  • Einmal veröffentlichte Daten kursieren in den sozialen Medien und werden dort vielfach geteilt.  Dann sind sie natürlich dort weiter irgendwo vorhanden und auch nicht mehr kontrollierbar. Das gilt für die Beschreibung der Person und natürlich auch für Fotos.
  • Aus polizeilicher Sicht, unterstrich Röwekamp, sei die private Suche oftmals nicht hilfreich, da Hysterie und falsche Gerüchte geschürt werden können.

„Die polizeilichen Fahndungsmaßnahmen werden eingeleitet, sobald es sich rechtlich um einen Vermisstenfall handelt. An dieser Stelle sei noch festgestellt, dass Zeiträume keine Rolle spielen. Die Behauptung, die Polizei werde erst nach 24, 48 Stunden oder gar 7 Tagen tätig, ist nicht richtig.“

Suchplakat an einem Baum am Himmelmannpark in Fröndenberg. (Foto: Rundblick Unna)

Vermisstenfall in Wickede/Ruhr mit Plakatfahndungen in Fröndenberg:

Auch im benachbarten Wickede/Ruhr fahndete eine Familie im Sommer nach einem Vermissten, hängte Plakate mit Namen und Foto auch im Kreis Unna auf (Fröndenberg, Hemmerde). Auch hier fahndete die Polizei nicht selbst öffentlich, was uns der Sprecher der Kreispolizeibehörde Soest , Frank Meiske, auf Anfrage wie folgt erklärte:

„Diese private Suche ist Sache der Familie. Für polizeiliche Öffentlichkeitsfahndungen gibt es hohe gesetzliche Hürden, die sinnvoll sind und mit dem Persönlichkeitsrecht zu tun haben.“

So stehe es jedem erwachsenen Menschen erst mal generell frei, zu gehen, wohin es ihm oder ihr beliebe, das müsse respektiert werden, so lange keine konkrete Gefahr im Verzug sei. So entschließt sich die Polizei grundsätzlich immer dann sehr schnell zu öffentlicher Suche, wenn die vermisste Person z. B. orientierungslos oder anderweitig beeinträchtigt ist, wenn akute Suizidgefahr besteht oder der Hinweis auf eine Straftat vorliegt.

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