Letzter Warnschuss nach Angriff auf Fröndenberger Bürgerbusfahrer: „Leute wie Sie nähren den rechten Sumpf!“

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Das Amtsgericht Unna. (Rundblick-Foto)
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Rechtsanwalt Martin Habig wandte sich bei seinen Schlussworten mit aller Schärfe dem Angeklagten zu.

„Hier im Saal sitzen heute auch Ehrenamtliche aus der Flüchtlingshilfe. Ich sage Ihnen deutlich, wie es ist: Solche Menschen wie Sie geben dem rechten Sumpf richtig Futter! Sie befeuern radikales Gedankengut. So geht es nicht!“

Es war der letzte Warnschuss, ein Schuss vor den Bug (Habig) für Gayas A. aus Fröndenberg. Für seine Attacke gegen den ehrenamtlichen Bürgerbusfahrer Housmand Mazloum am Mittag des 29. Mai dieses Jahres – die dem Opfer eine blutende Kopfverletzung einbrachte –  verurteilte Amtsrichterin Schlierkamp den vorbestraften irakischen Asylbewerber am Donnerstagmittag zu einem Jahr Freiheitsstrafe: zur Bewährung ausgesetzt für zwei Jahre mit der Auflage, ein Anti-Aggressionstraining zu beginnen und dies dem Gericht nachzuweisen.

Die Richterin folgte damit dem Antrag der Staatsanwältin, voll umfanglich unterstützt von Martin Habig, dem Rechtbeistand des Bürgerbusfahrers als Nebenkläger.

Die Verteidigung hatte für den irakischen Asylbewerber vergeblich eine Strafmaßverschiebung und daraus folgend 600 Euro Geldstrafe beantragt; dies vor allem, um die ausländerrechtlichen Konsequenzen einer Freiheitsstrafe zu vermeiden. Vorgesehen ist für gefährliche Körperverletzung Freiheitsstrafe von 6 Monaten bis zu 10 Jahren.

Haltestelle für den Fröndenberger Bürgerbus. (Archivbild Rundblick Unna)

Der Prozess heute im Unnaer Amtsgericht, exakt ein halbes Jahr nach der blutigen Attacke auf den 73-jährigen iranischen Ehrenamtler, sorgte für reges Publikumsinteresse. So groß war das Gedränge in Saal 115, dass eigens weitere Stühle herbeigeschafft werden mussten.

Denn neben Angehörigen der Prozessbeteiligten verfolgten auch Vertreter des Bürgerbusvereines und des Patenschaftskreises Fröndenberg mit hoher Aufmerksamkeit die rund zweieinhalbstündige Verhandlung, an deren Ende die Bewährungsstrafe stand.

Als letzter Warnschuss, bevor es für den 40-jährigen Asylbewerber bei der nächsten ähnlichen Tat endgültig hinter Gitter geht, wie Anwalt Habig warnend durchblickend ließ.

Der Angeklagte ließ sich über seine Dolmetscherin teilweise zu den Vorwürfen ein, entschuldigte sich am Ende auch bei Housmand Mazloum, doch aus Rechtsanwalt Habigs Sicht ließ er keine echte Reue erkennen. So sah das offenbar auch Richterin Schlierkamp, die nach einer straff geführten Verhandlung praktisch unmittelbar nach den Schlussplädoyers ihr Urteil sprach.

Der abstoßende Angriff auf den beliebten, in vielen Bereichen ehrenamtlich engagierten Bürgerbusfahrer hatte am 29. Mai in Fröndenberg für große Empörung und Entsetzen gesorgt.

Housmand Mazloum hatte an jenem Mittag Dienst als Fahrer des Bürgerbusses von der Stadtmitte nach Langschede und retour. Am Fröndenberger Bahnhof ließ er zwei Passagiere zusteigen, Gayas A. und dessen Freund Ahmed S., welcher in der Verhandlung heute als (wenig glaubhafter) Zeuge auftrat – da er urplötzlich wie aus der Luft gegriffen behauptete, sein Freund und der Busfahrer hätten sich gegenseitig attackiert. Das hatte noch nicht einmal der Angeklagte selbst behauptet.

Schon die Klärung der Frage, wo genau die beiden Männer zustiegen, nahm eine geraume Zeit in Anspruch, da Gayas A. stur behauptete, der Bürgerbusfahrer sei zunächst aus reiner Schikane absichtlich weitergefahren, als er ihn sah, und habe erst einige Meter weiter gestoppt.

Denn der 40-jährige Iraker und der 73-Jährige aus dem Iran kannten sich aus dem Patenschaftskreis. Sie hatten einige Zeit zuvor schon einmal ein unangenehmes Zusammentreffen gehabt:  Damals hatte Gayas A. in seiner Unterkunft an der Sümbergstraße die übrigen Mitbewohner durch laute Musik belästigt. Housmand Mazloum, als Ehrenamtlicher in der Flüchtlingshilfe tätig, bat ihn, die Musik leiser zu stellen. Die Antwort sei  ein aggressives „Ich mache, was ich will“ gewesen, bevor ihm der  Iraker die Tür vor der Nase zuschlug.

So kannte man sich also bereits vom Sehen, als es zu dem folgenreichen Aufeinandertreffen an jenem Mai-Mittag im Bürgerbus kam.

Mazloum ließ die beiden Fahrgäste also am Bürgerbusparkplatz am Bahnhof einsteigen, beide hielten im Vorbeieilen kurz ihre Tickets hoch.

Er habe die Fahrkarten auf die Schnelle nicht genau erkennen können, sagte der Fahrer heute in der Verhandlung aus. Deshalb habe er einige Kilometer weiter an der Dorfstraße in Ardey beide Männer gebeten, ihre Tickets noch einmal zu zeigen.

Er erklärte der Richterin auch deutlich, warum: „Weil wir so oft Flüchtlinge haben, die Tickets von anderen dabei haben, wir haben deshalb oft Ärger. Deshalb ist es mir wichtig, sicher zu sein, dass alles korrekt ist mit den Tickets.“

Diese ganz freundlich geäußerte Bitte reichte aus, um Gayas A.  nur Augenblicke später rot sehen zu lassen.

Schimpfend seien beide Männer nach vorn gekommmen. Beide zeigten ihre Fahrkarten nochmals vor. Alles in Ordnung, beschied ihnen Mazloum, es waren Schüler-Abokarten mit Gültigkeit des aktuellen Monats.

Gayas A. habe jedoch nicht aufgehört, sich über diese offensichtlich als Schikane empfundene Nachkontrolle aufzuregen.

„Als er immer weiter schimpfte, habe ich ihm ganz lieb gesagt: Wenn es euch nicht passt, dann könnt ihr aussteigen.“ Woraufhin Gayas A. ihm die Hand ins Gesicht drückte. Dies war denn nun zuviel, beschloss Housmand Mazloum.

„Einen ehrenamtlichen Fahrer unfair zu behandeln, das geht nicht. Ich stand dann auf und sagte: So, jetzt aussteigen. Sonst hole ich die Polizei.“

Auch dies habe er ganz ruhig gesagt, beteuerte Mazloum. Eine Zeugin, die an jenem Mittag als Passagierin im Bus direkt hinter dem Fahrer saß, bestätigte das sehr nachdrücklich. Diese Zeugin, Rentnerin Christa H. aus Frömern, bestätigte auch im vollen Umfang, was Housmand Mazloum anschließend schilderte:

Schon im Aussteigen griff Gayas A. zu einer Warnlampe, die im Bus stand, dreht sich zu dem Fahrer um – und dieser bekam das schwere Teil mit Wucht gegen den Kopf geschlagen oder geworfen.

Ob es nun ein gezielter Schlag oder ein unbeabsichtiger Treffer gegen den Kopf war, ließ sich in Verhandlung nicht schlussendlich klären. Gayas A. behauptete, er hätte „einen Karton“ in Richtung des Fahrers „geworfen“ und gar nicht gewusst, was darin war. Das wirkte wegen der geringen Entfernung zwischen Ausstieg und Fahrer im Sprinter wenig glaubwürdig.

Jedenfalls blutete der getroffene Busfahrer sogleich stark am Kopf. Zum Glück wurde keine Gehirnerschütterung daraus, erzählte Housmand Mazloum. Dennoch habe sich dieser Vorfall langfristig auf sein Befinden ausgewirkt.

Housmand Mazloum (73) heute im Flur des Unnaer Amtsgerichts. Seine Kopfwunde ist verheilt, er fährt auch weiterhin den Bürgerbus – gerade jetzt, sagt er. Doch die Auswirkungen des brutalen Angriffs sitzen bei dem engagierten Ehrenamtler tief. „Ich erwarte heute Gerechtigkeit. Dass das Gericht Recht spricht.“ (Foto: Rundblick Unna)

Er fahre weiterhin den Bürgerbus, betonte der 73-Jährige, „von so einem Verhalten lasse ich mich nicht von einer wichtigen und richtigen Sache abbringen.“ Aber die Unsicherheit sei seither sein ständiger Begleiter.

„Immer muss ich jetzt gucken, dass er nicht in der Nähe ist. Vom Patenschaftkreis haben die alle Probleme mit ihm und viele auch Angst.“ 

Nach der Attacke verschwanden Gayas A. und Ahmed S. zunächst. Dass der Fahrer verletzt worden sei, das hätte er nicht gesehen, behauptete der Angeklagte, er sei in Eile gewesen, wollte rechtzeitig zu seinem Termin kommen.

„Einen Karton haben Sie also geworfen? War der schwer?“, suchte Richterin Schlierkamp die Beweggründe des Angeklagten zu eruieren. „Ich war sauer“, erwiderte A. achselzuckend, „ich hab nicht drauf geachtet, ob der schwer war.“ – „Wieso waren Sie sauer?“, hakte die Richterin nach. „Weil er mich provozieren wollte“, tat A. über seine Übersetzerin kund. „Ich sagte ihm: Du kannst einmal kontrollieren, aber nicht zweimal. Dazu hast du nicht das Recht.“

Dass er dann ausgerastet sei, den Karton geschmissen hätte, habe eben diesen Grund gehabt, dass er so sauer auf Mazloum gewesen sei: „Er macht immer MIR Probleme!“

Na, kommentierte die Richterin knapp, „das hört sich ja so an, als ob Ihr Verhalten aus Ihrer Sicht gerechtfertigt war.“ Dagegen sprach allerdings ein Scheck über 300 Euro, den Gayas A. einige Zeit nach dem Angriff dem verletzten Fahrer zukommen ließ.  Bzw. zukommen lassen wollte, doch Housmand Mazloum nahm das Geld nicht an. Er wolle kein Geld, er wolle Gerechtigkeit, sagte er heute im Gericht ruhig und deutlich dazu.

Diese 300 Euro waren als Schmerzensgeld gedacht und sollten ein Schuldeingeständnis sein, ja, bestätigte A.´s Verteidiger. Sein Mandant habe eingesehen, dasss seine Reaktion überzogen und falsch gewesen sei.

„300 Euro hören sich wenig an, sind für Herrn A. jedoch viel Geld.“

Der Iraker war 2009 nach Deutschland geflüchtet und über Hamburg und Schöppingen nach Fröndenberg bekommen, wo er auch heute lebt, inzwischen in einer eigenen Wohnung.  Er hat momentan eine Aufenthaltserlaubnis für zwei Jahre, deshalb auch eine Arbeitserlaubnis. Er arbeite in der Security, sagte er auf Richterin Schlierkamps Frage, wie er seinen Lebensunterhalt bestreite, er bekomme dafür 450 Euro. Der Rest läuft über das Jobcenter.

Zum Hintergrund seines Aggressionsausbruchs ließ er über seine Dolmetscherin erklären, dass es  2014 mit seinen Problemen angefangen hätte: Im Juni jenes Jahres sei seine Familie von der ISIS entführt worden. Seither sei er in neurologischer Behandlung.

Einen Termin hat er wahrgenommen, konnte sein Anwalt belegen, Folgetermine sind vereinbart. „Man sieht also, dass Herr A. gewillt ist und auch schon damit angefangen hat, seine Aggressionsprobleme in den Griff zu bekommen.“

Gegen den Angeklagten sprach eine Vorstrafe wegen Erschleichens von Leistungen (Schwarzfahren) in Verbindung mit Beleidigung und Bedrohung. Bei einer Geldstrafe beließ es  die Richterin diesmal nicht, sie folgte dem Antrag der Staatsanwältin und verhängte eine Bewährungsstrafe.

Diese fiel mit einem Jahr noch vergleichweise milde aus, weil dem Iraker eine positive Sozialprognose gestellt wird. „Arbeiten Sie daran, dass Sie Ihre Aggressionen in den Griff bekommen und dass sie künftig nicht mehr straffällig werden“, impfte sie dem Angeklagten an.

 

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1 KOMMENTAR

  1. Eine weitere Lachnummer Deutscher Gerichtsbarkeit. Da wird eine positive Sozialprognose gesehen bei jemanden der seit fast 10 Jahren hier lebt und der sich von einem Dolmetscher vertreten lassen muss. Der vorbestraft ist und seit angeblich 2014 erhebliche Aggressionsprobleme hat und (Donnerwetter) seit dem wirklich schon einen Termin bei einer neurologischen Behandlung wahrgenommen hat. Jemand bei dem: Zitat „Vom Patenschaftkreis haben die alle Probleme mit ihm und viele Angst.“  Zitat Ende. Statt den möglichen Strafrahmen zumindest soweit auszuschöpfen damit endlich ausländerrechtlichen Konsequenzen erfolgen können gibt es wieder nur Streicheleinheiten die dazu führen dass alle in seinem Umfeld weiter Angst haben und wir weitere Jahrzehnte alimentieren dürfen.