„Es ist kompliziert.“ Silvia L., die Wohnungslose vom Westfriedhof, die kategorisch keine Hilfe möchte

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Am Eingang des Westfriedhofs, gegenüber von Aldi am Beethovenring, hat Silvia L. ihre Wohnstatt aufgeschlagen. Für das Bild haben wir ihre ausdrückliche Erlaubnis bekommen. (Foto: Rundblick Unna)
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Es ist jemand zu Hause an diesem kalten Januarmittag. Silvia L., die Frau, die seit Wochen unter freiem Himmel am Eingang des Unnaer Westfriedhofs direkt am Beethovenring lebt, lächelt uns entgegen und empfängt uns freundlich und entspannt unter ihrem selbstgebauten Zeltdach, dick eingemummelt in Decken, Kissen und einen blauen Schlafsack. Vor und in ihrem Zelt stapeln sich Tüten, Taschen, ein Rucksack (den hat ihr jemand geschenkt), Getränkeflaschen, Lebensmittel. Die zierliche, kleine, dunkelhaarige Frau liegt mittendringekuschelt, dick eingemummelt,  lächelt und wirkt rundherum zufrieden.

Sie erzählt uns bereitwillig, wie sie heißt, Silvia. Auch ihren Nachnamen sagt sie uns und dass wir ihn gern in unserem Bericht nennen dürfen. Das möchten wir nicht. Sie hat am 20. September 1959 Geburtstag, antwortet sie, als wir sie nach ihrem Alter fragen. „Noch keine 60“, ergänzt sie stolz.

Gern dürfen wir ihre Wohnstatt von außen fotografieren, gar kein Problem, sie selbst dürfen wir „später“ auch gern fotografieren, morgen oder übermorgen, in den nächsten Tagen mal. Heute möchte sie das lieber nicht. Sie nennt keinen Grund dafür, lächelt nur die ganze Zeit unentwegt mit ansteckender Wärme und Herzlichkeit.

Wir stellen ihr die unvermeidliche Frage, ob sie Hilfe braucht, und kommen uns direkt äußerst  töricht dabei vor. Denn wenn diese Frau eines eines mit Sicherheit seit Wochen in Endlosschleife zu hören bekommt, dann ist es wohl diese Frage: „Brauchen Sie Hilfe?“

Tatsächlich wird sie das oft gefragt, nickt sie lächelnd. Ihre Antwort? Ist immer dieselbe, sehr freundlich und sehr bestimmt: „Ich möchte keine Hilfe. Ich brauche keine Hilfe. Es geht mir hier wunderbar. Ich habe alles, was ich brauche.“

Sichtlich amüsiert hört sie zu, als wir erzählen, dass sich manche Leserinnen und Leser unseres Onlineportals Rundblick Unna zunehmend Sorgen machen um „die arme Frau, die da am Westfriedhof campiert – jetzt, bei diesen Temperaturen!“. „Arm? Ich bin nicht arm!“, betont sie mit ihrem ansteckend warmem Lächeln und wirkt dabei beeindruckend überzeugend. „Die anderen sind arm.“ Welche anderen meint sie und warum sind diese arm? Ausweichend sagt sie, „es ist kompliziert.“

Überhaupt ist alles sehr kompliziert, das sagt Silvia L. ständig, wenn man sich eine Weile mit ihr unterhält. Ihren Gedankensprüngen zu folgen ist schwierig, sie lebt merklich in ihrer ganz eigenen, speziellen Welt, in der sie allerdings ungeheuer zufrieden und sich selbst genügend wirkt und in der es ihr, augenscheinlich, an nichts fehlt.

Auf unsere Frage, ob sie aus Unna kommt, wo sie früher gelebt hat, erwähnt sie die Vinckestraße, die Gegend ums Krankenhaus herum, dann wiederum spricht sie von Königsborn, ihre Augen strahlen, „Königsborn ist meine Heimat.“ Aber nicht Heimat, „wie Sie jetzt denken… es ist kompliziert“, wiederum Ausweichen und die Versicherung, darüber beim nächsten Mal lange und ausführlich reden zu können.

Wir könnten gern jederzeit wiederkommen, bietet sie uns an, sie ist meistens zuhause, „wenn ich nicht gerade einkaufe.“ Ihre Einkäufe erledigt sie gegenüber beim Aldi. Über Besuch, netten Besuch, freut sie sich immer. Ob sie denn häufig Besuch bekommt? „Ja, aber erst in der letzten Zeit.“ Erst in der letzten Zeit bringen ihr Menschen auch öfter zu essen und zu trinken vorbei, fragen, ob es ihr gut geht.

Immer die gleiche Frage und die gleiche Antwort: „Ja, es geht mir gut. Es geht mir hier wunderbar, ich habe alles, was ich brauche.“  Und nein, sie braucht und möchte keine Hilfe, wiederholt sie noch einmal sehr entschieden, bevor sie uns mit ihrem herzlichen Lächeln und einem erstaunlich warmen Händedruck verabschiedet.

Wie hilft man einem Menschen, der Hilfe strikt ablehnt? Vor diesem Problem stehen momentan auch Unnas Stadtverwaltung und die Polizei. Seit die obdachlose Frau ihre provisorische Wohnstatt gegenüber dem Aldi am Verkehrsring aufgeschlagen hat, sorgt ihr Wohlergehen für zunehmend besorgte Diskussionen in Unna. Stadtsprecher Christoph Ueberfeld sagte uns erst am Donnerstag: „Wir haben der Frau alle Hilfsangebote gemacht, die wir als Stadt machen können. Dazu zählen unter anderem Hinweise auf Übernachtungsstellen für Wohnungslose, die es im Stadtgebiet gibt.“

Doch alle Angebote seien „kategorisch abgelehnt“ worden. „Wir können ihr nichts aufzwingen, werden sie aber natürlich weiterhin im Auge behalten, vor allem jetzt, wenn es kälter wird.“

Ganz ähnlich äußert sich auch die Unnaer Polizei. „Der Umstand ist polizeilich bekannt und an die Stadt Unna weitergemeldet worden“, versicherte uns Pressesprecherin Vera Howanietz. Ebenso wie den Ordnungsbehörden sind auch der Polizei in einem solch speziellen Fall die Hände gebunden: Polizeiliche Zuständigkeit, erklärt Howanietz, „ist nur dann gegeben, wenn von der Frau eine Gefahr ausgehen würde oder eine Gefahr für sie bestünde. Beides liegt, soweit hier bekannt, derzeit nicht vor, so dass wir keine rechtliche Grundlage zu polizeilichen (Zwangs-) Maßnahmen haben.“

Der zuständige Bezirksbeamte habe bisher mehrmals Kontakt zu der Frau aufgenommen, die bisher immer versicherte, dass es ihr gutgehen würde. Auch die Polizeisprecherin kann nur wiederholen, was auch die Stadt sagt und was wir selbst von Silvia L. gesagt bekommen haben: „Hilfsangebote lehnte sie bislang ab.“

Geben wir also alle gut und aufmerksam auf diese freundliche Frau vom Westfriedhof Acht.

Viele Grüße

 

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