30 km/h auf Hauptstraßen: Unnaer protestiert gegen „Gängelung der Autofahrer“ und beantragt Neubewertung

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Archivbild Rundblick.
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Tempo 30 auf drei Hauptverkehrsstraßen in Unna – und weitere Limits auf Hauptverkehrsachsen sind angepeilt: Diese „Gängelung der Autofahrer in Unna durch die Behörden“, die bei unseren Lesern einen Proteststurm auslöste (der weiter anhält), will ein junger Mann aus der Unnaer Innenstadt nicht auf sich sitzen lassen. Er wohnt selbst an einer Hauptverkehrsstraße, allerdings nicht an einer von denen, die jetzt im Fokus stehen.

Alexander J. (Name der Redaktion bekannt) sandte gestern Abend ein Telefax an Stadt und Kreis Unna sowie die Landesbehörde Straßen.NRW. In diesem verlangt er eine Neubewertung der verkehrlichen Situation.

Friedrich-Ebert-Straße in Höhe Kreishaus. (Archivbild RBU)

Eine Tempodrosselung von 50 auf 30 km/h mache die betreffenden Straßen – Kleistraße, Massener Hellweg und Friedrich-Ebert-Straße – weder leiser noch emmissionsärmer noch sicherer, argumentiert er und führt dazu vielerlei Belege und Beispiele an.

Der Unnaer schreibt:

„Sehr geehrte Damen und Herren,
mit großem Schrecken habe ich der lokalen Presse entnommen, dass Sie auf folgenden Strecken Tempo 30 planen:

Kleistraße in Massen. (Archivbild RB)

1. (fast) gesamte Kleistraße (zwischen Kirchweg und Hellweg) 2. Massener Hellweg von der Kirchstraße bis Mittelstraße 3. Gesamte Friedrich-Ebert-Straße (B233).

Daher stelle ich hiermit einen Antrag auf Neubewertung der Situation unter Berücksichtigung meiner unten angegebenen Beweggründe. Ich hoffe Sie sehen von Ihrem Vorhaben ab und beschränken das Tempo 30 Limit auf den Bereich der Kindergärten bzw. des Seniorenwohnheim.

Gleichzeitig bitte ich Sie um Aussetzung der Umsetzungsarbeiten bis zur abschließenden Klärung, um Ihnen ggf. entstehende weitere Kosten zu ersparen.

Symbolbild / Pixabay

Rechtslage aus meiner Sicht:

Die Straßenverkehrsbehörden haben die Möglichkeit, die zulässige Höchstgeschwindigkeit auf bestimmten Straßen oder Straßenabschnitten zu beschränken. Dies kann z. B. aus Gründen der Verkehrssicherheit geschehen oder um die Anwohner vor Geräuschen oder Abgasen zu schützen. Liegen entsprechende lokale Gegebenheiten vor, kann statt 50 km/h ein Tempolimit von 30 km/h angeordnet werden. Die rechtliche Grundlage hierfür ist § 45 der StVO.

Beweggründe gegen Tempo 30 auf o.g. Straßen:

I. Die Begründung Lärmschutz ist für die oben zu 1) und 2) genannten Straßen nicht nachvollziehbar, da sich diese innerhalb der Einflugschneise des Dortmunder Flughafens befinden.

II. Die Verkehrsgeräusche fußen auf zwei wesentliche Faktoren: dem Motoren- und Reifengeräusch. Diese unterliegen wiederum mehreren Faktoren.

a. Das Motorengeräusch bei Tempo 30 im dritten Gang unterscheidet sich nur unwesentlich von dem bei Tempo 50 im vierten Gang. Hohe Geräuschbelastung durch Beschleunigung entsteht in beiden Situationen. Dem kann jedoch besser durch eine gute Ampelschaltung (grüne Welle) abgeholfen werden.

b. Das Reifengeräusch ist zwar zugegebenermaßen von der Fahrzeuggeschwindigkeit abhängig, jedoch erreicht dieses erst bei Geschwindigkeiten über 50km/h eine Lautstärke oberhalb des Motorengeräusch und ist daher im städtischen Verkehr zu vernachlässigen. Ferner kann dem durch entsprechende Asphaltierung effektiver entgegengewirkt werden.

c. Nach einer Studie der M+P Consultig Engineers1 im Auftrag des niederländischen Umweltministeriums ergibt sich keine substanzielle Lärmreduktion bei Tempo 30 im Vergleich zu Tempo 50.

d. Ein Praxisversuch2 auf der Leipziger Straße in Berlin ergab, dass die Geräuschreduktion im Vergleich Tempo 30/50 bei lediglich zwei Dezibel lag. Während der Hauptverkehrszeit jedoch noch geringer. e. Geräuschreduktionen in der o.g. Größe werden durch das Menschliche Gehör nicht wahrgenommen.

III. Eine Reduktion des Tempos zur Verringerung von Luftschadstoffen ist ebenfalls nicht zielführend:

a. Nach einer Studie der Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz aus Baden-Württemberg (LUBW)3 hatte sich bereits im Mai 2011 mit dieser Fragestellung im realen Straßenbetrieb beschäftigt. Wichtig ist hier auch hier wieder eine gute Koordination der Ampeln zu einer grünen Welle. Das eindeutige Ergebnis der Studie: 30 km/h führte zu Verschlechterungen der Emissions- und Kraftstoffverbrauchssituation auf Hauptverkehrsstraßen.

Symbolbild / Rundblick

IV. Der Einfluss der Geschwindigkeit auf das Unfallgeschehen ist nicht eindeutig nachweisbar und auch nie die alleinige Ursache.

a. Unbestreitbar ist zwar der der Zusammenhang zwischen Anhalteweg und Aufprallgeschwindigkeit sowie Unfallschwere. Jedoch sollten besser die Ursachen bekämpft werden Verstärkte Kontrolle des Radverkehrs mit Augenmerk auf Sicherheitsaspekte der Räder (funktionierendes Licht, Reflektoren, bauliche Maßnahmen zum Schutz der Fußgänger und Radfahrer!

b. Die Unfallhäufigkeit ist die zentrale Messgröße für Verkehrssicherheit. In einer Praxisstudie4 an Berliner Hauptverkehrsstraßen wurde die Auswirkung von Tempo 30 auf Unfälle untersucht. Es wurde natürlich nachgewiesen, dass die mittlere Geschwindigkeit signifikant sinkt, jedoch konnte auf die Verkehrssicherheit keine statistischen Effekte nachgewiesen werden.

Foto Rundblick Unna

c. Eine Temporeduktion wegen der Sicherheit für Fußgänger und Radfahrer kann auf der zu 3) genannten Straße nicht gerechtfertigt werden, da dort bereits über nahezu die gesamte Straße eine bauliche Trennung des Fuß- und Radweges von der Fahrbahn besteht. Ebenso stehen ausreichend Möglichkeiten zur Überquerung zur Verfügung.

d. Bereits ein Forschungsprojekt der Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt) wies nach, dass Tempo 30 im Gegensatz zu Tempo 50 keine signifikaten Verbesserungen auf Hauptverkehrsstraßen bewirkt. Es wurde daher empfohlen eine Reduzierung von 50 auf 30 km/h nur dann vorzunehmen, wenn es begründbare Defizite gibt.

e. In Münster konnte die Unfallforschung der Versicherer nachweisen, dass 86 % der Unfallhäufungspunkte Kreuzungen oder Einmündungen mit Ampeln sind. Eine Verbesserung der Verkehrssicherheit lässt sich hier bereits mit einfachen Mitteln wie die bereits öfter erwähnte Verbesserung der Ampelschaltungen oder die Beseitigung von Sichthindernissen erreichen.

Fazit meinerseits:

  • Die Hauptverkehrsstraßen erfüllen eine überaus wichtige Funktion im Straßennetz der Kreisstadt Unna. Hierzu gehört auch, dass die Hauptverkehrsstraßen leistungsfähig bleiben.
  • Daher ist Tempo 30 auf den zu 1 – 3 genannten Straßen nach meiner Ansicht nicht sinnvoll und ebenso wenig zielführend.
  • Vor Schulen, Kindergärten und Altenheimen kann aber auch nach meiner Ansicht ein Streckenabschnitt mit Tempo 30 angebracht sein.
  • Nachvollziehbare 30km/h Anordnungen auf Abschnitten im Rahmen um 500m werden auch durchaus in der Bevölkerung, Politik und den Kraftfahrern akzeptiert.
  • Um mutmaßliche Geräuschprobleme zu lösen, sollte auf Hauptverkehrsstraßen ein entsprechender Fahrbahnbelag der Tempo 30 Zone vorgezogen werden, da dieser im Gegensatz zur Geschwindigkeitsbegrenzung einen spürbaren Effekt mit sich bringt.
Symbolbild: Rote Ampel. (Archiv Rundblick)
  • Ungeachtet dessen sollte sich die Stadt Unna auch auf anderen Straßen bemühen, die Ampeln sinnvoll zu schalten und zu koordinieren. Dies kann viele Geräusch-, Umwelt- und Sicherheitsprobleme lösen, ohne die KfZ-Fahrer mit Tempo 30 zu gängeln.
  • Ferner steht die Funktion und Aufgabe einer Hauptverkehrsstraße nach meiner Ansicht nicht im Einklang mit der Anordnung von Tempo 30!

Ich freue mich auf Ihre Stellungnahme und das Ergebnis ob Sie, nach nochmaliger Überprüfung unter Berücksichtigung der o.g. Gründe, sich meiner Position anschließen können und entsprechende Vorgänge in die Wege leiten.

Mit freundlichen Grüßen aus der Unnaer Innenstadt.“

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6 KOMMENTARE

  1. „Vor Schulen, Kindergärten und Altenheimen kann aber auch nach meiner Ansicht ein Streckenabschnitt mit Tempo 30 angebracht sein.“

    Na dann sollte noch in Königsborn die Kamener Straße gleich mit einem Tempo 30 Limit belegt werden, denn in Höhe ALDI/REWE, gegenüber das Salinencenter mit Apotheken, Ärztezentren, Rechtsanwälten, Friseur und Frittenranch, müssen Kinder und alte Menschen gerade an der Bushaltestelle des Salinencenters über die Straße. Dies ist zu Hauptverkehrszeiten kaum ohne Hilfe möglich. Erschwerend kommt hinzu, das die Bushaltestellen, die Kreuzung zur Blumenstraße und die Ein-/Ausfahrt zum ALDE/REWE-Parkplatz ziemlich eng beieinander liegen. Von den ungeduldigen Rasern und verkehrsregelmissachtenden Polemikern ganz zu schweigen.

    Und wenn der Unnaer aus der City jetzt meint, das wäre hier übertrieben, dann schau Dich einfach mal um: Bahnhofsstraße Ecke Klosterstraße und Nordring. Dort ist nachweislich viel weniger Verkehr, eine Sparkasse und viele Einkaufsmöglichkeiten und natürlich eine Bushaltestelle mit Tempolimit: SCHRITTGESCHWINDIGKEIT !

    Umweltschutz interessiert mich nicht, aber die Sicherheit der nicht motorisierten Verkehrsteilnehmer wird von diesem Herrn hier völlig außer Acht gelassen. Viele Schulwege, Arbeitswege und Gehwege führen hier über viel zu hohen und verkehrsdichten Straßen. Ich gehe jeden Tag zu verschiedenen Zeiten mit dem Hund, da ist jeder herzlich eingeladen mal mit mir die Lage hier in Königsborn einmal anzuschauen. Ich wette, danach labert hier keine/r mehr von der Unsinnigkeit des Tempolimits 30 an den genannten Hauptstraßen.

  2. Ich labere nicht, sondern bringe meine Meinung zu diesem Thema in vernünftiger Art und Weise zu Papier. Passend zur Problematik findet sich heute ein Beitrag über das zur Debatte gebrachte und angedachte Tempolimit auf Autobahnen auf web.de. Dort ist u. a. dieses zu lesen:

    (Start)
    Zwang, Aggression und Gängelung

    Studien hätten ergeben, dass eine eintönige Fahrweise beim Fahrer zur Abschaltung des Großhirns führe und so die Zahl der Unfälle zunehme. Schreckenberg ergänzte: „Zudem weiß man nach Innenstadt-Versuchen mit generellem Tempo 30 aus Schweden, dass generelle Lösungen Aggressionen beim Autofahrer schüren.“
    (Ende)

    Die verfehlte Straßenbauplanung für den zitierten Bereich an der Kamener Straße, sprich „Keine Fußgängerampel und / oder kein Fußgängerüberweg (Zebrastreifen)“, wird völlig außen vor gelassen. Hätte man diese seinerzeit zwischen Kamener Straße/Zechenstraße und der Fußgängerampel im Bereich Wilhelminenstraße eingeplant oder zumindest nachträglich installiert und zwar dort, wo sich die Einkaufszentren ballen, wäre das Thema Sicherheit (Fußgänger) gar kein Thema. Im Übrigen könnte man den Einwand (Gefahr für Fußgänger) vermutlich an geschätzt 75% aller Hauptverkehrsrouten in der Stadt Unna als Argument vorbringen, denn es gibt sicherlich zwangsläufig viele Stellen, an denen für Fußgänger eine Gefahr durch Kraftfahrzeuge besteht. Und nun? Generell 30 km/h innerorts? Vertraut man der o. g. Studie, wäre das auf mittlere oder lange Sicht wahrscheinlich keine gute Lösung.

  3. Wenn die NICHT MOTORISIERTEN Verkehrsteilnehmer sich auch an Verkehrsregeln halten würden, würde es gar nicht so gefährlich für diese Spezies werden. Meine täglichen Erfahrungen, nur auf diesen drei besagten Strassen, reichen von Radfahrern (6:00 Uhr) ohne Licht, Fußgänger dunkel gekleidet auf der Strasse laufend, Rotlichtverstöße sowohl von Fußgängern als auch von Radfahrern, Radfahrer statt auf dem Radweg auf der Strasse fahrend und so weiter.

    Trotzdem glaube ich das hier eine Neubewertung weder gemacht noch durchgesetzt wird. Keine Chance! Ich wohne selber direkt an der Kleistrasse und kann sagen, das mich weder der Lärm der Autos stört noch habe ich Sicherheitsbedenken.

    Das Problem sind meiner Meinung nach, nicht die Verkehrsteilnehmer die dort 50 km/h fahren, sondern die „selbsternannten“ Verkehrserzieher oder „Sternchengucker“ die die Kleistrasse mit 20-30 km/h hoch fahren und andere dazu nötigen, zwischen den Verkehrsinseln zu überholen. Oder die, die auf dem Massener Hellweg 300 Meter lang rechts blinken und träumend vorüberrollen, weil sie einen Parkplatz suchen.

    Ich wünsche dem jungen Mann jedenfalls alles Gute für seine Pläne und hoffe das der Einspruch sich lohnt.