„Ich war Islamist“… „Ich war Nazi mit Haut und Haaren“: Aussteiger erzählten am Todestag der Geschwister Scholl

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Im Forum der Stadthalle hörte die Jahrgangsstufe 11 des GSG aufmerksam den Berichten der beiden Aussteiger zu. Moderatorin und AG-Mitglied Sarah Koepe begrüßte die Gäste. (Foto GSG)
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„Plötzlich spricht niemand mehr. Niemand in der ganzen Schule. Niemand außer den
Schülerinnen und Schülern, die im Sekretariat vor dem Mikrofon sitzen und in die Rollen
ihrer todgeweihten Vorbilder geschlüpft sind…“

Die letzten fünf Tage von Hans und Sophie Scholl brannten sich in der vergangenen Woche in Herz und Hirn der Menschen am Geschwister-Scholl-Gymnasium (GSG), schildert Lehrer und Pressebeauftragter Werner Wiggermann in einem eindringlichen Bericht, den wir hier wörtlich wiedergeben.

„… brannten sich in Herz und Hirn… Durch eine Fortsetzungsgeschichte, die jeweils ein paar Minuten gegen 9.30 Uhr den normalen Unterricht unterbrach. Berührend, betroffen machend, nachhaltig.

Die von Bärbel Ruch – Leiterin der Geschwister-Scholl-AG an dem Königsborner Gymnasium – verfassten Texte ließen die Ereignisse und Gedanken jener Februar-Tage aus dem Jahr 1943 in den Köpfen der Zuhörer lebendig werden: Schülerinnen und Schüler, Lehrerinnen und Lehrer
auch zufällige Besucherinnen und Besucher halten einige Momente inne, schauen sich jetzt
lieber nicht in die Augen.

Simon Haschke, Mitglied der Geschwister-Scholl-AG, sprach über die Lautsprecheranlage der Schule den Erzähler-Text in der Geschichte zu den letzten Tagen im Leben von Hans und Sophie Scholl. (Foto GSG)

Das Hineinfühlen ist kaum auszuhalten. Zu denken, dass Widerspruch gegen den nationalsozialistischen Wahn, gegen Krieg und systematischen Massenmord nicht nur nicht erlaubt sondern mit dem Tod, dem eigenen Tod bestraft wird…

Geschichte, wie sie wehtut. Wer das einmal nachgefühlt hat, könnte der jemals wieder von
einem „Vogelschiss in der deutschen Geschichte“ reden?

Gedanken, die sich vielen Zuhörern am GSG in der vergangenen Woche aufdrängten.

Besonders gestern, dem letzten Tag der kleinen Geschichte. Dem Tag, an dem Hans und Sophie Scholl vor 76 Jahren nach dem Urteil des damals höchsten deutschen Gerichts ermordet wurden.

Sascha hat einmal zu denen gehört, die all die Barbarei für das politische Paradies hielten.
„Ich war ein Nazi mit Haut und Haaren“, erzählte gestern der inzwischen zur Besinnung
gekommene Aussteiger beim jährlichen Geschwister-Scholl-Tag, den das GSG besonders für
seine Jahrgangsstufe 11 organisiert.

Sascha berichtete im Forum der Stadthalle, auf wie banale Weise er einst in die radikale rechte Szene abgerutscht war, schilderte, wie so etwas funktioniert, tatsächlich immer noch funktioniert.

Auf ähnliche Weise übrigens, wie es jungen Menschen geschieht, die sich in der salafistischen
Szene radikalisieren. Im Forum der Stadthalle berichtete auch Malik, Aussteiger aus einer
islamistischen Terrororganisation, wie er sich radikalisiert hatte. Endlich Aufmerksamkeit gewinnen, „das gibt einem ein schönes Gefühl – man wird anerkannt“, schilderte Malik – und: „Da ist so vieles identisch“, bestätigte Sascha.

Beiden liegt daran, andere, junge Menschen vor ähnlichen Erfahrungen zu bewahren. Das
gelang gestern am GSG.

Betroffene Stille und viele kluge Nachfragen bewiesen den beiden Aussteigern und ihrem Betreuer vom NRW-Verfassungsschutz: Hier in Unna haben sie nicht nur ihre Zuhörer weiter gegen Extremismus immunisiert – sondern sogar viele darin bestärkt, sich noch bewusster für Freiheit und Rechtstaatlichkeit einzusetzen. „Mehr können wir kaum wollen“, sagt Bärbel Ruch.

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