Pablo, der Maulkorb und die Stadt Fröndenberg: Nach über 4 Jahren Klarheit vor Gericht

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Freiheit für Pablo - der Rüde im Sommer auf einer Blumenwiese tollend. (Foto: Privat)
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Der Maulkorb kann zu Hause bleiben. Endlich!

Freiheit für Pablo – und Einlenken der Stadt Fröndenberg vor Gericht, nach vier mühevollen und zähen Jahren.

Vier volle Jahre währte der „Maulkorbstreit“, den ein Paar aus Fröndenberg mit seiner Stadtverwaltung ausfocht. Es ging um die Maulkorbpflicht – oder besser: die Befreiung von ihr – für Pablo, einen American Staffordshire Mix.

Der 6-jährige Rüde fälllt laut der Landeshundeverordnung  NRW unter die „gelisteten“ Hunderassen, die als besonders gefährlich eingestuft sind und für die deshalb besondere Auflagen gelten.

Diese hatten Pablos Halter von Anfang an korrekt erfüllt – doch in der Frage der Maulkorbbefreiung schaltete die Stadt Fröndenberg auf stur.

Obgleich die Auflagen laut LHV korrekt erfüllt waren, verweigerte die Stadt dem jungen Stafford die volle Maulkorbbefreiung. Das hundeliebende Paar musste über mehrere Instanzen bis zum Oberverwaltungsgericht gehen, um sein Recht und das Recht seines Hundes durchzusetzen.

Überglücklich nach dem „bombastischen“ Erfolg vor dem OVG Münster: Katja Bauernfeind, Christoph Oehl und Pablo. (Foto: Privat)

„Das war uns alle Mühen und jeden Cent wert!“, jubeln Katja Bauernfeind und Christoph Oehl. Und könnte „Pablo“ mitjubeln, hätte er sich gestern nach dem Vergleich vor dem OVG Münster mit Sicherheit freudekläffend im Kreis gedreht und Luftsprünge vollzogen.

Die überglückliche Katja Bauernfeind schilderte unserer Redaktion gestern Abend ihren Kampf durch die Instanzen. Vorab: Die Stadt Fröndenberg erhebt, anders als z. B. die Stadt Unna, für Listenhunde eine erhöhte Steuer von jährlich 423 Euro.

„Als Ende 2014 unsere geliebte Hündin Bluna verstarb, war uns sofort klar, dass wir ganz bald einem anderen Hund ein schönes Zuhause bieten wollten“, erzählt Katja Bauernfeind. Sie hatten Bluna aus dem Tierschutz zu sich genommen. Die Hündin begleitete sie  7 Jahre.

Der „neue Hund“ sollte perfekt zur Familie passen. „Die Schwiegermutter leider geistig und körperlich beeinträchtigt, Schwiegervater wollte auch was mit dem Hund unternehmen können und sollte, während wir arbeiten, auf ihn aufpassen. Und Spaß am Hundesport und Wandern sollte der neue Hund auch haben… Ach ja, und natürlich verträglich mit Artgenossen, und menschenfreundlich und kinderlieb musste er sein. Und kein Welpe, da wir einem älteren Hund eine Chance geben wollten.“

Foto: http://ninastoelting-photography.de/

So entschieden sich Katja Bauernfeind und Christoph Oehl für einen Listenhund, genau gesagt für einen einen American-Staffordshire- oder auch Pitbull-Mischling.

„Die Tierheime sind leider mit solchen Rassen überfüllt, da viele die Auflagen für solch einen Hund nicht einhalten können oder wollen und dieser dann beschlagnahmt und eingezogen wird“, weiß die hundeerfahrene Fröndenbergerin. „Durch unsere jahrelange Aufklärungsarbeit NRW-weit gegen Benachteiligung und Diskriminierung bestimmter Hunderassen und deren Halter war uns sehr wohl bewusst, welche Hürden auf uns zukommen würden.“

Diese nahmen sie gerne in Kauf. „Denn diese Rassen sind als überaus menschenfreundlich, sensibel und feinfühlig bekannt“, schildert die 36-Jährige. „In England und Amerika sind sie auch als Nanny-Dogs bekannt und es gibt auch einige Filmstars unter ihnen: Die Hunde bei den „Kleinen Strolchen“ und auch „Dick und Doof (Stan und Ollie)“ waren Pitbulls, also sogenannte Listenhunde. Sie sind in vielen Köpfen als der beste und treueste Freund der Menschen in Erinnerung geblieben.“

Foto: http://ninastoelting-photography.de/

Nach kurzer Suche wurde das Fröndenberger Paar in einem Tierheim in NRW auf Pablo aufmerksam:

„Und für uns stand schnell fest, dass er der perfekte Hund für uns und unsere Familie ist. Er befand sich ca. 8 Monate in dem Tierheim, da der ehemalige Halter ihn illegal angeschafft und ihn unter einer falschen Rasseangabe angemeldet hatte. Dies fiel dem Ordnungsamt auf und Pablo wurde beschlagnahmt und suchte nach seiner richterlichen Freigabe ein neues Zuhause.“

Schon nach ein paar Besuchen und Gassirunden hatte sich der junge Rüde tief ins Herz des Paares geschlichen, so dass dieses alle benötigten Unterlagen beantragte und beim Ordnungsamt in Fröndenberg vorlegten. Binnen weniger Tage gab die Stadt die vorläufige Halteerlaubniss, so dass Pablo am 14. 1. 2015  einziehen konnte.

„Wir haben uns extra 3 Wochen Urlaub genommen, um ihm die ungewohnte Umgebung zu zeigen und er sich gut einleben konnte. Es hat wirklich alles sehr gut geklappt und Pablo zeigte sich weiter als wirklich umgänglicher und netter Hund“, schwärmt Katja Bauernfeind von ihrem vierbeinigen Familienmitglied.

„Natürlich kam auch ein Mitarbeiter unseres Ordnungsamtes zu uns nach Hause, um unser Haus auf Ausbruchsicherheit zu prüfen. Es wurde nichts beanstandet. Dies wird so vom Gesetzgeber vorgegeben.“

Kurz nach Pablos 2. Geburtstag fuhren seine Besitzer mit ihm nach Bonn zur Verhaltensprüfung. Ein Amtsveterinär soll bei dieser Prüfung bescheinigen, dass von dem Hund keine Gefahr ausgeht.

Dann darf er  – so ist es im Landeshundegesetz NRW geregelt – ohne Maulkorb draußen laufen.

Pablo bestand die Prüfung in allen Teilen souverän und mit stoischer Gelassenheit.

Überglücklich: Katja Bauernfeind mit Pablo.

„Stolz wie Oskar sind wir dann mit der Bescheinigung zu unserem Ordnungsamt und haben die Maulkorbbefreiung beantragt“, berichtet Katja Bauernfeind weiter.  Was darauf folgte, machte sie fassungslos:

„Wir bekamen die Maulkorbbefreiung, jedoch keine komplette, wie es in ganz NRW üblich ist. Statt dessen hat die Stadt Fröndenberg – mündlich – beschlossen, dass ,gefährliche Hunde´ trotz Wiederlegung ihrer Gefährlichkeit bei einem Wesenstest weiter in bestimmten Situationen Maulkorb tragen müssen.“

So z. B. bei „Menschenansammlungen, in öffentlichen Park,- Garten- und Grünanlagen, bei Demonstrationen, öffentlichen Versammlungen“ usw.

Das Begründungsschreiben der Stadt Fröndenberg. (Privat)

„Wir waren uns sicher, dass das nur ein Versehen sein konnte, und suchten mehrmals das Gespräch. Doch leider wurde dieses immer wieder abgelehnt. Telefonisch kontaktierten wir den Leiter des zuständigen Fachbereiches und baten ihn um ein persönliches Treffen.

„Wenn mir ein Kampfhund auf offener Straße entgegen kommt, wechsel`ich sofort die Straßenseite!“… mit diesen Worten wurde unsere Bitte abgelehnt. Wir müssten Klage einreichen.“

Genau das war eigentlich nicht ihr Ziel, betont das Paar. „Wir wollten versuchen, friedlich eine Einigung zu finden. Doch dass eine Person, die aus privaten Gründen eine große Abneigung gegen bestimmte Hunderassen hat, auch noch wichtige Dinge zu entscheiden hat, damit hatten wir nicht gerechnet.“

Besonders erschrenckend fand das Paar die offiziellen Begründung, diedas Ordnungsamt vor der Verhandlung dem Gericht vortrug. „Er gab keine individuelle Begründung zu Pablo. Es wurden Aussagen von namenhaften Hundeexperten zerrissen und zusammenhangslos wieder zusammengesetzt. Das Ganze erinnerte an die Medienhetze, die wir alle von der Regenbogenpresse zu Gute aus den letzten Jahren kennen.“

Symbolbild / Pixabay

Im Juli 2017 kam es dann zur Verhandlung am Verwaltungsgericht Gelsenkirchen. Der Richter stimmte Pablos Haltern vollumfänglich zu, erklärte, dass die Stadt ohne eine individuelle Begründung solche Auflagen nicht erteilen könne und dass sie den Maulkorbzwang für den Staffordmix erneut prüfen solle.

„Dies wurde von der gegnerischen Seite zugesichert, so dass wir auf Anraten des Richters unsere Klage zurückzogen“, erzählt Katja Bauernfeind.

Bester Dinge erwarteten sie dann den neuen Bescheid. Doch dieser war fast identisch mit dem alten.

Wieder keine komplette Maulkorbbefreiung – einzig die Erlaubnis, dass Pablo „in besonders ausgewiesenen Hundeauslaufgebieten“ ohne Maulkorb laufen dürfe. Solche Gebiete gibt es aber in Fröndenberg überhaupt nicht.

Erneut suchten Pablos Halter ein Gespräch bei der Stadt, stießen wieder auf Ablehnung und sahen keine andere Chance, als erneut zu klagen. Die Halterin unterzog Pablo vorher erneut einer Verhaltensüberprüfung,  in der seine Gefährlichkeit erneut wiederlegt wurde.

September 2017: Zweite Gerichtsverhandlung in Gelsenkirchen. Diesmal sah es derselbe Richter wie in der ersten Verhandlung plötzlich anders – und wies die Klage ab. „Wir waren völlig schockiert“, so Katja Bauernfeind.

Problemlos wurde vom Richter aber Leinenbefreiung zugesprochen und auch durch die Stadt Fröndenberg erteilt. Diese war bis dato abgelehnt worden.

Doch die nach ihrer Überzeugung haltlosen Einschränkungen der Maulkorbbefreiung wollte das Paar weiterhin nicht hinnehmen. Also beschritt es die nächste Instanz:

„Wir suchten uns einen neuen Anwalt, mit dem wir am Oberverwaltungsgericht Münster Klagezulassung beantragten. Im Oktober meldete sich das OVG bei der Stadt Fröndenberg mit der Empfehlung, uns eine uneingeschränkte Maulkorbbefreiung für Pablo zukommen zu lassen. Sah schon mal ganz gut aus für uns.“

Doch kam die Stadt dieser Empfehlung nicht nach und beließ alles wie bisher.

Im Dezember 2018 wurde die Berufung gegen das Urteil von September 2017 in Gelsenkirchen zugelassen.

Und am gestrigen Dienstag, 12. März 2019, einigten sich die hartnäckigen Hundehalter mit der Stadt Fröndenberg nach vier Jahren auf einen Vergleich:

Pablo bekommt ab sofort die Maulkorbpflicht offiziell erlassen – er muss ihn nur noch auf Spielplätzen, in Schulen und auf Schulgeländen sowie in Kitas/auf Kitageländen tragen. –  Katja Bauernfeind merkt dazu nur an: „Dort sind Hunde sowieso verboten. Wir würden niemals mit Pablo auf einen Spielplatz oder in eine Kita gehen, ob mit oder ohne Maulkorb!“

Oberverwaltungsrichterlich entschieden: Pablo darf ohne Maulkorb draußen laufen. „Bombastisch!“, jubeln Katja Bauernfeind und Christoph Oehl. (Foto Privat)

Den nach vier Jahren erkämpften Vergleich in Münster feiert das Fröndeberger Paar zusammen mit Pablo jubelnd als „bombastisch!!!“

Die Kosten für die Erst- wie Zweitinstanz übernimmt laut dem Vergleich am OVG die Stadt Fröndenberg, ebenso zahlt sie den Anwalt des Paares.

Eine Stellungnahme bei der Stadt fragten wir am Mittwochmorgen an. Bis zum Abend hatten wir keine bekommen.

Bis zum nun endlich glücklichen Ende haben Katja Bauernfeind und Christoph Oehl mit Pablo insgesamt

  • 2 Verhaltenstests vom Veterinäramt in Bonn und Iserlohn mit Erfolg abgelegt
  • 1 Verhaltensüberprüfung eines Sachverständigen des Landeshundegesetzes NRW
  • 5 Bescheinigungen von unterschiedlichen Hundetrainern
  • 2 Verhaltensbeurteilungen von unterschiedlichen Prüfern
  • 1 Wesensbeschreibung einer Mitarbeiterin des Tierheims, in dem Pablo 8 Monate gelebt hat
  • viele teils mehrtägige Seminare, theroetische und praktische Kurse bei Hundeschulen und Trainern gemacht.
  • unzählige Gassirunden und Wanderungen durch ganz NRW bis in die Nierlanden gemacht

„Wir wurden nirgens komisch angeschaut. Sind im Gegenteil positiv aufgefallen mit dem süßen Hund, der aussieht wie der von den „Kleinen Strolchen“ und sich so gut benimmt“, betont die Halterin.

Sie möchte noch persönlich einige Gedanken loswerden:

Wir fragen uns ernsthaft, warum Pablo so sehr von unserem Ordnungsamt diskriminiert wird.

Wir halten uns an die Gesetze, und trotzdem werden uns fast nur großen Steine in den Weg gelegt. Es ist mittlerweile jedem bekannt, dass der Halter den Hund macht, das Problem immer am anderen Ende der Leine liegt und kein Hund gefährlich zur Welt kommt!

Ich selbst habe eine 5 jährige Fachausbildung im medizinisch- pflegerischen Bereich und mein Lebensgefährte arbeitet als Kaufmann im Einzelhandel. Pablo ist in unserem Wohnort von jedem gerne gesehen. Auch der Pflegedienst, der 3 Mal täglich in unserem Haus ist, freut sich immer über ihn, da er zu jedemann stets nett und freundlich ist. Pablo durfte einer im Sterben liegenden Dame einen ihren letzten Wünsche erfüllen. Sie wollte so sehr noch einmal im Leben einen Hund streicheln. Auch in einer für ihn unbekannten Situation mit fremden, sehr kranken Menschen tat er so, als ob er sich freuen würde, als die Frau ihm geschwächt und unkoordiniert durch sein Gesicht streichte und mit ihren Fingern seinen Kopf ertastete. Die Senioren freuen sich immer, wenn Pablo zu Besuch ist und mit ein paar Tricks die Stimmung aufheitert und alle zum Lachen bringt.

Warum müssen wir jährlich eine Hundesteuer von 423 Euro zahlen, obwohl unser Hund schon mehrfach gezeigt hat, dass von ihm keine Gefahr ausgeht!!! Er ist uns jedoch jeden Cent wert!!!“

 

 

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