„Mit Rechten reden“: Kontroverse Positionen im ZiB – „Diskurs im Ansatz gelungen“

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Das Thema interessierte viele, Blick in die Jugendbibliothek des ZiB. (Foto: Koppenberg)
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Wie kann man – auch bei absolut gegensätzlicher politischer Ausrichtung – produktiv miteinander diskutieren?

Im Rahmen der Wochen gegen Rassismus hatte die VHS Unna den Autor und Philosophen Daniel Pascal Zorn zu einem dialogischen Vortrag eingeladen. Zorns viel diskutierte Bücher „Logik für Demokraten“ und „Mit Rechten reden“ (als Co-Autor von Per Leo und Maximilian Steinbiss) beschäftigen sich vor allem damit, wie die Vertreter unterschiedlicher politischer Positionen versuchen, Einfluss auf den gesellschaftlichen Diskurs zu nehmen.

Mit welchen kommunikativen Werkzeugen versuchen sie das, unabhängig von ihrer politischen Ausrichtung? Welches strategische Rüstzeug ist notwendig für einen produktiven Diskurs?

Diese Frage interessierte über 60 Besucherinnen und Besucher.

Zorn bezeichnet sich übrigens selbst als weder links noch rechts und wird aus beiden Lagern für seine Thesen angegriffen.

Foto Privat

Eine Zusammenfassung von Klaus Koppenberg (gekürzt).

Der Titel des Abends – „Mit Rechten reden“ – hatte unter anderem auch einen AfD-Landtagsabgeordneten zur Teilnahme motiviert. Begleitet wurde er von zwei seiner Mitarbeiter und einem Kameramann, der seine Tätigkeit mangels Drehgenehmigung auch gleich wieder einstellen musste. Unterstützung erhielten die vier von mindestens zehn weiteren ähnlich gesinnten TeilnehmerInnen.

Die Diskussionsteilnehmer mit offensichtlichem AfD-Hintergrund versuchten mit Nachdruck auf die Eindeutigkeit ihres politischen Ansinnens zu verweisen. Wurde diese „eindeutige Richtigkeit“ im Sinne des Veranstaltungsthemas angezweifelt, war zum Teil Empörung die Reaktion.

Es stellte sich eine deutlich Konfrontationslinie heraus: Auf der einen Seite das Interesse zu erforschen, wie wir uns mit unterschiedlich Positionen möglichst produktiv begegnen können – auf derr anderen Seite ging es im Wesentlichen um das Ziel, für die jeweils eigene Position eine Bestätigung zu erlangen.

Damit ergab sich eine angespannte Atmosphäre, weil das Ringen um die Deutungshoheit im Diskurs eine teilweise strikte Moderation erforderlich machte. Die beiden sich gegenüberliegenden Positionen blieben am Ende nebeneinander stehen.

Der Abend hatte trotzdem einen als Erfolg zu bezeichnenden Verlauf. Das hat folgende Gründe.

  • Die Teilnehmer diskutierten jenseits ihrer jeweiligen Filterblasen.
  • Die allgemeinen Regeln für ein Gespräch zwischen Kontrahenten hatten im Wesentlichen Bestand.
  • Es konnte die Erfahrung gemacht werden, wie anstrengend eine demokratisch geführte Debatte werden kann. Wer den Raum empört verließ, kann dann doch wieder zurück.
  • Deutlich wurde auch wie wichtig es ist, wenn die Diskussion aus dem Ruder zu laufen droht, sich immer wieder auf gemeinsame Diskussionsregeln zu verständigen.
  • Auch wenn nicht alle DiskussionsteilnehmerInnen erreicht werden konnte, wurden doch wichtige Elemente einer konstruktiven Debatte vermittelt – etwa die Regel: Wer eine Behauptung aufstellt, der trägt auch die Beweislast.

Insofern bildete der Abend die gesellschaftliche Bandbreite politischer Positionen ab, hatte in Ansätzen den Charakter eines demokratischen Werkstattgespräches und kann unter Umständen beispielhaft für weitere Debatten sein.“

Der Autor selbst, Daniel-Pascal Zorn, schilderte den Abend aus seiner Sicht

Interessant war, aus meiner Perspektive, gerade die Art und Weise, wie Gespräche bei diesem Dialog gelungen oder gescheitert sind. Viele Beiträge der „ähnlich gesinnten“ Teilnehmer (der AfD-nahen Teilnehmer, d. Red.) waren darauf ausgelegt, mich in bestimmte Diskussionen zu verstricken.

Dabei endeten viele dieser Gespräche wohl oft eher unerwartet: Die Diskussion über „Wahrheit“ zeigte, dass es eine ganze Bandbreite von Wahrheitsansprüchen gibt, die aber nicht alle gleich gut gerechtfertigt werden können. Extreme Schlussfolgerungen wie diejenige, dass es dann doch eigentlich „keine Wahrheit“ gebe oder aber, dass es eben nur „eine Wahrheit“ gebe, wurden differenziert.

Auch der Beitrag einer jungen Frau, die mich fragte, ob ich sie wegen einer bestimmten Überzeugung und einem bestimmten Gefühl als „rechts“ einstufen würde, führte in eine andere Richtung.

Offenbar hatte sie ihre Frage unter der Voraussetzung gestellt, ich würde nun bestimmen, wann jemand „rechts“ ist und wann nicht. Hätte sie unser Buch gelesen, hätte sie gewusst, dass wir genau diese simple Festlegung durchaus differenziert betrachten.

Ihre Frage, die  – ohne Beleg – eine angeblich gestiegene Kriminalität seit der „Grenzöffnung“ 2015 behauptete, führte dann mit einem weiteren Teilnehmer zu einer durchaus spannenden und differenzierten Diskussion über den Wert statistischer Argumente. Wir kamen überein, dass man, bevor man solche Argumente gebraucht, genau prüfen muss, ob sie sich auch methodisch rechtfertigen lassen. Ein gutes Gespräch!

(…)

Überrascht hat mich die Unruhe im Publikum. Das rührte m. E. auch daher, dass meine Antworten zwischenzeitlich wie die eines Politikers wahrgenommen wurden. Diesem Zwang, jedes Argument von Vornherein als politisches zu verstehen, über das man sich dann lautstark empören oder dem man ebenso lautstark zustimmen kann, habe ich mich entzogen – und deutlich gemacht, dass es mir darum geht, die Aufmerksamkeit auf das Wie des Diskutierens zu lenken.

Gerade in dem Versuch, mich immer wieder auf ein vermeintliches Was – das ich gar nicht vertrete – festzulegen oder auf ein Belehren von oben herab, gegen das man sich dann empören kann, machte deutlich, wie wichtig diese Aufmerksamkeit im Diskurs ist.

Es machte aber auch deutlich, dass unsere Beschreibung des Schemas vornehmlich rechter Diskussionsteilnehmer durchaus treffend ist: Klagen über Repression wechselten sich mit dogmatischen Setzungen und Versuchen ab, den anderen recht aggressiv zu übertönen oder anzuprangern.

Alles in allem war es ein vielseitiger und lehrreicher Abend. Ich musste dabei gar nicht viel erklären – einige Teilnehmer machten selbst deutlich, wie wenig ein Diskurs zum Ziel führt, der auf Lautstärke, Hohn, Herabsetzung setzt und auf Annahmen basiert, die nicht zur Veranstaltung passen.

Der Buchtitel „Mit Rechten reden“ (…) beinhaltet – und das habe ich auch mehrfach deutlich gemacht –, dass das Reden mit Rechten ein Problem sein kann, dass es aber nicht von Vornherein ein unlösbares Problem ist.

Beides ist an diesem Abend in Unna deutlich geworden.“

 

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3 KOMMENTARE

  1. Der Bericht klingt so, als ob kein einziger „Linker“ dabei gewesen wäre. Wo sind die ganzen „Linken“ denn auf einmal abgeblieben? Sind die linken Argumente ausgegangen?

    Vielleicht wäre das nächste mal eine Diskussion zum Thema „Mit Linken reden“ sinnvoller? Oder passt so ein Thema nicht ins politische Weltbild der Veranstalter?

    • Wie kommen Sie schon wieder unbesehen zu diesen Unterstellungen, Dagobert? Waren Sie selbst dort? Äußern Sie sich bitte zum Thema und unterlassen Sie als Pseudonymschreiber Angriffe auf namentlich auftretende Personen, das ist eine erbärmliche Art des Diskurses. Genau um fairen Diskurs ging es an dem Abend. Beste Grüße.

      • Waren denn Sie dort? Falls ja: Waren denn „Linke“ dort? Oder haben die „weder rechts noch links“-Veranstalter nur mit „Rechten“ geredet? Das ist doch eine berechtigte Frage. Der alleinige Diskurs von angeblich „Neutralen“ ausschließlich mit „Rechten“ ist etwas einseitig, finden Sie nicht? Übrigens ist es kein sonderlich produktiver Diskurs, wenn das Pseudonym „Redaktion“ einen Leser als „erbärmlich“ beleidigt. Lesen Sie den Artikel doch noch mal, vielleicht nehmen Sie ja etwas über Höflichkeit und Fairness mit.
        Trotzdem: Schönen Abend noch…