Wird es „immer schlimmer“? Worüber berichtet die Polizei – und worüber nicht?

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Streifenwagen der Polizei / Archivbild Rundblick Unna.
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„Wird immer schlimmer“ – ist das wirklich so? Gefühlt nehmen vor allem Gewaltstraftaten deutlich zu, die Polizeiliche Kriminalitätsstatistik spricht hingegen eine völlig andere Sprache – laut dieser war es seit über 10 Jahren nicht mehr so sicher im Kreis Unna wie in ganz NRW.

Immer wieder fragen uns Leser:

Nach welchen Kriterien entscheiden die Polizeipressestellen überhaupt, welche Vorfälle sie öffentlich machen  – im Internetzeitalter für jeden abrufbar auf ihren Presseportalen – und über welche sie nicht berichten, aus unterschiedlichen Gründen?

Wir fragten dazu im vorigen Sommer einmal bei den umliegenden Polizeipressestellen nach.

 1. Kreispolizeipressestelle Unna – Sprecherin Ute Hellmann:

„Die Kreispolizeibehörde berichtet regelmäßig z. B. über Unfallfluchten. Mit örtlichen Medienvertreter hat es vor Jahren ein Gespräch darüber gegeben, wie hoch die Messlatte liegen sollte. Danach herrschte Einigkeit darüber, dass nicht über jeden beschädigten Außenspiegel berichtet werden sollte, da das auch den Medien keine Meldung wert wäre. Daher liegt die Messlatte bei einem Sachschaden in Höhe von mindestens 1500 Euro.

Internistische Notfälle fallen in die Zuständigkeit der Rettungsdienste und nicht der Polizei. Daher kann die Polizei darüber gar nicht berichten. Etwas anderes ist es natürlich, wenn ein Autofahrer während der Fahrt im öffentlichen Verkehrsraum einen Herzinfarkt erleidet und daher einen Verkehrsunfall verursacht. Darüber berichten wir stets.“

Aus eigener langjähriger Erfahrung mit der Kreispolizei Unna fügen wir ergänzend hinzu, dass über Unfälle berichtet wird, sofern Personen verletzt wurden und/oder hoher Sachschaden entstand; über Einbrüche und Diebstähle wird regelmäßig berichtet, lückennlos sei das jedoch schlicht nicht möglich, sagte uns die Pressestelle in früheren Gesprächen, man treffe eine jeweilige Auswahl.

Praktisch nie (in den letzten Jahren 2 oder 3 Mal) berichtet die Kreispolizei initiativ über Einsätze in oder an der Erstaufnahmeeinrichtung (EAE) Unna-Massen, da es dabei meist um Fälle von „Gewalt im häuslichen Umfeld“ gehe. Eine völlig andere Linie fährt bei Auseiandersetzungen in Asylheimen übrigens die Kreispolizei Soest, die weiter unten noch zur Sprache kommt.

Und immer wieder machte und macht unsere Redaktion die Erfahrung, dass die Unnaer Polizei nicht über Straftaten berichtet, für die – wie man glauben würde – eigentlich Zeugen nötig wären, da der oder die Täter fliehen konnte/n.

Das liegt nach Information anderer Pressestellen zuweilen aber auch daran, dass  laufende Ermittlungen nicht gefährdet werden sollen.

So z. B. – hier nur vier Beispiele –

… als im April 2016 eine 13-Jährige abends in Bönen überfallen wurde;

Rundblick-Unna » Angriff auf Schülerin mit versuchtem Raub: Mädchen von…

Hier erhalten Sie lokale Nachricht und Geschichten rund um die Kreisstadt Unna und der Umgebung.

… so im November 2016, als einer 17-Jährigen mittags in Unna-Uelzen das Handy geraubt wurde;

Rundblick-Unna » Versuchter Handyraub in Uelzen: 17Jährige schreit Täte…

Hier erhalten Sie lokale Nachricht und Geschichten rund um die Kreisstadt Unna und der Umgebung.

… wiederum im April 2016 nach dem sexuellen Missbrauch einer 11-Jährigen im dm am Ostring;

Rundblick-Unna » Übergriff auf 11Jährige im dm: Kind wurde umklammert, …

Hier erhalten Sie lokale Nachricht und Geschichten rund um die Kreisstadt Unna und der Umgebung.

… oder am 18. Februar dieses Jahres, als zwei junge Männer am Morgentor überfallen wurden; einer brach sich die Hand.

Weiterer Angriff in Unna schon vor 3 Wochen – Opfer brach sich Hand | Ru…

Redaktion

Die drei Angriffe bzw. Überfälle in der Unnaer Innenstadt am vergangenen Samstag und Montag waren nicht die erst…

In allen Fällen meldeten sich Angehörige bzw. Betroffene bei unserer Redaktion, um über den Vorfall zu berichten. Die Unnaer Polizei bestätigte anschließend jeden dieser Vorfälle und fertigte im Anschluss in zwei Fällen jeweils eine kurze Meldung.

2. Polizeipräsidium Dortmund – Pressesprecherin Dana Seketa:

„Grundsätzlich richten wir uns nach dem entsprechenden Erlass des Ministeriums, aus dem sich unter anderem Ziele und Maßstäbe sowie Grundsätze und Inhalte von Presseauskünften ergeben:

MBl. NRW. Ausgabe 2012 Nr. 1 vom 9.1.2012 Seite 1 bis 20 | Landesrecht NRW

MBl. NRW. Ausgabe 2012 Nr. 1 vom 9.1.2012 Seite 1 bis 20 | Landesrecht NRW

Ministerium des Innern des Landes Nordrhein-Westfalen, Referat 14

Das offizielle Rechtsportal des Landes NRW mit den aktuellen Gesetzen und Erlassen des Landes NRW

Hier zudem eine beispielhafte Auflistung der Kriterien für das Schreiben unserer Pressemitteilungen:

  • –       Aktualität der Themen/Inhalte: Der veröffentlichte Inhalt sollte zeitnah zum Geschehen bzw. zur Tat stehen
  • –       öffentliches Interesse: Der Inhalt der Meldung betrifft die Öffentlichkeit (oder einen Teil davon), hat eine räumliche Nähe
  • –      der Wahrheitsgehalt der Inhalte sollte zum Zeitpunkt der Veröffentlichung angenommen werden können
  • –       die Meldung sollte verständlich, „einfach“, möglichst kurz und objektiv geschrieben sein
  • –       die veröffentlichten Inhalte sollten keine Ermittlungsergebnisse beeinflussen oder gefährden
  • –       die Meldung sollte die sogenannten W-Fragen beantworten (mindestens wer, was, wie, wo, wann)
  • –       der Inhalt sollte sich auf die eigenen (polizeilichen) Maßnahmen beziehen und nicht das Handeln anderer „Akteure“ thematisieren – es sei denn, es handelt sich um eine gemeinsame Veröffentlichung und es ist entsprechend abgestimmt worden
  • –       die Identität betroffener Personen wird nicht preisgegeben (außer im Fall der Öffentlichkeitsfahndung)
  • –       Inhalte der Pressemeldung geben keine Tatanreize.“

Ihr Kollege Kim Freigang (mittlerweile PP Düsseldorf) fügte ergänzend hinzu:

  • Was wird NICHT veröffentlicht:
    • Suizide, die keine Öffentlichwirksamkeit haben (Rücksicht auf Familien)
    • Beziehungsstreitigkeiten (Rücksicht auf Familien)
    • Milieubedingte Streitigkeiten (kommt auf den Fall an, wenn bspw. Schlägerei zwischen 20 Personen in der Öffentlichkeit, dann schon); Vogt damals dazu (off the record) „Pack schlägt sich, Pack verträgt sich“
    • Alles, was älter ist als 2 Tage
    • Nichts, wo Polizei Gefühl hat, es sei nicht korrekt/der Wahrheit entsprechend, wobei Fahndungsaufrufe auch das Gegenteil beweisen können
    • Keine Sachverhalte, die die Ermittlungen beeinflussen könnten
    • Keine Ladendiebstähle/Fahrraddiebstähle  würde ausufern und wäre in einer Großstadt wie DO nicht zu stemmen
  • Veröffentlicht werden Sexualdelikte, rechte Straftaten
  • Unfälle ohne Verletzte: abhängig von der Schadenshöhe.
  • „Es ist aber, machen wir uns nichts vor, immer auch ein Ritt auf der Rasierklinge. Dem gehen oft interne Diskussionen voraus. Im Zweifel entscheiden wir uns für die Veröffentlichung.“ (Freigang)

3. Polizeipräsidium Hamm – Pressesprecher Christoph Grauwinkel:

„Ich gebe Ihnen Recht – landesweit gibt es Unterschiede bei der Auswahl von Sachverhalten, die im Presseportal veröffentlicht werden.

Natürlich gibt es Vorgaben, die allerdings sehr allgemein gehalten sind. Diese besagen lediglich, dass wir unserer Informationsverpflichtung nach §4 Landespressegesetz nachkommen müssen. Das versteht sich von selbst.

Alle Behörden haben sich Gedanken gemacht, welche Informationen für die örtlichen Medienvertreter von Interesse sein könnten.

Dabei gilt generell: Presserelevant sind alle Anlässe, die zu Aufsehen in der Öffentlichkeit oder Medienveröffentlichungen führen können.

Und so haben alle Behörden für ihren Bereich einen sogenannten „Roten Faden“ erstellt.

Jetzt zum Thema Unfallfluchten – wir veröffentlichen bei weitem nicht alle. Aber wenn Ermittlungsansätze vorhanden sind oder ein hoher Schaden eingetreten ist, bringen wir solche zu Papier.

In Hamm gibt es im Jahr etwa 15.000 Straftaten, davon sind alleine etwa 1300 Delikte Unfallfluchten. Ein recht hoher Anteil. Daher hat dieses Deliktsphänomen für Hamm eine hohe Relevanz und wird auch regelmäßig in den örtlichen Medien thematisiert. In den Nachbarbehörden hat das Thema vielleicht nur eine untergeordnete Bedeutung.“

4. Polizeibehörde Märkischer Kreis – Pressesprecher Marcel Dilling:

„Es wird nicht gelogen.“ Diese eindringliche Order, sagt Marcel Dilling, war die Erste und Wichtigste, die er für seine Arbeit als Polizeisprecher auf den Weg bekommen habe.

Die Pressestelle der sauerländischen Nachbarpolizei füllt ihr Presseportal sehr rege, mit sprichwörtlichem Bienenfleiß.  „Das ist uns im Vergleich zu anderen Behörden auch aufgefallen“, nickt Marcel Dilling. Aber natürlich könne auch die Polizei MK unmöglich alles berichten, was sich die Kriminellen rund um Iserlohn, Menden etc. alles einfallen lassen.

„Bei monatlich rund 25.000 Straftaten kann man sich ausrechnen, wie viele wir dann täglich ins Portal stellen müssten.“

Die Auswahl dessen, was berichtet wird, ist daher gezwungenermaßen subjektiv. Wie seine Kollegen verweist auch Dilling auf das Landespressegesetz, das die grundsätzlichen Linien vorgebe. „Wir gehen auf dieser Basis täglich alle – tatsächlich alle – Meldungen aus allen Städten und Gemeinden durch und überlegen, welche für die Öffentlichkeit interessant sein könnten; welche Aufsehen erregt haben und deshalb berichtet werden sollten; und für welche natürlich auch Öffentlichkeit sinnvoll oder notwendig ist, so bei der Suche nach Zeugen.“

Wenn derartige Vorfälle nicht mitgeteilt würden, kämen dafür vor allem zwei Gründe in Frage:

  • Laufende Ermittlungen sollen nicht gefährdet werden;
  • die Schilderungen des/der Betroffenen wirken nicht glaubwürdig.

Grundsätzlich nicht berichtet wird bei der Polizeipressestelle MK auch über Fälle häuslicher Gewalt – ausgenommen davon sind Kapitaldelikte sowie Fälle, in denen diese häusliche Gewalt öffentliches Aufsehen erregt (z. B. vor der Haustür, auf dem Balkon…).

Insgesamt, bilanziert Marcel Dilling, stehe die Polizeipressestelle immer vor der Abwägung: überwiegt das öffentliche Interesse, oder stehen gewichtige Argumente gegen die Veröffentlichung. „Das ist ein täglicher Balanceakt, und möglicherweise entscheiden wir aus Sicht der Bürger nicht immer richtig. Hier arbeiten aber eben auch nur Menschen.“

Kreispolizeibehörde Soest – Pressesprecher Frank Meiske:

„Die Pressestelle verschafft sich täglich bei Dienstbeginn in den polizeilichen Auskunftssystemen einen Überblick über das Einsatzgeschehen. Dabei werden alle relevanten Inhalte herausgesucht.

Unfälle mit verletzten Personen, Einbrüche, Raubüberfälle, Brände oder auch Einsätze, die in der Öffentlichkeit für Aufsehen gesorgt haben.

Grenzen für die öffentliche Berichterstattung gibt es selbstverständlich. 

Ein Eingriff in schwebende Verfahren oder die Grundsätze des Opferschutzes werden jederzeit berücksichtigt und können dazu führen, dass über bestimmte Vorfälle, wie zum Beispiel ein Suizid, nicht berichtet wird.

Wir wollen mit den Meldungen Zeugen für Straftaten finden, den Bürger über polizeiliches Geschehen unterrichten, und natürlich Präventionsmeldungen zum Kriminalitäts- oder Verkehrsgeschehen veröffentlichen.

Letztlich suchen die Journalisten für ihr Medium die Berichte aus, die sie dort veröffentlichen wollen. Manche Berichte werden von den Pressevertretern neu geschrieben, andere einfach nur kopiert. Auf die Auswahl, welche unserer Meldungen in welchem Medium erscheint, haben wir keinen Einfluss.“

– Sonderfall Kreispolizei Soest: Initiative Berichterstattung über Vorfälle in Flüchtlingseinrichtungen bzw. unter Zuwanderern.

Die Pressestelle unter Verantwortung Frank Meiskes berichtet als einzige regelmäßig über Vorfällen mit bzw. unter Zuwandern, die meist in oder im Umfeld der Zentralen Unterbringungseinrichtungen (ZUE)  Echtrop und Rüthen stattfinden. Das habe gewachsene Gründe, sagte Meiske unserer Redaktion, seit im Dorf Wickede-Wimbern das einstige Krankenhaus zur Flüchtlingsunterbringung umgewandelt wurde. Die Bürger hätten offene Berichterstattung über die dort stattfindenden Vorfälle aktiv eingefordert, da sie sich mit allgemeinen Formulierungen wie „ein Wimberner“ oder „ein Rüthener“ verunglimpft sähen.

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