Kreisel-Ampelstreit geht weiter: „Wirkt“ die Fußgängerampel vor Netto vor allem für Autofahrer?

0
435
Auf Knopfdruck bekommen Fußgänger und Radfahrer binnen Sekunden Grün. (Foto Rundblick)
Facebookrss

Eine Fußgänger- und Radfahrerampel vor einem Kreisverkehr – DEM Unnaer Problemkreisverkehr. Nach der dreimonatigen Testphase steht nunmehr fest: Ampel statt Zebrastreifen wirkt.

Der Verkehr läuft besser, es gibt weniger Staus. Und unsicherer für Radler und Fußgänger sei es auch nicht geworden.

Dennoch geht der Streit weiter. Denn nach Ansicht des Fahrradclubs ADFC „wirkt“ die Ampel vor allem zu Gunsten von Autofahrern und benachteiligt einmal mehr die Radler.

Es geht um die provisorische Signalanlage auf der Viktoriastraße vor Netto, die seit März den Zebrastreifen direkt am Kreisel ersetzt. Die Verwaltung empfahl für die Sitzungen der Fachausschüsse in dieser Woche, das Provisorium zum Dauerzustand zu machen, da das Gutachten eindeutig pro Ampel ausgegangen sei.

Doch die Grünen meldeten noch Beratungsbedarf an. Deshalb bleibt die Ampel zunächst bis September stehen, und dann wird endgültig entschieden.

Käme die Ampel, bliebe die Radspur am Kreisel in beide Richtungen beradelbar, so die Gutachterempfehlung, da die Führung in nur eine Richtung von den Radlern sowieso nicht akzeptiert werde. Kaum ein Radler umkreise einmal den kompletten Kreisel, nur um bis zur nächsten Ausfahrt zu kommen.

Eine andere Frage stellte FLU-Chef Klaus Göldner: Wie will man zukünftig den Ausweichverkehr von Fußgängern und Radlern um die Ampelanlage herum verhindern? Dies so die Antwort, werde man baulich verhindern, z. B. durch einen „Zaun“.

Ampelhinweis am Kreishauskreisel. (Foto RB)

Im Stadtentwicklungsausschuss am Mittwoch, 26. 6., stellte Verkehrsgutachter Lothar Bondzio Ideen vor, wie der Verkehr mit der Bebauung der Mühle Bremme vernünftig geregelt werden könnte. „Es wird Mehrverkehr geben, und der Kreisverkehr ist der Flaschenhals.“ Dies zu lindern, kam die Idee dieser Fußgänger- und Radfahrerampel auf – zunächst als dreimonatige Testphase angelegt.

Diese ist nun beendet.

Kernaussagen:

  • Die Kapazität der Kantstraße ist um 8 Prozent gestiegen, d. h. die Straße nimmt 8 Prozent mehr Verkehr in derselben Zeit auf.
  • Die Kapazität im Kreisel selbst hat sich um 5 Prozent verbessert.
  • Der Rückstau hat sich erheblich reduziert.
  • Und unsicherer (für Radler und Fußgänger) sei die Querungssituation auch nicht geworden, formulierte es Gutachter Bondzio im Ausschuss, eher tendenziell sicherer.

Im Gutachten ist es dahingehend formuliert, dass sich „die Anzahl der Konfliktsituationen Kfz/Radfahrer/Fußgänger verringert““,  heißt, man kommt sich weniger häufig in die Quere. Diese Formulierung sagt allerdings nicht zugleich aus, dass auch die Unfallgefahren gesunken sind, merkte der Gutachter an. „Was man sagen kann: Es ist auf keinen Fall unsicherer geworden als vorher, wenigstens gleichbleibend, eher in Richtung höhere Sicherheit.“

„Insgesamt hat die Vorher-Nachher-Betrachtung gezeigt, dass die … provisorisch eingerichtete signalisierte Querungsstelle … eine sichere Alternative zum konventionellen Überweg am Kreisverkehr darstellt, um damit die Verlustzeiten und die Rückstaus in der Kantstraße zu verringern und die Leistungsfähigkeit zu erhöhen“,

fasst das Gutachten die Versuchsergebnisse zusammen.

Spräche somit alles für dauerhaft Grün auf Knopfdruck vor Netto. Doch die anwesenden Vertreter des ADFC liegen mit dieser Querungsampel über Kreuz. Sie wollen eine dauerhafte Einrichtung unbedingt verhindern, da hier einmal mehr der Autoverkehr bevorzugt werde. 8 Prozent höhere Kapazität auf der Kantstraße spreche ja für sich!

Durch den gutachterlich bezeugten besseren Verkehrsfluss und weniger Stau würden die Bürger ja geradezu ermuntert, mit dem Auto in die Stadt zu fahren, was doch das genau falsche Signal sei in der heutigen Zeit – den Autoverkehr zu fördern schimpften die Clubvertreter.

Fußgänger und Radler hingegen zwinge man zum Warten vor einer Ampel ... –  Helmut Papenberg, der unter anderen für den ADFC  das Wort ergriff, redete sich so richtig in Rage. Er und seine Mitstreiter hatten für die Sitzung extra noch eine aufwändige Powerpoint-Präsentation vorbereitet, die angesichts der schon mehr als vollen Tagesordnung kurzfristig aber nicht mehr zugelassen wurde.

Weil Papenberg von seinem Rederecht als Einwohner mehr als ausführlich Gebrauch machte, konnte Ausschussvorsitzender Bernd Dreisbusch den Redeschwall kaum bremsen. Er bat mehrfach eindringlich darum, die politische Diskussion bis nach der Sommerpause abzuwarten, da die Grünen ohnehin noch um Beratungsbedaf gebeten hatten. Denn auch sie waren anfangs strikt gegen diese Ampel gewesen und wollen die Ergebnisse des Versuchs jetzt erst einmal gründlich bewerten.


Wörtlich heißt es zum Ergebnis des Versuchs in der Zusammenfassung der Verwaltung (Vorlage mitsamt komplettem Gutachten HIER unter TOP 4.9):

„Im Rahmen früherer Untersuchungen – zuletzt im Jahr 2016 zur Erschließung des Geländes Mühle-Bremme – erwies sich der Kreisverkehr als Engpass im Straßennetz der Unnaer Innenstadt. Dabei stellte sich insbesondere der Konfliktpunkt des Kfz-Verkehrsstroms an der Kreisverkehrsausfahrt Viktoriastraße mit dem bevorrechtigten Fuß- und Radverkehrsstrom als Ursache dar.

Der Überweg ist insbesondere in der Spitzenverkehrszeit morgens und im Mittagszeitraum durch den Schülerverkehr aus der Innenstadt und vom Hauptbahnhof zum Schulzentrum nördlich der Innenstadt und in entgegengesetzter Richtung stark frequentiert. Ausgehend vom Überweg stauen sich regelmäßig die in die Viktoriastraße ausfahrenden Fahrzeuge bis auf die Kreisfahrbahn zurück und blockieren in der Folge die angrenzende Einfahrt an der Kantstraße. Dies führt wiederum zu langen Rückstaus entlang der Kantstraße mit hohen Verlustzeiten für den Kfz- und den öffentlichen Nahverkehr.

Zur Steigerung der Abflusskapazität aus dem Kreisverkehr in die Viktoriastraße wurde daher in der Untersuchung aus dem Jahr 2016 empfohlen, den Fuß- und Radweg an der Viktoriastraße durch eine vom Kreisverkehr abgesetzte signalisierte Furt in der Viktoriastraße zu ersetzen. Diese Empfehlung wurde im Rahmen des Verkehrsversuchs zur Feststellung der tatsächlichen Wirkungen auf den Verkehrsablauf zunächst provisorisch umgesetzt.

Die Feststellung der Wirkungen erfolgte durch eine Vorher-Nachher-Untersuchung.

Dafür wurde im November 2018 zunächst der Verkehrsablauf im Vorher-Zustand mit der bevorrechtigten Querungsstelle für Fußgänger und Radfahrer an der Viktoriastraße erhoben. Im März 2019 wurde die Erhebung des Verkehrsablaufs in Nachher-Zustand mit signalisierter Querungsstelle durchgeführt.

Die Erhebungen hatten nicht nur die Ermittlung der Wirkungen auf den Verkehrsablauf im Kfz-Verkehr zum Ziel, sondern insbesondere auch die Überprüfung und Beurteilung der Verkehrssicherheit der veränderten Vorfahrtsituation mit der signalisierten Querung für den Fußgänger- und Radverkehr gegenüber der vorherigen konventionellen bevorrechtigten Fahrbahnquerung am Kreisverkehr.

Die Erhebungen wurden jeweils über einen Zeitraum von 13 Stunden zwischen 06:00 und 19:00 Uhr durchgeführt. Über diesen Zeitraum erstreckt sich auch der Vorher-NachherVergleich an den Messquerschnitten in der Zufahrt Kantstraße, in der Kreisfahrbahn unmittelbar vor der Zufahrt Kantstraße und an der Viktoriastraße. Der Verkehrsablauf am gesamten Kreisverkehr wurde in den üblichen Zeiträumen morgens (06:00 bis 10:00 Uhr) und abends (15:00 bis 19:00 Uhr) ausgewertet. Neben den Erhebungen am Kreisverkehr selbst wurde auch die Rückstausituation entlang der Kantstraße vom Kreisverkehr bis zum Ostring aufgezeichnet.

In der Vorher-Erhebung konnte ein deutlicher Zusammenhang zwischen den Fußgänger- und Radverkehrsstärken an der Querung Viktoriastraße und dem Verkehrsablauf im Kreisverkehr festgestellt werden. Insbesondere in der Morgen- und Mittagszeit ist das hohe Fußgänger- und Radverkehrsaufkommen mit einem deutlichen Rückgang der Verkehrsstärken am Kreisverkehr verbunden.

Die Ergebnisse der Nachher-Erhebung zeigten diesen Zusammenhang nicht mehr.

Insgesamt stieg das Verkehrsaufkommen im Kfz-Verkehr am Kreisverkehr um 5 %. In der Einfahrt Kantstraße konnte eine Zunahme um 8 % festgestellt werden und in der Viktoriastraße um 4 %.

Trotz der Verkehrszunahme ist festzustellen, dass die extrem langen Rückstaus entlang der Kantstraße, die zuvor bis über den Tunnel an der Kantstraße hinausreichten, in der NachherErhebung um 90 % zurückgegangen sind.

Rückstaus mit Stauende im Bereich zwischen dem Knotenpunkt Kantstraße / Poststiege und dem Tunnelausgangsportal bzw. mit Stauende im Tunnel nahmen demzufolge in der Nachher-Erhebung um 41 % zu. Die Zunahme der Rückstaus in diesen Bereichen ist einerseits auf die gestiegene Kapazität der Kreisverkehrseinfahrt und andererseits auf eine gleichzeitige Zunahme der Verkehrsmenge in der Kantstraße in der Nachher-Erhebung zurückzuführen.

Die zeitliche Verteilung der Veränderungen von Verkehrsstärken und Rückstaulängen in der Nachher-Erhebung gegenüber der Vorher-Erhebung zeigt, dass auch im Zeitraum von 15:00 bis 19:00 Uhr bei vergleichsweise geringerem Fußgänger- und Radverkehrsaufkommen und hohen Kfz-Verkehrsstärken eine positive Wirkung der veränderten Querungssituation in der Viktoriastraße auf den Verkehrsablauf am Kreisverkehr festzustellen ist. Der Zeitraum von 15:00 bis 19:00 Uhr ist insbesondere für die Ansiedlung des Einkaufszentrums MühleBremme von Interesse, da in diesem Zeitraum eine Verkehrszunahme entlang der Kantstraße durch die Ansiedlung des Einkaufszentrums zu erwarten ist.

Bereits im Verkehrsgutachten von Oktober 2016 wurde festgestellt, dass auch ohne Signalisierung des Fußgängerüberweges keine grundsätzlichen verkehrlichen Einwände gegen die Ansiedlung des Einkaufzentrums bestehen, jedoch zur weiteren Verbesserung der Verkehrsabläufe eine Prüfung der Signalisierung empfohlen wurde. Durch das Zusatzgutachten hat sich bestätigt, dass die Signalisierung tatsächlich zur Steigerung der Leistungsfähigkeit des Kreisverkehrs führt.

Infolge der Leistungssteigerung haben Verkehrsteilnehmer ihre Routenwahl verändert, so dass in der Nacherhebung in der Kantstraße rd. 8 % mehr Kfz festgestellt wurden (nachmittags, Zeitraum 15-19 Uhr).

Die Verkehrsuntersuchung zur Ansiedlung des Einkaufszentrums aus dem Jahr 2016 hatte unter Berücksichtigung des Neuverkehrs des Einkaufszentrums sowie der allgemeinen Verkehrsentwicklung für denselben Straßenabschnitt in der nachmittäglichen Spitzenstunde eine Zunahme von 6 % prognostiziert. Es ist damit zu rechnen, dass nach der Inbetriebnahme des Einkaufszentrums und der dadurch ausgelösten Verkehrszunahme es wiederum zu einer veränderten Routenwahl der Verkehrsteilnehmer kommen wird, die im Endeffekt eine leichte Erhöhung der Verkehrszahlen gegenüber der Nacherhebung bringen kann.

Egal mit welcher Feinsteuerung sich die Leistungsfähigkeit der Kantstraße als Querung der Bahnlinie noch gestalten lässt, wird sich die Verkehrsbelastung dieses Verkehrsabschnittes auf einen Gleichgewichtszustand einstellen, der der Inkaufnahme von Reisezeitverlusten einerseits und dem Reisezeitaufwand für andere Routen entspricht.

Insgesamt hat die Vorher-Nachher-Betrachtung gezeigt, dass die im Verkehrsversuch provisorisch eingerichtete signalisierte Querungsstelle an der Viktoriastraße eine sichere Alternative zum konventionellen Überweg am Kreisverkehr darstellt, um damit die Verlustzeiten und die Rückstaus in der Kantstraße zu verringern und die Leistungsfähigkeit zu erhöhen. Gleichzeitig kann durch die signalisierte Furt die Verkehrssicherheit verbessert werden, da sich die Anzahl der Konfliktsituationen Kfz/Radfahrer/Fußgänger verringert. Das Verkehrsgutachten liegt als Anlage 1 dieser Vorlage bei.

Es wird empfohlen, eine dauerhafte Signalisierung einzurichten. Die erforderliche Anpassung der Fuß- und Radwegeanschlüsse ist im Lageplan dargestellt (Anlage 2). Bis zum Zeitpunkt der Umsetzung sollte das Provisorium erhalten bleiben.

——————————————————————————

In seinem Antrag vom Dezember bat der ADFC hingegen darum, auf den Versuch zu verzichten. (HIER geht es zur damaligen Vorlage).

Sei es nicht statt dessen angesagt, stellt er die Frage, angesichts der schon jetzt massiven Verkehrsprobleme im Umfeld des fünfarmigen Kreisverkehrs das gesamte Projekt „Einkaufszentrum Mühle Bremme“ noch einmal gründlich auf seine Sinnhaftigkeit zu hinterfragen?

Grafik der geplanten Verkehrsregelung mit Entwicklung des Mühlencenters. (Quelle Investor/Stadt Unna)

Denn mit dem Bau des „Mühlencenters“ kommt abermals deutlich mehr Verkehr auf diesen neuralgischen Punkt in Unnas Verkehrsnetz zu. Eine Ampel könne das nicht lösen, ist sich der ADFC sicher. Sie werde im Gegenteil die Probleme verschärfen:

Da der auf zwei bis drei Monate angesetzte Ampelversuch ab Januar (unter Absperrung des Zebraastreifens, über den die Fußgänger und Radler momentan die Fahrbahn queren) als Test für die geplante Mühle Bremme-Bebauung dienen soll, sieht der Fahrradclub eher andere Überlegungen angesagt:

HIER berichteten wir im März 2018 über die gutachterlich prognostizierten verkehrlichen Herausforderungen.

Facebookrss

Facebookrss

1 KOMMENTAR