Kreisel-Ampel „als Erfolg zu verkaufen“ entsetzt ADFC: „Unnas überbordender Verkehr nicht mehr zu bewältigen“

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Alltägliches Bild: Stau vom Ring via Kantstraße zum Kreisel. (Archivbild RB)
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Unna erstickt im Verkehr – auf der Kantstraße/Kreishauskreisel ebenso wie am  Büddenberg, Kamener Straße, Friedrich-Ebert-Straße oder der Hammer Straße. 65,5 Prozent KfZ-Verkehr hat Unna, ein enormer Wert. Die Tiefgaragen sind voll, schöne Plätze in der Innenstadt „zu Autoabstellplätzen verkommen“.

In dieser Situation die Fußgänger- und Radlerampel am Kreishauskreisel „als Erfolg zu verkaufen“ macht den Radclub ADFC fassungslos.

Er sieht Unnas überbordenden Verkehr schon jetzt nicht mehr zu bewältigen – und die Bebauung der Mühle Bremme mit dem Einkaufszentrum „Mühlencenter“ werde endgültig zum Kollaps führen – mit Rückstaus von über 650 m in den Ringtunnel hinein.

Den Eindruck zu erwecken, die Ampel auf der Viktoriastraße könnte hieran etwas ändern, ist für denr ADFC „einfach lächerlich“. Das Einzige, was diese Ampel erreiche: Sie bremse ein weiteres Mal den Radverkehr aus.

Wie berichtet, hatten die ADFC-Vertreter in der letzten Sitzung des Stadtentwicklungsausschusses am Mittwoch (26. 6.) umfassend zu dem Ampelversuch Stellung beziehen wollen, wurden vom Ausschussvorsitzenden Bernd Dreisbusch (SPD) letztlich aber „abgewürgt“, weil die (erregten) Statements den Zeitrahmen der Einwohnerfragestunde sprengten.

Am heutigen Samstagmorgen (29. 6.) schickte uns der ADFC einen offenen Brief an den SPD-Stadtverbandsvorsitzenden Sebastian Laaser zu.

Wörtlich schreibt der ADFC zur Kreisel-Ampel und den künftigen Staus:

„Im Stadtentwicklungsausschuss stellte nun der Gutachter seine Ergebnisse des Ampel-Versuchs vor.

Die Staus sind um 8 % zurückgegangen (so wie wir das schon vor dem Ampel-Versuch durch Beobachtung ermittelt hatten). Der Autoverkehr nahm um 4 % zu, der Fußgängerverkehr verringerte sich um 12 %, der Radverkehr gar um 39 %.

Die Staus auf der Kantstraße werden auch in unabsehbarer Zukunft an etwa 3,5 Stunden pro Tag bis zum Eingang des Verkehrstunnels reichen. Kommt das Einkaufszentrum werden die Autokolonnen sogar noch weit vor dem Tunnel beginnen.

Dies als Erfolg zu verkaufen, ist einfach lächerlich und unfassbar.

Der Gutachter schreibt in seinem Gutachten von 2016: „Durch die signalisierte Querung der Viktoriastraße lässt sich die Wahrscheinlichkeit einer Überstauung der Parkhausausfahrt gegenüber der heutigen Situation signifikant verringern.“ (S. 36)

Tatsache ist, dass die Staus statt 350 m bis zur Poststiege nun prognostiziert 650 m bis zum Tunneleingang reichen werden und mit dem Einkaufszentrum noch ein ganzes Stück weiter. Der Versuch müsste als fehlgeschlagen beurteilt und die Ampel sofort abgebaut werden.

Der Satz aus dem Gutachten von 2016: „Einen entscheidenden Einfluss auf die Funktionsfähigkeit des Kreisverkehrs hat der Fuß- und Radverkehr am Kreisverkehr“ (30) ist durch den Versuch eindeutig wiederlegt.

Schon vor Monaten haben wir versucht, mit dem Gutachter Kontakt aufzunehmen. Er war zu einem Gespräch nicht bereit. Der Bürgermeister hat uns in einem persönlichen Gespräch versprochen, dass wir nach dem Ampel-Versuch einen Gesprächstermin mit dem Gutachter bekämen. Diese Versprechen wurde nicht eingelöst.

Lieber Sebastian, wollt Ihr Euch wirklich mit diesen täglichen Staus über mehrere Stunden von 600 m und mit dem Einkaufszentrum vielleicht bis 800 m in alle Ewigkeit abfinden? Staus bringen immer eine hohe Luftbelastung mit sich, weil die Fahrzeuge im Schritttempo oder Stopp-and-go voranschleichen, ohne dass die Motoren zwischendurch ausgeschaltet werden.

Für den Gutachter scheint dies überhaupt kein Problem zu sein. Ihn interessieren nur die „Verlustzeiten“ der Autofahrer, die mit der Ampel aber kaum geringer werden. Was er aber auch nicht in seiner Rechnung hat, sind die Verlustzeiten, die nun die Radfahrer und Fußgänger in Kauf nehmen müssen. Dies wird an keiner Stelle des Gutachtens gegengerechnet.

Zu all diesen Widersprüchen und der Frage, wie er dazu kommt, solch ein armseliges Ergebnis als Erfolg zu bezeichnen, hätten wir gern eine Stellungnahme des Gutachters bekommen. Leider war es aber nicht möglich, diese Problematiken in der ASBV-Sitzung vorzutragen.

Auch wollten wir darlegen, wie eine umweltfreundliche, nachhaltige Lösung des Problems möglich wäre. Zunächst wurde uns verwehrt, dazu eine anschauliche PowerPointPräsentation zu zeigen, dann wurde unser Vortrag vom Ausschussvorsitzenden abrupt abgewürgt. Dies geschah mit der Bemerkung, es sei eine Einwohnerfragestunde und wir könnten doch vor den einzelnen Fraktionen unser Anliegen vorbringen.

  • Vor der SPD (allerdings Stadtverband nicht Fraktion), den Grünen und den Linken haben wir das getan.
  • Die CDU und die FDP haben auf unser Gesprächsangebot vom 13.3.19 nicht einmal reagiert.
  • Die SPD konnten wir offensichtlich nicht überzeugen. Auch wenn die endgültige Entscheidung noch verschoben wurde, haben wir nicht den Eindruck, dass wir die Mehrheit noch umstimmen können.

Die Ampel ist intern schon längst beschlossene Sache und jede Diskussion, wohl auch schon damals Ende März, nur ein Scheingefecht. Auch wenn der Erfolg noch so klein ist und die Prognosen des Gutachters nicht annähernd erreicht werden, wird man sich nicht die Blöße geben, das Ampelprojekt aufzugeben. Welch ein Armutszeugnis!

Nicht nur der Stau auf der Kantstraße, sondern auch die am Büddenberg, auf der Kamener Straße, der Fr.-Ebert-Straße oder der Hammer Straße zeigen, dass der überbordende Autoverkehr nicht mehr zu bewältigen ist. Auch der Modal Split-Anteil von 65,5 % KFZ-Verkehr in Unna ist für deutsche Verhältnisse ein sehr hoher Wert. Die Tiefgaragen sind voll, schöne Plätze in der Innenstadt sind zu Autoabstellplätzen verkommen.

Dies alles sind Auswirkungen einer 70-jährigen Auto-Vorrang-Politik. Sie hat in die Sackgasse geführt.

Wenn es gelänge, den Autoverkehr in der Stadt um, sagen wir mal, 20 % zu verringern, würden die Staus überall kürzer werden oder sogar ganz verschwinden. Andere Städte machen das vor.

Soest hat einen Modal Split-Anteil beim Autoverkehr von 56,6 %, Lippstadt 52,4 %, Bocholt 48 %, Kopenhagen 33 %, Freiburg 21 %.

Der 1. Nachhaltigkeitsbericht des Kreises Unna von 2013 nennt als Zielsetzung: 55 % Umweltverbund, 45 % KFZ. Das wären die oben genannten 20 %.

Nichts ist in den vergangenen sechs Jahren geschehen. Die Stadt Unna zeigte bis heute keine Bemühungen, solche Zahlen zu erreichen.

Der Gutachter Herr Bonzio hat für die Stadt Herne einen Masterplan klimafreundliche Mobilität erstellt und kommt darin zu dem Ergebnis, dass sich mit Förderung des Umweltverbundes der KFZ-Anteil von 60,4 auf 52,3 % senken ließe. Warum wurde er nicht beauftragt, ein entsprechendes Gutachten für Unna zu erstellen? Dann wäre der Ampel-Versuch überflüssig gewesen und man hätte den Stau durch Förderung der Umweltfreundlichen verringern können.

Zig-Millionen von Verbrennungsprozessen haben zu der menschengemachten Klimakatastrophe geführt, wie wir sie gerade erleben. Tausende von Wissenschaftler sagen uns, wir müssten jetzt sofort Gegenmaßnahmen einleiten überall, Demonstrationen von jungen aber auch älteren Menschen mahnen uns, u.a. eine Verkehrswende einzuleiten, aber die (noch) großen Parteien im Unnaer Stadtrat sind nicht dazu bereit.

Sie gehen weiter in die Sackgasse. Vor dem Rathaus demonstrieren Schüler für Fridays-for-Future, der Bürgermeister steht daneben und applaudiert. Im Rathaus werden aber weiterhin umweltschädliche Beschlüsse gefasst. Mit Ideen für ein umweltfreundliches und nachhaltiges Verkehrskonzept will man sich nicht beschäftigen und unterbindet rigoros die Stellungnahme des ADFC.

Die erheblichen Einbrüche von SPD und CDU bei der Europawahl sind auch darauf zurückzuführen, dass diese Parteien kein Konzept gegen den Klimawandel haben und hilflos diesem Problem gegenüberstehen. Aus dieser Hilflosigkeit soll jetzt ein Klimamanager für Unna bestellt werden, aber an der Realität in der Stadt ändert sich nichts.

So wurde vor über drei Jahren das Zielnetz Radverkehr beschlossen, aber so gut wie nichts davon umgesetzt.

Wir als ADFC werden uns aktiv dafür einsetzen, dass Unna im nächsten Jahr seine Mitgliedschaft in der Arbeitsgemeinschaft Fahrradfreundlicher Städte (AGFS) verliert, wenn nicht umgehend etwas passiert.

Die Ampel an der Viktoriastraße ist im Verlauf der Radverbindung von der Innenstadt nach Königsborn ein großer Negativ-Posten. Da hilft auch nicht viel, dass nun die Platanenallee doch nach langem Ringen zu einer Fahrradstraße wird. Dies ist wieder nur Stückwerk, wenn sie keine Anbindung zur Innenstadt und nach Königsborn-Nord hat, wie in unserem Antrag angeregt.

Außerdem muss diese Straße auch entsprechend ausgestaltet werden.

Das Ausbremsen des Radverkehrs an der Viktoriastraße konterkariert oberdrein die gute Absicht und man hat den Eindruck, als wolle man dem ADFC ein kleines Entgegenkommen zur Beruhigung darreichen.

Wir werden uns nicht beruhigen. Dafür ist die Lage an der Klimafront zu ernst.

Die Sprecher des ADFC: Heinz Kauschalek, Helmut Papenberg, Uwe Schmidt

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