Persönliche Erklärungen: Warum Pfarrer Wohlgemuth aus Fröndenberg sein Priesteramt niederlegt

2
1644
Die St. Marienkirche in Fröndenberg. (Foto RB)
Facebookrss

Der kirchenkritische Pfarrer Norbert Wohlgemuth aus Fröndenberg legt nach 30 Jahren sein Priesteramt nieder.  Wir berichteten am Sonntag. 

In zwei persönlichen Stellungnahmen erklärt der katholische Geistliche seine Entscheidung.

Persönliche Erklärung Pfarrer Wohlgemuths in den aktuellen Pfarrnachrichten des Pastoralverbundes Fröndenberg:

Am Montag, dem 22. Juli,  war ich zu einem Gespräch mit unserem Erzbischof Hans-Josef Becker in Paderborn. Ich bat ihn um Beurlaubung von meinem priesterlichenDienst. Diesem Wunsch ist der Erzbischof auf der Stelle nachgekommen.

Daher bat ich ihn um eine Woche Verschiebung, damit ich Herrn Pastor Toborek noch verabschieden konnte. Daraufhin bat mich der Erzbischof um eine Woche Stillschweigen, diesem Wunsch bin ich schweren Herzens nachgekommen. Daher konnte ich vorher mit niemandem darüber sprechen. Ich bitte um Verständnis.

Es war eine schwierige Situation, einen optimalen Termin gab es unter diesen Umständen leider nicht. Ich habe meinen Dienst als Diakon und Priester in all den vielen Jahrenseit Februar 1990 mit viel Freude und Motivation getan; es war für mich eine großartige Erfahrung, Menschen die Botschaft Jesu zu verkünden.

Doch stelle ich seit etlichen Jahren zunehmend fest, daß dies für mich immer schwieriger wird und oft auch über meine Kräfte ging. Auch die Situation des Glaubens in unserer Gesellschaft, die in großen Teilen selbstgemachten Probleme und Skandale unserer Kirche und meine eigene innere Entwicklung zeigen mir an, daß ein Punkt erreicht ist, an dem es für mich so nicht weiter gehen kann.

Das Alleinsein im Pfarrhaus macht mich immer tiefer krank und fügt meiner Seele Schaden zu, die depressiven Episoden häuften sich; mit zunehmendem Alter wird das nicht einfacher.Dennoch strebe ich keine Liebesbeziehung an, möchte aber mit Menschen zusammen leben.

Die Genehmigung für eine von mir beantragte und dringend nötige Auszeit wurde aus formalen Gründen zurückgezogen.

Daher musste ich eine schwerwiegende Entscheidung treffen. Diese Entscheidung habe ich dem Erzbischof vorgetragen; er hat sie verstanden und akzeptiert.

Fast 30 Jahre war ich im Dienst des Erzbistums Paderborn an sieben (!) verschiedenen Stellen. Die Tragweite meiner Entscheidung kann ich in Gänze noch gar nicht absehen; aber ich spüre dennoch, daß dieser Schritt notwendig und richtig ist.

Euch und Ihnen hier in Fröndenberg gilt mein Dank; ich war total gerne Euer und Ihr Pastor, für Junge und Alte, für Gesunde und Kranke, für Fromme und Fernstehende. Ich habe mich hier sehr, sehr wohl gefühlt und gute Mitstreiter gefunden und einige Freundschaften schließen können; dafür bin ich sehr dankbar und ich hoffe, daß der Kontakt durch meinen Ortswechsel nicht abbricht.

Meinem Team danke ich für die vertrauensvolle und wertschätzende Zusammenarbeit; besonders danke ich unseren beiden Gemeindereferenten Mona Schomers und Heiner Redeker: Und ich danke unserer Pfarrsekretärin Frau Rosemarie Schneider -es war eine gute Zeit mit Euch und Ihnen –danke.

Um Nachsicht bitte ich alle, die ich vielleicht enttäuscht habe oder deren Erwartungen ich nicht erfüllen konnte.Nicht jeder wird meine Entscheidung verstehen können oder verstehen wollen.

Nun gilt es, Abschied zu nehmen. Ende August ziehe ich zu einer befreundeten Familie ins Sauerland um.Ich wünsche Euch und Ihnen allen von Herzen alles Liebe und Gute und Gottes reichen Segen.“

(Quelle: Pfarrnachrichten Pastoralverbund Fröndenberg)

Eine umfassendere Stellungnahme veröffentlichten am Montag regionale Zeitungen:

„In meiner Hoffnung auf eine Reformfähigkeit der katholischen Kirche bin ich immer wieder enttäuscht worden. Die Entwicklungen der letzten Jahre und Monate haben mir gezeigt, dass wir bei den seit Jahrzehnten bekannten Themen einfach nicht weiterkommen.

Das sogenannte Kirchen“volk“ ist viel weiter ist als die Bischöfe und der Papst. Wem „gehört“ eigentlich die Kirche? Warum hört man nicht mehr auf die „Laien“? Spricht nicht auch durch sie der Geist Gottes?

Trotz vielfältiger Bemühungen der Ehren- und vieler Hauptamtlicher in den Gemeinden entfernt sich Kirche immer mehr von der Lebenswirklichkeit der Menschen; Verlautbarungen aus dem Raum der Kirche werden doch kaum noch ernst genommen. Die Kirche als Institution verliert stetig an sozialer Plausibilität, der Relevanzverlust ist fast täglich spürbar. In der Kirche gibt es Antworten auf Fragen, die keiner gestellt hat und kaum einer versteht; und die Fragen von vielen Menschen finden keine Antwort.

Dennoch nehme ich stärkend und mit Freude wahr, das viele Engagierte in unseren Gemeinden ebenso denken. Sie haben es satt, dass selbst die kleinsten Reformschritte seit Jahrzehnten verschleppt werden, sie möchten nicht mitwirken an einer Pastoral der Vergeblichkeit, sondern ihre Gemeinde vor Ort zeitgemäß gestalten.

Wir erleben aber nicht nur eine Spannung zwischen „oben“ und „unten“ in der Kirche, sondern auch zwischen „links“ und „rechts“. Sogenannte Progressive stehen gegen sogenannte Traditionalisten; dass es diese Gruppierungen (und vieleAbstufungen) gibt, ist nicht das Problem. Problematisch wird es erst, wenn sich gegenseitig die Rechtgläubigkeit abgesprochen wird und man meint, nicht mehr zusammen Eucharistie feiern zu können. Das ist Sünde am Leib des Herrn.

Es gibt in der Kirche eine Sprache, die kaum noch verständlich ist, die die Menschen nicht erreicht, dafür ist sie aber schön fromm. Wir erleben in der Kirche zu oft eine Art von Frömmelei, wo mit floskelhaften Worten Menschen abgespeist werden,anstatt ihnen konkret und tatkräftig zu helfen.

Haben wir von Jesus nicht den Auftrag erhalten, eine neue Art der Ausübung von Macht zu praktizieren? Ist es nicht an der Zeit, Überheblichkeit, Arroganz, Klerikalismus, Priesterfixierung, Selbstüberschätzung und Selbstgefälligkeit abzulegen?

Vieles von dem, was Jesus zu seiner Zeit im Judentum kritisiert hat, finden wir in der katholischen Kirche längst wieder vor.

Ist der Umgang der offiziellen Kirche mit Suchenden, Zweifelnden, Gescheiterten (wie auch immer sie „gescheitert“ sein mögen), mit Frauen, mit Andersgläubigen, mit unseren evangelischen Geschwistern und so weiter wirklich im Sinne Jesu, des Herrn? Braucht es in der Kirche nicht doch ein höheres Maß an Liebe und Gemeinschaft, an Einheit und Geschwisterlichkeit, an Barmherzigkeit und Versöhnungsbereitschaft?

Beschäftigt sich die Kirche nicht zu sehr mit sich selbst?

Wir brauchen nur an die immer weiter ausufernde Thematik wie die der Strukturen, des Rechts, der Verwaltung, der Organisation und die immer größer und unübersichtlicher werdenden „pastorale Räume“ usw zu denken. Ich liebe diese Kirche, ich liebe all die Menschen, die diese Kirche bilden.

Die Kirche ist mir Heimat. Aber meine zunehmenden seelischen und körperlichen Schwierigkeiten machen wir Sorgen. Über Jahre hinweg war ich nie beim Arzt oder gar krankgeschrieben; das hat sich in der letzten Zeit klar verändert.

Auch meine erschöpfungsbedingen Ausfälle, auch depressive Episoden und wochenlange seelische Beschwerden sind mir bisher unbekannte Symptome. Auch macht mir perspektivisch Sorge, dass ich im Pfarrhaus fast immer alleine bin; das ist aus mehreren Gründen nicht gut. Diese Situation fügt der Seele Schaden zu und kostet zu viel Kraft. Mit zunehmendem Alter wird dies nicht einfacher.

Ich halte den Pflichtzölibat für überholt, machtbegründet, menschenunwürdig, krankmachend und empfinde ihn als einen zu starken Eingriff in das Intimleben des Priesters. Ich habe auf verschiedenen Wegen versucht, eine Auszeit genehmigt zu bekommen.

Leider wurde mir eine mündlich und zweimal schriftlich zugesagte Sabbat-Zeit nicht ermöglicht; die Genehmigung wurde zurückgezogen. Daher muss ich nun diesen schweren und nicht nur für mich harten Schrittvollziehen und mein Priesteramt niederlegen. Es ist ein Schritt, der mir nicht leicht fällt, die Konsequenzen sind für mich in Gänze überhaupt noch nicht absehbar.

Ziemlich sicher wird es Phasen geben, in denen ich diesen Schritt auch bereuen werde. Ich bin sehr, sehr gerne Priester und mein Dienst hat mir viel Freude gemacht – aber es geht es nicht mehr. Dennoch gehe ich voller Gottvertrauen, Neugierde und Gelassenheit in diesen neuen unbekannten Abschnitt meines Lebens- als Christ.

Meine Freistellung vom Priesteramt gilt ab dem 29. Juli. Das Gespräch mit dem Erzbischof und der weiteren Bistumsleitung war zwar recht kurz, aber angenehm und etwas wertschätzend.

Dennoch habe ich gespürt, dass ich in den Augen der Oberen kein guter Priester bin; ich sehe und möchte Vieles in der Kirche anders, als es die Hierarchen wünschen.“

(Quelle: IKZ online)

 

Facebookrss