Baustopp an Arkaden und eine fragwürdige Verwaltungsakte: Töddinghauser Str. wird wohl Fall fürs Gericht

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Protestplakate an den Bauzäunen des geräumten Komplexes. (Foto RB)
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Seit sechs Wochen sind sie nun ausquartiert. Die zwangsevakuierten Bewohner der Wohnkomplexe Töddinghauser Straße 135 und 137 in Bergkamen machen an diesem kühlen Samstagmittag Anfang August gute Miene zum bösen Spiel.

Auf dem Vorplatz von Nr. 137 haben sie  Holztische und Bänke aufgestellt, es gibt Bier, Nudelsalat, Kuchen, später wird noch der Grill angeworfen; auch eine große Flasche Sekt ploppt auf: „Sie machen das Beste aus ihrer Situation“, sagt Gutachter Thomas Albrecht, schulterzuckend, doch mitlfühlend hinzufügend: „Dass die Situation unerträglich ist, muss man wohl nicht betonen.“

Eine grauhaarige Dame, die sich aus Sympathie zu den Eigentümern und Mietern dazugesellt hat, macht aus ihrem Herzen keine Mördergrube. „Also ich kann gar nicht sagen, wie leid mir diese Leute tun! Das ist doch furchtbar! Man muss sich das mal vorstellen, praktisch von einer Stunde auf die andere muss man aus seiner Wohnung raus, und das dauert jetzt schon sechs volle Wochen!“

Vor rund sechs Wochen, am 15. Mai, verfügte die Stadt Bergkamen kürzestfristig die Zwangsräumung der insgesamt 60 Eigentumswohnungen neben den Turmarkaden. Wegen akuter Brandschutzmängel, wie die Verwaltung darlegte.

Anfangs konnten das die Bewohner nachvollziehen. Sie fügten sich klaglos, die Räumung ging friedlich und kooperativ von Statten.

Die Stadt versicherte jedweges Bemühen um schnelle Rückkehr. Man kümmere sich.

Nach so vielen Wochen, die inzwischen ins Land gestrichen sind, ist die Geduld Vieler sehr erschöpft, bei manchen ausgeschöpft. Von ihrer damaligen Hausverwaltung, die bei der Eigentümerversammlung im Anschluss an die Räumung exorbitante Sanierungskosten an die Wand malte, fühlten sie sich „hingehalten und verschaukelt“, wie es ein junger Mann deutlich formuliert; von ihrer Stadtverwaltung inklusive dem als so bürgernah bekannten Bürgermeister fühlen sie sich „hängen gelassen“, da nach wie vor kein klares Signal aus dem Rathaus schallt, wann die Wohnungen denn nun wieder bezogen werden dürfen.

Dem schwindenden Vertrauen ist es nicht dienlich, dass ihnen jetzt – nachdem alle Mängel, die formal zur Räumung führten, nachweisbar behoben sind – nicht endlich sofort sämtliche Türen zur Rückkehr wieder weit aufgestoßen werden. Wo Bürgermeister Roland Schäfer doch in einer Erklärung vom 3. Juli, also vor vier Wochen, extra betont hatte:

„Jeder von uns hat volles Verständnis für die Sorgen und Ängste der Menschen, die ihre Wohnungen räumen mussten. Ihnen gilt mein Mitgefühl. Wo es geht, versuchen wir zu helfen.“

(Hier Roland Schäfers vollständige Erklärung.)

Zu der kleinen „Mängelbeseitigungsfeier“, zu der der Bewohner-Krisenstab für diesen Samstag eingeladen hat, ist aber zumindest bis zum frühen Nachmittag schon mal niemand von der Stadt erschienen. Ein Signal, dass viele frustriert.

Dazu teilte uns der Bürgermeister in der Diskussion auf unserer Facebookseite am Montag mit:

„Ich habe heute nochmal im Rathaus nachgefragt. Von der Verwaltung war niemand eingeladen. Ob es Einladungen an die Ratsfraktionen bzw. politischen Parteien gegeben hat, weiß ich nicht. Liebe Grüße Roland Schäfer.“  – Von der Bewohnerseite argumentiert man, es habe aber doch öffentliche Einladungen per Facebook gegeben…

Gutachter Albrecht, dessen Kompetenzen durch die Verwaltung schon öffentlich in Zweifel gezogen wurden, will nun kurzfristig selbst Fakten schaffen. „Nächste Woche geht ein Antrag raus auf formelle Aufhebung der Ordnungsbehördlichen Verfügung“, kündigt er an. Heißt: auf formelle Aufhebung des Bewohnungsverbots.

Zusammen mit dem neuen Verwalter Jörg Berchem (Immowert24 GmbH Lünen, in Kürze Bergkamen) hat Tiedemann just an diesem Freitag endlich Akteneinsicht nehmen können.

„Seit Wochen wollten wir in die Verwaltungsakte sehen, wurden immer wieder vertröstet“, kritisiert er das Rathaus. Was die Akte nun letztlich offenbart habe, spotte jeder Beschreibung: „Seit 30 Jahren arbeite ich als Gutachter. Ich habe noch niemals eine derart katastrophal geführte Verwaltungsakte gesehen.“

Dass keine einzige Seite nummeriert sei, könne als Randnotiz durchgehen. Das eigentlich Fragwürdige sei der starke Eindruck, dass diese Akte offenbar auf den letzten Drücker hastig zusammengeschustert oder zumindest erst kurzfristig noch um Selbstverständlichkeiten ergänzt worden ist.

So ist zum Beispiel zu den Gefahren von Kohlenmonoxid einfach ein ausgedruckter Wikipedia-Artikel eingeheftet worden – und zwar am 29. Juli 2019 ausgedruckt, genau einen Tag vor endlich genehmigter Akteneinsicht. Oder der Einsatzbericht der Feuerwehr-Löschgruppe Weddinghofen zum Brand in den Turmarkaden vom 10. Mai, fünf Tage vor der Zwangsräumung der Wohngebäude: Er wurde der Akte am 26. Juli eingefügt, vier Tage vor Akteneinsicht. Das Datum prangt entlarvend unten auf dem Ausdruck. „Man ist sprachlos, welche Verwaltungstransparenz diese Akte offenbart“, formuliert es Albrecht vielsagend.

Er geht mittlerweile fast sicher davon aus, dass die Sache vor dem Verwaltungsgericht landet.

Neben dem neuen Verwalter und dem Krisenstab aus den Reihen der Bewohner sind in der „Causa Töddinghauser Straße“ inzwischen zwei Anwälte im Spiel, einer für Baurecht, einer für Verwaltungsrecht. Die Kosten tragen die Eigentümer. Ebenso wie sie natürlich die laufenden Kosten für ihre leeren Wohnungen tragen inklusive dem Sicherheitsdienst. „Das sind pro Woche rund 15.000 Euro“, überschlägt Verwalter Berchem.

Hinzu summieren sich die Kosten für die aktuellen Quartiere der Ausquartierten. Viele wohnen nach wie vor in städtischen Notunterkünften, bestätigt Jörg Suttrop vom Krisenstab, pro Bett kostet dieses Behelfsquartier wie berichtet 240 Euro im Monat.

Ein Lichtblick, loben Bewohner, Gutachter wie auch Verwalter, sei die Zusammenarbeit mit den Gemeinschaftsstadtwerken (GSW). „Mit den GSW haben wir super Gespräche geführt“, unterstreicht Albrecht. „Am Montag geht es mit der Verlegung der Versorgungsleitungen weiter.“

Für den Abbruch der benachbarten Turmarkaden wurde währenddessen am Dienstag Baustopp verfügt: Denn quer durch die Arkaden verläuft die Strom- und Wasserversorgung. Es gelte zu verhindern, so die Marschroute von Gutachter und Verwaltung, dass (weitere) Tatsachen geschaffen würden, die sich möglicherweise zu Lasten der Eigentümer auswirken könnten. Tatsachen sind reichlich bereits im Untergeschoss des Gebäudes durch das Bauunternehmen geschaffen worden – auch in einem Teil des Komplexes, der von den Grundstücksgrenzen her noch zu den achtstöckigen Wohngebäuden gehört.

Zur Begehung des Kellergeschosses hier eine Fotogalerie.

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2 KOMMENTARE

  1. […] Neue Erkenntnisse liefert dieses Interview an keiner Stelle. Sämtliche Kritikpunkte, die Albrecht darin auflistet, zählte er bereits mehrere Wochen zuvor bei der Eigentümerfeier gegenüber den anwesenden Medienvertretern auf, welche wiederum alle darüber berichteten (siehe auch unser Rundblick-Bericht über jenen Samstagvormittag vor Ort). […]