Katholik(inn)en-Protest in Fröndenberg: „Wir wollen eine menschliche Kirche!“

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Evamarie Baus-Hoffmann feiert in wenigen Tagen ihren 92. Geburtstag. Sie ist damit das älteste Mitglied der katholischen Frauengemeinschaft Fröndenberg. Auf dem Schild, das sich sich um den Hals gehängt hat, fragt sie: „Quo vadis, geliebte Kirche?“ Wohin gehst du, geliebte Kirche?

Ob sie glaubt, dass dieser medienwirksame Protest hier vor ihrer Marienkirche an diesem Sonntag etwas bewirken wird? „Nein“, sagt die energische Dame ohne zu zögern. „Es ändert sich nichts in der Kirche. Ich bin ja schon 100 Jahre in dem Verein. Die Männer sind zu starr und unbeweglich.“ Aber, setzt sie sofort hinzu, „man muss ja trotzdem sagen, so nicht! Das geht so nicht!“

Evamarie Baus-Hoffmann (91): „Es wird sich nichts ändern. Die Männer sind zu starr und unbeweglich.“

Mit „den Männern“ meint Evamarie Baus-Hoffmann die Amtskirche, namentlich kritisiert sie mit scharfen Worten Erzbischof Hans-Josef Becker, dem sie offenbar keinerlei Reformbestrebungen und Willen zu Veränderungen zutraut. Dennoch sagt sie im selben Atemzug: „Ich bleibe in der Kirche. Es ist meine Kirche, ich liebe sie.“

Protestierende Frauen der kfd St. Marien Fröndenberg.
Andrang auf dem Kirchplatz.

„Das hier heute wird gar nichts ändern“ hört man an diesem Sonntagvormittag häufig vor dem imposanten katholischen Gotteshaus. In die fühlbar zornige Proteststimmung mischt sich in einer seltsamen Gleichzeitigkeit nahezu die gleiche Portion Resignation darüber, dass dies, was sie hier sehr öffentlichkeits- und medienwirksam auf die Beine gestellt haben, auf die realen Gegebenheiten in ihrer Kirche kaum bis null Auswirkungen zeitigen wird.

Interviews vor der Kamera.

Ein Kamerateam des WDR ist vor Ort, filmt und führt Interviews. Aus Paderborn sind der Sprecher des Erzbistums und der Leiter des Beschwerdemanagements nach Fröndenberg angereist. Sie stehen im Pulk von Gemeindegliedern, die vor dem Sonntagsgottesdienst heute vor ihrer Pfarrkirche ihren Protest und ihre Unzufriedenheit kundtun.

Akut und konkret herrscht nach wie vor größter Unmut darüber, dass ihr beliebter, populärer, weltoffener Pfarrer Norbert Wohlgemuth Ende Juli an seinen Reformbemühungen resigniert, sein Priesteramt aufgegeben und Fröndenberg verlassen hat, buchstäblich Knall auf Fall und zum völligen Unverständnis der allermeisten in der Gemeinde.

An dieser Causa, die den Pastoralverbund erdbebengleich erschüttert hat und bundesweit medial verbreitet wurde und wird, entfacht sich eine umfassendere Kritik an einer Kirchenführung, die starr und unbeweglich keine Veränderungen zulässt, sich immer mehr von der Lebenswirklichkeit ihrer Gemeindeglieder entfernt, „abgehoben“ und „selbstgefällig“ ihr Ding durchzieht und die Sorgen, Wünsche und Anliegen der Basis ignoriert. Die da oben – wir hier unten?

Deutliche Frage der engagierten Katholikinnen.

Über ein Dutzend Frauen der kämpferischen Fröndenberger kfd stehen mit Plakaten aufgereiht direkt am Eingang zum Kirchenvorplatz, so dass klar wird, dass an ihnen hier heute kein Gottesdienstbesucher vorbeikommt. „Wir wollen eine menschliche Kirche! Wir wollen eine menschliche Kirche!“, wiederholen es gebetsmühlengleich die Plakataufschriften. Dazwischen hochgereckt die anklagende Frage: „Frauen – Christen zweiter Klasse?“

Aufkleber der bundesweiten kfd-Kampagne „Frauen.Macht.Zukunft.“
Unterschriftenlisten, die sich rasch füllten.

Auf einen Tisch neben dem Kirchportal hat die kfd Aufkleber der bundesweiten Kampagne „Frauen.Macht.Kirche“ ausgelegt. Außerdem Unterschriftenlisten, die sich eifrig füllen, sowohl von Frauen wie von Männern.

Immer wieder hört man in den Gesprächen auf dem Kirchplatz scharfe Kritik an der Art des Weggangs von Pfarrer Wohlgemuth. „Dass ihm Paderborn noch nicht mal die beantragte  Auszeit genehmigt hat, war unmöglich“, befindet eine Besuchergruppe am Seiteneingang der Kirche ins Glockengeläut hinein. „Es ist klar, dass die ihn loswerden wollten.“

Die Paderborner Abordnung verliert zur Causa Wohlgemuth kein Wort. „Personalfragen händeln wir intern, dafür bitte ich um Verständnis“, sagt Benjamin Krysmann, Sprecher des Erzbistums. Mit ihm angereist ist Thomas Wendland, Leiter der Stelle Konflikt- und Beschwerdemanagent in Paderborn. „Auch wenn wir zu diesem konkreten Fall keine Aussagen machen werden, ist es uns dennoch wichtig, der Gemeinde zu zeigen, dass ihre Anliegen ernst genommen werden. Es sind ja redliche Anliegen“, unterstreicht Krysmann.

Intensive Diskussionen auf dem Kirchenvorplatz. (Foto RB)

Am Donnerstag habe es bereits ein Gespräch mit Pfarrgemeinderat und Kirchenvorstand gegeben, dem „engsten Zirkel“ der Gemeindeleitung, „dabei ging es um die praktische Gestaltung der kirchlichen Arbeit in der kommenden Zeit“, erklärt der Erzbistumssprecher. Am kommenden Mittwoch wird ab 19 Uhr eine Delegation aus Paderborn im Pfarrheim mit der kfd St. Marien über ihre Anliegen sprechen.

Protestplakate vor dem Kirchportal. (Foto RB)

„Das ändert nichts“ ist gleichwohl weiter die nüchterne Überzeugung vieler hier, so auch die der energischen „kfd-Seniorin“ Evamarie Baus-Hoffmann, die mit der bedauernden Feststellung abschließt: „Es ist wirklich so schade mit Pfarrer Wohlgemuth. Er war so volksnah. – So,“ sagt sie im selben Moment freundlich lächelnd mit Blick auf die Kirchturmuhr, setzt ihren Rollator in Richtung der offenen Kirchpforte in Bewegung, „der Gottesdienst fängt jetzt an. Ich wünsche Ihnen einen schönen Sonntag.“

Die Pfarrkirche St. Marien. (Foto RB)

 

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