Töddinghauser Str.: Gefahrenszenario der Stadt Bergkamen laut Brandgutachter „unhaltbar“

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Eins der beiden Wohnhäuser an der Töddinghauser Straße. (Foto RB)
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Hat die Stadt Bergkamen unhaltbare Horrorszenarien entworfen? Und tat sie das bewusst?

Die Ordnungs- und Duldungsverfügung, aufgrund derer die Stadt am 15.05.2019 die 60 Wohnungen neben den Turmarkaden räumen ließ (Töddinghauser Str. 135/137), ist nach Feststellung des Brandschutzgutachters schwer mangelhaft; die aufgeführten Risiken und Gefahren seien unhaltbar, zügige Rückkehr der Bewohner sei anzustreben.

So schreibt es der Leitende Branddirektor a.D. Klaus Jürgen Schäfer aus Dortmund in einer Stellungnahme an die Bauaufsichtsbehörde. Das 6seitige Statement ist Bestandteil eines noch in Arbeit befindlichen Prüfgutachtens zum Verwaltungsstreitverfahren, mit dem die Eigentümer eine Rückkehr in ihre Wohnungen durchsetzen wollen.

Seit mehr als einem Vierteljahr sind die Bewohner der beiden Wohnhäuser neben den Turmarkaden nun schon ausquartiert.

Protestplakat am Bauzaun. (Foto RB)

 

Die Stellungnahme des Brandsachverständigen im Wortlaut.

Betr.: Schreiben der Stadt Bergkamen vom 15.08.2019 zur Ordnungsverfügung der Stadt Bergkamen bezüglich der Räumung der Wohnhäuser Töddinghauser Straße 135 und 137.

1. Gefahr und Risiko durch Kohlenstoffmonoxid

Die in der Ordnungsverfügung vom 15.05.2019 festgestellte Gefährdung durch CO in den beiden Wohngebäuden hat zu keinem Zeitpunkt bestanden, kann nicht ansatzweise belegt werden und ist offensichtlich aufgrund von Fehlinterpretation und Vermutungen entstanden, war und ist aber die wesentliche Entscheidungsgrundlage für die Räumungsverfügung und die unter Androhung unmittelbaren Zwanges durchgeführte und bis heute bestehende Räumung der Wohngebäude.

Es ist festzustellen, dass:

  1. Die Einsatzberichte der Löschgruppen der Feuerwehr Bergkamen keinerlei Hin­weise auf Gasmessungen noch konkret Messwerte ausweisen.
  2. Im Einsatzbericht des Wehrführers werden die CO-Messungen nicht unter dem Bericht zum Einsatzablauf sondern lediglich unter „Bemerkungen“ wie folgt aufge­führt: – „In Teilbereichen wurden innerhalb der Gebäudes CO-Werte von > 200 ppm gemessen.“
  3. Die Stellungnahme des Wehrführers vom 29.07.2019 stellt im Widerspruch zum oben genannten Einsatzbericht fest: „bei dieser Nachkontrolle …… wurden an ver­schiedenen Messpunkten Messwerte von 0 bis zu 200 ppm CO (Spitzenwert) ange­zeigt. Diese Werte wurden durch Lüftungsmaßnahmen auf 0 ppm reduziert.“

Es ist festzustellen, dass hier grob von jedweder Vorgabe für eine rechtlich verwertbare Messung von Gasmesswerten durch die Feuerwehr abgewichen wurde. Es wird weder das Messgerät (Typ, Art, etc.) noch werden für exakte Messungen erforderliche Angaben über Eichung und Kalibrierung gemacht. Zudem fehlen Messprotokolle, die unter anderem Zeit, genauen Ort, Messhöhe der Probennahme, Luftdruck, Umgebungstemperatur, Luft­feuchtigkeit und den Messenden bzw. Zeugen der Messungen verlässlich und nachvoll­ziehbar dokumentieren!

Die Ordnungsverfügung jedoch stützt sich wesentlich „auf CG-Werte mehr als 200 ppm gemessen innerhalb der Wohnungen“. Genau für diese Aussagen liegen keinerlei Fakten oder nachvollziehbare Belege vor!

Die von der Feuerwehr durchgeführten Messungen erfüllen nicht ansatzweise die Anforde­rungen an „qualitative Messungen“ nach den Vorgaben für die Feuerwehren, noch die wei­tergehenden Anforderungen für rechtlich verwertbare forensische „quantitative Messun­gen“. Es handelt sich nach den vorliegenden Fakten allenfalls um sogenannte „Orientie­rungsmessungen“, die für den Bereich von CO-Messungen im Rettungsdienst und bei der Feuerwehr angewendet werden.

Selbst wenn unterstellt wird, dass tatsächlich an bestimmten Stellen 200 ppm CO im Ge­bäude gemessen wurden, stellen solche Konzentrationen von CO keine „unmittelbare Ge­fahr für Gesundheit und Leben“ dar. In der wissenschaftlichen Fachliteratur zur toxikologi­schen Bewertung von CO und aus den für die Feuerwehren erarbeiteten Unterlagen des zuständigen Lenkungsausschusses „Vorbeugender Brand- und Gefahrenschutz“ ergibt sich, dass bei 200 ppm sich erst nach mehrstündiger Exposition solcher Konzentrationen sogenannte „Befindlichkeitsstörungen“ (Kopfschmerzen, Übelkeit) ergeben können.

Zu Punkt 1 wird festgestellt, dass erstens das Messverfahren nicht ansatzweise den An­forderungen an technisch und rechtlich verwertbare Messungen genügt –somit völlig un­tauglich ist– und dass eine Fehlinterpretation der so ermittelten Messwerte offenkundig Grundlage für einen massiv in Grundrechte Dritter eingreifende Ordnungsverfügung dar­stellt.

2. Stellungnahme Tigges

Die Ausarbeitung des Ltd. BD Tigges stellt aufgrund wesentlicher Mängel kein „Gutach­ten“ dar. In dieser Stellungnahme werden keine konkreten Mängelpunkte nachvollziehbar genannt. Es findet keine räumliche Zuordnung von vermeintlichen Mängeln statt. Das be­legt auch sehr anschaulich die Fotodokumentation der Stellungnahme „Tigges“, die aus­nahmslos ohne Legende und nachvollziehbare Angaben von Ort, Zeit und Raum auf an­gebliche Mängel hinweist Es ist offenkundig, dass einige Fotos nicht im Bereich der Wohngebäude, sondern im Bereich der Turm-Arkaden -also auf fremden Grundstück- auf­genommen wurden. Es wird lediglich auf aktuelle Bestimmungen der BauO-NRW bezüg­lich von Hochhäusern hingewiesen.

Nach der Baugenehmigung AZ.-Nr.: 30/73 aus 1973 handelt es sich hier um reine Wohn­gebäude und nicht um Hochhäuser. Der Verfasser der Stellungnahme verweist explizit darauf, dass er keinerlei Planungsunter­lagen oder Einsicht in die Verwaltungsakte der Baugenehmigung nehmen konnte. Erschwerend kommt hinzu, dass die „Pianungsgruppe K7 Herr Tigges“ ohne Vollmacht der Eigentümer gehandelt hat.

3. Rauchversuche

Sogenannte „Rauchversuche“ werden regelmäßig nach EN/DIN nur für Rauch- und Wär­meabzugsanlagen im Zuge der Einzelgenehmigung oder vor Bauabnahmen bei großen Sonderbauten durchgeführt. Für Wohngebäude und die hier unterstellte Problematik exis­tieren keine Regelwerke. Die vorhandenen innenliegenden Entlüftungsanlagen nach DIN 18 017 basieren funktionssicher auf dem physikalischen Wirkprinzip des sogenannten „Kamineffektes“. Darüber hinaus ist belegbar, dass diese Entlüftungssysteme erst im 1. OG der Wohngebäude beginnen. Diese Anlagen können beim Brand am 10.05.2019 aus den o.g. Gründen keine Rauchausbreitung in den Wohnungen erzeugt haben.

Nach den allgemeinen Erfahrungen bei Bränden ist unmittelbar zu erwarten, dass grund­sätzlich Brandrauch in Abluftrichtung einer Brandstelle in benachbarte Gebäude eindringt. Dies erfolgt in der Rege! nicht über bauliche Mängel sondern über Regelöffnungen (Fens­ter, Türen, etc.). Bei Großbränden ist es daher bewährte Praxis, durch öffentliche Aufrufe die Bevölkerung in Abluftrichtung zum Aufsuchen geschlossener Räume aufzufordern und Fenster und Türen bzw. Lüftungsöffnungen zu verschließen.

Zudem sind sogenannte „Wahrnehmungskonzentrationen (R1)“ (Rauch ist riechbar und teilweise auch sichtbar, stellt aber keinerlei gesundheitliche Beeinträchtigung dar) und „Be­lästigungskonzentration (R2)“ (Rauch ist deutlich wahrnehmbar und kann gesundheitliche Befindlichkeitsstörungen (Schleimhautreizungen, Husten etc.) bei längerer Exposition ver­ursachen bei Bränden ein häufig auftretender und von den Feuerwehren bekannter Be­gleiteffekt.

Solche Rauchgaskonzentrationen -Brandrauch reduziert sich auch nicht allein auf seinen CO-Gehalt – stellen nicht ansatzweise „eine Gefahr für Gesundheit und Leben dar!“

Nach Aufenthalt an frischer Luft werden im Regelfall die Beschwerden schnell abklin­gen und beseitigt.

Die Stellungnahme Tigges weist keine „schwerwiegende Mängel“ oder konkrete Gefahren explizit aus. Die im Schreiben vom 15.08. 2019 genannten Mängelpunkte sind wie folgt zu bewerten:

Der öffentliche Hauptmelder der BMA zur Feuerwehr-Leitstelle wurde mit Kenntnis der Feuerwehr und Bauaufsicht am 21.01.2009 demontiert. Des Weiteren wurde 2010 eine Brandschau durch den Kreis Unna – BS! Detmar™ durchgeführt, 2011 wurde auf Grundlage dieser Brandschau ein Bauantrag am 10.03.2011 mit Baugenehmigung AZ 211 0049 vom 09.06.2011 beschieden, der als Kornpensation für die abgeschaltete öffentliche Brandmel­deanlage folgende Auflagen beinhaltete:

Die vorhandenen Abfallschächte sind umgehend außer Betrieb zu nehmen und die Öffnungen sind dauerhaft und feuerbeständig zu verschließen. Es sind vernetzte Rauchmelder gem. DIN 14 676 einzubauen und zu betreiben. Die defekten Feuerschutztüren sind in Stand zu setzen bzw. zu erneuern.

Das Fachunternehmen „Brandschutz Stefan“ aus Hamm hat diese Auflagen bis 2012 um­gesetzt. Es wurden allerdings die Abfallschächte nicht wie gefordert „feuerbeständig“ (F 90) abgeschottet sondern lediglich „rauchdicht“ verschlossen. Dies stellt zwar einen – beheb­baren- formellen Mangel dar, zeigt aber auch, dass durch diese Abfallschächte kein Rauch in den Gebäuden verteilt werden kann.

Die installierte funkvernetzte Rauchmelder Anlage mit integrierter Alarmfunktion – alle Mel­der geben den Alarm Ton ab, wenn ein Melder ausgelöst wird- hatte am 10.05. 2019 auch ausgelöst und alle Melder in den Gebäuden gaben den Evakuierungsalarm ab.- wurde zuletzt am 24.01.2019 durch das Fachunternehmen „Feuerschutz Stefan“ aus Hamm mängelfrei überprüft.

Die Feuerschutztüren wurden teilweise erneuert bzw. durch das Fachunternehmen ent­sprechend gewartet.

5. Elektro-Verteilungen 

Die Elektro-Unterverteilungen befinden sich ausschließlich in den Wohneinheiten. In den notwendigen Fluren befinden sich die Stromzähler des Energieversorgers GSW. Durch eine dreifache Absicherung – Fehlerstrom, thermische Überlastsicherung – ist eine Bran­dentstehung in diesen Bereichen als eher unwahrscheinlich, wenn auch nicht auszu­schließen, anzusehen. Diese Elektroschränke beinhalten geringe Brandlasten, ihre Metall­gehäuse und die Rauchmelder Überwachung der Flure erzeugen im Bestand ein ausrei­chendes Sicherheitsniveau.

Bei der Stromleitung handelt es sich um „nicht gezählten“ Strom, der von der Haupt Vertei­lung im KG in das 4. OG des Wohnhauses Töddinghauser Straße 137 geführt wird. Die Stromleitung wurde fachgerecht und mechanisch geschützt (Stahlpanzerrohr) von der GSW verlegt. Um diese Stromleitung brandschutztechnisch vollständig vom Treppenraum zu entkoppeln wurde im Gutachten „Albrecht“ eine Einhausung in F 90 vorgesehen. Die Hauptstromleitung stellt zudem ohne Einhausung in F 90 ohnehin ein nur geringes Gefah­ren- und Risikopotential lediglich für das Wohnhaus Töddinghauser Straße 137 dar.

Wie im Gutachten „Albrecht“ beschrieben und bei der Ortsbesichtigung am 20.08,2019 erneut festgestellt, handelt es sich bei dem sogenannten O-Geschoss um eine physikali­sche und bauliche Trennung zwischen den jahrelang im EG und KG gewerblich genutzten Flächen und den über dem O-Geschoss liegenden Geschossen mit Wohnungen. Das 0-Geschoss ist luftumströmt und beinhaltet keinerlei technischen Anlagen oder gar Brandlas­ten. Dort durchlaufende Ver- und Entsorgungsleitungen (Wasser, Abwasser, Strom, Hei­zung und Telekommunikation) führen durch Installations Schächte zu den darüber liegen­den Wohnungen.

Die Installationsschächte sind horizontal im Bereich der Geschossdecken durch ausbeto­nierte Öffnungen brandschutztechnisch massiv geschottet. Zu den Wohnungen sind die Installationen durch eine nicht brennbare, massive gemauerte Wand getrennt.

 Brandwand

Die Wohngebäude Töddinghauser Straße 135 und 137 sind mittig durch eine massive doppelschalige Betonscheibe mit Dehnungsfuge brandschutztechnisch als Brandwand in F 90 A (BW) getrennt. Diese Trennlinie beginnt im 0-Geschoss auf der Geschossdecke zum Erdgeschoss und wird bis über das Dach geführt. Es sind zwischen den beiden Wohngebäuden keine Verbindungen notwendig und Öffnungen in der Brandwand auch nicht erkennbar.

Das Vermauern von Öffnungen, Verwenden von Mörtel (die Handelswaren verfügen in der EU ausnahmslos über entsprechende Gütezeichen und Zulassungen) kann auch für Brandschutzzwecke unter Beachtung der Herstellervorgaben von Jedermann ohne Ein­schränkungen durchgeführt werden. Lediglich bei Sprinkleranlagen, Brandmeldeanalen oder RWA-Anlagen besteht die bauaufsichtliche Anforderung eines zertifizierten Fachun­ternehmens für Planung und Errichtung, Bei Feuerschutzabschlüssen und auch bei brand­schutztechnischen Abschottungen von z.B. Installationsdurchführungen müssen lediglich die Anforderungen aus der Zulassung und die Herstellervorgaben beachtet werden. Bau­rechtliche Anforderungen aus der BauO-NRW ergeben sich dabei nicht.

Zusammenfassung

Aus prüfgutachterlicher Sicht ist bereits jetzt erkennbar, dass die Ordnungs- und Du!-dungsverfügung vom 15.05.2019 an einem schweren technischen Mangel leidet und die dort genannten Gefahren- und Risikoeinschätzungen nicht haltbar sind.

Es empfiehlt sich, alle Maßnahmen zu einem zügigen Wiedereinzug der Bewohner zeitnah umzusetzen.

Weitergehende, detaillierte Ausführungen und detaillierte Quellenangaben bleiben dem in Arbeit befindlichen Prüfgutachten zum Gutachten „Albrecht“ vorbehalten, das für das an­stehende Verwaltungsstreitverfahren beauftrag wurde.

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4 KOMMENTARE

  1. […] Hintergrund dieser Anspielung dürfte zum einen der Umstand sein, dass sich die Alternative für Deutschland (AfD) inzwischen mit Postings und einem Video offensiv auf die Seite der Eigentümer geschlagen hat; zum anderen spielt Schäfer mit der Bemerkung „rechts“ vermutlich auf seinen Namensvetter Klaus Schäfer an, den die Eigentümerseite als Brandschutzsachverständigen beauftragt hatte und der den Begründungen, mit denen die Stadt Bergkamen die Evakuierungen am 15. 5. rechtfertigte, ein vernicht… […]