Der Prophet im eigenen Land… wie Unnas Stadtlichter leise erloschen. Mit Vorab-Impressionen des letzten Events

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Stadtlichter 2019 / Foto und alle weiteren: Rundblick Unna
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Da der Prophet zu wenig galt im eigenen Land, sprich der eigenen Stadt, leuchten Unnas Stadtlichter in diesem Jahr das letzte Mal. Noch einmal können sich die Besucherinnen und Besucher auf dem Westfriedhof ab Freitagabend, 13. September, für zwei Wochen an den farbenfrohen, mystisch schimmernden Lichtfiguren und -gestalten erfreuen, bevor Lichtkünstler Wolfgang Flammersfeld in seiner Heimatstadt seine Lichter ausknipst.

HIER eine Fotogalerie einer Vorab-Teililluminierung der Stadtlichter 2019 – wir durften vorab am Mittwochabend mit der Kamera über den Westfriedhof ziehen.

In der Presseankündigung für dieses letztmalige Stadtlichter-Event vom Sonntagmittag formulierte Flammersfelds Unternehmen „world of lights“ die Entscheidung zum Aus  zurückhaltend und eher als eine Art Randnotiz:

Wer die besondere Atmosphäre der Stadtlichter erleben möchte, sollte die Gelegenheit dieses Jahr wahrnehmen“, hieß es scheinbar beiläufig in einem späteren Absatz einer Pressemitteilung vom Sonntagmittag. „Statt dessen wird das Unnaer Unternehmen mit seiner Illumination an neuen Wirkungsstätten in Deutschland tätig werden. Die Türen stehen vielerorts offen, nachdem der Art Director von world of lights, Wolfgang Flammersfeld, letztes Jahr bei den Darc Awards ausgezeichnet wurde und dieses Jahr für den German Design Award nominiert ist.“

Wer die teils öffentlich ausgetragenen und vielfach unsachlich geführten Diskussionen um die herbstliche Westfriedhof-Illuminierung in den vergangenen Jahren aber verfolgt hat, weiß um die dahinter verborgenen Gründe, die, so bestätigt uns das Unternehmen, zusammengefasst lauten: Es mangelte diesem Unnaer Projekt schlicht an Anerkennung aus Unna.

Deutlich wurde das an beispielhaft den folgenden Punkten.

  1. Flammersfelds Friedhofsbeleuchtung sei Kommerz, nicht Kunst – darum durfte im vorigen Jahr plötzlich die zum Lichtkunstzentrum gehörende „Camera Obscura“ auf dem Platz der Kulturen nicht mehr im Rahmen der Stadtlichter in Szene gesetzt werden; was diesem „hässlichen Betontrichter“, so wunderten sich enttäuschte Besucher, doch immer so gut getan hatte. Nun lagen Platz und Betonklotz gegenüber dem schimmernden Westfriedhof wieder im Dunkeln.

2. Der Eintritt sorgte immer wieder für Debatten;

3. und überhaupt sei ein Friedhof unangemessen für ein solches „Lichterspektakel“. 

Das Thema Geld kochte im Herbst 2015 öffentlich hoch, als der Zutritt zu den „Stadtlichtern“ statt vormals 5 nun 6 Euro für eine Einzelperson kostete. Unsere Redaktion fasste den Streit damals wie folgt zusammen:

„Sechs Euro für Erwachsene, drei Euro für Kinder  – keine Ermäßigungen für Rentner, Schüler, Studenten, Arbeitslose. Um die Preisgestaltung der Unnaer Westfriedhof-Illumination ist seit gestern Abend auf Facebook eine bizarre Diskussion entbrannt, die in der Nacht sogar noch in handfeste persönliche Beleidigungen gipfelte.

Die Mutter eines (erwachsenen) Schülers kritisierte es als Unverschämtheit, dass die – privatwirtschaftlichen – Lichtkünstler Wolfgang Flammersfeld und Reinhard Hartleif für ihre zweiwöchige Illuminierung keine sozial gestaffelten Vergünstigungen gewähren.

Von einigen wird offenbar diese Friedhofs-Lichtkunst mit „der Unnaer Lichtkunst“ vermengt, sprich mit dem Zentrum für Internationale Lichtkunst im Gewölbekeller der Lindenbrauerei und im sog. „Turrell-Trichter“ auf dem Platz der Kulturen – der „Camera Obscura“.


Diese kommunale Lichtkunst wird mit einem jährlich sechsstelligen Betrag von Kreis und Stadt subventioniert. Kein Cent Steuergeld hingegen fließt in Flammersfeld „Stadtlichter“-Projekt. Im Übrigen ist auch diese Kunst nicht kostenlos – von Einzelveranstaltungen abgesehen (Summertime).

Da die Preisdebatte um diese 6 Euro wie beschrieben ausuferte, schaltete sich Flammersfeld am folgenden Morgen selbst ein.

„Diese Veranstaltung wird mit keinem Cent subventioniert“, unterstreicht er. „Im Gegenteil, wir zahlen Miete für den Platz, wir sponsern das Lichtkunstzentrum und wir zahlen einige 10.000,–€ an Gewerbesteuern an die Stadt Unna. Und genau wie jeder andere müssen wir unsere Familien ernähren, wir arbeiten dafür, auch wenn es für die Besucher Spaß ist.“ Und da sind 6 Euro Eintritt für ausnahmslos alle aus seiner Sicht „mehr als okay“: „Nur mal als Vergleich, wieviel kostet eine Fahrt von 3 Min. auf der Kirmes?´Wieviel kostet eine Schachtel Zigaretten ? Und ich denke, die ,Stadtlichter´machen niemanden krank…“ – anders als eben Zigaretten.

Nachdrücklich weist Flammersfeld schließlich selbst noch einmal darauf hin: „Dies ist keine Veranstaltung des Lichkunstzentrums, welches subventioniert wird – was auch nötig ist, weil ansonsten diese Qualität nicht erreicht werden könnte. Das wird oft mal so angemerkt unter “ jetzt machen die noch eine Veranstaltung mit Eintritt, um sich zu finanzieren.“ Der Stadtlichter-Macher schließt sein Statement mit einem Appell: „Wer möchte, soll kommen und seine Freude daran haben, wer das nicht möchte, kann doch einfach zu Hause bleiben, weil es ihm das ja dann nicht wert ist.“

Eine kritische Kommentatorin vermerkte in der eskalierenden Debatte heute Nacht: „Offensichtlich sind einige von der kostenlosen ,Summertime´-Reihe extrem verwöhnt und wollen jetzt alle Kulturveranstaltungen umsonst haben. Ich finde diese Einstellung unmöglich.“ Hintergrund: Die Summertime-Angebote „umsonst und draußen“ werden über die Zuschüsse für die städtische Kultur bzw. über die Lindenbrauerei-Subventionen mitfinanziert. Für die „Linde“ waren im vorigen Jahr über den regulären Zuschuss von 199 000 Euro hinaus weitere 75 000 Euro an Förderung notwendig.“

„Doch nicht auf einem Friedhof!“ – Der (politische) Streit um die „Störung der Totenruhe“:

Regelmäßig alle Stadtlichterjahre wieder provoziert/e die farbenfrohe Beleuchtung zwischen uralten Bäumen und Grabstätten auch die Verfechter der „Totenruhe“.  Im Frühjahr 2016 entzündete sich diese Kontroverse öffentlich in einer Kulturausschussitzung, in der die Politik das „Summertime“-Programm für den folgenden Sommer beschloss.

Nur indirekt ging es bei diesem Streit um Flammersfeld Illuminierung, konkreter Anlass war die geplante Theateraufführung des Theater Narrenschiff – ebenfalls auf dem Westfriedhof.

Unser damaliger Bericht:

„Viel Lärm (um nichts) zwischen Grabstätten?

Die CDU-Ortsunion Unna-Oberstadt ist sauer. „Der Westfriedhof ist kein Rummelplatz“, kritisiert Ratsherr und Oberstadt-Chef Carsten Morgenthal, nachdem der Kulturausschuss einstimmig das diesjährige Summertime-Programm beschlossen hat.

Einstimmig heißt: auch mit Morgenthals Zustimmung. Doch tat dieser in der Sitzung seinen Unmut kund über die Theateraufführung „Viel Lärm um nichts“ des Theaters Narrenschiff. Denn diese soll – wie schon einige Shakespeare-Aufführungen des „tn“ zuvor – in diesem Sommer wieder auf dem Westfriedhof stattfinden. Für die Oberstadt-CDU ist es jetzt langsam zuviel des Guten. Bereits im Stadtbetriebe-Ausschuss Anfang März war die ungewöhnliche „Theaterbühne“ Thema. Die CDU-Ausschussmitglieder stimmten in jener Sitzung zwar für eine Neuauflage der Stadtlichter – die künstlerische Illumination des Westfriedhofs durch Wolfgang Flammersfeld im kommenden Herbst -, doch eine Shakespeare-Komödie zwischen letzten Ruhestätten fanden die Christdemokraten unziemlich und stimmten dagegen.

André Decker, der Chef des Theaters Narrenschiff, weiß um die sensible Problematik.“Uns ist es wichtig, dass wir respektvoll mit dem Ort umgehen und entsprechend lyrische Werke von Shakespeare bewusst auswählen“, versicherte Unnas Theatermacher auf unsere Bitte um Stellungnahme hin. „Die Bedenken, die geäußert werden, können wir nachvollziehen. „Doch  die  letzten beiden Veranstaltungen, erinnert Decker, seien sehr positiv von den Bürgern aufgenommen worden, Beanstandungen gab es im Nachgang keine.“

Die Sitzung endete damals damit, dass die CDU forderte, man müsse endlich grundsätzlich eine Entscheidung treffen, welche Art von Veranstaltungen auf dem Westfriedhof – letztendlich immer noch ein Friedhof – angemessen seien und erlaubt werden sollte.

Wolfgang Flammersfeld bietet am Auftaktwochenende (13. / 14. 9.) jeweils ab 20 Uhr eine Stadtlichter-Führung an. Die Führung ist im Eintrittspreis der Stadtlichter (Erwachsene 6,- Euro, Kinder ab 7 Jahre 3,- Euro) enthalten.

STADTLICHTER
Datum: 13.9.-29. September 2019, So-Do 19 bis 22 Uhr, Fr-Sa 19 bis 23 Uhr
Veranstaltungsort: Westfriedhof Unna / Eingang über den Rio Reiser Weg
Eintritt: Erwachsene 6,- Euro, Kinder ab 7 Jahre 3,- Euro
Mehr Infos: www.world-of-lights.eu
Veranstalterkontakt: world of lights, Wolfgang Flammersfeld, Alfred-Nobel-Str. 12, 59423

 

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