„Mobbing und Diskreditierungen“ – Gudrun Friese-Kracht verlässt SPD-Ratsfraktion

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Symbolhaft dunkel sieht es für die SPD bundesweit und auch in Unna aus. Foto vom Neujahrsempfang 2019 in der Unnaer Stadthalle. (Archiv Rundblick)
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„Anhaltendes Mobbing und Diskreditierungen“ – dem bleibt wenig hinzuzufügen. Eine weitere ambitionierte Unnaer Ratsfrau hat ihre Konsequenzen aus für sie unerträglichen Zuständen lokalpolitischer Arbeit gezogen.

Die beiden großen Ratsfraktionen der Kreisstadt sehen sich weiter dezimiert.  Nach einem sommerlichen Doppelschlag für die CDU (Frank-Holger Weber/Jessika Tepe) trifft es jetzt ein weiteres Mal die SPD –  Gudrun Friese-Kracht „hat fertig“.

Nicht mit der Ratsarbeit, wohl aber mit der größten Ratsfraktion.

Am heutigen Donnerstag, 12. 9., warf die Massenerin vor Beginn des Haupt- und Finanzausschusses um 17 Uhr die Mitteilung über ihren Austritt in den Rathausbriefkasten.

In ihrem kurzen Schreiben an Bürgermeister Werner Kolter erklärt Gudrun Friese-Kracht ihren sofortigen Austritt aus der SPD-Ratsfraktion. Sie bleibe weiterhin Ratsmitglied, behalte ihre Sitze in den Ausschüssen und nehme auch ihre Aufgaben im Ausschuss der Stadtwerke Unna weiter wahr, schreibt sie in ihrer Austrittserklärung. „Auch die Geburtstage werde ich weiterhin betreuen.“

Dies tut sie fortan aber  als Fraktionslose, deren Zahl im Unnaer Rat jetzt schon 7 beträgt:

ein Pirat (Ross), ein Expirat (Tetzner), ein FWG’ler (Hißnauer), zweimal CDU (Weber/Tepe),  eine Ex-SPD’lerin (Risadelli) und jetzt Genossin Friese-Kracht.

Gudrun Friese-Kracht (re.) hier mit der schon im Vorjahr aus der SPD-Fraktion ausgetretenen Bärbel Risadelli,  im Januar 2019 beim CDU-Neujahrsempfang im Katharinenhof. ( Archivbild RB)

Die Frau des Massener Ortsvorstehers Peter Kracht zählt zu den schärfsten  innerparteilichen Kritikern in Folge der „Causa Risadelli“ und damit an Ex-Fraktionschef Volker König.  Diese „alte Geschichte“ – das SPD-interne Zerwürfnis nach Königs Rauswurf der damaligen Fraktionsgeschäftsführerin Bärbel Risadelli – sei denn auch der Grund dafür, wieso sie in der Fraktion bis heute „anhaltendem Mobbing und Diskreditierungen“ ausgesetzt sei, bestätigte uns Gudrun Friese-Kracht auf Anfrage.

Daraus ziehe sie jetzt die Konsequenzen; es gehe ihr so langsam auch an die Gesundheit.

„Jetzt kann ich endlich im Sinne der Bürger entscheiden, da ich autark bin, und habe keinen Fraktionszwang mehr.“

Gudrun Friese-Krachts Entscheidung überrascht auf dem Hintergrund dieser „alten Geschichte“  nicht, wohl aber überrascht der Zeitpunkt. Denn Volker König trat Ende Juni dieses Jahres wie berichtet vom Fraktionsvorsitz zurück, arbeitet allerdings weiter in der Ratsfraktion mit. Sein Nachfolger an der Fraktionsspitze, Gewerkschafter Bernd Dreisbusch, betonte bei seinem Antritt, dass er bewusst auf Teamwork setzen und die Aufgaben auf viele Schultern verteilen wolle.

Die von Gudrun Friese-Kracht gehören nun nicht mehr dazu.

Die streitbare Sozialdemokratin hatte bereits in einem Interview mit Rundblick Unna vor vier Jahren (als sie gerade eine schwere Krankheit überwunden hatte) den aus ihrer Sicht alarmierenden Zustand der Unnaer SPD kritisiert; sie mahnte eine Rückkehr zu sozialdemokratischen Grundsätzen an.

Lesen Sie hier das Interview vom Mai 2015 noch einmal im Wortlaut.

Gudrun Friese-Kracht mit ihrem Mann Dr. Peter Kracht im Mai 2015 bei einem langen Interview mit unserer Redaktion. Es erschien online und Print in unserem Monatsmagazin Rundblick Unna und hatte eine Krisensitzung der SPD-Fraktion zur Folge. (Foto Rundblick Unna)

„Wir müssen dringend an uns arbeiten“: Interview mit Gudrun Friese-Kracht (SPD)

Die wichtigste Frage zu Beginn, Frau Friese-Kracht.: Wie geht es Ihnen?

Gudrun Friese-Kracht: (lächelt) Es wird. Jeden Tag ein bisschen besser.

Ich frage Sie das nicht von ungefähr, es ist keinesfalls eine Höflichkeitsfloskel: Sie waren sehr schwer krank. Sie mussten eine 14stündige Operation überstehen, danach viele Wochen im Krankenhaus und anschließend in der Reha verbringen. Fühlen Sie sich denn schon wieder halbwegs fit für die Politik?

Gudrun Friese-Kracht: Ich lasse es langsam angehen. Aber ich möchte mich schon gern wieder einbringen nach dieser langen Zeit. Zunächst mal bin ich natürlich total glücklich darüber, wieder zu Hause bei meiner Familie sein zu können. Ich habe täglich mehr Energie. Ich darf natürlich keine Werbung machen (lacht) – aber ich trinke jeden Tag ein Fläschchen eines ganz bestimmten Vitaminpräparats. Und ob Sie´s glauben oder nicht: Das hilft!

Dann falle ich ich mal mit der Tür ins Haus – die Frage geht an eine der stellvertretenden Vorsitzenden der größten Unnaer Ratsfraktion. Wie geht es der SPD?

Gudrun Friese-Kracht: (überlegt – etwas länger) Sie fragen mich nach dem Zustand der SPD. Wir müssen an uns arbeiten. Wir müssen – dringend – an uns arbeiten.

Inwiefern?

Gudrun Friese-Kracht: Wir haben sieben Fraktionen im Rat. Sechs sind gegen uns. Da müssen wir uns nicht noch gegenseitig zerfleischen.

Sie sprechen von gegensätzlichen Strömungen, Grabenkämpfen innerhalb der SPD – namentlich zwischen Oberstadt und Königsborn – , die in der Diskussion um die Lindenbrauereizuschüsse offen ausbrachen?

Gudrun Friese-Kracht: Bei dieser Diskussion um die Spartenrechnung, die Ingrid Kroll – absolut zu Recht! – vom Trägerverein der Lindenbrauerei einforderte, wurde für jeden offensichtlich, dass wir im Moment nicht mit einer Stimme sprechen. Dahin müssen wir unbedingt wieder kommen. Man kann innerhalb der Partei verschiedener Meinung sein. Man kann, man soll sich streiten. Zivilisiert und mit Respekt. Die gemeinsam getroffenen Entscheidungen müssen dann aber geschlossen nach außen getragen werden. Dahin müssen wir zurück. Was mir ganz wichtig ist: Es darf nicht persönlich werden!

Wurde es persönlich?

Gudrun Friese-Kracht: Ich war ja jetzt längere Zeit nicht dabei. Aber man konnte schon den Eindruck gewinnen, dass persönliche Angriffe unternommen wurden. So etwas geht nicht. Man muss in einer Partei reden. Das ist wie in einer Ehe. Eine Ehe ist in dem Moment kaputt, wo nicht mehr miteinander geredet wird. Als ich für die SPD damals in den Stadtrat einzog, hat Michael Hoffmann gesagt: Willkommen in der Familie. Damit hatte er Recht!

Zerfasert die SPD in Sprachlosigkeit?

Gudrun Friese-Kracht: Eher in Ortsvereine. Oberstadt, Massen, Königsborn. Die alten Gräben, die früher schon sichtbar waren, brechen wieder auf, und zwar massiv. Nicht gegeneinander. Füreinander! Für Unna! Das war immer auch Michaels Devise, und dadurch hat er die Partei trotz Grabenkämpfen immer zusammenhalten können.

Frau Friese-Kracht, ist Ihnen bewusst, dass die SPD – als Gesamtfraktion – seit Michael Hoffmanns Tod am 29. Oktober 2014 keinen einzigen Antrag mehr eingebracht hat? Ich klammere den Antrag des Ortsvereins Oberstadt auf einen Zuschuss fürs Bornekampbad-Kinderbecken hier mal aus.

Gudrun Friese-Kracht: (stutzend und leicht fassungslos den Kopf schüttelnd) Die Partei muss dringend wieder zusammenrücken und politisch aktiver werden. Natürlich unterstützen wir als SPD unseren SPD-Bürgermeister. Aber wir müssen trotzdem ureigene sozialdemokratischen Vorstellungen in die Verwaltungsvorschläge einbringen. Bei der Neubebauung des Brockhausplatzes zum Beispiel: Wir müssen da billiger werden!

Zur Rede stehen am Brockhausplatz 300 Euro pro Quadratmeter Bauland…

Gudrun Friese-Kracht: … und an der Weberstraße waren es auch schon über 200 Euro. Wir sind eine soziale Partei! Teure Sachen haben wir zur Genüge. Horenkamp ist auch so ein Beispiel. Ich war auch schon bei Dehne skeptisch!

Jetzt greifen Sie etwas weiter zurück: Der Dehne-Komplex an der Massener Straße wurde abgerissen zugunsten hochpreisiger Seniorenwohnungen in der sogenannten City-Residenz. Sie wirken gerade sehr aufgebracht.

Gudrun Friese-Kracht: Ein Platz im Seniorenheim für 2000 Euro im Monat! Wer hat denn 2000 Euro monatlich für Miete übrig? Welche älteren Menschen können das denn zahlen?! Wir werden mal später nicht so viel Rente haben, mein Mann und ich…

Sie können mich damit ruhig einschließen.

Gudrun Friese-Kracht: Es kann eigentlich nicht sein, dass Leute 40 Jahre arbeiten und dann nur 800 Euro Rente haben, aber es gibt solche Menschen – leider mehr als genug. Mir liegt das Soziale sehr am Herzen. Das erwarte ich auch von meiner Partei!

Ein ureigenes Thema für die sozialdemokratische Partei sollte doch, sollte man meinen, die Tafel Unna sein. Zum Zeitpunkt unseres Gesprächs war noch keine handfeste neue Raumoption für die zentrale Ausgabestelle gefunden, die ja zum 30. September das Gebäude der Ev. Kirchengemeinde in Königsborn räumen muss. Lässt die SPD die Tafel hängen?

Gudrun Friese-Kracht: Natürlich weiß ich nicht im Einzelnen, was in den letzten Jahren in Königsborn für die Tafel getan wurde. Mir ist aber bekannt, dass sich Sebastian Laaser jetzt kümmert. Natürlich müssen wir uns gerade als SPD um die Schwächeren kümmern. Ich stehe Einrichtungen wie der Tafel persönlich aber auch ein wenig skeptisch gegenüber. Man sollte den Menschen, finde ich, zeigen, dass man auch für wenig Geld gut und gesund kochen kann. Ja, ich dachte immer mal daran, einen Kochkurs für Hartz IV-Empfänger anzubieten…

Kommt da jetzt die leidenschaftliche Köchin und VHS-Dozentin durch?

Gudrun Friese-Kracht: (lacht) Meine Leidenschaft ist Kochen. Über die Sparkasse wäre ein solcher Kurs eventuell finanzierbar. Schauen wir mal.

Schauen wir mal zu Ihnen nach Massen. Hier leben Sie mit Ihrer Familie, Ihr Mann Dr. Peter Kracht ist seit einem knappen Jahr Ortsvorsteher. Was sollte nach Ihrer Ansicht im Stadtteil zeitnah angepackt werden?

Gudrun Friese-Kracht: Ich finde, dass Massen einen Park braucht! Erholung, Entspannung, Spazierengehen… wir haben viele Hundebesitzer und keine einzige größere Grünfläche. Wir sollten aus dem früheren Freizeitbad-Gelände einen schönen Park machen!

Dieses Grundstück steht freilich unter der „Baulandoffensive“ im Haushaltssicherungskonzept des Kämmerers…

Gudrun Friese-Kracht: Dort Wohnbebauung? Nicht mit mir! Dafür haben wir das Bad platt gemacht? Wer soll bitte direkt in der Einflugschneise wohnen? Dann ziehen Leute dahin und beschweren sich anschließend über den Fluglärm. Dann müssen wir uns um Lärmschutz kümmern…

Sie meinen, man muss die Bürger ein Stück weit auch vor sich selbst schützen?

Gudrun Friese-Kracht: JA!!

Sprechen Sie sich ruhig aus – es wirkt so, als hätten Sie noch etwas auf der Zunge liegen.

Gudrun Friese-Kracht: Das ist das Einzige, was der Stadt Unna einfällt. Wohnbebauung. Wir pflastern alles zu!

Sie klingen gerade grüner als die Grünen. Liegt das an Ihrem fröhlichen grünen Pullover, den Sie heute tragen?

Gudrun Friese-Kracht: Nein (lacht), gute Ideen hat jede Partei. (Energisch:) Ich habe mich übrigens sehr geärgert, dass der Platz zwischen ZiB und Lindenbrauerei nicht in „Michael-Hoffmann-Platz“ umbenannt wird. Er kannte jeden! Und er war Kulturmensch. Durch und durch, mit jeder Faser.

Nach Ansicht Ihres Fraktionsvorsitzenden Volker König war Michael Hoffmann eher „Sportler und Schwimmer“…?

Gudrun Friese-Kracht: (entschieden) Ich sehe das anders. Und ich sage offen, was ich denke. Im Übrigen noch ein Wort zur Lindenbrauerei. Wer nichts zu verheimlichen hat, hat keine Probleme damit, seine Buchführung offen zu legen.

Eine sehr persönliche Frage zum Abschluss, Frau Friese-Kracht?

Gudrun Friese-Kracht: Ja. Kein Problem.

Sie waren, wie eingangs erwähnt, selbst schwer erkrankt. Können Sie auf diesem Hintergrund Michael Hoffmanns Beweggründe nachvollziehen, seine Krankheit derart konsequent mit sich selbst abzumachen und bis zum letzten Tag so weiterzumachen, als wäre alles in Ordnung?

Gudrun Friese-Kracht: (Jetzt sehr nachdenklich) Ich habe großen Respekt vor Michaels Entschluss. Über eine so zutiefst persönliche Entscheidung darf niemand urteilen. Für mich selbst wäre ein so einsames „weiter so“ unvorstellbar. Ich würde noch heute mit der Parteiarbeit aufhören. Um jede Minute, die mir noch bleibt, mit meiner Familie zu verbringen.

 

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2 KOMMENTARE

  1. Zitat: „Jetzt kann ich endlich im Sinne der Bürger entscheiden.“
    Eigentlich ist der Aussage nichts hinzuzufügen und zeigt die Situation der SPD, deren Dilettantismus bei den Entscheidungen der letzten Jahre die Eigennutz, persönliche Animositäten und Protegieren in den Vordergrund stellte und nicht das Interesse der Bürger und Steuerzahlers in dieser Stadt. Frau Friese Kracht meine Hochachtung für diese Entscheidung und alles Gutes bei der weiteren Arbeit als Ratsmitglied.