Radler warten 30 statt 20 Sekunden – Doch Unnas „Kreisel-Ampel“ bleibt: 173.000 Euro für die Stadt

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Die Viktoriastraße bekommt in Höhe Netto vor dem fünfarmigen Kreisverkehr eine dauerhafte Fußgänger- und Radlerampel. (Foto RB)
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Bis zu 30 Sekunden Wartezeit für Radler und Fußgänger, damit Autos besser durchfließen können: ein rotes Tuch für Unnas Grüne. Dennoch sehen sie sinnbildlich Rot – denn die verhasste Ampel kommt. Auf Dauer.

Er kostet der Stadt 173.000 Euro. Denn sie teilt sich die Finanzierung der Beampelung mit dem Investor des Mühle Bremme-Einkaufcenters, denn dieser – der seine aktuellen Planungen in der Sitzung vorstellte – profitiere ebenfalls von weniger Staus, so die Argumentation der Stadtverwaltung.

Nach einem bizarr anmutenden finalen Schlagabtausch im Ausschuss für Stadtentwicklung und Verkehr (ASBV) am Mittwoch, 10. 9., inklusive einem nüchternen „Gelehrtenstreit“ zweier Gutachter ist das leidige Thema nun entschieden. Unna bleibt die Kreisel-Ampel bzw. der beampelte Kreisverkehr erhalten.

Eine Fußgänger- und Radfahrerampel vor einem Kreisverkehr – DEM Unnaer Problemkreisverkehr, dem Kreishauskreisel mit seinen fünf Armen. Er wird nach einer vierteljährlicher Testphase und anschließenden weiteren Monaten Bedenkzeit (für die Grünen) nun dauerhaft eingerichtet.

Damit wird die Ampel auf der Viktoriastraße bei Netto den vormaligen Zebrastreifen direkt am Kreisel dauerhaft ersetzen. Der Verkehr läuft besser, es gibt weniger Staus. Und unsicherer für Radler und Fußgänger sei es auch nicht geworden, lautete das gutachterliche Ergebnis nach dem Ende der dreimonatigen Testphase.

Allerdings: Wenn das „Einkaufs- und Erlebniscenter“ auf der Mühle Bremme gebaut ist, wird sich der Verkehr wieder exakt so stauen wie vor der Entzerrung durch die Ampel. Dies erklärte der von der Stadt beauftragte Gutachter im Stadtenwicklungsausschuss gerade heraus. Sprich: Die Entlastung, die sich die Stadt nun mit 173.000 Euro erkauft, wird mit der Eröffnung des „Mühlencenters“ wieder hinfällig. 

Vergeblich hatten die Grünen versucht, statt dieser Ampel – die Radler und Fußgänger bis zu 30 Sekunden zum Warten zwinge, empörte sich Ratsherr Björn Merkord – einen neuen Zebrastreifen an dieser Stelle durchzusetzen. Zu diesem Zweck hatten sie extra einen eigenen Verkehrsgutachter beauftragt, der ihre Argumentation stützte.

Ein Zebrastreifen sorge für mindestens 10 Sek Wartezeit für Radler und Passanten weniger, während der Autoverkehr genauso weiterfließe.

Genau das stritten aber die Ampelverfechter strikt ab, denn die Glaube daran, dass alle Radler brav am Zebrastreifen vom Rad steigen es hinüberschieben, sei naiv. Nein, so ein Radler sei „auf einmal da“ und flitze in beachtlichem Tempo vor den Autos her über die Fahrbahn, entsprechend höher sei die Unfallgefahrt, meinte CDU-Fraktionschef Rudolf Fröhlich.

Bemerkenswert offenherzig für einen pensionierten Polizisten bekannte er: „Radler steigen am Zebrastreifen nicht ab. Kann ich verstehen. Hab ich auch selbst schon so gemacht.“

Die Grünen blieben erbost zurück und mit ihnen der Fahrradclub ADFC. Denn auch her hatte vor mehreren Monaten schon moniert: Diese Kreiselampel  „wirkt“ vor allem für Autofahrer und benachteiligt einmal mehr die Radler. Durch den gutachterlich bezeugten besseren Verkehrsfluss und weniger Stau würden die Bürger ja geradezu ermuntert, mit dem Auto in die Stadt zu fahren, was doch das genau falsche Signal sei in der heutigen Zeit – den Autoverkehr zu fördern.

Ampelhinweis am Kreishauskreisel. (Foto RB)

Kernaussagen der Ampelwirkung:

  • Die Kapazität der Kantstraße ist um 8 Prozent gestiegen, d. h. die Straße nimmt 8 Prozent mehr Verkehr in derselben Zeit auf.
  • Die Kapazität im Kreisel selbst hat sich um 5 Prozent verbessert.
  • Der Rückstau hat sich erheblich reduziert.
  • Und unsicherer (für Radler und Fußgänger) sei die Querungssituation auch nicht geworden, formulierte es Gutachter Bondzio im Ausschuss, eher tendenziell sicherer.

Im Gutachten ist es dahingehend formuliert, dass sich „die Anzahl der Konfliktsituationen Kfz/Radfahrer/Fußgänger verringert““,  heißt, man kommt sich weniger häufig in die Quere. Diese Formulierung sagt allerdings nicht zugleich aus, dass auch die Unfallgefahren gesunken sind, merkte der Gutachter an. „Was man sagen kann: Es ist auf keinen Fall unsicherer geworden als vorher, wenigstens gleichbleibend, eher in Richtung höhere Sicherheit.“

„Insgesamt hat die Vorher-Nachher-Betrachtung gezeigt, dass die … provisorisch eingerichtete signalisierte Querungsstelle … eine sichere Alternative zum konventionellen Überweg am Kreisverkehr darstellt, um damit die Verlustzeiten und die Rückstaus in der Kantstraße zu verringern und die Leistungsfähigkeit zu erhöhen“,

fasst das Gutachten die Versuchsergebnisse zusammen.

Auf Knopfdruck bekommen Fußgänger und Radfahrer binnen Sekunden Grün. (Foto Rundblick)

Wörtlich heißt es zum Ergebnis des Versuchs in der Zusammenfassung der Verwaltung (Vorlage mitsamt komplettem Gutachten HIER unter TOP 4.9):

„Im Rahmen früherer Untersuchungen – zuletzt im Jahr 2016 zur Erschließung des Geländes Mühle-Bremme – erwies sich der Kreisverkehr als Engpass im Straßennetz der Unnaer Innenstadt. Dabei stellte sich insbesondere der Konfliktpunkt des Kfz-Verkehrsstroms an der Kreisverkehrsausfahrt Viktoriastraße mit dem bevorrechtigten Fuß- und Radverkehrsstrom als Ursache dar.

Der Überweg ist insbesondere in der Spitzenverkehrszeit morgens und im Mittagszeitraum durch den Schülerverkehr aus der Innenstadt und vom Hauptbahnhof zum Schulzentrum nördlich der Innenstadt und in entgegengesetzter Richtung stark frequentiert. Ausgehend vom Überweg stauen sich regelmäßig die in die Viktoriastraße ausfahrenden Fahrzeuge bis auf die Kreisfahrbahn zurück und blockieren in der Folge die angrenzende Einfahrt an der Kantstraße. Dies führt wiederum zu langen Rückstaus entlang der Kantstraße mit hohen Verlustzeiten für den Kfz- und den öffentlichen Nahverkehr.

Zur Steigerung der Abflusskapazität aus dem Kreisverkehr in die Viktoriastraße wurde daher in der Untersuchung aus dem Jahr 2016 empfohlen, den Fuß- und Radweg an der Viktoriastraße durch eine vom Kreisverkehr abgesetzte signalisierte Furt in der Viktoriastraße zu ersetzen. Diese Empfehlung wurde im Rahmen des Verkehrsversuchs zur Feststellung der tatsächlichen Wirkungen auf den Verkehrsablauf zunächst provisorisch umgesetzt.

Die Feststellung der Wirkungen erfolgte durch eine Vorher-Nachher-Untersuchung.

Dafür wurde im November 2018 zunächst der Verkehrsablauf im Vorher-Zustand mit der bevorrechtigten Querungsstelle für Fußgänger und Radfahrer an der Viktoriastraße erhoben. Im März 2019 wurde die Erhebung des Verkehrsablaufs in Nachher-Zustand mit signalisierter Querungsstelle durchgeführt.

Die Erhebungen hatten nicht nur die Ermittlung der Wirkungen auf den Verkehrsablauf im Kfz-Verkehr zum Ziel, sondern insbesondere auch die Überprüfung und Beurteilung der Verkehrssicherheit der veränderten Vorfahrtsituation mit der signalisierten Querung für den Fußgänger- und Radverkehr gegenüber der vorherigen konventionellen bevorrechtigten Fahrbahnquerung am Kreisverkehr.

Die Erhebungen wurden jeweils über einen Zeitraum von 13 Stunden zwischen 06:00 und 19:00 Uhr durchgeführt. Über diesen Zeitraum erstreckt sich auch der Vorher-NachherVergleich an den Messquerschnitten in der Zufahrt Kantstraße, in der Kreisfahrbahn unmittelbar vor der Zufahrt Kantstraße und an der Viktoriastraße. Der Verkehrsablauf am gesamten Kreisverkehr wurde in den üblichen Zeiträumen morgens (06:00 bis 10:00 Uhr) und abends (15:00 bis 19:00 Uhr) ausgewertet. Neben den Erhebungen am Kreisverkehr selbst wurde auch die Rückstausituation entlang der Kantstraße vom Kreisverkehr bis zum Ostring aufgezeichnet.

Alltägliches Bild: Stau vom Ring via Kantstraße zum Kreisel. (Archivbild RB)

In der Vorher-Erhebung konnte ein deutlicher Zusammenhang zwischen den Fußgänger- und Radverkehrsstärken an der Querung Viktoriastraße und dem Verkehrsablauf im Kreisverkehr festgestellt werden. Insbesondere in der Morgen- und Mittagszeit ist das hohe Fußgänger- und Radverkehrsaufkommen mit einem deutlichen Rückgang der Verkehrsstärken am Kreisverkehr verbunden.

Die Ergebnisse der Nachher-Erhebung zeigten diesen Zusammenhang nicht mehr.

Insgesamt stieg das Verkehrsaufkommen im Kfz-Verkehr am Kreisverkehr um 5 %. In der Einfahrt Kantstraße konnte eine Zunahme um 8 % festgestellt werden und in der Viktoriastraße um 4 %.

Trotz der Verkehrszunahme ist festzustellen, dass die extrem langen Rückstaus entlang der Kantstraße, die zuvor bis über den Tunnel an der Kantstraße hinausreichten, in der NachherErhebung um 90 % zurückgegangen sind.

Rückstaus mit Stauende im Bereich zwischen dem Knotenpunkt Kantstraße / Poststiege und dem Tunnelausgangsportal bzw. mit Stauende im Tunnel nahmen demzufolge in der Nachher-Erhebung um 41 % zu. Die Zunahme der Rückstaus in diesen Bereichen ist einerseits auf die gestiegene Kapazität der Kreisverkehrseinfahrt und andererseits auf eine gleichzeitige Zunahme der Verkehrsmenge in der Kantstraße in der Nachher-Erhebung zurückzuführen.

Die zeitliche Verteilung der Veränderungen von Verkehrsstärken und Rückstaulängen in der Nachher-Erhebung gegenüber der Vorher-Erhebung zeigt, dass auch im Zeitraum von 15:00 bis 19:00 Uhr bei vergleichsweise geringerem Fußgänger- und Radverkehrsaufkommen und hohen Kfz-Verkehrsstärken eine positive Wirkung der veränderten Querungssituation in der Viktoriastraße auf den Verkehrsablauf am Kreisverkehr festzustellen ist.

Der Zeitraum von 15:00 bis 19:00 Uhr ist insbesondere für die Ansiedlung des Einkaufszentrums Mühle Bremme von Interesse, da in diesem Zeitraum eine Verkehrszunahme entlang der Kantstraße durch die Ansiedlung des Einkaufszentrums zu erwarten ist.

Grafischer Entwurf des geplanten Einkaufscenters „Mühlencenter“ mit Edeka als Ankermieter. (Archivbild RBU / Grafik: Ter Brinke Group)

Bereits im Verkehrsgutachten von Oktober 2016 wurde festgestellt, dass auch ohne Signalisierung des Fußgängerüberweges keine grundsätzlichen verkehrlichen Einwände gegen die Ansiedlung des Einkaufzentrums bestehen, jedoch zur weiteren Verbesserung der Verkehrsabläufe eine Prüfung der Signalisierung empfohlen wurde. Durch das Zusatzgutachten hat sich bestätigt, dass die Signalisierung tatsächlich zur Steigerung der Leistungsfähigkeit des Kreisverkehrs führt.

Infolge der Leistungssteigerung haben Verkehrsteilnehmer ihre Routenwahl verändert, so dass in der Nacherhebung in der Kantstraße rd. 8 % mehr Kfz festgestellt wurden (nachmittags, Zeitraum 15-19 Uhr).

Die Verkehrsuntersuchung zur Ansiedlung des Einkaufszentrums aus dem Jahr 2016 hatte unter Berücksichtigung des Neuverkehrs des Einkaufszentrums sowie der allgemeinen Verkehrsentwicklung für denselben Straßenabschnitt in der nachmittäglichen Spitzenstunde eine Zunahme von 6 % prognostiziert. Es ist damit zu rechnen, dass nach der Inbetriebnahme des Einkaufszentrums und der dadurch ausgelösten Verkehrszunahme es wiederum zu einer veränderten Routenwahl der Verkehrsteilnehmer kommen wird, die im Endeffekt eine leichte Erhöhung der Verkehrszahlen gegenüber der Nacherhebung bringen kann.

Egal mit welcher Feinsteuerung sich die Leistungsfähigkeit der Kantstraße als Querung der Bahnlinie noch gestalten lässt, wird sich die Verkehrsbelastung dieses Verkehrsabschnittes auf einen Gleichgewichtszustand einstellen, der der Inkaufnahme von Reisezeitverlusten einerseits und dem Reisezeitaufwand für andere Routen entspricht.

Insgesamt hat die Vorher-Nachher-Betrachtung gezeigt, dass die im Verkehrsversuch provisorisch eingerichtete signalisierte Querungsstelle an der Viktoriastraße eine sichere Alternative zum konventionellen Überweg am Kreisverkehr darstellt, um damit die Verlustzeiten und die Rückstaus in der Kantstraße zu verringern und die Leistungsfähigkeit zu erhöhen. Gleichzeitig kann durch die signalisierte Furt die Verkehrssicherheit verbessert werden, da sich die Anzahl der Konfliktsituationen Kfz/Radfahrer/Fußgänger verringert. Das Verkehrsgutachten liegt als Anlage 1 dieser Vorlage bei.

Es wird empfohlen, eine dauerhafte Signalisierung einzurichten. Die erforderliche Anpassung der Fuß- und Radwegeanschlüsse ist im Lageplan dargestellt (Anlage 2). Bis zum Zeitpunkt der Umsetzung sollte das Provisorium erhalten bleiben.

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In seinem Antrag vom Dezember bat der ADFC hingegen darum, auf den Versuch zu verzichten. (HIER geht es zur damaligen Vorlage).

Sei es nicht statt dessen angesagt, stellt er die Frage, angesichts der schon jetzt massiven Verkehrsprobleme im Umfeld des fünfarmigen Kreisverkehrs das gesamte Projekt „Einkaufszentrum Mühle Bremme“ noch einmal gründlich auf seine Sinnhaftigkeit zu hinterfragen?

Grafik der geplanten Verkehrsregelung mit Entwicklung des Mühlencenters. (Quelle Investor/Stadt Unna)

Denn mit dem Bau des „Mühlencenters“ kommt abermals deutlich mehr Verkehr auf diesen neuralgischen Punkt in Unnas Verkehrsnetz zu. Eine Ampel könne das nicht lösen, ist sich der ADFC sicher. Sie werde im Gegenteil die Probleme verschärfen:

Da der auf zwei bis drei Monate angesetzte Ampelversuch ab Januar (unter Absperrung des Zebraastreifens, über den die Fußgänger und Radler momentan die Fahrbahn queren) als Test für die geplante Mühle Bremme-Bebauung dienen soll, sieht der Fahrradclub eher andere Überlegungen angesagt:

HIER berichteten wir im März 2018 über die gutachterlich prognostizierten verkehrlichen Herausforderungen.

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