Gutachter: Unnas Kultur massiv unterfinanziert – Landesförderung für Lichtkunst nötig – „Vergreisung“ droht

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Lichtkunstzentrum Unna. (Archivbild Rundblick)
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117.000 Euro schießt die Stadt Unna jährlich dem Lichtkunstzentrum zu, weitere 37.600 Euro kommen vom Kreis. Dennoch fehlen jährlich rund 40.000 Euro. Die Stadt Unna soll sich daher intensiv um dauerhafte Landesfinanzierung des Museums bemühen.

Dies ist eine (die 13.) von 13 Empfehlungen der Kulturberatung TAKE PART, die im Auftrag der Stadt mit einer Begutachtung der Unnaer Kulturlandschaft beauftragt war.

Die Kernfeststellungen: Unnas Kultur ist strukturell unterfinanziert.

Sie droht, „kaputt gespart“ zu werden.

Und es droht „Vergreisung“ der Kulturakteure, weil spezielle Jugendkultur praktisch nicht vorhanden sei.

Lindenbrauerei Unna. (Archivbild Rundblick)

„Die Finanzlage wird von den 10 städtischen Einrichtungen ganz überwiegend als äußerst problematisch bewertet… die wichtigsten Folgen sind: notwendige Investitionen, Unterhaltungsmaßnahmen werden unterlassen. Es geht primär darum, den Status quo zu erhalten. Innovationen, notwendige neue Initiativen finden kaum noch statt.“ Die Einwerbung von Fördergeldern scheitere häufig am Fehlen der notwendigen Eigenmittel.

Vollkommen gegensätzlich ist die Auffassung der FDP und vor allem der CDU im Stadtrat: Diese stützen sich auf die Gemeindeprüfungsanstalt, die Unna bescheinigte, sich Kultur wie eine Großstadt zu leisten.

Das „Sakrileg“, Unnas Kulturkosten zu hinterfragen: Interview mit CDU-Chef Gerhard Meyer

Der Experte von TAKE PART rät in seiner Zusammenfassung hingegen auch, sich ein für alle Mal von der Zusammenlegung des Kulturbereichs mit der Marketing-Gesellschaft zu verabschieden.

Das Hellweg-Museum in der Alten Burg. (Foto Archiv RB)

Er pocht eindringlich auf eine „Ertüchtigung“ des „vor sich hin dümpelnden“ Hellweg-Museums (siehe HIER der eigene Bericht dazu). Und Unnas Kulturangebote müssten sich dringend besser vernetzen und sich bekannter machen.

„Um die Kultur in Unna zukunftsweisend aufzustellen …, hatte der Rat einen Kulturentwicklungsprozess angestoßen“, erinnert die Stadtverwaltung.  Nun liegt der Abschlussbericht des Kulturexperten Peter Landmann der Beratung TAKE PART vor. Im Kulturausschuss am Dienstag, 17. September 2019, werden die Ergebnisse vorgestellt.

Aus dem breiten Beteiligungsprozess sind 13 Handlungsempfehlungen hervorgegangen. Darunter:

  • eine bessere Vernetzung und Bekanntmachung der Unnaer Kulturangebote,
  • neue Technik und Einrichtung für den i-Punkt im Zentrum für Information und Bildung (ZiB),
  • zwei neue Vollzeitstellen im städtischen Kulturbereich für „Netzwerkbildung“,
  • eine sofortige Arbeitsgruppe zur Rettung des Hellweg-Museums,
  • und eben eine „institutionelle Landesförderung“ des Zentrums für Internationale Lichtkunst im Brauereikeller und auf dem Platz der Kulturen (Turrell-Trichter/Camera Obscura, Sky Space).

Die städtischen Zuschüsse für diese Lichtkunst, jährlich ca. 117.000 Euro im Jahr (plus 37.600 vom Kreis), sorgen immer wieder für Diskussionen.

Camera Obscura (Sky Space) von James Turrell auf dem Platz der Kulturen. (Foto RB)

Aus der Expertise des Gutachters:

Träger des Zentrums für Internationale Lichtkunst ist ein Verein, der zurzeit 64 Mitglieder hat. Die wichtigsten Lichtkünstler der Welt sind in ihm vertreten. Jede der Lichtinstallationen wurde eigens für die Räume vor Ort geschaffen und ist … individuell auf diesen Ort zugeschnitten.

Lichtkunstzentrum Unna. (Archivbild Rundblick)

Das Museum besitzt in der internationalen Kunstwelt großes Renommée. Seit 2015 hat es den International Light Art Award initiiert: ein alle zwei Jahre stattfindender Wettbewerb, zu dem im Jahr 2018 fast 400 Konzepte von Künstlern aus 57 Ländern eingereicht wurden. Das Museum organisiert Lesungen, Vorträge und betrachtet sich selbst als ein Kenntniszentrum für Lichtkunst. Viele Organisationen, national und international,  werden von ihm beraten.

Ausstellung im Lichtkunstmuseum: Bernardí Roig – Reflection Exercices – 2003 – © Bernhard Rot

Das Museum ist aber auch in der örtlichen Kulturlandschaft aktiv. Es bietet der Bevölkerung Unnas und der Region Vorträge, Workshops, Konzerte usw

Das Museum hatte 2018 25 Mitarbeiter, davon 15 unbefristet eingestellt. Es handelt sich um sechs hauptamtlich und um 17 bzw. 19 geringfügig Beschäftigte.

Dazu kommt projektbezogen eine variable Zahl von Honorarkräften und freien Mitarbeitern.

Die Besucherzahlen lagen 2016 bei ca. 22 000 und 2017 bei ca. 25 000.

Es wurden in jedem Jahr 8 Konzerte angeboten, die durchschnittlich von 200 Personen besucht wurden.

Das Museum hatte 2017 Einnahmen von insgesamt ca. 700 000 €. Aus dem Eintrittskartenverkauf und aus sonstigen Umsatztzerlösen kamen ca. 196 000 €. Gut 504 000 € waren sonstige Erträge (Zuschüsse), darunter 117 000 € von der Kreisstadt Unna und 37 600 € vom Kreis Unna.

Lichtinstallation im Zentrum für Internationale Lichtkunst Unna, ein Foto aus dem Rundblick-Archiv.
Die Stärken und Schwächen der Kulturstadt Unna in Gesamtheit arbeitete eine Zukunftskonferenz am 29./30. März 2019 im Tanzcenter Kochtokrax heraus.
Stärken:
  • Vielfalt
  • Engagement
  • Kreativität
  • reges Ehrenamt
  • große Kooperationsbereitschaft
  • Gute Kultureinrichtungen
  • Kompetenter städtischer Kulturbereich
  • Leuchttürme mit starker Außenwirkung (Lichtkunstzentrum, Lindenbrauerei, Jugendkunstschule, „Mord am Hellweg“, Circus Travados, Philipp Nicolai Kantorei)
  • Kultur ist Markenzeichen der Stadt
  • Ausgewogenheit von soziokulturellen und Leuchtturm-Projekten, Ehrenamtlern und Profis
  • Einrichtungen und Kulturangebote sind gut erreichbar, zeigen große Offenheit gegenüber allen Interessierten
  • Angebote niederschwellig und kostengünstig
  • Kultur schafft positives und offenes Stadtklima, ein „Wir Gefühl“
  • Gutes Angebot er Diversität/kulturellen Vielfalt
Schwächen:
  • Wenig Angebote für die junge Generation (15-30 Jahre)
  • „Blinder Fleck“: Junge Szene, fehlende U18-Förderung
  • Fehlende Räume für Jugend
  • Keine Kultur von unten, Kultur wird der Jugend von oben vorgegeben.
  • Kein Gesamtmarketing/keine Öffentlichkeitsarbeit für die Unnaer Kultur
  • Zu wenig Geld
  • Zu wenig Mut
  • Leben von der Substanz
  • Bürokratie
  • Überlastung der Kulturverwaltung
  • Stadtteile kulturell abgehängt, zu wenig dezentrale Angebote
  • Mangel an politischer Anerkennung und Wertschätzung
  • Keine Vernetzung, auch keine digitale
  • Zu wenig Impulse aus der Kulturpolitik, wenig kulturelle Experimente
  • Fehlende Anbindung der Vereine an die Kulturpolitik
  • Fehlende Initiativen für kulturferne Bevölkerung
  • Gefahr der Vergreisung
  • Geschichtsvergessenheit (Vernachlässigung des Hellweg Museums)
  • Stadtfeste: zunehmende Kommerzialisierung.
„Zunehmend kommerziell“: Stadtfest Unna (hier Alter Markt am 6. 9. 2019, Foto RB)

 

Der Gutachter kommt insgesamt zu besorgten Ergebnissen.

„Es ist in allen Städten in den Kultureinrichtungen so gut wie nie genug Geld da. Das liegt in der Natur der Sache, weil man im Bereich von Kunstt und Kultur niemals fertig ist…“
In Unna gehe es jedoch inzwischen in vielen Fällen um eine strukturelle Unterfinanzierung.
„In den letzten Jahren ist in Unna in der Kultur so gespart worden, dass die zuvor in guten Jahren aufgebauten Strukturen hinter den Fassaden allmählich weggebrochen sind oder wegzubrechen drohen. Dieser Vorgang der schrittweisen permanenten Ressourcen –
Ausdünnung (personell und finanziell) hat dazu geführt, dass sich die Mitarbeiter in einem ständigen Kampf um die Aufrechterhaltung der gewachsenen Strukturen und der Leistungen befinden, die von ihnen erwartet werden und die sie vor allem auch selbst von sich erwarten.
Dieser permanente Abwehrkampf ist frustrierend und demotivierend.
Die strukturelle Unterfinanzierung bzw. personelle Unterbesetzung führt dazu, dass alle neuen Fragestellungen, alle an sich notwendigen neuen Initiativen soweit wie möglich zurückgestellt werden. Keine Zeit und keine Kraft und kein Geld für die notwendigen Innovationen, das heißt, für die notwendigen Reaktionen auf kulturelle, gesellschaftliche, politische, wirtschaftliche etc. Entwicklungen.
Die Folge ist, dass trotz für die einzelnen Mitarbeiter permanent steigender Arbeitslast
Stillstand und ein schleichender Qualitätsverlust der jeweiligen Einrichtung eintritt. Auch das frustriert und deprimiert engagierte Mitarbeiter/innen.“

 

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2 KOMMENTARE

  1. Zitat Vorstellung take Part: “Wir sind vier Kulturexperten. Uns verbinden gemeinsame Überzeugungen. Kunst und Kultur sind unsere Leidenschaft. Wir setzen uns für sie ein, weil wir wissen, dass unsere Gesellschaft sie braucht. “ Was also soll ein Gutachten von diesen “Experten” denn letztendlich Aussagen? Angesichts der Kritik des Gemeinde Prüfungsamtes das feststellt dass die Kulturausgaben zu hoch und sonst nur bei einer Großstadt zu finden sind, der massiven Kritik aller Parteien zu dem Thema Kultur bei den Neujahrsansprachen in diesem Januar ist es schlechthin eine Frechheit der Stadt weiteres Geld aus dem Fenster zu schmeißen für ein fragwürdiges Gutachten das ausschließlich die Entlastung des Stadtoberhauptes und der Mitverantwortlichen bringt. Insofern wird kein Tag langweilig, eine Lachnummer täglich jagt die Nächste