„Weil man uns die Zukunft klaut!“ Über 1000 in Unna „werden laut, um das Klima zu retten!“

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Laut für den Klimaschutz am Freitag, dem globalen Klimaschutztag, in Unna. (Alles Fotos RB Unna)
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Das choral intonierte und möglichst lautstark erwünschte „Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns die Zukunft klaut!“ benötigt zunächst einen gewissen Anschub in Form lautstarker Animation per Mikrofon. Je weiter man auf dem dicht gefüllten Rathausplatz nach hinten blickt, desto weniger rufen mit, je weiter man durch die wogenden Körper und bunten Plakate nach vorne zum Rathausbrunnen kämpft, umso messbarer steigt die Lautstärke.

„Wir müssen noch viel lauter schreien!“, schreit  einer der jungen Organisatoren aus der Fridays for Future-Bewegung der jubelnden zumeist jugendlichen Menge zu, „seit acht Monaten machen wir das jetzt, gehen jeden Freitag auf die Straße, was haben wir bisher erreicht?!“

Um „diese Idioten da oben“ endlich zu erreichen, ruft der zornig wirkende junge Mann, „müssen wir noch viel lauter werden! Wir sollten wir beim nächsten Mal  den Verkehr auf dem Unnaer Ring lahmlegen!“ Ohrenbetäubendes Gejohle und gellende Beifallspfiffe schallen ihm entgegen, bunte Plakate werden geschwenkt, auf denen zu lesen ist: „Erhebt die Stimme des Meeres!“ „Nehmt eure Zukunft in die Hand!“ Sarkastisches auch wie: „Luft zum Atmen? Brauch ich nicht!“. Oder schlicht der Wunsch „Bäume retten“, „Klima retten“.

 

Der junge Mann vom Werkstatt-Kolleg hat sich über Fleischkonsum Gedanken gemacht und isst selbst selten Fleisch, sagt er. „Einmal die Woche vielleicht. Das reicht völlig.“

Man sei heute in der Tat hier, „um das Klima zu retten“, verkünden Anna und Ben von der „Fridays for Future“-Bewegung am Mittag kurz nach 12 Uhr zur Begrüßung. Die beiden stehen auf dem Rand des Rathausbrunnens, vor ihnen der Platz unter strahlender Frühherbstsonne mit Menschen blickdicht bedeckt.

Die meisten sind Jugendliche der weiterführenden Schulen Unnas einschließlich der Berufskollegs, man sieht aber auch Ältere, Mütter, Väter, Großmütter und Großväter. Einige outen sich mit ihren Plakaten voller Stolz als Mitglieder der „Parents“ oder sogar „Grandparents for Future“. „Mein Enkel will eine Zukunft haben, ich aber auch“, bemerkt ein weißhaariger Mann hinten an der Sparkasse. Er blickt mit glänzenden Augen leicht euphorisiert über die wogende bunte Masse zwischen Katharinenkirche, Bahnhofstraße und Rathaus.

Grandparents for Future.

Die Kirche hat zuvor erst mal ausgiebig die Glocken läuten lassen. Noch in den Nachhall mischen sich sphärische Klänge mit nachdenklichem Sprechgesang, der fast hypnotisch aus den großen Lautsprecherboxen schallt: Es geht um die brennende Sorge um die Erde, um die dringende Notwendigkeit, JETZT „etwas zu tun“, denn „future is NOW“, „future is NOW“…

Nach der Zweisatzbegrüßung durch Ben und Anna ergreift Eva-Lotta Vogt vom Ernst-Barlach-Gymnasium das Wort. Sie ist derzeitige Sprecherin der Grünen Jugend Unna. Sie nennt es „voll krass, wie unglaublich viele heute gekommen sind.“ Sonst erreichten sie mit hren FFF-Demos vielleicht mal 300, 350 Leute, „aber das hier heute in Unna ist so krass…! Und nicht nur in Unna, überall auf der Welt gehen heute Tausende, Hundertausende von uns auf die Straßen! Es sieht endlich so aus, als hätten es alle verstanden!“

Verstanden, dass „wir das Klima retten müssen“, soviel ist klar; wie das geschehen soll? „Es ist nicht unsere Aufgabe, Lösungen zu entwickeln!“, ruft Eva-Lotta unbeeindruckt ins Mikrofon, „es ist Aufgabe unserer Politiker, Lösungen zu finden, und zwar schnelle und drastische Lösungen!“

Welche drastischen Lösungen das denn wohl sein könnten? Mit Lösungsvorschlägen ist es hier heute nicht wirklich weit her. Die Frage geht an eine Gruppe Neuntklässlerinnen des EBG, die weiter hinten stehend zuhören und sich auf Interviews vorbereiten, die sie sie machen wollen auf der Demo, für den Unterricht.

Die jungen Mädchen blicken etwas ratlos, zucken die Schultern. Ob sie denn bereit wären, für welche drastischen Lösungen auch immer dann auch drastisch ihre eigene Lebensweise zu ändern? „Ja, klar“, nicken sie alle sofort. Viel Fahrrad fahren sie jetzt schon, „zur Schule sowieso“, aber „auch so“. Handys? Haben sie natürlich alle, aber, „die sollten in die Wiederverwertung. „Es kann schon jeder für sich viel tun. Klar, dass man sich dann auch einschränken muss„, sind sich die Mädchen einig. Was wäre mit dem möglichen Wegfall vieler Arbeitsplätze durch drastische Klimaschutzlösungen? Haben sie keine Sorge, später selbst von Arbeitslosigkeit betroffen zu sein? Zwei aus der Gruppe schauen etwas betreten, nun ja, sagt dann eine dritte schlagfertig, „ich bin lieber arbeitslos, lebe dafür aber noch.“ Das Allerwichtigste sei jetzt einfach, das Klima und damit die Erde zu retten!

Auf dem Mäuerchen am Katharinenplatz stehen Elias und Yannik, fünfter Jahrgang des EBG, damit die jüngsten Schüler heute bei dieser der Demo. Sie hätten erst eben vorhin in der Schule erfahren, dass sie früher unterrichtsfrei bekommen, erzählt Yannik, mega spannend finden die beiden Jungs es hier auf dem rappelvollen Platz.

Ob sie denn wissen, was hier heute abgeht? „Klar“, sagen sie. „Die wollen hier das Klima retten. Wir auch!“ Sie fahren beide schon ganz viel mit dem Fahrrad, erzählen sie.  „Ganz schlimm“ findet Yannik „das viele Plastik. Das schwimmt in den Meeren und die Fische schlucken es und sterben. Man braucht das nicht. Auch zum Einkaufen braucht man keine Plastiktüten.“ Das Plastik-Thema treibt den Knirps um.

Frieda.

Durch die Menge der Großen wandert ein kleines Mädchen, mit ihrem blonden Pferdeschwanz und der ernsthaften Miene wirkt sie wie eine kleine Greta aus Unna. Frieda heißt die Kleine, ist ebenfalls erst in die 5. Klasse, und zwar an der Peter-Weiss-Gesamtschule. Mit innigem Ausdruck trägt Frieda ein Plakat mit sich herum, auf dem mit grünem Filzstift geschrieben steht: „Ohne Bäume keine Träume“.  Innig spricht Frieda über die Wichtigkeit, Bäume zu bewahren, Bäume neu zu pflanzen und sie nicht aus Profitgier und Gedankenlosigkeit weiter abzuholzen. „Wenn die Bäume sterben, sterben wir auch“, sagt Frieda schlicht. Sie wirkt seltsam erwachsen in der Überzeugtheit, wie sie das sagt. „Und weniger Plastik. Weniger Autos. Von allem weniger. Und dafür viel viel mehr Bäume.“ Stolz posiert sie fürs Foto und trägt dann ihr Plakat weiter, für die nächste Runde über den Platz.

Die Sonne knallt inzwischen auf den Platz, Sprechchöre,  Musik aus den Lautsprechern und eine Flut kunterbunter Plakate vermengen sich zu einer fast Happening ähnlichen Stimmung Ein (erwachsener) Teilnehmer trägt einen rosaroten Regenschirm mit sich spazieren, an dem bunte Klimasymbole lustig herunterbaumeln und bei jedem Schritt wippen. Vier Polizeibeamte stehen am Rand des Platzes vor Liebehenschel und wirken entspannt unbeschäftigt. Am Brunnen greift jetzt ihr Chef zum Mikrofon, der Landrat, einer der wenigen erwachsenen Redner heute.

Ja, ruft Michael Makiolla der Schar von Jugendlichen entgegen, es sei absolut toll für ihn, hier heute hautnah zu erleben, wie beeindruckend sich junge Menschen einsetzten. „Wir haben im Kreis schon viel getan für Klima und Umwelt. Aber ihr habt uns klar gemacht, dass das längst noch nicht genügt!“, ruft er. „Wir müssen viel mehr machen und das werden wir!“ Noch lauterer Jubel und Beifall. „Wir haben einen Klimanotstand im Kreis ausgerufen, und daran werden wir uns orientieren“, verspricht ihnen Makiolla, zählt dann noch einige weitere geplante Verbesserungen auf, im ÖPNV auf, bei der energetischen Gebäudesanierung, bei der Fahrrad-Infrastruktur… sein Lob für die Jugend kommt an bei der Jugend, noch lieber als dem Landrat will sie jedoch ihrer eigenen Generation zuhören und -jubeln.

Am Brunnenrand hat sich eine Fan-Base des Ernst-Barlach zusammengeballt. Sophie, 12, übernimmt gerade das Mikrofon unter erneut lauthals skandierten „EBG, EBG!“-Rufen und ruft selbst in beeindruckender Lautstärke, wieso sie das Gerede ums Schuleschwänzen lächerlich findet: „Wir sind der Meinung, dass wir hier heute mehr lernen als in jedem Matheunterricht!“ Das Gejohle wird kurzfristig ohrenbetäubend.

Kira, die aus Werl angereist ist und das Ursulinengymnasium besucht, gesteht: „Warum bin ich heute hier… Ich muss zugeben, ich habe selbst noch nicht viel fürs Klima getan. Zumindest nichts Gutes.“ Aber, und nun wird die Schülerin  laut, „ich bin hier, weil ich denen eine Stimme geben möchte, denen einen Scheiß-Lateinstunde wichtiger ist als hier zu sein!!“

Bei dem Versuch, die Dringlichkeit des Klimaschutzes naturwissenschaftlich zu begründen, verheddert sich die Gymnasiastin ein wenig: Da das Eis der Arktis schmilzt, schmelzen auch die Polkappen, und der Nordpol erzeugt deshalb keine Tiefdruckgebiete mehr. Irgendwie… na ja, so ähnlich, sie schließt unbeirrt selbstbewusst mit einem energischen: „Wir dürfen keine Kompromisse beim Klimawandel machen, denn er ist real und jetzt, und da müssen wir denen da oben eben auch mal vor den Kopf stoßen!“

Es folgt ein angespannt wirkender 16-Jähriger, wieder vom Ernst-Barlach-Gymnasium. Er mahnt eindringlich, dass ihnen als der jungen Generation nicht mehr viel Zeit bleibt, etwas zu ändern. Deshalb habe er sich auch dazu entschlossen, jetzt hier zu sprechen. „Ich bin mega nervös. Aber hier geht es um alles, es geht um unsere eigene Zukunft.“

Werkstatt-Berufskolleg Unna.

Einem älteren Schüler des Märkischen Berufskollegs ist ebenfalls daran gelegen, das ausgelassene Festival-Feeling auch mit ernsthaften Appellen an die eigene Generation zu durchbrechen. So wichtig diese wöchentlichen Demos auch seien, mahnt der junge Mann, damit sei es nicht getan. Das  genüge nicht.

„Wir müssen uns alle eins bewusst machen. Wir, und nur wir sind die Generation, die diese Dinge nachhaltig verändern kann und verändern muss. Aber jeder von uns muss dabei auch bei sich selbst anfangen. Wenn wir dazu nicht bereit sind, können wir es gleich ganz lassen.“

Die junge Rednerin nach ihm, die sich als Leonie vom PGU vorstellt, sagt sogar ganz offen heraus: „Ich weiß, dass mich einige jetzt hassen werden. Aber jeder muss auch mal bei sich selbst anfangen. Klamotten nicht bei H&M kaufen, sondern in Second Hand Läden gehen.“  Beim Stichwort Kleidung wird auch der Kaufnett-Laden der Diakonie an der Massener Straße genannt, man solle doch einfach dort mal Kleidung kaufen, aus zweiter Hand.

„Wir sind jetzt die, die mit dem Rad zur Schule fahren“, unterstreicht Friday for Future-Aktivistin Anna vom PGU, dass jedenfalls die Mobilitätswende in den jungen Köpfen schon angekommen ist.

Sie beendet die Veranstaltung mit einem nachdrücklichen Aufruf, am kommenden Donnerstag die Ratssitzung in Unna zu besuchen: „Denn dort soll über einen Klimanotstand auch für Unna beraten werden, und im Gegensatz zum Kreis sieht es nach Ablehnung aus. Kommt bitte zur Sitzung und macht klar, dass WIR den Klimanotstand WOLLEN!“ Was sie ganz entschieden NICHT wollen, rief FFF-Aktivist Ben abschließend in die johlende Menge, sei eine Eishalle, die auch im Sommer betrieben wirdunmisserständliche Kampfansage an die Bürgerinitiative „UNNA.braucht.EIS“, die nach dem gewonnenen Bürgerbegehren die Eissporthalle im Ganzjahresjahresbetrieb reaktivieren will.

Fotogalerie – Fotos von Rundlblick Unna (vier von Bärbel Herzog)

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6 KOMMENTARE

  1. Euch wird nicht die Zukunft geklaut, sondern Ihr lasst euch nur benutzen !
    Könnt ihr für euren Schwachsinn 1000% er Nachweise erbringen IPCC ist nicht glaubhaft, wer die Wahrheit ohne Beweise ????????
    Bevor ihr euch benutzen lasst, sollte man sich ausführlich informieren ?
    Es gibt einen Film :die Welle
    Wie weit soll diese gezielte Manipulation in diesem Land noch weitergehen (einschließlich Trittbrettfahrer SPD)
    Ach ja, diese sagenhafte Merkel hat ja nächtelang Hochbezahlt von Euren Steuergeldern mit ihren Vasallen über die RETTUNG der WELT debattiert: dazu kann ich nur eins sagen: LEUTE ihr Habt noch ein GEHIRN zum eigenständigen DENKEN oder nicht ?

  2. Die Kinder und Jugendlichen wissen es nicht besser. Sie laufen der Herde nach und lassen sich manipulieren. Das war immer so und wird immer so bleiben. Denn die Menschheit wird nicht klüger, eher wird sie immer dümmer. Besonders in Deutschland. Ärgern muss man sich über die Erwachsenen, die diesen Unsinn mitmachen. Herr Makiolla hat sich mit seinem selbstzufriedenen Grinsen wohl auch da eingefunden. Aber ich denke, es wurden auch viele Leute dahingekarrt, die sonst nicht da aufgetaucht wären. Es macht einen nur traurig, aber der ganze Spuk wird wohl irgendwann vorbei sein. Hoffentlich bevor Deutschland endgültig abgeschafft worden ist. Ich habe diese engagierten jungen Leute allerdings an anderer Stelle vermisst. Als in Bergkamen richtige Menschen in Not waren, da habe ich keinen Protest bemerkt. Ich meine die Bewohner des Hochhauses in Bergkamen, die wegen „Brandschutzmängeln“ ihr Heim verlassen mussten. Jetzt dürfen sie wieder nach Hause und ich freue mich sehr für diese Menschen. Aber diesen Menschen in Not hat keine Sau geholfen, keine Demo und keine Lichterkette. Verraten von der Stadt waren sie ganz allein in ihrem Kampf, damit sie wieder in ihr Zuhause kommen können. Ach nein, da gab es ja zwei Männer die geholfen haben. Ohne diese beiden Männer wären die Bewohner heute noch nicht in ihren Wohnungen. Aber wer waren diese Männer, die selbstlos, ohne jede Unterstützung, gegen alle Widerstände einfach geholfen haben, etwas getan haben ohne viel zu fragen. Es waren zwei Rechte. Die Politik hat sie diffamiert. Die gleiche Politik, die ohne jedes Mitgefühl die Bewohner hat leiden lassen. Die aufgrund von Unfähigkeit, diese Tragödie erst möglich gemacht hat. Darüber sollten einige Leute mal nachdenken. Wer sind hier die Helden und wer die Bösen? Aber dafür reicht es hier in Deutschland einfach nicht.