„Ich lasse mich nicht verbiegen!“ Ingrid Kroll zu ihrem Austritt aus der SPD-Fraktion Unna

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Bürgernah und immer in Unna unterwegs: Ingrid Kroll beim "Dördelmannpokal" der Bürger-Schützen Unna. (Archivbild RB)
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Sie lasse sich nicht verbiegen, betonte Ingrid Kroll im Januar 2015 bei einem Interview – ihrem ersten überhaupt – mit der Rundblick-Redaktion. Sie lesen es unten angehängt noch einmal.

Heute, am Abend des 8. Oktober, wiederholte die Sozialdemokratin diesen überzeugten Leitspruch für ihre politische Arbeit: „Ich lasse mich nicht verbiegen und mir keine Entscheidung aufzwingen, die ich nicht selber verantworten kann, mir selbst und den Bürgern gegenüber. Für ihre Interessen bin ich schließlich gewählt worden!“

Am Vormittag hatte Ingrid Kroll dem Bürgermeister ihren Austritt aus der SPD-Ratsfraktion mitgeteilt.

Sie folgte damit in kurzem Abstand Gudrun Friese-Kracht (Austritt am 12. 9.) und Wolfgang Ahlers (Austritt am 4. Oktober). Wie die Massenerin und der Königsborner sowie zuvor Bärbel Risadelli nimmt die Oberstadt-Ortsvorsteherin ihr Mandat mit und füllt die Gruppe der Fraktionslosen damit auf nun 9 auf.

Sie sorgt damit zugleich für den Verlust der alleinigen Mehrheit von SPD und Grünen, denen fortan auch mit der Stimme des Bürgermeisters eine Stimme für die Mehrheit fehlt.

„Das war mir noch gar nicht bewusst gewesen“, sagte uns Ingrid Kroll, als wir sie nach einer langen Kreistagssitzung am frühen Dienstagabend erreichten. Sie bestätigte uns, dass sie sehr lange um diese Entscheidung, sie heute traf, gerungen hätte.

Verwundern konnte in Anbetracht der tiefen Zerwürfnisse der vergangenen Jahre eigentlich nur noch der (späte) Zeitpunkt für Krolls Schritt.

Ingrid Kroll und Michael Hoffmann beim Stadtfest Anfang September 2014, wenige Wochen vor dem plötzlichen Tod des populären Fraktionsvorsitzenden. (Archivbild RB)

Schon unmittelbar nach dem plötzlichen Tod des außerordentlich populären Fraktionschefs Michael Hoffmann Ende Oktober 2014, also wenige Monate nach der Kommunalwahl, hatten sich Differenzen zwischen der Oberstadt-Vorsitzenden und Hoffmanns Nachfolger Volker König aufgetan, die sich in der Folgezeit zur tiefen Kluft verbreiterten.

Ingrid Kroll und Volker König bei Königs Wahl zum Fraktionschef und Hoffmann-Nachfolger – Kroll wurde 1. Stellvertreterin. Das ging nicht lange gut. (Foto RB)

Dafür sorgte neben Königs autoritärem und Frauen gegenüber oft als „machohaft“ wahrgenommen Führungsstil sowie strittigen Sachentscheidungen insbesondere Königs fristloser Rauswurf der Fraktionsgeschäftsführerin Bärbel Risadelli im November 2015, von dem Ingrid Kroll bis heute klipp und klar sagt:

„Ich fand das falsch!“

Zweijähriger Kündigungsstreit: Bärbel Risadelli im Herbst 2017 vor dem Arbeitsgericht Dortmund. (Foto RB)

Dieser als „Causa Risadelli“ unrühmlich Furore gemachte Personalskandal (von dem sich die SPD nach Ansicht Vieler bis heute nicht erholt hat) spaltete die SPD-Fraktion in erbitterte König-Gegner und König-Befürworter, was jetzt spät, aber umso abrupter zu einer regelrechten Erosion führt.

Ausschlaggebend für ihren nun jetzt erfolgten Schritt waren laut Kroll Gerüchte, die ihr am vergangenen Samstag aus der SPD-Fraktionssitzung vom vorangegangenen Mittwoch zugetragen wurden.

Böse Gerüchte waren das, laut denen man ihr Ämter fortnehmen, ihren politischen Einfluss beschneiden wolle. Sogar von Parteiausschlussverfahren gegen sie war die Rede.

„Das hat man mir von mehreren Seiten zugetragen“, sagt Ingrid Kroll. Für sie, die „ganz bewusst niemals dreckige Wäsche in der Öffentlichkeit gewaschen hat“, war damit das Maß voll, das Fass übergelaufen. Der berühmte Tropfen zuviel, „irgendwann ist Schluss. Es reicht.“

An den Fraktionssitzungen hatte sie schon seit ca. einem Jahr nicht mehr teilgenommen, bestätigte sie, was ihr Fraktionschef Bernd Dreisbusch in seiner Reaktion auf ihren Austritt heute zum Vorwurf machte.

„Ich bin aber nicht aus Faulheit oder Desinteresse fern geblieben, sondern um Konfliktpotenzial rauszunehmen – ich wollte mich selbst rausziehen, um ständige Reibereien zu vermeiden.“ Denn inhaltlich stimmte die Oberstadt-Ortsvorsitzende mit einigen Beschlüssen der Fraktion ganz entschieden nicht überein und erlaubte sich auch ihre Gewissensfreiheit (ein Abgeordneter ist nur seinem Gewissen verpflichtet), anders zu stimmen als die Übrigen in der Fraktion.

Die Flüchtlingsunterkunft an der Kamener Straße 120 soll laut Ratsbeschluss vom 31. Oktober 2018 abgerissen werden und einem Neubau mit 13 Kleinwohnungen für rund 3 Mio. Euro Baukosten weichen. (Archivbild: Rundblick Unna)

So trug sie die strittige Entscheidung für den Bau der 3 Mio. Euro teuren Asylunterkunft an der Kamener Straße nicht mit und ebenso wenig das Votum für den „Sicheren Hafen Unna“ – dass sich Unna ins Netzwerk der Seenotrettung eingliedert und sich damit verpflichtet, über das zugewiesene Kontingent hinaus aus Seenot gerettete Migranten aufzunehmen.

Symbolbild – Pixabay

Für beide Entscheidungen, unterstrich Kroll heute Abend im Gespräch mit Rundblick, hätten bei ihr rein sachliche und vernunftsbasierte Überlegungen den Ausschlag gegeben.

Eine Flüchtlingsunterkunft zu diesem undurchsichtig hohen Preis und zudem an der Stadtperipherie, was gelingender Integration völlig zuwiderlaufe… „sowas kann ich doch nicht mittragen!“ Das konnte sogar die Linke nicht mittragen, aus genau denselben Gründen.

Ebenso wenig wollte und konnte Ingrid Kroll Unnas freiwillige Selbstverpflichtung zur „Seenotrettungsstadt“ bei der Abstimmung „Sicherer Hafen Unna“  mitverantworten. „Denn dieses Problem muss auf europäischer Ebene gelöst werden, und die rechtlichen Fragen sowie die Kosten sind völlig unklar!“

Mit solchen pragmatischen Erwägungen sah sich Ingrid Kroll innnerhalb der SPD-Fraktion jedoch isoliert.

Den Vorwurf, den ihr Parteichef Sebastian Laaser und Fraktionschef Bernd Dreisbuschs aus diesem Abstimmungsverhalten „gegen die SPD-Fraktion“ machen, findet Kroll absurd: Ich sei einzig und allein den Bürgern gegenüber verpflichtet, sie habe Entscheidungen in ihrem Sinne und zum Wohle der Stadt zu treffen.

„Ich bin doch nicht von den Bürgern gewählt worden, um ohne Rücksicht auf meinen Sachverstand und meine Überzeugungen zum Wohle der SPD zu stimmen!“

Geradewegs als Hohn empfindet die überzeugte Sozialdemokratin Laasers und Dreisbuschs Schlussbemerkung zu ihrem Austritt:

„Sich in der Sache offen und ehrlich zu streiten und um die richtigen Entscheidungen gemeinsam zu ringen ist gute sozialdemokratische Tradition. Nur wer dazu bereit ist, sucht das Beste der Stadt.“ 

Ah so, schlussfolgert Kroll nüchtern:

„Das heißt umgekehrt also: Nur wenn ich MIT der SPD stimme, suche ich der Stadt Bestes – und wenn ich anders stimme, suche ich NICHT Unnas Bestes? Entschuldigung – aber das kann es nicht sein!“

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Ingrid Kroll beim Interview mit Rundblick Unna im Januar 2015. (Foto RB)

Hier noch einmal rückblickend ein Interview, das unsere Redaktion am 24. Januar 2015 mit Ingrid Kroll führte – sie war  damals die 1. stellvertretende Fraktionsvorsitzende der SPD.


Frau Kroll, vervollständigen Sie bitte folgenden Satz: „Dass ich momentan die einflussreichste SPD-Frau in Unna bin, erfüllt mich mit….“

Ingrid Kroll: Ehrlich gesagt – ich bin gerade sehr verwirrt. Ich habe darüber überhaupt noch nicht nachgedacht.

Aber es stimmt, oder? Sie sind die erste Stellvertreterin des Fraktionsvorsitzenden, sie leiten mit Unna-Oberstadt den größten SPD-Ortsverein, sie sind Ortvorsteherin von Oberstadt. Und dazu haben in Michael Hoffmanns Nachfolge den Kulturausschussvorsitz übernommen, der sich gerade mit der Zukunft der Lindenbrauerei beschäftigten muss – ein höchst komplexes und heikles Thema…

Ingrid Kroll: Ja, wenn man das so sieht, stimmt das wohl mit dem Einfluss. Ich habe aber alle meine Mandate über die Partei – und somit über die Bürger, die mich als Kandidatin der SPD gewählt haben. Den Bürgern und der Partei fühle ich mich mit allen meinen politischen Handlungen verpflichtet, von daher hat mich Ihre Eingangsfrage zuerst irritiert.

Momentan ballen sich die großen Themen konzentriert in Oberstadt: Die Fußgängerzone – die saniert werden soll / muss; das Bornekampbad – das für ein neues Kinderbecken irgendwie 60 000 Euro auftreiben muss. Und dann ist da die Lindenbrauerei, für die die Stadt künftig 269 000 Euro zahlen soll, 70 000 mehr als bisher. Ist soviel Geld gerechtfertigt?

Ingrid Kroll: Die Lindenbrauerei ist ein ganz präsentes und brisantes Thema. An die Zuschussfrage kann man nicht mit Bauchgefühl gehen. Wir haben Beschlüsse gefasst und uns an Gesetze zu halten. Wir haben es hier mit Geld – viel Geld! – der Steuerzahler zu tun. Damit müssen wir verantwortungsvoll umgehen.

Am kommenden Dienstag, am 27. Januar, wird der interfraktionelle Arbeitskreises Kultur die Zuschussfrage beraten. Wo sehen Sie die Schmerzgrenzen der Subventionierung?

Ingrid Kroll: Was oft vergessen wird: Die Lindenbrauerei hat ja schon erhebliches zusätzliches Geld aus dem Haushalt bekommen. Im vorigen Jahr 75000 Euro und im Jahr davor sogar 200 000 Euro, um die Insolvenz abzuwenden. Die Verwaltung hat uns einen Betrauungsakt empfohlen…

Erklären Sie.

Ingrid Kroll: Das, was man an Zuschuss gibt, soll für den kulturellen Zweckbetrieb sein. Die Gastronomie ist die andere Sparte. Deswegen ist eine Spartenrechnung erforderlich, die diese Bereiche sauber aufgeschlüsselt trennt. Das ist eine Vorgabe nach der EU-Beihilfeordnung. Ich stelle diese Forderung ja nicht aus Böswilligkeit.

Ihre Erwartungen an die Lindenbrauerei-Geschäftsführung?

Ingrid Kroll: Ich erwarte, dass die erforderlichen Unterlagen vorgelegt werden und wir fair diskutieren können. Ich bin wirklich ein Vereinsmensch. Aber gerade durch die Vielfalt in unserer Stadt sind wir allen Kulturschaffenden verpflichtet – und jedem Verein. Wir können nicht willkürlich einzelne bevorzugen. Alle Vereine brauchen Geld – der fürs Bornekampbad, das BB´chen, sammelt Spenden für ein neues Kinderbecken…

… oder das Bibliotheksteam des ZIB, das vor Weihnachten einen Bücherspendenbaum aufstellte…

Ingrid Kroll: Wir müssen die Gelder einfach gerecht verteilen. Ich bin seit über zehn Jahren selbst Mitglied im Trägerverein der Lindenbrauerei. In vielen weiteren auch noch. Weil ich sie unterstützen möchte.

„Gehe keinem Streit aus dem Weg, wenn er nötig ist“: Ingrid Kroll im Januar 2015 im Interview. (Foto RB)

Ich springe mal. Frau Kroll, haben Sie sich in der Fußgängerzone schon einmal einen Absatz abgebrochen?

Ingrid Kroll: Allerdings! Ich trage gerne Kleider, und ich trage gerne Schuhe mit Absatz. Und regelmäßig bleibe ich irgendwo im Kopfsteinpflaster hängen. Vor einigen Jahren schon – ich hatte gerade meine Schuhe vom Schuster geholt. Abends angezogen und auf dem Weg zum Museum gleich wieder den Absatz ramponiert. Das sieht nicht nur nicht toll aus. Es ist ja auch schmerzhaft, wenn man mit dem Schuh hängenbleibt und umknickt. Es sind nicht nur die Menschen mit den Rollatoren – diese in jedem Fall auch. Aber das schlechte Pflaster ist eben nicht nur für Ältere problematisch.

Die Stadtverwaltung prüft in diesem Jahr abschnittsweise den Zustand der Bummelzone. Ihr Prioritätenvorschlag für die Sanierung?

Ingrid Kroll: Den Beginn macht die Massener Straße. Dafür laufen schon die Förderanträge. Das Pflaster auf der Massener Straße ist einfach am sanierungsbedürftigsten. Die Gerhart-Hauptmann-Straße, die Wasserstraße… vor allem das Stück zwischen Marktplatz und Hertingerstraße zum Fässchen hinüber.

Zum Seniorentreff Fässchen hin – da dürfte doch noch nicht mal die CDU dagegen sein…?

Ingrid Kroll (amüsiert) Och… das weiß ich nicht, ob die CDU dagegen ist. Die älteren Leute müssen jedenfalls über dieses ganz kleine Kopfsteinpflaster, sehr hoppelig… die werden nicht mit dem Hubschrauber zum Fässchen gebracht.

Eine persönliche Frage, Frau Kroll… was geht Ihnen durch den Sinn, wenn Sie an Michael Hoffmann denken?

Ingrid Kroll: (nachdenklich innehaltend) Dass er mir – ganz unabhängig von der Politik – als Freund sehr fehlt. Er war immer ein absolut ehrlicher, aufrichtiger Berater. Auch privat.

Michael Hoffmann wirkte in der politischen Arbeit eher bauchgesteuert und nicht immer diplomatisch. Sie machen einen eher harmoniebedürftigen Eindruck.

Ingrid Kroll: Ich suche den Ausgleich und versuche, mit Argumenten zu überzeugen. Ich lasse mich aber nicht verbiegen. Ich gehe keinem Streit aus dem Weg, der nötig ist. Positivem Streit, der zu einem Ergebnis führt. Ich bin übrigens auch der Typ, der sich für Fehler entschuldigt. Wäre ich ohne Fehler, stünde ich im Museum und alle müssten Eintritt zahlen.

Zuletzt etwas, was mich zu Beginn unseres Gesprächs doch ziemlich überrascht hat: Sie sagten mir, Sie hätten noch nie zuvor ein Interview gegeben?

Ingrid Kroll: Ja, stimmt. Ich dränge mich nicht in den Vordergrund.

Wollen Sie als einflussreichste Frau der Unnaer SPD nicht langsam damit anfangen?

Ingrid Kroll  Ich weiß, was ich für die Bürger tue, und die Betroffenen wissen es auch. Ich gehe damit nicht hausieren. Und damit fange ich – ungeachtet von Ämtern – auch nicht an.

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2 KOMMENTARE

  1. Meine Wünsche an die SPD in dem vorherigen Artikel „Konsequent und überfällig!“  möchte ich nach diesem Artikel korrigieren. Ich wünsche der SPD dass sie bei der nächsten Wahl mit wehenden Fahnen untergeht und so weiterer Schaden dem Unnaer Bürger erspart bleibt. Frau Kroll wünsche ich alles Gute auf dem Weg ihrer politischen Karriere. Eine weise Entscheidung die alle Hochachtung verdient hat sie doch, anders als die verbliebenen SPD Mitglieder, Rückgrat gezeigt und die Interessen der Bürger vertreten statt der Parteidoktrin zu folgen.