Torsten Sträter und die Spermafrau von Bergkamen

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Torsten Sträter in Bergkamen. (Foto Rundblick Unna)
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Das Programm des Abends lautet „Schnee, der auf Ceran fällt“, und „anwesende Presse“ (also wir) wird von Herrn Sträter freundlich gebeten, bitte „nicht zu spoilern“, also keine allzu wörtlichen Inhalte eilfertig hinauszuposaunen. Denn, „dies ist eine Vorpremiere. Eine VORpremiere.“ Mit anderen Worten: Hier in der Studiobühne im schönen Bergkamen geben wir an diesem windigen Samstagabend die Versuchskaninchen für Sträters neuestes und drittes Programm, das da heißt „Schnee, der auf Ceran fällt“.

Für diesen Titel hat der Verband der Ceranfeldhersteller bereits eine Abmahnswarnung geschickt. Deshalb fällt „Ceran“ plus fällt/feld am gesamten Abend exakt zwei Mal, am Anfang und am Ende. Okay, zwischendurch auch noch mal, dann aber gut.

Torsten Sträter in Bergkamen / (Foto Copyright Rundblick Unna)

Vorpremiere. Das bedeutet: „Wenn hier heute nicht gelacht wird in Bergkamen, Programm in die Tonne.“ Keine Sorge, es wird gelacht bis zum Tränenfluss, und das liegt nicht (nur) daran, dass es „eben Bergkamen“ ist (vorlauter Publikum-Reinquatscher); jedoch auch, „nein nein“, widerspricht Torsten Sträter, „soo einfach ist Bergkamen nicht.“

Bergkamen ist (von Waltrop aus, wo Sträter wohnt), „nah bei. Ich mag Bergkamen.“ Das nimmt man ihm sogar ab. Er ist halt ein Netter. „Der ist ja ein Netter“, schwärmen denn auch in der Pause zwei weibliche Besucher über ihren Sektgläsern, und der Eindruck enormer Sympathie zwischen Gastgeber und Gästen trägt den gesamten Abend über und erzeugt neben jeder Menge Witzigkeit einen kuscheligen Wohlfühlfaktor. Hach ja. Schön irgendwie.

„Das ist nicht überall so“, setzt Sträter dann noch einen drauf aufs Nettsein. Er erinnert sich abschreckend an einen Auftritt in Baden-Baden, wo die allesamt verstorbenen Besucher leider noch allesamt gültige Karten besaßen. Hier heute Abend in Bergkamen merkt der Mann mit der Mütze lediglich an, dass die Mütze heute Abend eine scheiß Idee war, denn es ist gefühlte 80 Grad warm und Sauerstoff nicht vorhanden. Muss man durch. Kommt man auch durch, ein Leichtes.

Torsten Sträter in Bergkamen / (Foto Copyright Rundblick Unna)

Denn Sträter ist wahrlich nicht irgendein x-beliebiger Comedian. Für den unwahrscheinlichen Fall, dass Unwissende unter der Leserschaft weilen, der „Schriftsteller, Slam-Poest und Vorleser“ bekam im vorigen Jahr den Deutschen Kleinkunstpreis in der Sparte Kleinkunst. Zu dieser fand er über Umwege, unter anderem hat der Herr Sträter Herren eingekleidet.

„In seinen Texten, die aus Alltagsbeobachtungen entstehen, erschließt er bislang unerforschte Phänomene. Unter seiner dunklen Wollmütze haben vordergründig komische und ungeahnt abgründige Gedanken Platz“, schreibt er selbst über sich selbst auf seiner Website („neue Website. Schön geworden“), und sein drittes Programm mit dem Schnee, der auf Ceran fällt, beschreibt er dort so:

Torsten Sträter in Bergkamen / (Foto Copyright Rundblick Unna)

„Worum geht’s? Nun ja:

Da sind epische Exkursionen über Moral und Verstand, wie immer einem strengen roten Faden folgend, eine angenehm kompakte Darreichungsform, an den Rändern verbrämt mit einigen wenigen Zwischenbemerkungen, am Ende eine zutiefst beseelende Botschaft und Punkt 22:00 fällt mir das Mikrophon aus der Hand …

QUATSCH.

Kommen Sie, ernsthaft jetzt. Wollen Sie das wirklich schon vorher wissen? Doch wohl nicht. Das Leben folgt ohnehin schon strengen Regeln, immer will wer was, man kommt zu nichts, man gönnt sich kaum was – also ist es ja wohl das MINDESTE, mal einen Abend locker zu lassen. Und das machen wir zwei Hübschen. Sie und ich. Sie wissen doch, wie das bei mir läuft:

Ich bringe ganz ganz frische Geschichten mit, nichts, was Sie vorab schon aus dem TV kennen, und zwischendurch erzähle ich Ihnen, was sonst noch war. Eine Führung durch die ganze Welt der Idiotie, die Einsicht, dass nichts menschlicher ist als das Missgeschick, seltsame Berichte vom Rand der schiefen Ebene, dann ergänze ich den Abend noch mit Schilderungen, die ich mir auf gar keinen Fall verkneifen kann, mache den Sack zum Ende hin mit einer sehr guten Geschichte zu, und wenn Sie dann noch können, hagelts Zugaben. Ein seriöses Konzept. Und ich gelobe, es sehr lustig zu gestalten. Und mich so gut zu amüsieren wie Sie.

Klingt erstmal ein bisschen krude. Wird aber verhältnismäßig überwältigend. Beste Grüße, Torsten Sträter.“

Damit könnten wir hier aufhören, da wir ja mit Spoilerverbot belegt wurden, doch einige Highlights dieses herrlichen Abends wollen und müssen hier zum Besten gegeben werden:

So hat Torsten Sträter seine allererste Morddrohung bekommen: „Du alberner schwuler Mützenclown, wir wissen, wo du wohnst!“, lautete sie. Sträter bedauert, dass sie anonym kam, sonst hätte er geantwortet: „Wenn du schon weißt, wo ich wohne – ey, dann komma vorbei und schneid meine Hecke!“

Von Homöopathie („für Menschen, denen TicTac zu billig ist“) hält er genauso viel (also wenig) wie von Impfgegnern. „Du Impfgegner“, das sei so ein Schimpfwort wie „Du Opfer!“. „Früher bei uns gab´s die gar nicht! Wir wurden gar nicht gefragt! Da kamste in der Schule vom Scheißhaus direkt zu Doktor Mabuse, mit der Schrotflinte wurden wir geimpft. Impfgegner!!“ Augenrollen unter (zu warmer heute) Wollmütze.

Torsten Sträter in Bergkamen / (Foto Copyright Rundblick Unna)

Er erzählt vom Depressivenkongress neulich in Leipzig, wo er Harald Schmidt getroffen hat. „Der hat den ganzen Abend keinen einzigen Witz gemacht. Nur ein einziges Mal, vom Balkon runter – als  unten die ganzen Leute standen und genervt waren, dass es mit der Autogrammstunde nicht weiterging: Denen rief er runter: ,Ihre Ausreise ist genehmigt!´“

Sonst nichts. Sträter, der offen mit seiner eigenen depressiven Vergangenheit umgeht, findet das „nicht gut“, Depressive haben sowieso ja schon von Natur aus wenig zu lachen. Er darf sowas sagen, er war ja selbst mal depressiv. Hat es überwunden und „wünsche das jedem“. Feiner Zug, einer von vielen bei diesem unfassbar wortgewandten, schlagfertigen und eben so richtig netten Künstler.

Seine liebste Filmphrase: Die war vor Kurzem noch „Ich glaube, wir haben Gesellschaft.“ „Die fällt bei JEDER, wirklich jeder Verfolgungsjagd. Achten Sie mal drauf.“ Jüngst wurde die Lieblingsphrase jedoch abgelöst von einer neuen (—SPOILER, wird nicht verraten).

„Angenehm stickig hier“, bemerkt er zwischendurch, die Mütze war halt eine scheiß Idee. Schrill gluckst eine Frau dazwischen. „Das versuchen Sie in den Griff zu kriegen, gelle?“ Sonst muss er sie leider mit einem Kissen ersticken, was natürlich eine Metapher ist, „eine Metapher für ,Ohrfeigen verpassen´. Aber so ist das,  wenn man vergisst, rechtzeitig seine Tabletten zu nehmen.“ Noch schrilleres Lachen, das er dann später in der zweiten Programmhälfte zu der Bemerkung weiterverwursten wird: „Die Dorfhexe kann das auch nachvollziehen“ (da geht es darum, dass abends ab 18 Uhr oder so in und nach Bergkamen keine Busse mehr fahren. Oder so. Aber er mag Bergkamen. Echt.)

Torsten Sträter in Bergkamen / (Foto Copyright Rundblick Unna)

Leidenschaftlich viel Platz für wahre Geschichten aus dem Sträterschen Leben widmet Sträter seinem 16-jährigen Sohn (HIER folgt jetzt ein mindestens halbstündiger SPOILER), dem Sohn, welcher nur einen Millimeter davon entfernt ist, dem Papa zu verbieten, ihn in seinen Programmen zu verwursten. „Das mache ich auch nicht mehr“, verspricht Papa Sträter artig. Diese lange Vater-Sohn-Geschichte aus dem Ceran fällt-Programm wird er allerdings noch ungefähr drei Jahre erzählen. Feix.

Torsten Sträter in Bergkamen / (Foto Copyright Rundblick Unna)

So, bevor es wider dem Spoilerverbot gänzlich mit uns durchgeht, lassen wir´s gut sein – doch, einen noch: Der preisgekrönte Wortpoet, Dichter, Ruhrpott-Comedian Sträter wird erstmals einen Preis ausschlagen, und zwar den Publikumspreis von „Frollein Kurvig“ (wirklich wahr) – „den soll ich bekommen, weil ich fett bin.“ Irgendwo ist Schluss. Hier jetzt nun auch, fast, denn da war doch noch was mit der „Sperma-Frau von Bergkamen“?

Tja… da saß einfach gestern Abend eine Dame im Bergkamener Publikum, die (ungefragt) lauthals dem Herrn Sträter ins Gesicht verkündete: „Ich bin auf Ihr Sperma nicht angewiesen!“

Wieso auch immer. War so.

😀 War schön!!!

Silvia Rinke

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