Pädophilie-Verdacht in Fröndenberg: Anklage ist erhoben

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Spielplatz in Fröndenberg. (Foto Rundblick Unna)
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Mehrfach soll er Kinder sexuell missbraucht haben, monatelang sammelte die Polizei Beweise gegen den Mann, genügend Beweise, um ihn in Haft zu nehmen und anklagen zu lassen. Beides ist nun erfolgt.

Gegen den mutmaßlichen Pädophilen aus Fröndenberg, der seit Mitte Juli in Untersuchungshaft sitzt, ist Anklage erhoben worden.

Das sagte uns am heutigen Donnerstag, 17. Oktober,  auf Nachfrage der Dortmunder Staatsanwaltschaftssprecher Henner Kruse.

Der Fall wird vor dem Jugendschöffengericht des Unnaer Amtsgerichts verhandelt und ist noch nicht terminiert. Mit Rücksicht auf die Sechs-Monats-Frist für Untersuchungshaft (sie endet am 17. 1. 2020) werde das Gericht den Termin vermutlich für Beginn des neuen Jahres ansetzen, möglicherweise auch schon früher, schätzt Kruse nach seinen Erfahrungen.

Vier einzelne Taten werden dem Fröndenberger vorgeworfen, die er zwischen Mitte Mai und Mitte Juli 2019 verübt haben soll:

„mehrfache sexuelle Übergriffe zum Nachteil von Kindern“ sowie eine unerlaubte Abgabe von Betäubungsmitteln an unter 18-Jährige. Allein dafür sehe das Strafgesetzbuch nicht unter einem Jahr Gefängnis vor, so Henner Kruse. Für sexuellen Missbrauch sind es, je nach Schwere der Tat, mindestens 6 Monate Freiheitsstrafe, für sexuelle Handlungen vor einem Kind erwarten überführte Täter Haftstrafen von 3 Monaten bis zu 5 Jahren.

Da der Fall indes vor dem Jugendschöffengericht verhandelt wird, liegt die höchste zu erwartende Strafe bei 4 Jahren Gefängnis, macht der Staatsanwaltssprecher klar. Er verdeutlicht, wieso das Jugendschöffengericht hier zuständig ist:

„Der Angeklagte selbst ist kein Jugendlicher mehr, aber von seinen Taten sind Minderjährige betroffen.“ Die Verhandlung vor dem Jugendschöffengericht diene damit dem Schutz dieser Minderjährigen, an denen sich der Fröndenberger vergangen haben soll und die im Prozessverlauf aller Voraussicht nach auch befragt werden.

Der Fall sorgte in Fröndenberg seit dem Frühjahr für große Unruhe, Sorge, Furcht und Gerüchte. Bevor die Kreispolizeibehörde Unna Mitte Juli in einer kurzen Bestätigung bekannt gab, dass sie wegen eines mutmaßlichen Pädophilen aus Fröndenberg ermittle, und der Tatverdächtigen am 22. Juli in Untersuchungshaft genommen wurde, recherchierte unsere Redaktion über diesen Fall bereits viele Wochen. Den Anstoß gab eine betroffene Mutter, die sich mit ihrer Sorge und ihrem Zorn an uns gewandt hatte.

„Wir haben viele Hintergründe zusammengetragen, stehen mit mehreren betroffenen Eltern im ständigen Kontakt“, berichteten wir bei der Bekanntwerdung der Ermittlungen  im Juli. „Wir haben mit der Kreisverwaltung, der Staatsanwaltschaft und der Polizei Hintergrundgespräche geführt und auf möglicherweise wichtige Details hingewiesen, die uns wiederum Eltern berichtet haben. Da die  Beweislage  bisher aber nicht ausreicht,  um der Polizei die gesetzliche Handhabe zum Handeln zu geben, bittet  der Leiter der Pressestelle, Thomas Röwekamp, um Zeugenhinweise;  möglicherweise melden sich  weitere Betroffene.“

Röwekamp war es in diesem Stadium der Ermittlungen wichtig, zu betonen, dass die Polizei in dieser Sache keineswegs untätig sei. Wir vom Rundblick Unna konnten das aus eigenen Anschauungen bestätigen: Einige Beweismittel leiteten Mitglieder unserer Redaktion selbst an die Kreispolizeibehörde Unna weiter.

Aufgrund des schwebenden Ermittlungsstandes und der Gefahr von Selbstjustiz konnten wir damals noch nicht öffentlich machen, was wir bis zu diesem Zeitpunkt zusammengetragen hatten. Das können wir heute tun – der Tatverdächtige, der weiterhin in Untersuchungshaft sitzt, ist angeklagt.

Symbolbild Justizia / Quelle Pixabay

Täter – Opfer. Schutz und Rechte. Ein Fall aus Fröndenberg, der Kinder berührt

– Der Artikel wurde verfasst Anfang Juli 2019.

Regelmäßig berichtet unsere Redaktion über Straftaten oder Verdachtsfälle, die in irgendeiner Form die Thematik Täter-/Opferrechte, Opfer- vs. Täterschutz berühren. Sei es, dass Dauerstraftäter dutzendfach verhaftet und jedes Mal „nach Aufnahme der Personalien“ wieder laufen gelassen werden; sei es, dass Richter Urteile fällen, die aus „normalem Rechtsempfinden“ heraus ob ihrer Milde und Nachsicht dem Angeklagten gegenüber kaum nachvollziehbar erscheinen. Dies im Besonderen, wenn es um schwere Delikte und notorische Wiederholungstäter geht, im besonderen Maße, wenn die Opfer noch minderjährig sind.

Nicht selten gewinnen Leidtragende und Leser bitter den Eindruck, das Recht des Täters/des Tatverdächtigen wiege für Justiz und Behörden schwerer als die Rechte und die Schutzbedürftigkeit der Opfer. Für uns als Berichterstatter, die wir beide Seiten zu sehen haben, bleibt diese Frage oftmals ernüchternd und frustrierend offen.

Einen exemplarischen Fall für das hochsensible Abwägen zwischen Täter- und Opferrechten möchten wir aus Fröndenberg aufgreifen. Wir haben dazu lange Gespräche mit den Betroffenen geführt, Hintergründe recherchiert und bei den involvierten Behörden Nachfrage gehalten. Wir können vieles von dem, was uns glaubhaft mehrere Gesprächspartner unabhängig voneinander versicherten, nur im Konjunktiv berichten, da eine Bestätigung von offizieller Stelle die Persönlichkeitsrechte des Beschuldigten verletzen würdee. Daher verwenden wir für diese Passagen die „soll“-Form, wobei wir von der Glaubwürdigkeit unserer Gesprächspartnerinnen überzeugt sind und diese auch bereit sind, ihre Schilderungen an Eides Statt zu versichern.

Der „Täter“, Angeschuldigte in diesem Fall, ist ein Mann ca. Mitte 30, der in Fröndenberg wohnt. Nennen wir ihn Michael B.  Die Opfer, wir müssen schreiben mutmaßliche Opfer, sind Kinder. 

Michael B.´ist bei der Unnaer Polizei kein Unbekannter. Als wir seinen Namen gegenüber Polizeisprecher Thomas Röwekamp nennen, ist dieser sofort im Bilde. Ja, man kenne B. von diversen Straftatsvorwürfen, es liegt also Polizeibekanntheit vor.

Weshalb, da wird es direkt schwierig, Datenschutz. Röwekamp will und darf weder etwas zu B.´s (vermeintlicher) Neigung zu Minderjährigen sagen, zu Mädchen wie Jungen, noch darf er darüber Auskunft geben, ob, wie es uns zwei Mütter berichten, Michael B. eine mehrjährige Haftstrafe in der JVA Werl unter anderen Kindesmissbrauch verbüßt habe.

Belegbar und der Polizei zur Prüfung weitergeleitet sind Fotos, die  B. auf seinem Facebookprofil eingestellt hatte. Davon liegen uns Screenshots vor, die wir an die Polizei zur Überprüfung weiterleiteten.

Zumindest eines dieser Bilder würde man, räumt Röwekamp ein, nicht auf dem Profil eines erwachsenen Mannes erwarten, schon gar nicht öffentlich einsehbar. Es zeigt ein Kind, einen hübschen, hellblonden Jungen mit zarten, fast femininen Gesichtszügen, der auf dem Bauch liegend direkt in die Kamera blickt. Der Junge ist nackt. Andere Bilder zeigen z. B. B.´s (?) Lendenpartie, aufreizend in hautenger Leggins/Radlerhose, auf wiederum anderen posiert er mit Waffen.

Diese Darstellungen hat unsere Gesprächspartnerin Jana L. bereits vor vielen Wochen bei Facebook gemeldet, wegen Nacktheit, anstößigen/pornografischen Inhalts. Facebook sah nach Prüfung keinen Verstoß gegen die Gemeinschaftsstandards. Wie die Prüfung der Kreispolizeibehörde Unna ausfallen wird, ist noch offen. Jana L. weiß, dass vor Kurzem auch eine Mutter aus dem Märkischen Kreis das Profil wegen dieser Fotos bei der Polizei gemeldet hat, auch dieses Untersuchungsergebnis steht noch aus.

Ebenfalls schriftlich niedergelegt und behördlich bestätigt ist ein Ermittlungsverfahren gegen B. wegen des Verdachts von Kindesmissbrauch, das ca. ein Dreivierteljahr bei der Staatsanwaltschaft in Dortmund geführt wurde.  Beschuldigt, ihre damals 8-jährige Tochter missbraucht zu haben, wurde Michael B. von einer langjährigen früheren Bekannten, Sandra S.

Diese ließ B.,  als er im Frühjahr 2018 nach mehreren Jahren Haft aus der JVA entlassen worden sei, vorübergehend bei sich einziehen. „Mir erzählte er, er hätte wegen Diebstählen gesessen“, berichtet uns die dreifache Mutter. „Ich glaubte ihm das. Wieso hätte ich daran zweifeln sollen?“

An einem Sommertag, wenige Wochen nach B.´s Einzug in die Wohnung seiner Bekannten, habe plötzlich das Jugendamt vor ihrer Tür gestanden, erzählt Sandra S.  Ihr Bekannter müsse sofort aus der Wohnung der Mutter und ihrer drei Kinder ausziehen. „Er wäre vorbestraft wegen Kindesmissbrauch“, gibt Sandra S. die Aussage der Kreisjugendamtsmitarbeiterin wieder, die sie wie ein Schock trifft.

Fast unmittelbar auf B.´s Auszug folgt ein noch viel größerer Schock. Lia, Sandras damals achtjährige Tochter, erzählt ihrer Mutter, Michael B. – der vom Alter her ihr Vater sein könnte – habe sie in der Wohnung angefasst und geküsst. Das Anfassen beschreibt die Achtjährige ganz konkret so: B. habe ihr ins Höschen gefasst und einen Finger eingeführt.

„Ich fiel aus allen Wolken“, gesteht Sandra S. Der sofortigen Anzeige folgt ein für die Mutter quälend langes Ermittlungsverfahren, das ein Dreivierteljahr später, vor wenigen Wochen also, eingestellt wird.

Der Brief der Staatsanwaltschaf trifft Sandra B. wie ein Keulenhieb. Ebenso die mit ihr eng befreundete Jana L., die unterstreicht:  „Ich glaube Lia! Wieso sollte sie sich so eine Geschichte ausdenken?!“

Einstellung des Verfahrens jedoch gegen Michael B., weil Aussage gegen Aussage steht und sich der Beschuldigte nicht zu den Vorwürfen eingelassen hat. Er schweigt, erklärt unserer Redaktion Staatsanwältin Sonja Frodermann. „Es gibt keine Beweismittel.“

Eine Wohnungsdurchsuchung verlief ergebnislos. „Man will in solchen Verdachtsfällen gern an Datenträger kommen, die Beweise liefern“, sagt Frodermann. Aber nichts ist aufzufinden.

Zu Michael B.´s Vorstrafe darf auch die Staatsanwaltschaft keine Auskunft geben. Sie würde gleichwohl als verbüßte Strafe nicht in das neuerliche Verfahren als belastendes Moment einfließen dürfen, da ein verurteilter Täter nach dem Abbüßen der Strafe als rehabilitiert gilt.

Lia wird intensiv psychologisch begutachtet. Das Ergebnis, so die Staatsanwältin: Es ist kein  „Erlebnisbezug“ zu ihrer Aussage festzustellen. „Man kann nicht konkret beurteilen, ob sie die Wahrheit oder die Unwahrheit sagt“, beschreibt Sonja Frodermann das Fazit der Gutachterin, welches letztlich alles offen lässt.

„Es bedeutet nicht, dass die Zeugin lügt“, betont Frodermann. „Es bedeutet nur: Die Beweislage reicht nicht für eine Anklage.“ Erhebe die Staatsanwaltschaft in Fällen wie diesem trotzdem Anklage, ende diese zwangsläufig mit Freispruch, was dem Beschuldigten noch mehr Oberwasser und Genugtuung verleihe. Eine für das Opfer fatale Folge, die gerade bei Minderjährigen unbedingt vermieden werden müsse.

Die Staatsanwältin betont nochmals: „Die Einstellung sagt nichts darüber aus, ob Lia die Wahrheit sagt.“

Oberwasser scheint  B. durch die Verfahrenseinstellung gleichwohl bekommen zu haben.  Lia sei psychisch krank, soll er im Anschluss herumerzählen, das Mädchen erfinde wirre Geschichten. Die Anzeige gegen ihn sei die „Rache einer Abgewiesenen“ gewesen. Nicht er, sondern der 13-jährige Sohn von Jana L. vergreife sich an Kindern. Jana L. selbst handele mit Drogen und sei Alkoholikerin.

Jana schaltet den Fröndenberger Anwalt Mathias Deimel ein. „Ich habe ihn zur sofortigen Unterlassung aufgefordert. Danach war Ruhe“, sagt Deimel. Das sei im April gewesen. Fange B. wieder mit diesen Geschichten an, „könnten wir auf Unterlassung klagen. Ihm drohten dann Ordnungsgeld oder Ordnungshaft.“ Über die Gründe von B´s JVA-Aufenthalt wisse er „nichts Konkretes“, sagt der Anwalt auf Nachfrage unserer Redaktion.

B. dreht seinerseits den Spieß herum, zeigt Jana L. an, wegen übler Nachrede. Die Sache geht aus wie das Hornberger Schießen, Aussage steht gegen Aussage. Lia, berichtet ihre Mutter, könne seit dem mutmaßlichen Übergriff nicht mehr in ihrem Zimmer schlafen. Die mittlerweile 9Jährige habe panische Angst, nach draußen zu gehen auf den Spielplatz in der Siedlung, da sie nie wisse, wann und ob B. dort auftauche, der dort häufig gesehen werde, so die beiden Frauen.

Das Jugendamt habe ihnen geraten, als Mütter auf ihre Kinder aufzupassen. Im Jugendzentrum Windmühle auf dem Mühlenberg habe Michael B. inzwischen Hausverbot,  da er auf dem Spielplatz dort auf seltsame Weise mit einem Kind gespielt habe. Dieses mutmaßliche Hausverbot kommentiert Kreissprecherin Constanze Rauert ebenso wenig wie die Rolle des Kreisjugendamtes in diesen Fall.

Jana L. und Sandra S. können beide unserer Redaktion die Namen ihrer jeweiligen Jugendamtsmitarbeiterin nennen. Rauert verweist konsequent  auf die strikten Vorgaben des Datenschutzes. Sie wisse, dass solche Auskunftsverweigerungen der Behörde schnell als „Vertuschen“ angekreidet würden, das müsse und könne sie  aushalten. „Wir müssen uns als zuständige Behörde darum kümmern, dass nichts passiert. Wohl wissend, dass wir vorgeführt werden.“

Rauert, die seit Jahrzehnten die Pressestelle der Kreisverwaltung leitet, merkt an, dass in solchen Situationen vieles im Hintergrund passiere, dass niemals und bewusst nicht an die Öffentlichkeit getragen werden. Das treffe, ganz allgemein gesprochen, auch auf Hausverbote in kreiseigenen Einrichtungen wie der Windmühle zu. Wenn es für ein solches Zutrittsverbot nach Überzeugung des Trägers triftige Gründe gebe, werde es ausgesprochen und umgesetzt, ohne dass dies in irgendeiner Weise bekannt wird.

Klar und deutlich „keine Auskunft“ hören wir von der Kreissprecherin auch bei einer Nachfrage zu Michael B.´s vorerst letztem Auftritt: Am 10. Juli bekommt Jana L. abends einen warnenden Anruf vom Kreisjugendamt in Unna. Sie solle auf ihre Kinder aufpassen. B. habe gegenüber dem Jugendamt damit gedroht, Jana L. die Wohnungstür einzutreten. Jana informiert  am nächsten Tag erneut iihren Anwalt. Die nächste Anzeige gegen B., wieder wegen Bedrohung. Als Zeugin habe sich die Jugendamtsmitarbeiterin zur Verfügung gestellt, so L.

Zuvor kommt es noch zu einem abendlichen Polizeieinsatz in der Fröndenberger Stadtmitte, in den auch wieder Michael B. verwickelt ist: Auf einem Spielplatz soll er Kinder angesprochen haben, Jungen wie Mädchen, und einen kleinen Jungen angefasst haben, berichten Zeugen vor Ort. Woraufhin sich eine Gruppe Jugendlicher und junger Erwachsene aufgebracht einschaltet. Sie sollen, so berichten Zeugen, den weglaufenden B. bis zum Aldi am Bruayplatz hinterhergerannt sein, wo er sich in die Spielothek flüchtet.

Polizeisprecher Röwekamp liegt dieser Vorfall schriftlich wie folgt vor: Der Mann, „bekannt bei den Kollegen“, sei augenscheinlich von den Jugendlichen „provoziert worden, habe sich gewehrt, als sie sich ihm in den Weg gestellt und umringt hätten. Wer dann wen weggestoßen und attackiert haben soll,  bleibt offen, da der Vorgang dem Polizeisprecher für den Moment nicht konkreter nachvollziehbar ist.  Aktenkundlich verbucht wird der Einsatz vom 8. Juli 2019 bei der Kreispolizeibehörde Unna unter „Körperverletzung“.

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