Es begann mit Papagei-Geschrei: Tierischer Nervenkrieg in Fröndenberger Siedlung

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Aus dem Geschrei zweier Aras entwickelte sich in einer Fröndenberger Wohnsiedlung ein nun schon eineinhalb Jahre währender Nervenkrieg. (Foto / Bearbeitung: RB Unna)
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Zuerst kreischten die Aras. Wie das Papageien als Wildtiere eben tun: Die großen prachtvollen Vögel produzieren weithin hörbare und erstaunlich durchdringende Geräusche.

Sodann gesellten sich nach und nach immer weitere kleinere und mittlere Ärgernisse hinzu, bis sich der tierische Konflikt in einer Fröndenberger Wohnsiedlung nunmehr nach anderthalb Jahren zu einer regelrechten Nachbarschaftsfehde ausgewachsen hat und die betroffenen Anwohner buchstäblich auf dem Zahnfleisch gehen.

Der Ärger dreht sich um den Tierschutzverein Fröndenberg e. V., der zwar schon seit mehr als drei Jahrzehnten in besagter Wohnstraße in Fröndenberg ansässig ist, bei dem jedoch seit besagten anderthalb Jahren so einiges aus dem Ruder zu laufen scheint. Jedenfalls sehen das die Nachbarn so.

Der Vereinsvorsitzende, hier abgekürzt Herr B., sieht das vollkommen anders. Er spricht von einem abgekarteten Spiel der Nachbarn dem Verein gegenüber, weist alle Vorwürfe, die wir im Laufe dieses Berichts hier auflisten (und zu denen wir ihn natürlich befragt haben), als an den Haaren herbeigezogen, aufgebauscht oder schlicht erfunden zurück.  Hingegen hat sich der hauptbetroffene Nachbar jetzt zur Speerspitze der geplagten Anwohnerschaft erklärt  (im Bericht nennen wir ihn deshalb „Herrn N.“; auch wenn die  Akteure in Fröndenberg weitgehend bekannt sind, möchten wir sie anonym halten.)

Herr N. konfrontiert nun also seit voriger Woche die verantwortlichen Behörden massiv mit den sich angehäuften Problemen. Angefangen bei der ständigen Geräuschbelästigung durch besagte Papageien über weitere Lärmquellen (z. B. einen stundenlang laufenden Kompressor oder stundenlange Musikbeschallung) bis hin zu mutmaßlicher Massentierhaltung und mutmaßicher Tierquälerei.

Besagten Behörden, das Ordnungsamt der Stadt Fröndenberg und das Veterinäramt des Kreises Unna, wirft N. Ignoranz und Gleichgültigkeit vor, hat mittlerweile Dienstaufsichtsbeschwerden gestellt. Seither, berichtete er uns just aktuell an diesem Wochenende, gerate scheinbar endlich etwas in Bewegung.

Ein Auszug aus der Chronologie der schleichenden Eskalation:

  • Seit Mitte 2018 leiden mehrere Nachbarn in direkter Umgebung des TSV Fröndenberg e.V.  unter durchdringendem Tiergeschrei. Mehrmals beschwerten sie sich mündlich beim Ordnungsamt, immer wieder weist die Stadt die Beschwerden zurück: Dafür sei sie nicht zuständig.
  • November 2018: Es gibt einen Schiedstermin, den ersten von mehreren. Die beiden Aras, um deren Geschrei es hauptsächlich geht, sollen nur zu bestimmten Zeiten nach draußen in den Garten gebracht werden. Herr B. unterschreibt die Vereinbarung. Laut Herrn N. hält er sich nicht dran. B. behauptet, das tue er doch.
  • Januar 2019: Der Hauptbeschwerdeführer kassiert seinerseits von B. eine Anzeige wegen Rauchbelästigung.
  • Februar 2019: Es gibt den Versuch einer Aussprache. Im Ergebnis wird Herr N. nun vom Grundstück des Tierschutzvereins mit Musik beschallt. Außerdem zeigt Herr B. den Nachbarn wegen lauter Fahnenmäste an (sie klimpern) und wegen angeblicher Verbrennung von Holz, das man nicht verbrennen darf.  Zum „Beweis“ habe er zuvor den Holzunterstand fotografiert, berichtet N.
  • März 2019: ein weiteres Schiedsgespräch (ergebnislos) und ein weiterer Termin mit dem Ordnungsamt. Jetzt wird schriftlich festgehalten: Auf dem Grundstück des TSV werden zwei Aras, zwei Graupapageien, 17 Rebhühner, ein Hahn, ein Gimpel und 5 Hunde gehalten. Unserer Redaktion gegenüber sagt Herr B., es seien 4 Hunde, der fünfte sei ein Gasthund und nur dann und wann zu Besuch. Kreisbauaufsicht und Kreisveterinärbehörde werden eingeschaltet. Laut Kreisveterinäramt ist alles in Ordnung, den Tieren gehe es gut.
  • 18. April, Gründonnerstag: B. lässt auf seinem Grundstück stundenlang einen Kompressor laufen. Das Ordnungsamt kann niemanden rausschicken, das Auto sei kaputt, daher ruft Herr N. gegen 16 Uhr restlos enerviert die Polizei. Die Beamten treffen auf einen wenig kooperativen Herrn B., nehmen die vielen Tiere wahr, laut N. wird eine Anzeige wegen Massentierhaltung gefertigt. Die Sache eskaliert im späteren Tagesverlauf dann verbal, eine daraus folgende Anzeige von 4 Nachbarn wegen Beleidigung (als „Drecksvolk“ soll B. sie betitelt haben) wird später im Sande verlaufen, „kein öffentliches Interesse“.

So geht es über Monate weiter, mehrmals bitten die Nachbarn per Mails die zuständigen Behörden um Hilfe, es erfolgt auch eine Dienstaufsichtsbeschwerde über das Kreisveterinäramt wegen Untätigkeit. Ebenso erfolgt Dienstaufsichtsbeschwerde an das Ordnungsamt Fröndenberg. „Selbst daraufhin erzählt man uns und den Nachbarn, sie könnten nichts machen und wären definitiv nicht zuständig“, sagt Herr N.

Am Ende der vorigen Woche nun schickt er stellvertretend für andere Nachbarn mit eine Auflistung sämtlicher Beschwerden mit eingescannten Belegdokumenten ans Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz NRW (LANUV). Dieses ist der Kreisveterinärbehörde übergeordnet.

Herr N. schreibt darin:

„Wir und andere Nachbarn konnten beobachten, wie:

  • Herr B. junior Aras mit Gegenständen abgeworfen hat,
  • Herr B. junior Aras angeleint die Straße fliegen ließ – Herr B. links an der Laterne vorbei, der Ara rechts, worauf er abstürzte.
  • Herr B. sen. Aras vor das Auto der Familie XY geworfen hat. (Anzeige wegen gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr wurde eingestellt – Grund: Nachbarschaftsstreit, entsprechende Ämter wären zuständig.)
  • Herr B. jun. drei Hunde extra vor dem Besuch des Baaufsichtsamtes verschwinden ließ, damit er nicht zu viele in dem Reihenhaus im reinen Wohngebiet hat.
  • Herr B. jun. und sen. die Aras u. Graupapageien ohne Schutz etc. an die offene Straße stellen und somit versuchen, die Schiedsvereinbarung zu umgehen (an die sie sich nicht halten – mehrere Zeugen).
  • Herr B. jun. seine fünf Hunde bewusst mitten im Wendehammer platziert. (Auch hierzu haben wir u. A eine Anzeige wegen Nötigung gestellt, die aus gleichem Grund wie der Gefährliche Eingriff in den Straßenverkehr eingestellt wurde).
  • Herr B. jun. und sen. die Papageien ohne jegliche Schutzmöglichkeiten (Schutzraum) vor Wind und Wetter sowie vor Feinden frei ohne Voiliere im Garten hält bei ihrem „Auslass“.
  • Herr B. jun. und sen. erst, nachdem wir uns mehrfach beschwert haben und sich die Ämter angekündigt haben, die Gemäuer für die Hühner umbaute.
  • Herr B. jun.  Fundtiere/“Gasttiere“ in einer Box im Garten unterbringt und ihm völlig egal ist, ob diese die Nachbarschaft über die ganze Nacht vollheulen voller Angst.
  • Vom Veterinäramt kam trotz schriftlicher Aufforderung kein Kommentar. Lediglich mehrere Telefonate wurden geführt und Kindergartensätze fielen wie: „Den Tieren geht es gut“/“Die Tiere unterhalten sich nur“ sowie wieder der Verweis, dass angeblich das Ordnungsamt  zuständig wäre.
  • Nur auf die Dienstaufsichtsbeschwerde, die ich eingereicht habe, ist Post gekommen, dass die Beschwerde geprüft wird.
  • Auch aus (Nachbarhäusern) sind ähnliche E-Mails an die Ämter gegangen sowie eine Unterschriftensammlung von Anwohnern, die der Stadt Fröndenberg ebenfalls vorliegt.“

„Dies alles hat mit Tierschutz nichts zu tun“, schließt N. seine umfassende Beschwerdesammlung. Zudem versuche die Familie B. alle Beschwerdeführer „schlecht zu machen“, im Internet wie auch gegenüber einer Lokalzeitung.

„Das alles werden wir uns nicht mehr bieten lassen von jemandem, der sich selbst Tierschutz nennt, Tierschutz aber niemals richtig betreibt.“ Tatsächlich ist die Internetseite des Tierschutzvereins Fröndenberg e.V. nicht „aktiv“, Vermittlung findet dort nicht statt. Die Nachbarn sehen sich dadurch bestätigt, dass B. die Tiere rein zu seinem Privatvergnügen halte.

Das sagt der Tierschutzverein selbst dazu:

Als Vereinsverantwortlicher wies Herr B. jun. bei einem ausführlichen Telefongespräch mit unserer Redaktion Ende vergangener Woche alle Vorwürfe zurück. Seit  37 Jahren kümmere man sich als Tierschutzverein Fröndenberg um Tiere in Not, nie habe es Klagen gegeben.

B. verweist aufs Kreisveterinäramt, wonach alle Tiere gut gehalten würden. Der Vorwurf der Massentierhaltung sei absurd.

B. bestätigt, dass er aktuell zwei Aras, zwei Graupapageien einen Hahn und einen aus einem Kamin geretteten Sittich beherbergt. Dazu die besagten 17 Hühner. „Die wurden in Kartons vor unserer Tür abgelegt“, behauptet B. und ist überzeugt, dass das die Nachbarn waren. „Das Problem ist, dass die da nicht mit klarkommen“, sagt B. Einen Ausweg aus der verfahrenen Situation sieht er nicht. „Da müssen wir jetzt einfach durch.“ Den Tierschutzverein werde er ganz bestimmt nicht aufgeben.

Allerdings hat er just vorige Woche die Kooperation seines Vereins mit der Stadt Fröndenberg gekündigt (er kam damit einer Aufkündigung durch die Stadt zuvor): Die Stadtverwaltung monierte fehlerhafte Buchführung und nicht erfolgte Anmeldung von Hunden. Die Beendigung der Kooperationsvereinbarung bedeutet, dass die Stadt keine akut unterzubringenden Tiere mehr an den Tierschutzverein Fröndenberg vermittelt.

Währenddessen haben sich die Familien N. und XY wegen dieser Tierhaltung einen Anwalt genommen, den Bürgermeister angeschrieben und sind, so betonen sie, „bereit, zur Not auch notwendige weitere Schritte gegen die Stadt einzuleiten.“ Lobenswert immerhin, fügt N. hinzu, dass das Ordnungsamt nunmehr endlich Lärmmessungen vor Ort durchführe.

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