„Manche wollen gar nicht arbeiten – und das ist gut so“: Hartz IV und langfristige Kundenbindung

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Uwe Ringelsiep, Geschäftsführer des Jobcenters Kreis Unna / ARGE, und Pressesprecherin Antonia Mega. (Foto Archiv RB)
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#Rundblick-Archiv:

Anlässlich des Verfassungsgerichtsurteils zu den Hartz-IV-Sanktionen vom 5. 11. 2019 lesen Sie hier noch einmal bei Interesse unser Interview mit Uwe Ringelsiep, Geschäftsführer des Jobcenters Kreis Unna / ARGE, und Pressesprecherin Antonia Mega vom 8. Januar 2015.


Herr Ringelsiep, Frau Mega – als Unternehmer könnten Sie an die Fassade der Jobcenter-Geschäftsstellen einen griffigen Slogan schreiben: „Hier ist Kundenbindung unerwünscht!“ Wie fänden Sie das? Ein schöner PR-Gag, oder?

Uwe Ringelsiep / Antonia Mega: (beide lachend) Zugespitzt trifft diese Formulierung tatsächlich den Kern dessen, was das Jobcenter Kreis Unna anstrebt. Wir möchten, dass unsere Kunden – das sind die Arbeitslosen, die Leistungen nach dem SGB II beziehen, also Alg II oder landläufig Hartz IV – so kurz wie möglich Kunden bleiben. Jede Verabschiedung eines Kunden ist für uns ein Erfolg, weil er dann eine bezahlte Beschäftigung aufgenommen hat. Idealerweise natürlich eine sozialversicherungspflichtige unbefristete Beschäftigung, aber dieses Idealziel erreichen wir natürlich nicht immer.

Angesichts Ihres Kundenstamms und dieser Menge treuer Stammkunden würde jeder Privatunternehmer Luftsprünge machen. Wie sehen Ihre Zahlen aktuell aus?

Ringelsiep: Ca. 39 000 Menschen sind wirtschaftlich von uns abhängig; statistisch 20 500 „Familien“ oder „Bedarfsgemeinschaften“.

Mega: Wir haben leider auch ein paar ganz treue Kunden – 3500 – die von Anfang an, seit Gründung der ARGE 2005, dabei waren. Diese Langzeitarbeitslosen sind in der Vermittlung besonders problematisch.

Zu den Kosten: Wenn fast 40 000 Hartz IV-Empfänger Unterstützung benötigen…

Ringelsiep: … bedeutet das 94 bis 95 Mio. Euro Sozialkosten, das ist ein Drittel des gesamten Kreis-Sozialetats. Das System SGB II führt dazu, dass die Ausgaben von Jahr zu Jahr steigen.

Wie das?

Ringelsiep: Der Regelsatz wird jedes Jahr angehoben, zum 1. Januar stieg er wieder von 391 auf jetzt 399 Euro. Die Demografie erschließt uns neue „Kundenkreise“. Jeden Monat bekommen wir so allein durch das System bedingt 90 Menschen dazu. Grundsteuer, Energie, die Mieten, alles wird teurer. Wir haben es leider noch nicht erlebt, dass nach einem Mieterwechsel der neue Mieter weniger bezahlt…

Unternehmerisch gedacht: Wo liegen Kostensenkungsmöglichkeiten?

Ringelsiep: In Integrierung in den Arbeitsmarkt. Derzeit gibt es zwar mehr Arbeitsplätze als vor einem Jahr, mehr sozialversicherungspflichtige Beschäftigungen; wir haben für unsere Bevölkerung aber insgesamt zu wenig Arbeitsplätze. Und der Durchschnittsverdienst ist häufig relativ niedrig. Das führt zu „Ergänzern“, Aufstockern. Die zusätzlich Alg II erhalten, da ihr Arbeitslohn einfach nicht reicht.

Kämpfen Sie da nicht gegen Windmühlen?

Mega: Unser Job ist es, möglichst viele Jobs zu besetzen. Unser Arbeitgeberservice hat sich inzwischen gut etabliert: 2014 konnten wir rund 7000 Menschen in den Arbeitsmarkt bringen. Jeder einzelne ist ein Gewinn.

Ringelsiep: 20 Prozent der Vermittlungen gehen in Zeitarbeit.

Sind diese Zeitarbeitsverhältnisse nicht auch kritisch zu sehen?

Mega: Sie sind ein Weg. Von vielen.

Ringelsiep: Die ursprüngliche Idee von Zeitarbeit war, die Menschen von dort aus in feste Stellungen gehen. Die Realität hat andere Wege gesucht und gefunden. Es gibt Zeitarbeitsfirmen, da wissen wir von vornherein: Der kommt in einigen Monaten wieder. Aber manche in Zeitarbeit Vermittelte bleiben eben auch hängen. Im Übrigen vermitteln wir nicht in 4,50-€-Jobs.

Wo liegt die Schmerzgrenze?

Ringelsiep: Um den Dreh lag sie bei 8 Euro. Ab Januar wird Sie bei 8,50 Euro liegen. Viele Kunden des Jobcenters finden eine Beschäftigung in der Logistik-Branche. Dort werden jedoch keine sehr hohen Löhne gezahlt.

Mega: Es gilt einfach, jede Chance zu nutzen. Damit die Menschen überhaupt wieder Struktur in ihren Tagesablauf bekommen.

39 000 Hartz IV-Empfänger – die Zahl bleibt beeindruckend: Wollen all diese Menschen nicht arbeiten?

Ringelsiep: Nein, sehr viele wollen unbedingt arbeiten, z.B. Minijobber. Aber selbstverständlich haben wir auch Kunden, die nicht arbeiten wollen. 5 Prozent, 10 Prozent.

Sie sprechen das so gelassen aus…

Ringelsiep: Es ist nur bedingt relevant. Es wäre relevant, wenn es genug Arbeitsplätze gäbe. Wir vermitteln deshalb logischerweise immer erst diejenige, die auch arbeiten möchten. Wenn wir Bewerber schicken, die den Job gar nicht wollen , denken die Arbeitgeber: Hier arbeiten keine Vermittlungsprofis. Dieser Eindruck wäre falsch.

Mega: Wir schlagen die richtigen Leute vor. Wo sich der Arbeitgeber im Idealfall noch an den Lohnkosten beteiligt.

Sie sprachen eben Ihren Arbeitgeberservice an. Gehen Ihre Vermittler auf gut Deutsch Klinken putzen für Jobs?

Mega: Wir gehen aktiv auf Arbeitgeber zu, bieten uns an, machen Außendienste. Wir bringen auch Bewerbungsmappen mit. Unser aktuelles Problem ist, dass viele Kunden keinen „verwertbaren“ Abschluss haben. Deutschland ist leider immer noch Zeugnisland.

Ringelsiep: Marktbenachteiligt sind derzeit Bürokaufleute, Arzthelferinnen… in anderen Regionen kein Problem, hier bei uns gibt es viel zu wenige offene Stellen. Wir legen unseren Schwerpunkt in diesem Jahr auf eine Kooperation mit dem Handwerk: „Förderung der beruflichen Bildung durch Umschulung“.

Weil Handwerk auch für Jobcenter-Kunden goldenen Boden hat?

Ringelsiep: Weil Handwerksbetriebe Mitarbeiter suchen und in der Regel recht gut zahlen.

Worin sehen Sie im Jahr 2015 die Aufgabe des Jobcenters Kreis Unna?

Mega: Hindernisse aus dem Weg zu räumen – dadurch bringen wir Leute in Jobs. Jeder Arbeitsplatz ist gut. Wenn es dran hakt – bezahlen wir auch die Raten für ein Auto.

Dieses Interview erschien erstmals am 8. Januar 2015 auf Rundblick Unna.

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