Volkstrauertag in Massen: Gedenken an die Toten als nachdrückliche Mahnung für Gegenwart und Zukunft

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Feierliche Kranzniederlegung am Volkstrauertag, 17. November, auf dem Massener Friedhof. (Foto: Jürgen Thoms)
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„Mein Lieber Papi. Leider bin ich am 19. schwer verwundet ich bekam ein Panzerbüchsenschuß durch beide Beine die sie mir nun abgenommen haben. Daß rechte Bein haben sie unterm Knie abgenommen und daß linke Bein wurde am Oberschenkel abgenommen sehr große Schmerzen hab ich nicht mehr.“ Einen Monat später war dieser junge Soldat tot. Er wurde gerade einmal 19 Jahre alt.

„Das Gedenken an die Toten ist für uns nachdrückliche Mahnung, Schlüsse aus der Vergangenheit für die Gegenwart und unsere Zukunft zu ziehen.“ In einer eindringlichen Ansprache beim diesjährigen Volkstrauertaggedenken in Massen zog Ortsvorsteher und Historiker Dr. Peter Kracht vor gut 100 Zuhörerinnen und Zuhörern Parallelen zur gegenwärtigen politischen Weltlage.

Foto Jürgen Thoms

„Die Großmächte lassen in Syrien die Muskeln spielen, ohne Rücksicht auf Verluste! China will auch mitspielen im Konzert der Großen und in Ankara werden Träume vom einstigen Osmanischen Großreich gesponnen. Bei einer solchen unseligen Gemengelage kann einem wahrhaftig schon Angst und Bange werden.“

Hier Dr. Peter Krachts Rede im Wortlaut. Für die Fotos danken wir Jürgen Thoms. 

Ortsvorsteher Dr. Peter Kracht. (Foto J. Thoms)

Liebe Mitbürgerinnen, liebe Mitbürger,

der Volkstrauertag ist ein Tag der Erinnerung und der Besinnung: Ein Tag der Erinnerung an Krieg und Gewalt und ein Tag des Gedenkens an die Toten. Nicht nur die Tradition, sondern die Einsicht beantwortet immer wieder geäußerte Zweifel, ob wir diesen Gedenktag – 74 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges – überhaupt noch brauchen in einer schnelllebigen Zeit, in der auch gute Traditionen gern und unüberlegt über Bord geworfen werden.

Selbstredend brauchen wir auch weiterhin den Volkstrauertag aus Respekt vor den Millionen Opfern von Krieg und Gewalt. Darüber kann man gar nicht diskutieren, wiewohl so manche Volksverhetzer die Erinnerung an wahrhaft unselige Zeiten relativieren oder gar negieren wollen.

Wir brauchen Momente des Innehaltens, genauso wie wir Orte des Gedenkens brauchen, damit das, was geschehen ist, nicht verdrängt wird. Denkmale wie jenes hier auf dem Friedhof in Niedermassen sind Erinnerungsorte und ein wichtiger Teil unserer Kultur.

Die Geschichte des Volkstrauertages ist älter als die Geschichte der Bundesrepublik. Sie geht zurück auf eine Anregung des Volksbundes Deutscher Kriegsgräberfürsorge aus dem Jahr 1920. Damals ging es darum, an die Toten des Ersten Weltkrieges zu erinnern. Verbunden war damit die Hoffnung, dass die Erinnerung an die Schrecken des Krieges mithelfen würde, den Frieden zu sichern. Diese Hoffnung wurde allerdings nicht einmal zwei Jahrzehnte später auf das Grausamste enttäuscht.

Die Europäische Union und ihre Vorläufer haben ihre Wurzeln in dem festen Willen, aus dem kriegsgeschüttelten Kontinent ein freiheitliches, friedliches Europa zu machen. Inzwischen haben die Bürger, die in den EU-Staaten leben, eine dreiviertel Jahrhundert währende Periode des Friedens erlebt. Das „Haus Europa“ ist ein beispielloser Erfolg.

Doch wie geht es weiter mit Europa? Mit der Europäischen Union? „Der Zug fährt in die falsche Richtung“, rief Massens Bürgermeister Otto Holzapfel, als die Gemeinde Massen 1968 nach Unna eingemeindet wurde. Die Narben von damals sind heute zum Glück verheilt, aber nun fährt der Zug wieder und tatsächlich in die falsche Richtung: Die Brexit-Anhänger, die von einem neuen Britischen Empire träumen, gefährden nicht nur die Zukunft Großbritanniens, sondern legen vorsätzlich und sehenden Auges die Fackel ans „Haus Europa“.

Die Kriege des 20. Jahrhunderts haben Millionen von Opfern gefordert. Hinzu kommen Millionen Menschen, die verwundet oder verstümmelt wurden. Unsere Vorstellungskraft versagt angesichts dieser Opferzahlen.

Umso eindringlicher sind einzelne Schicksale, in denen sich der ganze Irrsinn der beiden Weltkriege spiegelt. „August Macke, (…), ist tot … Der gierige Krieg ist um einen Heldentod reicher, aber die deutsche Kunst um einen Helden ärmer geworden.“ Dies schrieb der Maler Franz Marc im Oktober 1914 über seinen jungen Kollegen, der am 26. September gefallen war. Er war nicht der einzige bekannte Deutsche, der in den ersten Wochen des Ersten Weltkriegs ums Leben kam. Auch der als „Heidedichter“ berühmt gewordene Hermann Löns fiel am 26. September 1914.

August Macke wurde am 1. August eingezogen. Seine Witwe Elisabeth Erdmann-Macke berichtet in ihren Erinnerungen, Macke sei weit vom damals herrschenden „Hurra-Patriotismus“ entfernt gewesen, er habe „schlicht und selbstverständlich“ das getan, was er für seine Pflicht hielt. Zwei Wochen vor seinem Tod schrieb Macke an seine Frau: „Der Krieg ist von einer namenlosen Traurigkeit. Man ist weg, eh man’s merkt. (…) Die Leute, die in Deutschland im Siegestaumel leben, ahnen nicht die Schrecklichkeit des Krieges.“

Die sterblichen Überreste von August Macke wurden nie geborgen. Er war einer der zahllosen Soldaten, die an der Westfront liegen blieben – gefallen in den Gefechten, die nichts am Frontverlauf änderten. Im Sauerland-Museum in Arnsberg läuft derzeit eine Sonderausstellung über den großen Expressionisten. Museumsleiter Dr. Jürgen Schulte-Hobein bringt das Schaffen August Mackes auf den Punkt: „In nur zehn Jahren seiner künstlerischen Tätigkeit hat er ein leuchtendes Werk geschaffen.“ Das stimmt! Was aber hätte er noch alles schaffen können – ohne den Krieg, die schlimmste Geißel der Menschheit, noch vor der Pest.

Ein Tagebucheintrag einer jungen Frau aus dem Jahr 1943 treibt so manchem Zeitgenossen die Tränen in die Augen: „Der Krieg, wie furchtbar, wie grausam ist er geworden. In letzter Zeit fiel Helmut Martz, unser Nachbar Richard Probst, Tim (der Pflegesohn von Kalbs) und wieder zwei von Ursels Klasse – jetzt sind’s 6! … Wenn man so in die Zukunft blickt, befällt einen namenloses, unendliches Grauen.“

Und der Brief eines jungen Soldaten, den dieser im September 1943 aus dem Feldlazarett schrieb, macht mich heute noch sehr traurig: „Mein Lieber Papi Leider bin ich am 19. schwer verwundet ich bekam ein Panzerbüchsenschuß durch beide Beine die sie mir nun abgenommen haben. Daß rechte Bein haben sie unterm Knie abgenommen und daß linke Bein wurde am Oberschenkel abgenommen sehr große Schmerzen hab ich nicht mehr.“ Einen Monat später war der 19-jährige Soldat tot!

Zerstörte Lebensläufe – solch persönliche Tragödien trafen auch Millionen Deutsche, die nach dem Zweiten Weltkrieg vertrieben wurden. Viele verloren nicht nur die Heimat, sondern auf der Flucht auch ihr Leben. Seit 1951 hat unsere Landesstelle Unna-Massen Flüchtlinge und Vertriebene aufgenommen – mit kurzer Unterbrechung bis heute: Über 2,5 Millionen Menschen aus aller Herren Länder haben hier bei uns in Massen einen neuen Lebensabschnitt begonnen.

Der Krieg ist für uns heute ein ferner, aber kein abgeschlossener Teil unserer Vergangenheit. Die furchtbare Erfahrung seiner Schrecken ist Teil unserer Identität wie unserer Sehnsucht nach Frieden. Seit 1945 wurden erneut Hunderte von Kriegen überall auf der Welt geführt. Wieder wurden Millionen von Menschen Opfer – Opfer von Krieg, Verfolgung, Vertreibung, fanatischem Terror. Und nach wie vor ist Gewalt weltweit an der Tagesordnung: Neue unselige Potentanten führen scheint´s das Regiment: Die Großmächte lassen in Syrien die Muskeln spielen, ohne Rücksicht auf Verluste! China will auch mitspielen im Konzert der Großen und in Ankara werden Träume vom einstigen Osmanischen Großreich gesponnen. Bei einer solchen unseligen Gemengelage kann einem wahrhaftig schon Angst und Bange werden.

Das Gedenken an die Toten ist für uns nachdrückliche Mahnung, Schlüsse aus der Vergangenheit für die Gegenwart und unsere Zukunft zu ziehen. Selbstredend kommt Deutschland künftig eine besondere Rolle in der Weltgemeinschaft zu. Diese mit Bedacht auszufüllen – das wird die große Aufgabe der deutschen Außenpolitik der nächsten Jahre sein. Wir entscheiden mit darüber, wie das 21. Jahrhundert verlaufen wird.

Leiden zu lindern, Wunden zu heilen, aber auch Tote zu ehren, Verlorene zu beklagen, bedeutet Abkehr von Hass, bedeutet Hinkehr zur Liebe, und unsere Welt hat die Liebe not.“ Mit diesen Worten erinnerte 1922 Reichstagspräsident Paul Löbe an das Leid der Menschen im und nach dem Ersten Weltkrieg. Anlass war die erste Feierstunde zum Volkstrauertag im Berliner Reichstag. Den Worten von Paul Löbe ist nichts hinzuzufügen!

Glück Auf!“

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