„Zermürbt“ von Anfeindungen wegen Homosexualität – Unnas früherer Stadtkirchenpfarrer Pehle verlässt Vlotho

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Pfarrer Jörg-Uwe Pehle an seiner jahrzehntelangen früheren Wirkungsstätte in der Ev. Stadtkirchengemeinde Unna. (Foto: Archiv RB)
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Kann denn (schwule) Liebe Sünde sein? Offenbar durchaus – und auch heute noch aus Sicht bekennender Christen.

Die offen gelebte Homosexualität des langjährigen früheren Unnaer Stadtpfarrers Jörg-Uwe Pehle entfachte in dessen folgender Wirkungsstätte im Kirchenkreis Vlotho von Beginn an eine heftige Debatte; und nach nur drei Jahren haben Pehle und sein Partner Thomas König (die beiden Männer sind verheiratet) nun zermürbt aufgegeben. 

Am 20. November wurde dies in einer Gemeindeversammlung öffentlich gemacht. Das Männerpaar hat den Kirchenkreis inzwischen wieder verlassen.

Wie das „Westfalenblatt“ (Onlineausgabe) berichtet, habe Pehle auf der Gemeindeversammlung von vielfältigen Anfeindungen erzählt, denen er und sein Mann ausgesetzt gewesen seien.

„Einzelne Menschen in Vlotho würden ihn sehr offen ablehnen. Einer habe ihm gesagt, Homosexuelle seien des Todes würdig. Andere redeten hinter seinem Rücken über ihn, gingen grußlos vorbei oder starrten ihn an“,

heißt es im WB.

Kritik habe es auch z. B. an der neuen Gemeindekneipe »St. Stephan’s« gegeben: Der Pfarrer verkaufe Wein und kümmere sich nicht ausreichend um die Gemeinde.

Er habe, so sagte Jörg-Uwe Pehle, seit drei Jahren das „Gefühl, permanent beobachtet und kontrolliert zu werden“. So könne es nicht weitergehen. „Vlotho macht uns krank.“

Seelisch wie auch körperlich, denn das Pfarrhaus ist massiv mit Schimmel belastet, ins Haus sei jahrzehntelang nichts investiert worden.

In der Gemeindeversammlung selbst, schreibt das Westfalenblatt, gab es keinerlei Kritik an der Person des Pfarrers, im Gegenteil sprachen z. B. Vertreter der kirchlichen Jugend oder des Kindergartens unter Applaus von einem „verdammt guten Job“, den  Pehle gemacht habe.

Doch der frühere Unnaer Stadtkirchenpfarrer ließ sich nicht mehr umstimmen: Seine Kräfte seien aufgezehrt. 

Emotionaler Abschiedsgottesdienst am 1. März 2015 in der Ev. Stadtkirche Unna. (Foto RB)

Sein Abschied von der Ev. Kirchengemeinde Unna am 1. März 2015 wurde zum Lebewohl mit ehrlichen, direkten Worten; auf beiden Seiten. „Es hat gerappelt im Presbyterium. Es hat heftig geknallt. Auch in dieser Woche noch einmal“, erklärte Jörg-Uwe Pehle im Abschiedsgottesdienst.

Die damalige Superintendentin Annette Muhr-Nelson sprach von Ambilvalenz, die diesem Abschied innewohnte, von Ärger, Zorn, Enttäuschung, Bitterkeit. Aber auch von Erleichterung.

Hier eine Rückschau in Bildern (alle Fotos vom Rundblick)

In der Adventszeit vor drei Jahren hatte Jörg-Uwe Pehle seine neue Stelle in Ostwestfalen hoffnungsfroh angetreten. Eine Kirche mitten in der Stadt, das kannte er aus zwei Jahrzehnten in seiner Stadtkirchengemeinde Unna. St. Stephan biete „viele Möglichkeiten, die Menschen zu erreichen“, sagte er der Zeitung in seiner künftigen Heimatstadt. Und dass er sich nach 20 Jahren auf einen Neuanfang freue.

Rückblick: Streit von Beginn an

In der Gemeinde St. Stephan waren Pehle und sein Mann herzlich und vorurteilsfrei begrüßt worden. Diese offene Haltung der Gemeindeleitung war aber augenscheinlich 13 Mitgliedern der benachbarten St.-Johannis-Gemeinde ein Dorn im Auge.

Sie hatten die aus ihrer Sicht zu liberale Haltung von St. Stephan gegenüber einem mit einem Mann verheirateten schwulen Pfarrer heftig kritisiert, berichteten 2017 die Westfälischen Nachrichten.

 Mit seiner Homosexualität war der Pfarrer wie schon zuvor in seiner Zeit in Unna offen umgegangen. Die Gemeinde St. Stephan wählte ihn im Bewusstsein, dass ihr neuer Pfarrer mit einem Mann verheiratet ist.

In St. Johannis nahm Pehle gelegentliche Predigtdienste wahr.

Das dortige Pfarrkonvent versicherte Pehle nachdrückliche Solidarität:

„Jörg Uwe Pehle gehört ohne jede Einschränkung zu den Pfarrerinnen und Pfarrern, die in der Region Vlotho miteinander in den Gemeinden ihren Dienst tun. Homosexualität ist für uns eine mögliche sexuelle Orientierung, die uns Menschen gegeben ist. Sie hat es schon immer gegeben und wird es auch weiter geben. Wir begrüßen, dass diese Lebensform in unserem Land und in unseren Gemeinden frei gelebt werden darf.“

Weiter erklärten die Unterzeichner:

Wir wissen, dass es bei einzelnen Gemeindegliedern Vorbehalte gegen homosexuell lebende Menschen gibt. Diese Vorbehalte nehmen wir in Gesprächen mit Gemeindegliedern ernst. Wir teilen diese Vorbehalte aber nicht und möchten sie auch nicht verstärken.

Die Bibel als Gottes Wort hat für uns zentrale Bedeutung. Gottes Wort muss aber immer wieder neu ausgelegt werden. Diese Auslegung vermissen wir, wenn Bibelzitate aus dem Zusammenhang gerissen und willkürlich zusammengestellt werden, um eine homophobe Sicht zu begründen.“

Zur „evangelischen Vielfalt“ gehöre es, dass „verschiedene Glaubensweisen ehrlich gesehen, miteinander besprochen und auch ausgehalten werden.“

Zur Erläuterung: Die Kritiker bezogen sich auf die Bibel. Ein bekannter Passus zur Homosexualität findet sich z. B. im Paulusbrief an die Römer:


Römer 1:26, 27
26 Deshalb übergab Gott sie schändlichen sexuellen Gelüsten, denn sowohl ihre weiblichen Personen vertauschten den natürlichen Gebrauch von sich selbst mit dem widernatürlichen; 27 und desgleichen verließen auch die männlichen Personen den natürlichen Gebrauch der weiblichen Person und entbrannten in ihrer Wollust zueinander, Männliche mit Männlichen, indem sie unzüchtige Dinge trieben und an sich selbst die volle Vergeltung empfingen, die ihnen für ihre Verirrung gebührte.

Eine weitere Bibelstelle zur Homosexualität findet sich in den Korintherbriefen:


1. Korinther 6:9-11
9 Was? Wißt ihr nicht, daß Ungerechte das Königreich Gottes nicht erben werden? Laßt euch nicht irreführen. Weder Hurer noch Götzendiener, noch Ehebrecher, noch Männer, die für unnatürliche Zwecke gehalten werden, noch Männer, die bei männlichen Personen liegen, 10 noch Diebe, noch Habgierige, noch Trunkenbolde, noch Schmäher, noch Erpresser werden Gottes Königreich erben. 11 Und doch waren das einige von euch. Aber ihr seid reingewaschen worden, aber ihr seid geheiligt worden, aber ihr seid gerechtgesprochen worden im Namen unseres Herrn Jesus Christus und mit dem Geist unseres Gottes.

Darf ein schwuler Pfarrer mit einem anderen Mann, den er liebt, zusammenleben?

Diese Frage regeln in der Evangelischen Kirche in Deutschland die einzelnen Landeskirchen. Die westfälische Landeskirche erlaubt es grundsätzlich – sofern die einzelnen Gemeinden einvernehmlich zustimmen.

 

 

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7 KOMMENTARE

  1. Ja so sind sie die „bekennenden“ Christen. Einerseits scheinheilig bis zum geht nicht mehr andererseits mit einem Horizont der dringend einer Erweiterung bedarf. Da setzt man sich natürlich nachdrücklich für „den sicheren Hafen“ ein und sammelt Spenden obwohl die Kirchenkassen randvoll sind. Zu hinterfragen welche Auswirkungen diese Unterstützung um die Schlepperförderung hat findet ebenso wenig statt wie die Frage warum es unsinnig ist ein E. Fahrzeug bei geringen Jahres Km anzuschaffen. Bitte nicht falsch verstehen, falls da nicht wie üblich irgendwelche Wirtschaftsemigranten an der Küste aufgenommen und nach Europa transportiert werden ist Seenotrettung erforderlich. Aber auch in diesem Fall fragen sich zwischenzeitlich Experten warum die „Geretteten“ nach Europa bringen wenn der Erfolg auf einen anerkannten Asylstatus gleich Null ist. Aber so sind sie, die bekennenden Christen. Engstirnig, borniert wenn es um eigene Mitglieder geht. Weltoffen wenn man christliches Gedankentum zu Lasten anderer ausleben kann.

  2. St. Gremling, auf Facebook kam eine Antwort von Susanne Zuckett:

    Gremling… Echt wieder die Flüchtlingsschiene? Kopfschmerzen von so viel Mist.
    Alles, wirklich alles, egal worum es geht bezieht er auf „die Flüchtlingskrise“. Hier geht es um eine Familie, ein homosexuelles Paar und er macht daraus eine Debatte, die auf keine Kuhhaut passt.

  3. @S. Zuckett, Stimmt der Kommentar war ursprünglich auch zum vorherigen Thema „sicherer Hafen“ gedacht. Allerdings ist er auch hier „fast passend. Es geht nicht um die Flüchtlingskrise oder um E Autos sondern um die Scheinheiligkeit unserer (einiger) Mitmenschen die einerseits alles unternehmen um das christliche Gewissen zu beruhigen (dazu habe ich Beispiele genannt). Andererseits aber nicht die Toleranz haben ihre Mitmenschen ihr Leben so leben zu lassen so wie sie es möchten sondern mit ihrem Moralgehabe offensichtlich nicht nur in eine Ecke sondern zur schieren Verzweiflung treiben. Und das auch bei beliebten Bürgern so wie ich es aus dem Artikel entnehmen konnte. Insofern, wer lesen kann ist klar im Vorteil.

  4. Pfarrer Pehle liebt einen Mann und hat diesen geheiratet. Aha! Und? Wo, bitte sehr, ist das Problem? Millionen von Menschen lieben Menschen desselben Geschlechts. Ich nehme das nicht für mich in Anspruch, aber es ist für mich völlig in Ordnung. Jeder Mensch muss ganz alleine für sich entscheiden, wo und wie er sein Glück findet. Niemand hat einen Nachteil dadurch, dass ein Mann einen Mann oder eine Frau eine Frau liebt. So etwas ist eine durch und durch persönliche Sache. Es bleibt zu hoffen, dass der Pfarrer und sein Lebenspartner eine Gemeinde finden, die überaus liberaler eingestellt ist und sich nicht hinter ihrem Rücken das Maul zerfranst.