Geisterstadt Unna am Freitag – doch es ist Markttag: Ein paar Quadratmeter bizarre Normalität

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Geisterhaft leere Massener Straße. (Foto RB)
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Nur wenige Geschäfte haben an diesem Freitag, dem 20. März, am Tag 2 nach dem verschärften Covid-19-Erlass der Landesregierung noch in Unnas City geöffnet. Die Außenbestuhlungen sind weggeräumt oder angekettet, Kaffee bekommt man nur noch in To Go-Bechern, doch draußen zu verweilen bietet sich an diesem ungemütlich kalten Nieseltag sowieso nicht wirklich an.

Vor der Brasserie am Markt hocken noch einige wenige Unverdrossene (Unbekümmerte?) unter dem Vordach und trinken ihren Kaffee, so als ob überhaupt nichts anders wäre als sonst.  Es ist aber so ziemlich alles anders.

Am Mittag wird die Kreisverwaltung ihr tägliches Covid-19/Corona-Update online stellen. Sie wird seit gestern, binnen eines einzigen Tages,  22 neu registrierte Erkrankte vermelden. Die Gesamtzahl  nähert sich mit nun 83 erwartungsgemäß und dennoch in erschreckendem Tempo der Dreistelligkeit an.

Um 11.30 Uhr sind die Bahnhofstraße und noch mehr die Massener Staße weitgehend leergefegt, obgleich einzelne Händler dort wir da noch geöffnet und die Stellung halten:  Wein und Feinkost Barrique, der Senfladen, der Rhodos Grill, die Drogerien Müller und Rossmann (in beiden sieht man von draußen kurze Warteschlangen vor den Kassen), der Hackepeter hat geöffnet, Grobe, Kamps und Backwerk; das Modehaus Sinn im früheren P&C-Gebäude hatte ausgerechnet für diesen 20. März seinen Starttag terminiert. Nun ist das neue Unnaer Modehaus schon geschlossen, bevor es überhaupt geöffnet hat.

Vor der Sparkasse sammelt sich ein kleines Grüppchen aus der örtlichen Trinkerszene, ansonsten sind der Rathausplatz und der Platz vor der Katharinenkirche verödet, trist und leer.

Einzig nicht verödet ist heute der Alte Markt, denn es ist Wochenmarkttag. Und das ist sogar heute sichtbar, an diesem 20. März, an dem Bayerns Ministerpräsident Markus Söder mittags die Ausgangsbeschränkung für Bayern gleich ab Mitternacht verkünden wird und schon Minuten später, trotz Armin Laschets heftigem Dementi, nur der Naivste noch glaubt, das werde in NRW ab spätestens Montag anders sein.

Auf Unnas Wochenmarkt scheint an diesem Freitagmittag gleichwohl für einige (es ist deutlich weniger los als „früher“ an normalen Freitagswochenmarkttagen) unverdrossene Normalität angesagt zu sein. An einigen Ständen herrscht sogar Gedrängel. Nicht alle achten auf den Sicherheitsabstand, zu dem ein großes Schild am Rande des Platzes freundlich mahnt. Das Auffälligste, sowohl hier zwischen den Marktständen als auch in der übrigen Fußgängerzone, ist die Altersstruktur der Passanten und  (wenigen) Gäste im Extrablatt und in der Brasserie: Geschätzt 80 Prozent dürften Senioren sein.

Jugendliche sieht man heute gar nicht, Kinder kaum – ein Baby im Kinderwagen, von der Mutter geschoben, zwei Kleinkinder an der Hand ihres Vaters. Dann und wann schiebt ein Radler sein Zweirad an den Ständen vorbei.  In den Pläuschchen, die man im Vorübergehen so aufschnappt, schwingt auf bizarre Weise Sorglosigkeit mit. Man plaudert fröhlich über das Sonntagsmittagessen, darüber, dass man am Samstag den Garten machen will und sich auf einen sonnigen Sonntag freut.

Kurz flackert das Gefühl auf, sich auf diesen wenigen Quadratmetern Marktplatz in einer Art Paralleluniversum zu befinden. Die Empfindung schwindet schlagartig beim Verlassen des Marktes und beim Weg durch die leere Fußgängerzone, an geschlossenen Ladentüren und traurig abgeflatterten Spieltieren vorbei.

Der Gyros-Grill droben an der Morgenstraße neben dem verschlossenen Fitnessstudio Check-In hält heute (noch) die Stellung. Doch Efi Maligiannis stellt mit resignierter Ernüchterung fest: „Nur noch vier Stunden täglich zu öffnen, nur noch bis 15 Uhr, da kommen kaum Kunden. An diesem Wochenende lassen wir wohl noch auf. Dann schließen wir.“ Für wie lange, weiß neimand. 

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