Offener Brief der Tafel Unna: „Lasst uns gemeinsam Ideen entwickeln, Bedürftigen zu helfen!“

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Lebensmittel in der Tafel-Zentrale Königsborn. (Foto: Rundblick)
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Die Tafel Unna e.V. ist wegen der Coronakrise geschlossen. Die Krise trifft die Ärmsten am härtesten.

In einem offenen Brief vom Mittwochnachmittag, 25. 3., bittet der Vorstand der Tafel um bürgerschaftliches Engagement.

„In der jetzigen Covid-19-Krise treffen die vielfältigen Schutzmaßnahmen leider auch die Ärmsten in unserer Gesellschaft heftig. Viele sozial mitfühlende Bürger*innen im Kreis Unna versuchen deshalb zu helfen. Wir finden das großartig!

Allerdings nehmen viele an, dass im Kreis Unna der Hauptorganisator sozialer Hilfen (insbesondere mit Lebensmitteln) die Tafel sei und richten deshalb ihre vielfältigen Hilfeideen an die Tafel mit der Bitte, das doch nun organisatorisch umzusetzen.

Beinahe täglich in vielen Telefonaten müssen wir immer das Gleiche erklären, deshalb hier einmal eine Zusammenfassung und ein Ausblick:

• Die Tafel-Zentrale in Unna ist geschlossen. Dafür gibt es vor allem zwei Gründe:

– Bei der Lebensmittelausgabe „drubbeln“ sich unsere Kund*innen. Das können wir technisch nicht regeln und es ist illusionär, die 2 Meter Sicherheitsabstand zu gewährleisten.

– Wir bekommen einfach nicht genug Lebensmittel, um sie in überhaupt relevantem / hilfreichem Umfang verteilen zu können.

– Aber auch: Ein Mitarbeiter und ein Ehrenamtler der Tafel befinden sich derzeit in häuslicher Quarantäne. Viele unserer ehrenamtlichen und hauptamtlichen Helfer*innen sind in einem Alter, das man derzeit den besonders gefährdeten „Risikogruppen“ zurechnet. Sie können sich am besten schützen, indem sie zu Hause bleiben!

Viele soziale Organisationen, Kirchen, Einzelpersonen entwickeln derzeit Initiativen, armen Menschen Lebensmittelhilfen zukommen zu lassen und fragen beim Tafelvorstand an, ob denn die Tafel das bitte einmal umsetzen kann?

Das können wir nicht, und zwar aus folgenden Gründen:

– Unsere räumlichen Gegebenheiten würden bei jeder Form von „Ausgabe“ einen infektionsrelevanten Hot-Spot bilden.

– wir müssten selbstverständlich unsere anderen Ausgabestellen mit „bedienen“, wir sind eine Kreis-Organisation!

– Wir sind weder personell, logistisch noch strategisch gerüstet für die vielen Hilfeanliegen, die zur Umsetzung nun stets an uns herangetragen werden!

• Natürlich möchten wir nicht, dass diese Hilfen untergehen, wenn wir, die Tafel, sie nicht umsetzen können.

Wir bitten daher alle Menschen und Institutionen im Kreis Unna, die armen und bedürftigen Menschen Hilfen zukommen lassen wollen, selber Ideen zu entwickeln, selber Räume zur Verfügung zu stellen und zu organisieren, selber „technische“ Möglichkeiten vor Ort umzusetzen.

Die Bürgerstiftung Unna z. B. möchte Lebensmittelgutscheine an Bedürftige ausgeben und möglicherweise wird das Sozialamt der Stadt diese versenden können. Großartige Idee!

– Viele Institutionen wie Kirchen und Wohlfahrtsverbände und andere wollen Lebensmitteltüten an leicht zugänglichen Orten aufhängen, damit Bedürftige sich die dort abholen können, ohne Schlange stehen zu müssen. Wunderbare Idee! Bitte, liebe Institutionen und Bürger*innen, setzen Sie dies im Rahmen ihrer Institution oder dezentral um, indem sich Initiativen zusammenschließen und dezentral aktiv werden!

– Wohlfahrtsverbände vor Ort wie die AWO Fröndenberg wollen in ihrem Rahmen die örtliche Tafelarbeit weiterführen. Wunderbar! Nur sollte das nicht „Tafel“ heißen, weil dann natürlich die Diskussion losgeht: Wieso gibt die Tafel xy aus und wir nicht?

– Die gleiche Idee der Tüten wurde an uns auch mit „Regalen“ herangetragen, auf denen dann Lebensmittel angeboten werden, die von Bedürftigen ohne infektionsrelevante soziale Nähe abgeholt werden können. Super! Bitte organisieren Sie dies dezentral. Und bitte nicht „Sie die Idee, die Tafel führt aus“…: Das können wir gar nicht!

• Wir als Tafel rufen dazu auf, dass hilfebereite Institutionen wie Wohlfahrtsverbände, Kirchen, soziale Organisationen sich online zusammenschließen, um ihre Hilfen für die Armen zu koordinieren und logistisch umzusetzen. Selbstverständlich sind wir dabei!

• Und last not least: Es müssen auch Fragen an Institutionen gestellt werden wie z. B. die:

Ist es in Ordnung, wenn „Ein-Euro-Jobber“, die für wenig Geld tadellose Arbeit abliefern, in dem Moment, wo sie wegen Corona zu Hause bleiben müssen, augenblicklich ihr schmales Zusatzeinkommen verlieren? Ist hier die uns so mitgeteilte Formel „Keine Arbeit, kein zusätzliches Geld!“ in diesen Zeiten noch menschlich wie sachlich (aus)haltbar?

In eigener Sache noch eine Bitte: Wenn wir angerufen werden, damit wir eine von jemandem überlegte Hilfe umsetzen, und wir sagen wie hier dargelegt nein, mögen wir es ganz und gar nicht, dass uns gesagt wird: „Das müsst ihr aber!“ oder gar als „asozial“ beschimpft zu werden. Lassen sie uns alle gemeinsam Wege und Möglichkeiten suchen, in dieser Coronakrise armen Menschen zu helfen!

Ihr Vorstand der Unnaer Tafel e.V.
Ulrike Trümper / Roland Lutz / Frank Krüger / Patty Westermann

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