NS-nahe Personen als Unnaer Straßennamen: Neuerliche Diskussion über Umbenennung scheitert knapp

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NS-Zeit / Symbolbild, Congresshalle. (Symbolbild Pixabay)
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Obwohl Werner Kolter seine Bürgermeisterstimme mit in die Waagschale warf, hat der Haupt- und Finanzausschuss eine erneute Diskussion über historisch belastete Straßennamen in Unna am Donnerstag (18. 6.) denkbar knapp abgewiesen – mit nur einer Stimme Mehrheit.

7 Ratsvertreter (SPD, Grüne, Linke) plus Bürgermeister stimmten für eine Tilgung des Namens „Wagenfeld“ aus Unnas Stadtbild. Karl Wagenfeld war ein Dichter in der Zeit des Nationalsozialismus mit völkischer Gesinnung. Seine Beseitigung als Straßennamensgeber hatten zwei Bürger beantragt.

9 Ratsmitglieder stimmten gegen diesen Bürgerantrag (CDU, FDP und FLU). Eine Rot-Rot-Grüne Mehrheit kam trotz Bürgermeisterstimme nicht zustande, weil sich mit Anja Kolar und Volker König zwei SPD-Ratsvertreter bei der Abstimmung enthielten. 

Am vehementesten gegen eine erneute Auflage der Diskussion argumentierte die fraktionslose Ratsvertreterin und Oberstadt-Ortsvorsteherin Ingrid Kroll. Sie erinnerte an die vielen Diskussionen, die seit Herbst 2014  geführt worden waren, bis man sich auch im Sinne der Anlieger der betroffenen Straßen auf einen Kompromiss einigte: Namen wie „Wagenfeldstraße“, „Sedanstraße“ oder „Lerschstraße“ werden beibehalten, bekommen aber erklärende Zusatzbeschilderungen.

Die Texte, erinnerte Kroll, hatte Stadtarchivar Wardenga mit akribischer Sorgfalt gemeinsam mit Unnaer Schülerinnen und Schülern erarbeitet. Erst am 17. September vorigen Jahres waren sie im Kulturausschuss beschlossen worden. Jetzt schon wieder alles umwerfen und neu diskutieren?

Ja, forderte der Grüne Karl Dittrich, „ich für meine Partei sage: Wir können auch dazulernen. Wenn ihr meint, das ihr das nicht braucht…“

Petra Weber vertrat für die Linkspartei die Meinung, „solche Namen gehören grundsätzlich nicht ins Straßenbild“, wohingegen FDP-Fraktionschef Günter Schmidt (als Verfechter eines Beibehalts) zum Dichter Karl Wagenfeld bemerkte: „Wenn man sich in die Hintergründe vertieft, würde man merken, mit welch drittklassigen Dichtern man sich zur damaligen Zeit befasst hat.“

Als Dokumente der Zeitgeschichte seien solche Namen – mit den entsprechenden Erklärungen – also äußerst lehrreich. Diese Meinung vertrat seinerzeit auch mit großer Vehemenz der Massener Ortvorsteher, Kreisheitmatpfleger und Historiker Dr. Peter Kracht.

Rückblick:

Wie geht Unna mit Straßennamen um, die Personen gewidmet sind, welche mit dem NS-Terror in Verbindung standen? Dazu beschloss die Politik bereits am 2. Oktober 2014 auf Vorschlag des Bürgermeisters, einen interfraktionellen Arbeitskreis zu bilden.

Zwischen Februar 2015 und November 2017 diskutierte dieser Kreis aus 8 Ratsvertreter/innen „unter Hinzuziehung namhafter Experten in unterschiedlicher Besetzung“, erinnert die Stadt, und stimmte am 29.11.2017 für die Beibehaltung aller drei Straßennamen und Ergänzung mit einem Zusatzschild.

Textvorschläge sollten gemeinsam mit Oberstufenschülern des Geschwister-Scholl-Gymnasiums erarbeitet werden.

Die Zusatzschilder, erklärt die Verwaltung, dienen der „politischen Bildung. Straßennamen werden damit nicht allein als Ehrung, sondern als Teil der Erinnerungskultur verstanden.“

Nach eingehender Diskussion mit dem projektleitenden Lehrer lauten die Empfehlungen für die Zusatzschilder für die drei Straßen wie folgt:

Sedanstraße Zur Erinnerung an tausende 1870 bei der Schlacht von Sedan [sədɑ̃] getöteter Soldaten unterschiedlicher Nationen.

Lerschstraße Heinrich Lersch (1889-1936), bekannter Arbeiterdichter, der sich mit dem nationalsozialistischen Regime arrangiert und sich ihm angedient hat.

Wagenfeldstraße Karl Wagenfeld (1869-1939), bedeutender plattdeutscher Schriftsteller, Mitbegründer des Westfälischen Heimatbundes mit völkisch-nationalistischem Weltbild.

Die Erläuterungen der Schüler, die mit Hilfe des QR-Code als Zusatzinformationen gegeben werden sollen, sind vom Stadtarchiv auf etwa ein Zehntel der Ursprungslänge gekürzt und redigiert worden. Um diesen Prozess abschließen zu können, empfiehlt die Stadt nun die zügige Umsetzung. Die ausführlichen Expertisen der Schüler sind im Stadtarchiv einsehbar.

Rückblick auf unseren Bericht vom 24. September 2015:

In Massen gibt es eine „Sedanstraße“ – und die soll nicht länger Sedanstraße heißen. Ein entsprechender Bürgerantrag fordert, die Straße umzubenennen – im Sinne der deutsch-französischen Freundschaft: Denn bei Sedan besiegten die deutschen Truppen 1870 im Deutsch-Französischen Krieg die Franzosen. Eine weitere Schlacht von Sedan war 1940 der wichtigste Teil des deutschen Kriegsplans zur Einkreisung der alliierten Armeen in Belgien und Nordost-Frankreich. Wegen solcher unguter Erinnerungen heute eine komplette Straße umbenennen?

Die Massener SPD hält nichts davon und Ortsvorsteher Dr. Peter Kracht, der ihr angehört, ebenfalls nicht. Statt dessen schlägt der promovierte Historiker vor, unter dem Straßenschild ein kleines Zusatzschild anzubringen mit einer Erläuterung: z. B. „Zur  Mahnung und Erinnerung an Millionen gefallener Soldaten unterschiedlicher Nationen“.

Dr. Kracht will diesen Vorschlag in die nächste Sitzung der Arbeitsgruppe einbringen, die sich – von Bürgermeister Werner Kolter eingesetzt – seit einiger Zeit mit Unnas Straßennamen befasst. Als  Historiker und Mit-Autor der neuen Unnaer Stadtgeschichte gehört der Massener Ortsvorsteher diesem Gremium an.

Anlass für die Bildung dieses neuen Arbeitskreises waren neuere historische Forschungen über westfälische Dichter und Literaten, deren Andenken durch Straßennamen wachgehalten wird. Manche dieser Autoren – so hat sich jetzt gezeigt – standen (vermeintlich oder offensichtlich) dem Hitler-Regime näher, als bisher bekannt war. „Es wird in mehreren westfälischen Städten derzeit intensiv darüber diskutiert, ob diese Straßennamen geändert werden sollen oder gar müssen“, weiß Peter Kracht. In Unna gab es voriges Jahr bereits eine entsprechende Diskussion über die Wagenfeldstraße. Denn auch ihr Namensgeber Karl Wagenfeld, ein westfälischer Dichter, ist wegen seiner heute bekannten Nähe zum Nationalsozialismus umstritten.

In Münster wurde bereits der „Hindenburgplatz“ wieder in „Schlossplatz“ umbenannt. Und in diesem Zusammenhang liegt nun eben dieser Bürgerantrag vor, die „Sedanstraße“ in Massen umzubenennen. Die Sozialdemokraten in Unnas zweitgrößtem Stadtteil sind dagegen. Als Kompromiss schlägt Dr. Kracht eine Zusatzerläuterung zu „Sedan“ vor: „Zur nächsten Sitzung des Arbeitskreises ,Straßennamen in Unna´ werden namhafte Historiker vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe aus Münster erwartet, die ihr Wissen und ihre Erfahrung aus anderen westfälischen Orten in die Diskussion einbringen werden“, kündigt der Historiker an.

 

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